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12.1.3 Der gemeinsame cause

Wie bereits besprochen, können die Kinder als Hilfeempfänger der geplanten Projekte eine mobilisierende Wirkung auf die Gemeindemitglieder entfalten. Gleichzeitig kann erst die Unterstützung der Kinder als gemeinsamer cause eine Zusammenarbeit zwischen der NGO und den Gemeindegruppen ermöglichen.

Thandi: In this model, communities are mobilized to come together with a focus of giving support to the orphan. Initially, when the CSA model was developed, the whole essence was to simply care for orphans ‒ children that were affected by HIV. But with time, CSA has evolved. And with its evolving we have realized that we need to focus on most vulnerable children, as well as most vulnerable households ‒ meaning we are not segregating whether they are affected by HIV or any other calamity that may disadvantage them, to make them vulnerable. So in the CSAs, communities, institutions, individuals are mobilized to come together for that cause […] (I / TA / 2).

Die Zusammenarbeit erfolgt demnach basierend auf der gemeinsamen Sache. Die Frage bei der Mobilisierung danach, wer sich am richtigen Ort befindet, ist deshalb nicht abwegig, als das Arbeitsbündnis für die Projektarbeit offensichtlich einen gemeinsamen Beweggrund und geteilte Ziele erfordert. So beschreibt Thandi die Mobilisierung und Bildung von Gemeindegruppen wie folgt: "If you look at the time when CBOs are formed, they are mobilized – these are community volunteers, who are brought together for a cause" (I / TA / 7). Damit stellt sich die Frage, wie eine Anschlussfähigkeit der verschiedensten Akteure aus den Gemeinden untereinander und mit der NGO selbst möglich ist. Eine gewichtige Rolle scheint hierbei den Kindern beziehungsweise den Zielgruppen und Zielen der Projekte zuzukommen. Thandi bezeichnet den Arbeitsschritt des institutional mapping als Zeitpunkt, an dem bestimmte Personen und Gruppen identifiziert werden sollen: "This is where you look at different institutions, individuals, stakeholders ‒ all those people who'd want to play a role in responding to the needs of a child" (I / TA / 4). Florence, eine andere Mitarbeiterin der NGO, beschreibt die Zusammensetzung der Gemeindegruppen folgendermaßen: "The CSAs are made up of people from different works of life, who have an interest in orphans and vulnerable children" (I / FC / 1). Die Community Support Alliances setzen sich den Aussagen der Mitarbeiterinnen zufolge aus unterschiedlichen Personen verschiedener Einrichtungen und Tätigkeitbereiche zusammen, die jedoch ein geteiltes Interesse an der Hilfe für Kinder haben. Die verwaisten und vulnerablen Kinder selbst werden dadurch als das verbindende Element der Allianzen wie auch des Arbeitsbündnisses zwischen der NGO und ihren lokalen Partnern beschrieben.

Nach Star / Griesemer können die Kinder folglich als boundary objects bezeichnet werden, als Grenzobjekte, die als Anschluss- und Bindeglied zwischen verschiedenen Akteuren fungieren. Star / Griesemer (1989) definieren ihr Konzept des boundary objects folgendermaßen:

Boundary objects are objects which are both plastic enough to adapt to local needs and the constraints of the several parties employing them, yet robust enough to maintain a common identity across sites. They are weakly structured in common use, and become strongly structured in individual-site use. These objects may be abstract or concrete. They have different meanings in different social worlds but their structure is common enough to more than one world to make them recognizable, a means of translation. The creation and management of boundary objects is a key process in developing and maintaining coherence across intersecting social worlds (1989, S. 393).

Das Besondere an boundary objects ist demnach ihre Eigenschaft, in ihrer individuellen Deutung flexibel genug zu sein, um subjektive Auslegungen zu bündeln und damit Zusammenarbeit zu ermöglichen, zugleich aber in konkreten Situationen spezifisch anwendbar zu bleiben. Die Zielgruppe der Waisen und vulnerablen Kinder scheint hinsichtlich der Projekte diese Eigenschaften aufzuweisen. Zum einen sind die Kinder der Hauptarbeitsfokus der NGO und bieten darüber hinaus einer Vielzahl von lokalen Einrichtungen Anknüpfungsmöglichkeiten, insbesondere dann, wenn diese selbst die Pflege, Versorgung oder Bildung der Kinder als eine ihrer Hauptaufgaben verstehen. Zum anderen gelten Kinder generell eher als hilfs- und schutzbedürftig und zudem als grundsätzlich unschuldig und hilflos, wodurch sie insbesondere im Kontext von HIV und AIDS der Unterstützung auch würdig angesehen werden (vgl. z. B. Ogden / Nyblade 2005, S. 22 ff.).[1] Andererseits ist Vulnerabilität ein so unspezifischer Begriff, der an sich schon pluralistische Auslegungen evoziert und eben genau deshalb in der Lage ist, verschiedene Deutungen von Vulnerabilität zu vereinen. Die Kategorie des gefährdeten Kindes bietet in diesem Sinne eine große Anschlussmöglichkeit verschiedenster Akteure an entsprechende Projekte.

Die Kategorie ›Waisen und gefährdete Kinder‹[2] lässt verschiedene Auslegungen zu, da sie so umfassend und gleichzeitig unspezifisch ist. Studien von Smart (2003) und Skinner et al. (2006) deuten darauf hin, dass es in den untersuchten afrikanischen Ländern zwischen Gemeinden, Regierung und externen Akteuren sowohl Unterschiede in der Deutung des Waisenstatus als auch von Vulnerabilität gibt. Thandi beschreibt im folgenden Interviewauszug den Bedarf einer gemeinsamen Auslegung:

Thandi: Within that coalition you will have people who will be in charge of visiting the orphans and the vulnerable children, and also visiting the chronically ill. So these people will now start identifying OVCs and they will also identify chronically ill within their areas. Of course you help them by helping them understand what you mean by orphans and vulnerable children ‒ a criteria is developed with them, because you need to ask them if they understand what they will be looking for, and if they're able to find such type of children or people in their community (I / TA / 5).

In dem hier aufgeführten Interviewauszug werden besonders die sogenannten technischen Fähigkeiten für die Identifikation und Pflege von Kindern und kranken Menschen benannt. Die Freiwilligen aus den Gemeinden und die Mitarbeitenden der NGO müssen sich demnach für die Umsetzung der Projekte auf eine arbeitsfähige Auslegung einigen. Diese Deutung kann vom Verständnis der lokalen Partner abweichen. Die Auffassung von Hilfe als Wissensvermittlung wird dabei zur Hilfe zum Verständnis der eigenen Kategorieauslegung: "Of course you help them by helping them understand what you mean by orphans and vulnerable children ‒ a criteria is developed with them, because you need to ask them if they understand what they will be looking for […]". Die NGO, wie auch andere internationale Akteure, haben eine bestimmte Deutung von Waisen und vulnerablen Kindern, um diese unspezifische Kategorie bearbeitbar zu machen. Wie Star / Griesemer (1989) in ihrem Konzept der boundary objects ausführen, sind diese im allgemeinen Diskurs eher weitläufig gebraucht, während sie in der konkreten Situation und Anwendung vor Ort stark präzisiert werden müssen: "They are weakly structured in common use, and become strongly structured in individual-site use" (S. 393).

Angesichts der Vieldeutigkeit des Vulnerabilitätsbegriffs muss dieser im Hinblick auf die konkrete Arbeit in den Gemeinden enger definiert werden. Den lokalen Partnern wird Thandis Verständnis zufolge geholfen zu verstehen, was die NGO mit orphans and vulnerable children meint. Es wird eine gemeinsame Deutung der Kategorie entwickelt, um sicherzugehen, dass die lokalen Partner wissen, nach welchen Kriterien sie die Kinder auswählen sollen. Hier bleibt unklar, inwieweit die NGO ihre Deutung der Hilfekategorie in einem gemeinsamen Prozess gegebenenfalls dem Verständnis der lokalen Partner anpasst. Der folgende Auszug aus einer Gruppendiskussion mit einer Gemeindegruppe gibt einen Einblick in diesem Deutungsprozess:

I: And what did they discuss there? They discussed in more detail.

Aston [CSA]: Ja, ja.

Roberta [CSA]: They talked about the projects that they came to do and they were looking at the orphans and vulnerable children as their target, and because of that, they were looking for the households that were not fully able to sustain themselves, and they also meant to make a difference to, you know, to identify who is actually a poor person and who is a rich person

Patricia [GCA]: who needs help

Roberta [CSA]: so all that came here, so that they were able now to target which households.

I: So they were asking the community members which household is

Aston [CSA]: Yes, or asking them, who, what sort of a person do you regard as a rich person? What sort of a person do you refer to when you say: it's a poor person. And when we are talking about orphan and vulnerable children, in your opinion, the way your life, how do you describe an, ah, vulnerable child, and orphan, that one is outright, is known, because they knew even here that its one who has lost a parent or both parent. Ja, so they were trying to interact on those lines (GD / Sim / 3 f.).

Hier entsteht der Eindruck, die lokalen Partner würden in einem gemeinsamen Training einerseits für Probleme von Kindern sensibilisiert werden, die sie möglicherweise zuvor nicht als vulnerabel angesehen haben, und andererseits wiederum selbst Deutungen von Vulnerabilität und Waisenstatus hervorbringen, die die der NGO einschließen und um lokalspezifische Elemente erweitern. Wichtig scheint zumindest, wie auch aus dem Handbuch der NGO zur Mobilisierung und dem Training von Gemeindegruppen hervorgeht, dass die Kategorie orphans and vulnerable children vor Ort zwischen der NGO und den Partnern definiert und operationalisiert werden muss, um die Auswahl der Kinder als Hilfeempfänger in den Projekten objektiv zu gestalten. Dem Verständnis der NGO nach besteht diese Hilfe also in einer lokalen Objektivierung und Konkretisierung der relativ unpräzisen Hilfekategorie verwaister und vulnerabler Kinder und der Anschlussfähigkeit dieser ›Problemkategorieauslegung‹ an international gebräuchliche Definitionen.

Abschließend soll hier noch angemerkt werden, dass der Begriff der Entwicklung mit seinem moralisch-normativen Mobilisierungspotential als boundary object für die Projekte herangezogen werden kann, da dieser eine ebenso breite Anschlussfähigkeit besitzt und in der spezifischen Umsetzung oder Bearbeitung einer gleichermaßen konzeptionellen Konkretisierung bedarf. Und so dürfte es allen Beteiligten einfach fallen, sich generellen Forderungen nach Entwicklung von Strukturen und einer allgemeinen Verbesserung der Lebensbedingungen, insbesondere bedürftiger Kinder, anzuschließen.

  • [1] Deacon / Stephney (2007) kommentieren hierzu: "While younger children who contracted HIV through birth or blood transfusion may not be blamed for having the disease, adolescents may be blamed for engaging in sexual intercourse or drug use, and thus bringing the disease upon themselves through ›immoral‹ actions" (S. 37)
  • [2] Interessant ist dabei, dass die Bezeichnung ›OVC‹, eine in der technischen Sprache der NGO verwendete Abkürzung der aus dem internationalen Diskurs um hilfebedürftige Kinder stammenden Kategorie Orphans and Vulnerable Children, gegenüber den lokalen Partnern erläutert werden muss. Die Hilfekategorie OVC ist im Kontext der Unterstützungsversuche für Waisenkinder im Zuge der HIV- und AIDS-Epidemie entstanden, um einerseits mittels der Hilfebemühungen das vorhandene Stigma der Kinder nicht zu verstärken und andere Kinder, die indirekt von der Epidemie betroffen waren, nicht auszuschließen. Hierzu wurde die anfängliche Bezeichnung AIDS-Waisen durch den Begriff CABA, also Children Affected by AIDS, ersetzt. Jedoch wurde bemerkt, dass auch diese Bezeichnung wiederum diskriminierend wirken kann, da aufgrund der Verbindung zu HIV und AIDS andere hilfebedürftige Kinder von Hilfsprogrammen ausgeschlossen werden können. Deswegen wurde die Kategorie der Waisen letztlich um den Begriff "vulnerabel" erweitert, der auch hilfsbedürftige Kinder abseits vordefinierter Ursachen umfasst (vgl. Deacon / Stephney 2007). Wie Richter et al. (2004) anmerken, birgt die Anwendung dieser technischen Kategorie die Gefahr, die Kinder als Objekte zu sehen. Solche Kategorisierungen können ebenfalls zu Stigmatisierung und Diskriminierung führen (vgl. Bray 2003; Skinner et al. 2006)
 
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