Mobilisierung als technischer Prozess

Bei der Untersuchung der Zusammenarbeit zwischen der NGO und verschiedenen Gemeindegruppen zur Unterstützung von vulnerablen Kindern fällt unmit- telbar auf, dass die NGO über eine Vielzahl an unterschiedlichen Arbeitsmodellen der Zusammenarbeit mit communities verfügt, die auch in unterschiedlicher Kombination eingesetzt werden können. Beispielsweise gibt es ein Modell, das speziell für die Zusammenarbeit mit einzelnen, bereits existierenden und aktiven Gemeindeorganisationen beziehungsweise CBOs entwickelt wurde. Ein weiteres Modell richtet sich dagegen speziell an Glaubensgemeinschaften und wird für die Mobilisierung und Zusammenarbeit mit Kirchengemeinden eingesetzt. Das Modell, das hier näher besprochen wird, ist das der Gemeindeallianzen. Gemäß diesem Modell sollen Kinder durch die Bildung einer Allianz von engagierten Freiwilligen, Organisationen und Einrichtungen in ihren Gemeinden unterstützt werden. ThandiA gibt im Folgenden Aufschluss über die dem Allianzmodell zugrunde liegende Idee:

Thandi: The other model that Global Child Aid is implementing is the CSA ‒ this is known as the Community Support Alliance. In this model, communities are mobilized to come together with a focus of giving support to the orphan. Initially, when the CSA model was developed, the whole essence was to simply care for orphans ‒ children that were affected by HIV. But with time, CSA has evolved. And with its evolving we have realized that we need to focus on most vulnerable children, as well as most vulnerable households ‒ meaning we are not segregating whether they are affected by HIV or any other calamity that may disadvantage them, to make them vulnerable. So in the CSAs, communities, institutions, individuals are mobilized to come together for that cause, and once that is done, the CSA is basically a name that is just given to a community-based organisation. Once that is done, they work in partnership and collaboration with the RDP in that particular place, which is run by the Global Child Aid in order for them to provide care and support to the most vulnerable that have been identified in that community. The CSAs also still tend to be developed in an area where we would not have communities that are already mobilized. In the event that we operate in an area were community is already mobilized, meaning they already have CBOs, we work with those already existing (I / TA / 2 f.).

Für die Umsetzung der Gemeindeprojekte werden also sogenannte Gemeindeallianzen mit dem Ziel der Unterstützung von Waisen und vulnerablen Kindern und Haushalten zusammengebracht. Aus diesen Allianzen werden gemeindebasierte Organisationen gebildet, die gemeinsam mit der NGO vulnerable Kinder, Familien und Haushalte unterstützen. Solche Allianzen werden demnach insbesondere in Regionen und Orten gegründet, in denen es noch keine vergleichbaren Gruppen gibt, mit denen alternativ zusammengearbeitet werden könnte.

Im weiteren Verlauf des Interviews wird Thandi danach gefragt, wie die Gemeindeprojektgruppen initiiert werden. Ihre Antwort auf diese Frage gibt Einblicke in die Logik der Mobilisierung aus Sicht der NGO und die zur Umsetzung des Modells herangezogenen Arbeitsschritte:

I: But, ahm, maybe can you explain to me how CSAs are started, maybe? […]

Thandi: Right, so probably even before I just go into my core business let me just give an overview or highlight of how the CSAs are mobilized. So basically what happens is that Global Child Aid acts as a facilitator and the person who is in charge of HIV and AIDS at the Rural Development Program, who is known as the development facilitator for HIV and AIDS, is the point person to initiate the mobilization process. So the first thing they do is the preliminary situation analysis, that is extremely important, because that will give you guidance on what you really need to look at, then secondly there is an institutional mapping. This is where you look at different institutions, individuals, stakeholders ‒ all those people who'd want to play a role in responding to the needs of a child. There after you have a first stakeholders meeting, meaning the community has already been mobilized at that stage, you bring them together and you have a meeting to see who really feels they're in the right place, who feels that they're not in the right place, who feels they can actually contribute either financial or their time, you know, all these different things it's the time when you find out. Then from the stakeholders meeting that's when you start the formation now of the Community Support Alliance. Then after the Community Support Alliance is formed then you develop an action plan. After the action plan is done, the follow up now is trainings: what specific trainings does this Community Support Alliance need? Within that coalition you will have people who will be in charge of visiting the orphans and the vulnerable children, and also visiting the chronically ill. So these people will now start identifying OVCs and they will also identify chronically ill within their areas. […] So when the OVCs are identified, then they ‒ that is after the home-visitors also have been identified, then now you give them training. […] And then the process now continues with monitoring and reporting, and then also the processes of mobilization. So you realize that mobilization of resources and mobilization of communities is an ongoing process, it never stops. Because you will always have different people coming into the coalition, due to the fact that it's always on voluntary basis ‒ so sometimes people feel I'm not going to get anything out of this so I better quit or I go somewhere else, or someone would say I think I love what they do, I need to join. So you'll have new people coming in and people going out. So meaning you have to continue mobilizing up to the time when the RDP has transitioned and left everything in the hands of the CSA (I / TA / 4 f.).

Thandis Aussage zufolge ist die Rolle der NGO bei der Mobilisierung die eines facilitator, einer Rolle, die sich am ehesten mit den Funktionen der Moderation, des Begleitens oder des Mentorings beschreiben lässt. Spezielle Mitarbeitende der NGO, die development facilitators eines räumlich abgegrenzten Entwicklungsprogramms Rural Development Program (RDP), tragen die Verantwortung für den Mobilisierungsprozess. In jedem der übergeordneten Entwicklungspro-gramme in einem Gebiet gibt es mehrere development facilitators (DF). Für die Mobilisierung von Gemeindegruppen ist aber hauptsächlich der DF aus dem Bereich HIV und AIDS zuständig.[1]

Nach dem Verständnis der NGO folgt die Mobilisierung lokaler Gemeindegruppen einer Abfolge von Arbeitsschritten, die auch in manuals und guidelines festgehalten ist. Die Mobilisierung der Gemeindegruppen selbst wird als linearer Prozess beschrieben, der aus einer Serie fortlaufender technischer Arbeitsschritte besteht. Demnach folgt einer "preliminary situation analysis", also der Bestimmung der Situation und Handlungsprioritäten auf der Grundlage statistischer Kennziffern, ein "institutional mapping", das metaphorisch als Kartographie der bestehenden Unterstützungsstrukturen und möglichen Projektpartner verstanden werden kann. Erst nach diesen analytisch-technischen Vorerhebungen werden die Gemeindemitglieder in die Projekte involviert. Wie die Gemeindemitglieder und lokalen Akteure mobilisiert werden, wird hier von Thandi nicht ausgeführt. Der grammatikalische Gebrauch der dritten Person Singular bei der Beschreibung und der aus der Verwendung des Passivs resultierende Bruch mit dieser Erzählform ("the community has already been mobilized") legen jedoch nahe, dass die Gemeindemitglieder bereits für ein Treffen mit der NGO mobilisiert wurden, etwa durch die traditional leaders. Die Gemeindemitglieder werden jedenfalls zu einem "stakeholder meeting" einberufen. Bei diesem Treffen stellen Mitarbeitende der NGO ihre Arbeit und Projektvorhaben vor und die anwesenden Gemeindemitglieder werden zu ihrer Bereitschaft zur finanziellen oder zeitlichen Teilnahme an diesen Projekten befragt. Darauf folgend wird die lokale Partnergruppe formiert und es wird ein "action plan" ausgearbeitet. Nach einer Erhebung der Trainingsbedarfe der lokalen Partner folgen entsprechende Trainingseinheiten. Zudem werden Freiwillige ausfindig gemacht, die ihrerseits Kinder und Kranke identifizieren, die anhand von gemeinsam entwickelten Kategorien als Hilfeempfänger der Projekte in Frage kommen. Nach diesem Schritt folgen das "monitoring and reporting" und schließlich die Ressourcenmobilisierung und der Aufbau von Partnerschaften. Dieser Prozess der Mobilisierung wird als fortlaufend beschrieben, da ständig neue Freiwillige trainiert, Kinder und kranke Menschen identifiziert, Ressourcen mobilisiert und Partnerschaften mit anderen Organisationen, Einrichtungen und Hilfestrukturen geknüpft werden müssen bis die NGO schließlich die volle Verantwortung für die Projekte an die lokalen Partner überträgt.

Besonders auffallend an den Aussagen der Mitarbeiterin der NGO ist die technische Sprache. Es wird von "OVC", von "situation analysis", "stakeholder meeting", von "institutional mapping" und "transition" gesprochen. Diese Sprache spiegelt einerseits die internationale Projektsprache zur Unterstützung von Waisen und anderen vulnerablen Kindern wider, andererseits ist sie damit auch als Ausdruck von Professionalität zu verstehen. Diesem professionellen Selbstverständnis entsprechend fällt in Thandis Beschreibung die aktive Rolle der NGO während des Mobilisierungsprozesses auf. Die Mitarbeiterin spricht unter anderem von "you have", "you bring them together and you have a meeting to see", "you find out", "you develop an action plan", "you help them". Das offiziell angestrebte, partnerschaftliche Verhältnis wird in dieser Beschreibung darauf beschränkt, dass den Partnern die Wahl freisteht, ob und wie sie sich an den Projekten beteiligen wollen. Die volle Verantwortung für die Projekte haben die lokalen Partner erst, nachdem diese ihnen von der NGO am Ende der Projektlaufzeit übertragen wird. Dieses aktive, technisch-analytische Vorgehen von Analyse, mapping, Entwicklung von Aktionsplänen und Kriterien, Erhebung von Ressourcen und Formierung von Allianzen fungiert nahezu als idealtypische Blaupause objektiver Abläufe. Den NGO-Mitarbeitenden kommen dabei die Aufgaben des "Sehens", "Herausfindens", der "Klärung", "Identifizierung" sowie der "Überwachung" und "Berichterstattung" zu. Diesem rationalen Bild der NGO werden in der Beschreibung die als emotional charakterisierten Gemeindemitglieder gegenübergestellt. Letzteren werden Emotionen wie "feel" und "love" zugeschrieben, wenn die Rede von Menschen ist, für die es wichtig ist, "sich am richtigen Ort zu fühlen", "zu fühlen, dass sie etwas beitragen können", die unter Umständen "fühlen, dass ihr Beitrag ihnen ›nichts gibt‹" oder im Gegenteil sogar "lieben, was die Gruppe macht" und sich "angetrieben fühlen, sich ihr anzuschließen". Diese sich anhand der Beispiele manifestierende Unterscheidung zwischen rationaler Planung und emotionaler Motivation unterscheidet die professionellen Mitarbeitenden der NGO von den Gemeindemitgliedern. Gleichzeitig plausibilisiert eine solche Unterscheidung die Arbeit der NGO in den Gemeinden erst.

  • [1] Hier spiegelt die Organisationsstruktur den Ursprung der Projekte aus dem HIV-Kontext wider. Während auf HIV- und AIDS-ausgerichtete Projekte auf dem Höhepunkt der Epidemie und damit auch der finanziellen Unterstützung vorerst alleinstehende Hilfsprogramme waren, sind die Aktivitäten nunmehr dem allgemeinen Bereich der Gesundheit (health) und des Kinderschutzes (child protection) zugeordnet
 
< Zurück   INHALT   Weiter >