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12.2.5 Symbolisierung von Anschlussfähigkeit

Die lokalen Partner stellen sich selbst gegenüber der NGO und der mit ihr assoziierten Besuchenden als professionell und an deren praktischen Diskurs anschlussfähig dar. Diese "Schauseite" (vgl. Kühl 2011, S. 136 ff.) der Gemeindeorganisationen soll im Folgenden anhand mehrerer Beispiele veranschaulicht und besprochen werden.

Sehr auffallend ist beispielsweise, dass die Gemeindegruppen die Sprache und bestimmte Bezeichnungen der NGO übernehmen oder zumindest in gemeinsamen Treffen anwenden. Exemplarisch kann hier die Bezeichnung "OVC" aufgeführt werden. So wurde bei einem Besuch des Gutachters von einer Frau aus einer Gemeindegruppe auf eine Gruppe Kinder und Jugendliche gedeutet und erläutert "These are our OVCs" (P2 / 13). Es ist schwierig zu beurteilen, inwieweit diese Bezeichnung der Kinder gegenüber der NGO als Anknüpfung an deren Sprache zu verstehen ist, oder gar als Übernahme des Begriffs in den eigenen Sprachgebrauch, da eventuell in der eigenen Sprachverwendung keine entsprechende Bedeutung existiert. Auf jeden Fall wird die technische Kategorie gegenüber der NGO und den mit ihr assoziierten Besuchenden der Gemeinden angewandt. Es scheint sich dabei um ein weit verbreitetes Phänomen zu handeln, dass Levine et al. (2007) folgendermaßen kommentieren:

Those who use OVC or CABA as convenient shorthand in technical documents certainly do not intend any ill effects. Because these labels have been used frequently in official documents, however, people at the local level have begun to use them as well to show organizations with resources that they understand and share their commitments. The unfortunate result has been that one can now visit communities where particular children are identified (at least to visitors) using such labels (S. 4).

Die Nutzung technischer Abkürzungen kann demnach als Versuch der Gemeindegruppen verstanden werden, sprachliche und auch symbolische Anschlussfähigkeit und Anschlussbereitschaft an externe Hilfestrukturen sowie Engagement und Lernbereitschaft zu signalisieren.

Eine weitere Auffälligkeit ist, dass die Mitglieder der lokalen Partner sich in Gesprächen und Gruppendiskussionen mit ihrem Namen und der Bezeichnung ihrer Funktion innerhalb der Gemeindegruppen vorstellen. So werden bei der Vorstellung Funktionen wie die des CSA chairman, secretary oder home-visitor genannt. In manchen Fällen werden zudem die weiteren Ämter innerhalb der Gemeinden hinzugefügt, wie etwa pastor, village headman, headmaster oder die Mitgliedschaft in einer weiteren gemeindebasierten Organisation, wie beispielsweise einer women's association. Die Vergabe der Positionen innerhalb der Gemeindegruppen erfolgt unter bestimmten Gesichtspunkten und verdeutlicht die damit zusammenhängende Relevanz der Funktionen. Der folgende Auszug aus einem Gespräch mit einem ehemaligen Sekretär einer Gemeindegruppe gibt Einblicke in die Implikationen dieser Rollenverteilung:

I: And what kind of people are in this steering committee? Like in terms of the, when you look at the community.

Aston [CSA]: There are women, there are men, there are church leaders, there are other group leaders, there are people who have at least gone to school to be able to read and write. There are people that should be able to write reports. (I: Yes) There are people that should be able to represent the office, or to link up with the office, in an understanding manner (GD / Sim / 14).

So gibt der Mann an, dass es von Bedeutung ist, dass die Komiteemitglieder schreiben können, um Berichte an das Büro der NGO zu senden, ebenso, wie sie das die NGO vertreten können müssen wie auch die Gemeinde gegenüber dem Büro. Sie müssen demnach in der Lage sein, mit den Mitarbeitenden der NGO zu kommunizieren und die Gruppen zu repräsentieren. Ein Teil dieser Kommunikationsfähigkeit scheint darin zu liegen, in Trainings die Bedeutung der Rollenzuschreibung der NGO zu vermitteln. So stellen sich die Personen mit den aus Sicht der NGO notwendigen Rollen und Funktionen vor.

Bei Treffen zwischen NGO und lokalen Partnern wird ebenfalls deutlich, dass die lokalen Partner sich eher förmlich kleiden, insbesondere dann, wenn Gäste anwesend sind oder es sich um einen Workshop handelt. Die Frauen erscheinen bei solchen Treffen oftmals in aufwendig genähten Kleidern, während die Männer einen Anzug oder zumindest ein Hemd tragen. Die Kleidung kann gewissermaßen auch Funktionskleidung sein, wie beispielsweise von der NGO zur Verfügung gestellte T-Shirts oder Polohemden. In anderen Fällen kann es vorkommen, dass die lokalen Partner in ihrer Arbeitskleidung erscheinen, was aber wohl darauf zurückzuführen ist, dass sie unmittelbar von ihrer Arbeit auf dem Feld gekommen sind. Die Gemeindemitglieder versuchen durch ihr Äußeres die zugemessene Bedeutung der Treffen zu betonen und ihren Respekt oder ihre Wertschätzung gegenüber der NGO auszudrücken. Sie sollen besonders für Gäste ›kompetent aussehen‹, da diese möglicherweise über die Zukunft und den Zugang zu Ressourcen entscheiden. Mit dem Tragen der von der NGO ausgegebenen Kleidung wird zudem die Nähe zur NGO betont.

Bei Treffen mit den Gemeindegruppen werden von diesen das in Trainings erworbene Wissen und die Projektumsetzung demonstriert. Dies kann zum Beispiel in Bezug auf bestimmte Formen von Anbautechniken geschehen oder aber in einem Verweis auf die eigenen Statistiken der CSAs. So sind zum Beispiel die genaue Anzahl der unterstützten Kinder und kranken Menschen bekannt genauso wie der Betrag auf dem Bankkonto und die Anzahl der Mitglieder. Es kann aber beispielsweise auch gezeigt werden, wie ein bestimmter Brei für unterernährte Kinder zubereitet wird. Auf die Frage nach dem aktuellen Status der Gruppe antwortete Aston folgendes:

Aston [CSA]: We are very proud people, because, I think, ah, we are first among others to be considered whenever, for example, we have got a lot of visitors, like yourself, who have come to see what is actually happening. The office does not forget the Sakimba Zone. They usually bring visitors here from US, from Australia, from German, from Lusaka, from Zimbabwe, from Malawi, others come to learn […], we had a lot of people from South Africa, Lesotho, Swaziland, Zimbabwe, Kenya, Malawi, coming to learn and they came to this zone. So, we are an upright entity. Yes (GD / Sim / 14).

Der Mann drückt seinen Stolz auf die Gruppe insofern aus, als dass sie als Vorzeigeorganisation Besuchende aus aller Welt empfangen, um ihre Arbeit zu demonstrieren. Die Gruppenmitglieder sind allgemein gerne bereit, Erfolge aufzuzählen sowie Dokumente und Zertifikate Besuchenden gegenüber vorzuzeigen. Das mag einerseits auf den Stolz auf das Geleistete zurückzuführen zu sein. Andererseits weisen diese Dokumente eine Legitimation oder Qualifizierung im Hilfesystem aus, sei es in Bezug auf die semiprofessionelle Ausbildung oder die legale Registrierung der Gruppe als Organisation. Die Urkunden und Unterlagen dienen als Beweis für bestimmte Fähigkeiten. Durch ihren Dokumentcharakter entsprechen sie zudem formal-juristisch einer nachweislichen und offiziellen Anschlussfähigkeit der Gemeindegruppen, da sie Erfahrung in der Arbeit mit Hilfsorganisationen belegen und die legalen Voraussetzungen für eine Förderung erfüllen.

Die These, die hier vertreten wird, ist, dass die Gemeindemitglieder als lokale Partner sich durch die Aneignung des in den Trainings und bei Treffen vermittelten Sprachgebrauchs an die NGO und andere Geber anschlussfähig machen. Ebenso wird die Kleidung zum Symbol der Wertschätzung der Partner, aber besonders als Ausdruck von förmlicher Seriosität und Professionalität. Sie zeigen sich als verlässliche Partner.

 
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