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11.3.3 Values compatibility: Religion als gemeinsamer Bezugsrahmen

Bei der Projektarbeit kann die religiöse Ausrichtung der NGO sowie der gemeinsame Glaube von NGO-Mitarbeitenden und Gemeindemitgliedern als Bezugsrahmen und als gemeinschaftsbildendes Element dienen, da sich das Arbeitsbündnis zwischen den beiden Organisationen auf ein gemeinsames Wertegefüge stützen kann. Diese "values compatibility" (P1 / 21), wie das in den NGOeigenen Partnerschaftskriterien genannt wird, kann zur Bildung von Vertrauen beitragen und bietet gemeinsame Bezugspunkte. Für die Partnerschaften zum Aufbau sozialer Sicherungsnetze für vulnerable Kinder ist die christliche Fürsorgepflicht für Witwen und Waisen von besonderer Bedeutung. Nach Thiesbonenkamp lässt sich diese gemeinsame christlich-religiöse Bezugsbasis wie folgt charakterisieren:

Der Kampf gegen extreme Armut ist nach dem biblischen Zeugnis eine grundlegende Aufgabe. Sie ist als ethische Forderung untrennbar mit dem Bekenntnis zu Gott verbunden. […] Die im Alten Testament breit ausgeführte Fürsorgepflicht für Waisen führt zu der Frage, inwieweit Kinder in der Bibel unter dem besonderen Schutz Gottes stehen und die Sorge um ihre Entwicklung und ihr Schutz eine besondere Aufgabe der christlichen Entwicklungszusammenarbeit darstellen (2009, S. 98 f.).

Angesichts dieser geteilten Wertebasis ist es auch gebräuchlich oder "custom" (P1 / 60), dass Treffen zwischen Mitgliedern der NGO und der Gemeinde meist durch gemeinsame Gebete gerahmt werden, die von Geistlichen aus der Ge- meinde geleitet werden (vgl. z. B. P1 / 26), und gemeinsame Werte wie Nächstenliebe oder die Fürsorge und Liebe zu Kindern thematisieren (vgl. P1 / 61).

Es ist zudem bemerkenswert, dass in diesen Gebeten darüber hinaus auch das Verhältnis und das Rollenverständnis der Partner zum Ausdruck kommen können. So wurde zum Beispiel in einem der Gebete zu Beginn eines organisational capacity building-Workshops in einer Gemeinde von deren Pastor angemerkt: "Der Herr schickt Apostel zu Jesus und visitors in die Gemeinde, um Stärke zu geben" (P1 / 33). Die Mitarbeitenden der NGO werden in diesem Beispiel als von Gott gesandt bezeichnet und metaphorisch mit Aposteln gleichgesetzt, die als Unterstützer die Gemeinde stärken sollen. Der Glaube wird in der Projektarbeit als Referenzmedium verwendet, um die Projektlogik und das wechselseitige Verhältnis der NGO und der Gemeinden zueinander zu klären und zu bekräftigen. Es wird ausgesprochen, dass die Rolle der NGO im Empowerment der Gemeinde liege, während die Gemeinde sich mit der ihr verliehenen Stärke selbst helfen soll. Zudem fördert der Vergleich das Vertrauen in die NGO-Mitarbeitenden, die ›in göttlicher Mission‹ für eine gute Sache eintreten, wodurch auch Werte innerhalb der Gemeindegruppen angesprochen werden können. Gleichzeitig kann in den Gebeten die Rolle der Gemeindemitglieder als Freiwillige moralisierend angesprochen werden, wenn der Wert der Nächstenliebe als "christlicher Glaube nicht zuerst an sich zu denken und zu helfen – let others benefit" (P1 / 61) thematisiert wird, wie in diesem Beispiel von einem Mitglied einer Gemeindegruppe im Rahmen eines Treffens mit NGOVertretenden. Nach Garling kann zusammengefasst werden, dass "Religion Ordnung(en) schafft. Sie macht das andere weniger seltsam […]. Religion (re-)produziert Ab-, Be- und Umgrenzungen und dient zur Bestimmung von Identität und Äquivalenz, indem sie diese schafft" (2009, S.312). Religion und religiöse Bezüge können als gemeinsamer Umriss für die Arbeitsbündnisse und innerhalb der Projekte als Referenzrahmen für bestimmte Rollen- und Aufgabenzuschreibungen dienen.

 
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