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13. Negotiating Ownership: Grenzarbeit um Eigentümerschaft

In den bisherigen Kapiteln wurde darauf eingegangen, wie sich die Akteure einander wechselseitig annähern, wie sie bestimmte Haltungen einnehmen und mittels ›Anverwandlung‹ das von ihnen als erwartet angenommene Verhalten aufgreifen und dieses in Trainings erlernen und vermitteln. Außerdem wurde besprochen, unter welchen Voraussetzungen Zusammenarbeit möglich ist und welche Strukturen gegeben sein oder in einem Prozess der Grenzbearbeitung dafür geschaffen werden müssen. Das vorliegende Kapitel beschäftigt sich mit der Aushandlung der verschiedenen Rollen unter den Akteuren und der damit verbundenen Frage, wer die Eigentümerschaft über die Projekte innehat. Die Gemeindegruppen sowie die NGO versuchen, dass der jeweils andere Partner die Eigentümerschaft und damit die Verantwortung für die Projekte übernimmt. Die Auslegung der Eigentümerschaft hängt von der Rollenverteilung im Rahmen der Arbeitsbündnisse ab. Darüber hinaus ist relevant, dass es sich um ein äußerst ungleiches Verhältnis in Bezug auf die zur Verfügung stehenden Ressourcen und deren Transfer handelt. Doch selbst wenn die NGO die Idee und insbesondere die materiellen Ressourcen in die Projekte einbringt, liegt dennoch eine nicht unwesentliche Interdependenz zwischen den Akteuren vor. Bei diesem Aspekt der Grenzarbeit geht es neben einer Aushandlung der Rollen und des Verhältnisses der Projektpartner zueinander darum, wer sich wie in die Zusammenarbeit einbringt und welches Verständnis von der Projektpartnerschaft daraus resultiert.

13.1 Das Verhältnis der Entwicklungspartner

Um der Frage der Eigentümerschaft (ownership) über die Projekte nachzugehen, lohnt es sich, das Verhältnis zwischen den Projektpartnern zu betrachten. Hierfür soll zuerst auf die Modi der Verhältnis- und Rollenvermittlung eingegangen werden. Dabei wird sich zeigen, dass die religiöse Rahmung der gemeinsamen Treffen als Referenzfolie zur Bestätigung der jeweiligen Aufgaben innerhalb der Arbeitsbündnisse genutzt wird. Des Weiteren ist insbesondere bei Trainings die Unterscheidung zwischen wissenden Helferinnen und Helfern und unwissenden Empfängerinnen und Empfängern von Hilfe zu beobachten, die das Verhältnis der Projektpartner als Grundlage für die Aufnahme der gemeinsamen Projektarbeit wesentlich bestimmt. Zudem ist die Untersuchung der zur Beschreibung des Verhältnisses benutzten Metaphern äußerst hilfreich. Hier fallen vornehmlich Beschreibungen eines einseitigen Abhängigkeitsverhältnisses auf, genauso wie die Notwendigkeit eines ›Wachstums‹ der Gemeindegruppen, um Selbstständigkeit und Unabhängigkeit von der NGO zu erlangen. Schließlich gehört zu einem solchen Wachstum aus Sicht der NGO, wie im letzten Teil dieses Kapitels besprochen wird, die Ausbildung einer eigenständigen organisationalen Identität, die sowohl eine Unabhängigkeit der Gemeindegruppen ermöglichen soll als auch deren nachhaltiges Fortbestehen nach Ende der Projektlaufzeit.

 
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