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11.3.4 Die ambivalente Rolle der Religion

Wie bereits am Beispiel der motivierenden Wirkung und möglicher Obligationsmechanismen gezeigt wurde, haben Glaube und Religion ambivalente Effekte auf Entwicklungsprojekte. Glaube und Religion können Menschen als "soft power" (Six 2009) mobilisieren, vermitteln ein Zugehörigkeitsgefühl und ermöglichen Kooperationen, während gleichzeitig Potentiale für Exklusion und Konflikte entstehen (vgl. Holenstein 2009; Kaiser 2009). So zeigt sich im gemeinschaftsbildenden Element der Religion deren ambivalenter Charakter, wie Six ausführt:

Die gemeinschaftsbildende Funktion von Religion, die Emile Durkheim beschrieben hat, beinhaltet, dass Religion in ihrer sozialen Dimension Regeln einführt, die jene Menschen innerhalb dieser Gemeinschaft, christlich gesprochen innerhalb der Konfession, von denjenigen außerhalb unterscheidet (2009, S.129).

Im vorliegenden Fall der Partnerschaften ist dieser ambivalente Charakter von Religion insbesondere dann relevant, wenn die gemeinsame Wertebasis als Ausschlusskriterium für Mitglieder anderer Konfessionen oder Glaubensrichtungen gedeutet wird, wenn Andersgläubige von diesen Kooperationen oder den davon ausgehenden Hilfeleistungen ausgeschlossen werden oder sie diese ihrerseits aufgrund ihres Glaubens ablehnen. Solche Exklusionen können beispielsweise beim targeting durch Gemeindegruppen entstehen, also bei der Identifizierung von Kindern, die den Hilfekriterien entsprechen und in das Hilfsprogramm aufgenommen werden können und sollen, die Eltern dies aber aufgrund ihres Glaubens ablehnen. Anzumerken ist entsprechend, dass Kirchengemeinden oftmals nur ihre eigene congregation oder Glaubensgemeinschaft zur Zielgruppe der von ihnen mobilisierten Hilfe machen. Genauso ist eine holistisch ausgerichtete Allianzpartnerschaft, in der Mitglieder aller das Wohl der Kinder in der Gemeinde betreffenden Institutionen vertreten sind, nicht immer zu realisieren. Es scheint dabei weniger schwierig zu sein, Angehörige verschiedener christlicher Konfessionen zur Bildung einer gemeinsamen Allianz zu überzeugen als dies bei Allianzen verschiedener Glaubensrichtungen, wie etwa Christen, Zeugen Jehovas und Muslimen, der Fall ist. An dieser Stelle ist jedoch auch erwähnenswert, dass, wie in den besuchten Projekten in Äthiopien, problemlose Kooperationen zwischen Personen, die verschiedenen Glaubensrichtungen angehören, ebenso möglich sind.

Ursache für mögliche Vorbehalte von Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften und konfessioneller Organisationen kann dabei die christliche Ausrichtung der NGO sein sowie ein in diesem Zusammenhang (möglicherweise zu Recht) vermutetes religiöses Sendungsbewusstsein. Auf die Frage nach der Verteilung von Bibeln wird von Seiten der NGO-Mitarbeitenden beispielsweise erwidert, dass diese nur an kirchliche Organisationen weitergegeben werden. In gleicher Weise wird von Hilfe beim Bau einer Kirche berichtet (vgl. GD / Kak / 1). Diese Beispiele können wohl weniger als Versuch der Missionierung gesehen werden als vielmehr als Hilfe unter Gleichgesinnten. Wie Schaaf (2013) mit Bezug auf große, glaubensbasierte NGOs formuliert: "The majority of these large Christian and Muslim faith-based INGOs separate development activities from proselytizing and maintain a focus on non-discrimination. As a result, they are a very significant part of the mainstream international aid sector" (S. 200). Dagegen schreiben Clarke/Jennings (2008):

In many respects, however, this quasi-secularism was largely forced on them, by legislative conventions on Church-state boundaries, by media antipathy to the involvement of overtly religious organizations in public policy debates and by the need for sensitivity in increasing multicultural and multi-faith societies (S. 5).

Auf die Frage nach der Kolonialzeit und der darin wurzelnden Missionierung erwidert Florence, eine Angestellte der NGO, dass die Organisation weder missioniere noch diskriminiere, sondern allen zu helfen versuche (vgl. P1 / 26).

"Segregating children because of religion" (P1 / 19), also die Unterscheidung der Hilfe empfangenden Kinder entlang von Konfession und Religionszugehörigkeit, soll vom Standpunkt der NGO aus offensichtlich verhindert werden. Besonders eindrucksvoll lässt sich dies in den besuchten Gemeindegruppen in Äthiopien beobachten, wo gemischtreligiöse Allianzen von orthodoxen Christen und Muslimen keine Seltenheit sind. Es scheint, als könnten der Glaube, die Religio- sität oder das gemeinsame Ziel für sich genommen als Gemeinschaft bildende Mittel dienen.

Der Glaube der Gemeindemitglieder kann außerdem gerade am Beginn eines Projektes aus Furcht vor Satanismus zur Ablehnung einer Zusammenarbeit mit der NGO führen. In den Fällen, in denen dieses Phänomen auftrat, scheint diese ablehnende Haltung in der Arbeitsweise der NGO begründet zu sein. Die meisten Projekte basieren auf einem Patenkindermodell. Das heißt, dass die finanziellen Mittel für die Projekte zu einem Teil aus der Vermittlung von Patenschaften stammen, bei der die NGO als Mittlerin zwischen einem Spender und einem Kind aus der Gemeinde agiert. Die Spender aus dem ›globalen Norden‹ senden dabei Geld an die NGO und diese gibt das Geld primär indirekt an die Kinder weiter, indem dadurch Aktivitäten für die gesamte umliegende Gemeinde finanziert werden. Es ist daneben ebenfalls möglich, dass die Familien der Kinder etwa durch den Kauf von Nutztieren, Schulmaterialien oder Kleidung direkt profitieren. Im Gegenzug werden Fotografien der Kinder, Zeichnungen und von der NGO erstellte Berichte mit Informationen zu den Kindern an die Spender und Paten gesendet. Dieses aus Sicht der Menschen vor Ort abstrakte Modell, in welchem Informationen und Bilder des Kindes indirekt gegen Tiere und andere Hilfsgüter eingetauscht werden, führt in manchen der sehr gläubigen Gemeinden zu Furcht vor Satanismus, da dieser als plausibelste Erklärung für diesen Tausch erachtet wird (vgl. GD / Kak / 1 f.; GD / Sim / 4 f.; GD / Nan / 2 f.). Ähnliche Befürchtungen sollen im Zusammenhang mit der Nutzung von elektronischen ID-Scannern vorgekommen sein, die durch das Scannen von ausgegebenen Ausweisdokumenten zur Identifizierung der unterstützen Patenkinder eingesetzt wurden (vgl. P2 / 14). Der NGO bleibt in solchen Fällen einzig vorbehalten, durch erneute Erläuterung des Projekt- und Patenschaftsmodells oder der technischen Hilfsmittel das Vertrauen der Gemeindemitglieder zu gewinnen. Dabei ist denkbar, dass insbesondere der christliche Glaubensbezug der Organisation zur Abmilderung der Befürchtungen und zum Aufbau von Vertrauen beiträgt.

Speziell in Zusammenhang mit HIV und AIDS können Glaube und Spiritualität zur Verbreitung von Diskriminierung und Stigmatisierung beitragen, etwa wenn die Ursache von Krankheit in begangener Sünde gesehen oder nach dem "traditional believe" als Ausdruck von "witchcraft" (GD / Sim / 1) gesehen wird. Das Stigma von HIV und AIDS ist weltweit mit abweichendem Verhalten beziehungsweise normverstoßendem Sexualverhalten behaftet und findet in moralisierender Urteilsfällung und daraus resultierender diskriminierender Praxis auch innerhalb der Kirchen seinen Ausdruck (vgl. z. B. Ogden / Nyblade 2005). Der Glaube kann darüber hinaus ebenfalls zur Ablehnung von medizinischer Versorgung, wie beispielsweise von Impfungen, führen (vgl. R / U / 1). Ebenso kann Glaube Ursache oder Legitimation für Risikopraktiken und Initiationsriten sein, wie die Beschneidung oder die Genitalverstümmelung von Mädchen und Frauen, die zur Verbreitung des HI-Virus beitragen können. Wie eine Mitarbeiterin der NGO bemerkt, können die negativen Effekte von Glaubenseinstellungen gleichwohl zu exkludierendem Verhalten seitens der Mitarbeitenden der NGO führen, wenn etwa der Kontakt zu traditionellen Heilern abgelehnt wird, auch wenn diese ebenfalls zur Alltagsrealität der Gemeinden zählen und eine wichtige Rolle in der Versorgung der Kinder spielen (vgl. P1 / 19). Angesichts dieser Auswirkungen wird deutlich, dass Glaube und Religion bedeutende Rollen bei der Projektarbeit zukommen und es innerhalb der Projekte auch zu Aushandlungen über die ›richtige‹ Auslegung des Glaubens kommen kann.

 
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