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13.1.2 Die metaphorische Abhängigkeit der Gemeindegruppen

Bei der Teilnahme an gemeinsamen Treffen und im Gespräch mit Mitarbeitenden der NGO und Gemeindegruppenmitgliedern fällt auf, dass das Verhältnis der beiden Partner häufig in Form bestimmter Metaphern beschrieben wird. Solche Metaphern können mehrere Dimensionen des Verhältnisses zwischen den Gemeindegruppen und der NGO zum Ausdruck bringen und werden von beiden Seiten in gleicher Weise verwendet. Im Folgenden werden nun zentrale Metaphern besprochen und bezüglich ihrer Aussage hinsichtlich des Verhältnisses zwischen der NGO und den Gemeindegruppen analysiert.

Als eine zentrale Metapher ist ein Eltern-Kind-Vergleich als Ausdruck eines Abhängigkeitsverhältnisses zu erkennen. Aus einem Gesprächsprotokoll mit Gemeindegruppenmitgliedern geht folgende Aussage hervor: "They [the community group members] state that they are still crawling and would like Global Child Aid to help them to stand and to walk. Yet they see themselves not strong enough to stand on their own" (R / S / 19). Hier beschreibt sich die Gemeindegruppe bildlich als krabbelnd, unfähig und nicht stark genug, um auf eigenen Beinen zu stehen. Die NGO soll ihnen deshalb helfen (auf)zustehen und zu laufen. Es wird ein eindeutiges und einseitiges Abhängigkeitsverhältnis beschrieben, in dem die NGO die Gemeindegruppen stützt, die sich ohne fremde Hilfe nicht weiterentwickeln und vorwärts kommen können. Ähnliches geht aus einem Protokoll eines Gesprächs mit Mitarbeitenden der NGO in einem Regionalprogramm hervor: "[Regionalprogramm] staff reports that in the beginning CSAs had been seen as Global Child Aid babies, but when they started to get registered they also started to stand on their own feet" (R / M / 19). Die Gemeindeallianzen wären hier anfangs noch als Babys oder Kinder der NGO gesehen worden, jedoch hätte sich das durch den Prozess der Registrierung gewandelt. Durch die Registrierung hätten die Gemeindegruppen begonnen auf eigenen Beinen zu stehen. Hier wird wiederum ein Bild gezeichnet, demzufolge die Gemeingruppen aus Sicht der Mitarbeitenden der NGO in einem starken Abhängigkeitsverhältnis mit der NGO standen, die sie gewissermaßen erzeugt und umsorgt hat, und der sie sich auch zugehörig fühlten. Durch den Prozess der Registrierung folge demnach eine Emanzipation der Gemeindegruppen, die sich durch die Fähigkeit auszeichnet, unabhängig auf eigenen Beinen stehen zu können. Die Figur anfänglicher, geradezu kindlicher Hilfslosigkeit findet sich auch in einem Gesprächsprotokoll mit einem Mitarbeiter der NGO in einem Regionalprojekt kurz vor Ende der Laufzeit: "er meinte, dass sie [die NGO] sich nicht ganz ohne weitere Korrespondenz oder Besuche aus den Gemeinden zurückziehen, da sie [die Gemeindemitglieder] sich sonst allein gelassen (abandoned) fühlen würden" (P1 / 52). Die Gemeindegruppen würden sich demzufolge zurückgelassen fühlen, wenn die NGO ein Projektgebiet nach Ablauf der Laufzeit verlässt. Ähnlich äußert eine Mitarbeiterin der NGO, die Programmleiterin während einem phaseout war, "dass die community Schwierigkeiten hatte und sich evtl. alleine gelassen fühlte und es hart war, da die Gemeinde noch nicht bereit war" (P1 / 78; vgl. auch P1 / 82). Dieses Bild wird gleichfalls von einem Vorsitzenden einer Gemeindegruppe im Rahmen einer Gruppendiskussion eingebracht:

Chariman: OK, the problem we are having now, you know when a child is, was milking to the mother, then now their mother says now: "no, my child you are grown up now, just drink water". So the mother is starting giving water to her child so that it can stop milking. So, this is the outcry, even if we are talking, but we cannot forget what Global Child Aid was doing for us. And it will be in our heads until our death. So, but think about Global Child Aid will never end, but at the other side they told us how to do things and we know what we are doing. But it's really, it's really pity, especially to I who is talking here, saying like that. What about someone who is behind me, who was receiving food from Global Child Aid? How can he say, or how can she say at now and Global Child Aid is going? So it's a real problem (GD/Zim/8).

In dieser Aussage wird die Kindermetapher wieder aufgegriffen und damit verdeutlicht, dass das Ende der Projektlaufzeit eben nicht lediglich Auswirkungen für die Gemeindegruppen mit sich bringe, die in die Unabhängigkeit entlassen werden, sondern darüber hinaus auch Konsequenzen für die Familien habe, die von der direkten Hilfe der NGO profitiert haben. In einem Regionalprojekt meinte ein Mitarbeiter der NGO entsprechend der Metaphorik: "Not all 16 CSAs will be able to survive, but some have very good chances" (R / U / 23). Es würden nach Ansicht des Mitarbeiters der NGO also nicht alle von der Organisation vor Ort geförderten Gruppen nach Ende der Förderzeit "überleben", aber manche hätten gute Chancen den Übergang in die förderungsfreie Phase zu meistern. Die Gemeindegruppen müssten demnach bestmöglichst auf ein Überleben ohne die NGO vorbereitet werden.

Das Eltern-Kind-Verhältnis lässt sich auch in ein Bild des Gärtner-SaatVerhältnisses übertragen. In einem Interview macht eine Mitarbeiterin der NGO dazu folgende Bemerkung:

Grace: So for me the first thing is structures: do we have the systems and structures there? They may be small, it's like: is there a seed planted, all you need is water then it grows. So, so that's the power in community groups. I believe in community groups a lot, if you manage them well, as them, you just come as somebody who facilitates them to move, to grow to another level (I / GB / 15).

Grace zeichnet hier ein aus Sicht der NGO idealtypisches Bild der Gemeindearbeit. Die Gemeindegruppen werden dabei in einer weiteren Metapher als Pflanzen oder genauer gesagt als "Samen" beschrieben, die durch die NGO lediglich "bewässert" werden müssen, um zu keimen und zu Graswurzelorganisationen heranzuwachsen. Durch die richtige Arbeitsweise, so die Mitarbeiterin der NGO, nehmen die Gemeindegruppen die NGO hierbei lediglich als helfende Begleitung oder Mentorin wahr und gerade nicht als ›Schöpferin‹, ›Mutter‹ oder ›Vormund‹. Die Rolle der NGO ist es diesem Bild zufolge die bestehenden Strukturen zu fördern. Vermutlich ist es auch dieses Bild, das seitens der NGO zur Beschreibung des Verhältnisses an die Gemeindegruppen kommuniziert wird und als Ausdruck der Herstellung von Graswurzelorganisationen angesehen werden kann.

Die Gemeindegruppen können zudem als wachsende Strukturen beschrieben werden. Ein Mitarbeiter der NGO in einem Regionalprojekt macht dies wie folgt deutlich: "[he] sees CSAs as sustainable and states that some can even grow into local NGOs" (R / Ä / 17). Anhand dieser Textstelle wird deutlich, dass der Mitarbeitende der NGO ein positives Bild der Gemeindegruppen skizziert, wonach die Gemeindegruppen durchaus nachhaltig bestehen können und teilweise das Potential haben, sich zu lokalen NGOs weiterzuentwickeln. Die organisationale Entwicklung wird hier als Prozess des Wachsens von CBOs zu lokalen NGOs beschrieben. Das Wachstum der Gemeindegruppen wird auch in anderen Aussagen als Entwicklungsprozess thematisiert. So geht aus einem Gesprächsprotokoll mit Mitarbeitenden der NGO in einem Regionalprogramm hervor: "CBOs are growing, but did not reach the highest level of sustainability.

They will struggle to support children when grants stop" (GD / IPA1 / 1). Die Gemeindegruppen werden hier als wachsend beschrieben, auch wenn weiterhin Spielraum bis hin zum höchsten level an Nachhaltigkeit und Arbeitsvermögen besteht. Wachstum wird also als Entwicklung zur Nachhaltigkeit verstanden. Die Herausforderung nachhaltiger Entwicklung besteht der zitierten Aussage zufolge in der Versorgung der Kinder nach dem Versiegen der Fördermittel. Damit wird die gewisse Abhängigkeit von Fördermitteln aufgezeigt. Das Niveau der Nachhaltigkeit kann in Verbindung mit der Wachstumsmetaphorik auch in Bezug auf die Gemeindegruppen als Organisationen übertragen werden. So bemerkt eine andere Mitarbeiterin der NGO, dass manche der Gemeindegruppen "reaching maturity as CBOs" (P1 / 9). Die Gemeindegruppen können als Organisationen somit eine gewisse ›Reife‹ erlangen, voll ›ausgewachsen‹ sein oder eben ›erwachsen‹ werden, um diesem Bild weiter zu entsprechen. Eine Mitarbeiterin der NGO merkt in einem Workshop für facilitators an: "Some never grow because of us" (P1 / 76). Manche der Gemeindegruppen würden aufgrund der NGO nicht wachsen, wobei weniger die Anzahl der Mitglieder, sondern vielmehr ein organisationaler Reifungsoder Entwicklungsprozess hin zu mehr Selbstständigkeit gemeint ist. Die Mitarbeiterin bezieht sich mit ihrer Aussage auf ein Abhängigkeitsverhältnis, das den Gemeinden von der NGO durch ihre paternalistische Arbeitsweise auferlegt wird, um im Bild der Eltern-Kind-Metapher zu bleiben. So schließt auch ein anderer Mitarbeiter der NGO: "we tend to promote dependence syndrome and poverty […] we need to graduate communities" (GD / CDW / 3).

Die NGO versucht diesen hinderlichen Faktoren der Partnerschaft mit der Ausbildung der organisational capacity der Gemeindegruppen zu begegnen, um das Wachstum und die Selbstständigkeit der Gruppen zu fördern. Ein zentrales Mittel, das Wachstumspotential der Gemeindegruppen abschätzen und Förderbereiche identifizieren zu können, wird im folgenden Interview mit einer Mitarbeiterin der NGO thematisiert:

Thandi: An assessment is done within the community-based organisation to see at what level they are, what it is that they are doing so well, what they can do to improve it and make it fully running. So this is where organisational capacity building comes in. So

Global Child Aid has introduced this model in order to ensure that the CBOs are sustainable and the CBOs are independent from Global Child Aid. Without capacity building they may not be able to stand on their own and they may not be able to continue from where Global Child Aid would have stopped at the time of its transition (I / TA / 7 f.).

Es wird folglich in Verbindung mit dem organisational capacity building ein assessment der Gemeindeorganisationen vorgenommen, um zu analysieren, auf welcher Entwicklungsstufe (level) sich die betreffende Gemeinde befindet und um ihre Stärken zu erkennen und zu erweitern. Ziel ist es danach stets, die Gemeindegruppen unabhängig von der NGO zu machen damit nachhaltig zu gestalten. Ohne das capacity building wären die Gemeindegruppen demnach nicht fähig, nach Ende der Projektlaufzeit der NGO ihre Arbeit unabhängig fortzuführen. Hier wird ein Abhängigkeitsverhältnis beschrieben, welches mittels Maßnahmen zur Organisationsentwicklung aufzulösen versucht wird. Die Forderung an die Gruppen unabhängig, zu sein, ist an sich schon ein Paradoxon. Darüber hinaus wird eine solche Unabhängigkeit so verstanden, dass die Gruppen auf sich gestellt die gemeinsam mit der NGO begonnene Arbeit fortführen. Das Idealziel des organisational capacity building wird von einer Mitarbeiterin der NGO in einem Interview wie folgt beschrieben:

I: […] What's the, what's the most preferable outcome of this OCB training?

Grace: Yes. Mhm. When you do OCB, you want to see two things. You want to see an organisation that grows, grows to a level that they can do things for themselves. An organisation that can do things, an organisation that can relate to the outside environment. They should be able to come to Lusaka, to do things on their own. An organisation that can mobilize its own resources. An organisation that can monitor. An organisation that can run ‒ a CBO that can run as an organisation. That's the final objective of the CBO [meint evtl. OCB]. But not just run as an organisation in abstract. An organisation that can stand to provide, ahm, care and support to improve the well-being of children, that's what we want ourselves to see at the end (I / GB / 10).

Das organisational capacity building stellt damit die Ebene dar, an der anzusetzen ist, um das Ziel, aus den Gemeindegruppen selbstständige Organisationen zu machen, zu erreichen. Selbstständigkeit wird als Fähigkeit beschrieben zu wachsen, Dinge eigenständig erledigen und mit der Außenwelt in Kontakt treten zu können. Von den Gemeindegruppen werden zudem die Fähigkeiten erwartet, selbst mobil zu sein, Ressourcen zu mobilisieren sowie das Monitoring umzuset-zen, um schließlich zur Absicherung und Versorgung der Kinder beitragen zu können. Kurzum, die Gemeindegruppen sollen arbeits- und funktionsfähig sein. Im Hinblick auf das Verhältnis der Gemeindegruppen zur NGO kann dies so verstanden werden, dass die Gemeindegruppen zum Zeitpunkt der Zusammenarbeit eben noch nicht unabhängig und selbstständig operieren können und die NGO jedoch daran arbeiten will, dass dies durch eine Entwicklung ausgeprägter Organisationsfähigkeiten so wird. Das organisational capacity building soll dementsprechend nicht als einmalige Trainingsveranstaltung gesehen werden, sondern als Prozess, der die Gruppen hin zur "maturity" begleitet (vgl. P1 / 36). Der Aufbau von Organisationsstrukturen und die Vermittlung von Arbeitspraktiken sind damit Ziel und Mittel zugleich.

Die beschriebenen Metaphern der auf Abhängigkeit beruhenden ElternKind-Beziehung wie auch der idealisierten Gärtner-Saat-Beziehung finden sich im Datenmaterial und können zur Analyse des Verhältnisses zwischen den Gemeindegruppen und der NGO herangezogen werden. Daneben können die Metaphern mit einem bestimmten Verständnis von Wachstum verbunden werden. So wird ein Bild von Gemeindegruppen und -organisationen beschrieben, die sich im Prozess des organisationalen Wachstums oder der Entwicklung befinden, hierbei aber noch nicht ihr volles Potential ausgeschöpft haben und demnach noch nicht unabhängig sind. So kann von starken ("strong") und schwachen ("weak") Gemeindegruppen in unterschiedlichen Entwicklungsstadien gesprochen werden (vgl. z. B. P1 / 75). In anderen Worten kann das Bild der Gemeindeorganisationen als von der NGO abhängige Kinder in die Metapher von Mutter- und Tochterorganisation überführt werden. Durch die Beziehungsbeschreibung werden die Gemeindegruppen zu Filialen oder Ablegern der NGO, die sich nicht selbst tragen können beziehungsweise nicht "on their own" (vgl. z. B. I / GB / 10) also selbstständig "stehen" oder "laufen" können. Das Ziel der NGO ist es jedoch, die Bildung eigenständiger Graswurzelorganisationen voranzutreiben.

 
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