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13.1.3 Die Bildung unabhängiger Identität

Die Aushandlung des Verhältnisses zwischen den Projektpartnern, den jeweiligen Rollen und damit auch der Eigentümerschaft (ownership) über die Projekte ist in Zusammenhang mit einer Aushandlung über die Identität der Gemeindegruppen zu verstehen. Eine eigenständige, von der NGO gelöste, Identitätsbildung der Gemeindegruppen wird seitens der NGO als Überwindung von Abhängigkeit und damit als entscheidende Größe für das nachhaltige Fortbestehen der Gruppen und Projekte thematisiert. Die Gemeindegruppen sollen sich nicht als NGO-Projekte verstehen, sondern als eigenständige Graswurzelorganisationen, die mit der NGO kooperieren. Es handelt sich dabei also nicht nur um situationsbezogene Rollenverteilungen oder um das Verhältnis zwischen den Partnern, sondern darum, was die Gemeindegruppen letztlich sind oder vielmehr sein sollen.

Die Identität der Gemeindegruppen wird in diesem Zusammenhang stark mit einem verwendeten Label und der damit einhergehenden Zuschreibung von Eigentümerschaft verbunden. Genauso wie Bürogebäude, Autos oder Berichte Eigentum der NGO sind, können auch die Gemeindeallianzen als Gemeindeallianzen der NGO bezeichnet werden. Eine solche Bezeichnung kann zu der Auffassung führen, es handle sich um Gemeindeallianzen der NGO, die für diese Gruppen über die Eigentümerschaft verfügt. Der folgende Interviewauszug mit Grace veranschaulicht diesen Prozess der Benennung:

Grace: But now, when we started the first mobilization, many countries, […] there was a big mess. That's when ‒ so you still see the mess in the community, because in this case, CSA was not seen as a community initiative, it was seen as a Global Child Aid initiative. So they'll call themselves Global Child Aid home visitors. Global Child Aid volunteers. And to change 21 countries in Africa that were doing CSA was not easy. So we implemented this CSA. […] So in Zambia, CSA were formed by DFs, who were implementing the RDP concept, which believes everything, even the children, are for Global Child Aid. So you find the CSA believes its Global Child Aid owned (I / GB / 4).

In den Gemeinden kann es somit zu Aneignungsprozessen der Projekte durch Mitarbeitende der NGO kommen. Die Mitarbeitenden der NGO in den Projekten können eine Einstellung gegenüber den Gemeindegruppen zum Ausdruck bringen, die ihr Verständnis spiegeln, nach dem die Projekte und die Gemeindegruppen als Eigentum der NGO gesehen würden, wobei hier insbesondere von einem alten Projektansatz gesprochen wird. Gleichzeitig kann eine Zuweisung der Projekte zur NGO durch die Gemeindemitglieder erfolgen wie aus einem Protokoll hervorgeht: "Community continues to say Global Child Aid-thing" beispielsweise "Global Child Aid-borehole", "Global Child Aid-child" und dergleichen (vgl. P2 / 6). Aufgrund dieser fortwährenden Bezeichnung seitens der Gemeindemitglieder wird von den Mitarbeitenden der NGO gefolgert, es gäbe seitens der Gemeindepartner kein Gefühl der Eigentümerschaft für die Projekte. Entsprechend werden die folgenden Schlussfolgerungen gezogen: "need continuous dialogue with different stakeholders" und "when new things come in, staff needs to communicate this to community" (P2 / 6). Die Auflösung dieses Benennungsdilemmas wird also in der Kommunikation und Erläuterung gegenüber den anderen Beteiligten und besonders gegenüber den Gemeindemitgliedern gesehen. Neben den verschiedenen Projekten trifft dieses Phänomen auf die Gemeindegruppen selbst zu. Damit entstehen Aushandlungs-, Abgrenzungs- und Erläuterungsbedarfe gegenüber den Gemeindemitgliedern.

Auf Seiten der Gemeindegruppen kann es, entgegen den erklärten Absichten einer Identitätsförderung durch die NGO, zu einem Prozess der Angliederung an die NGO kommen. So schätzen die Gemeindemitglieder T-Shirts oder andere Identifikationssymbole, die sie mit der NGO in Verbindung bringen. Dies kann einerseits mit der symbolischen Identifikation der Gemeindemitglieder mit der NGO und den Projekten erklärt werden, wie der folgende Berichtauszug beschreibt: "They ask for identification cards or uniforms from Global Child Aid, with Global Child Aid logo on them. Global Child Aid staff asks them who they are doing this for and as a response they state for themselves, but Global Child Aid is the umbrella" (R / S / 15). Andererseits kann eine Erklärung in einer mit diesen Identifikationssymbolen zum Ausdruck gebrachten Legitimation beispielsweise bei Hausbesuchen oder als Beleg der eigenen besonderen Professionalität gefunden werden. In Anbetracht der Aussage "Community participation in CBO activities is challenge, when Global Child Aid is mentioned, turn up is good" (P2 / 6), also dass bei Veranstaltungen und Treffen der NGO mehr Men-schen teilnehmen, als bei denen von Gemeindemitgliedern, ist es auch möglich, dass die Gemeindegruppen damit versuchen, gegenüber ihren Gemeinden von der Reputation der NGO zu profitieren.[1]

Die NGO möchte hingegen überwiegend nicht, dass die Kleidung der Gemeindegruppenmitglieder das Logo der NGO trägt, da dies Abhängigkeit oder gar eine Anstellung suggeriert. Gewünscht wird von der NGO vielmehr eine auch äußerlich klar erkennbare Eigenständigkeit der lokalen Partner. Die Aufgabe der NGO-Mitarbeitenden sei es ja, so die Aussage einer Mitarbeiterin in Bezug auf die ersten Arbeitsschritte der neuen Projektansätze der NGO, die Identität der Gemeindegruppen mittels "identity building" (I / GB / 16) zu stärken. Hierbei wird beispielsweise die Notwendigkeit betont, dass die facilitators während des Durchlaufs der einzelnen Arbeitsschritte ihre Arbeitsweise entsprechend ändern, da jeder Schritt andere Herausforderungen beinhalten würde. Der Aufbau einer eigenständigen Identität der Gemeindegruppen wird dabei besonders hervorgehoben. So wurden beispielsweise in einer Weiterbildung innerhalb der NGO zum Thema organisational capacity building die Unterscheidungen des capacity building mit den facilitators besprochen, wie der folgende Protokollauszug zeigt:

Es werden auch die Typen von capacity building besprochen und projiziert: "Weak civil society contexts are likely to demand more ›to be‹ type capacity building; moderate civil society contexts are likely to demand more ›to do‹ type capacity building; strong civil society contexts are likely to demand more ›to relate‹ type capacity building." Die manuals sind dementsprechend gegliedert (P1 / 75).

Hier werden eine Unterteilung der Gemeindegruppen nach zugesprochener Stärke vorgenommen und damit die verschiedenen Schritte von capacity building verbunden, die in dieser Form als Arbeitsabfolge auch im Handbuch vorgesehen sind. Während die ersten Module auf den Aufbau von Strukturen und einer Identitätsbildung abzielen, sollen daran anschließend praktische Fertigkeiten und schließlich Fähigkeiten zur Kontaktknüpfung vermittelt werden. Die Module sollen folglich je nach Entwicklungsstand und den Fähigkeiten der Gemeinde-gruppen einsetzbar sein, wobei die Gruppen- und Identitätsbildung die Grundlagenarbeit darstellt. Die Gruppen sollen also dazu gebracht werden, sich als Gruppen wahrzunehmen und sich von der NGO zu lösen.

Mit einer solchen Identitätsbildung verbunden ist die Benennung der Gemeindegruppen. Im Verlauf ihrer Formierung werden die Gemeindegruppen angehalten, sich oder vielmehr ihrer Gruppe einen Namen zu geben. Hierbei ist auffallend, dass die Gruppennamen häufig in Anlehnung an den Projektnamen gewählt werden. Eine solche Benennung wird von der NGO als problematisch angesehen. In diesem Sinne empfiehlt einer der Mitarbeiter der NGO in einem Gespräch, die Mitarbeitenden der NGO "Should not call them CSA, but let them choose their own name and identity besides Global Child Aid" (R / U / 23). Die Wahl des eigenen Namens anstelle der technischen Gruppenbezeichnung der NGO wird hierbei mit der Bildung einer eigenständigen Identität neben der NGO begründet. Aus einer Aussage eines Mitarbeiters der NGO in einem Interview ist zu schließen, dass die Freiheit der Namenswahl als Ergebnis eines Lernprozesses innerhalb der NGO verstanden wird:

Francis: Now ah, when Global Child Aid goes into the community, where they're operating from, they'll find that there're other partners who are already there, who are working. And these partners have interest in the care for most vulnerable children. So, it is important they inquire from the community members how they call themselves. Whilst we are using the methodology of CSA, but is on the structure which is already there ‒ meaning, this time around, we have learned that as Global Child Aid we don't need to prescribe the name CSA to the community. What we only need is to find out, weather there are some structures which are existing in the community, which are doing the same thing and then join them as equal partners and then sell this idea of this model, but not to change the name. So, that's how we are doing it now (I / FG / 1).

Francis geht in seiner Aussage auf einen Lernprozess ein, den die NGO seiner Meinung nach durchlaufen hat. Demnach sollten die Mitarbeitenden der NGO darauf bestehen, den lokalen Partnern nicht die NGO-interne Projektbezeichnung der Gemeindeallianzen vorzugeben, sondern sie möglichst bei ihrem eigenen Namen zu nennen. Den Gemeindegruppen soll bewusst die Benennung ihrer Gruppen überlassen werden, wobei sich dies nur auf die Namenswahl und nicht auf die Tatsache der Benennung selbst bezieht. Bereits bestehende und aktive Strukturen sollten zudem ihre Identität wahren. Ihnen soll lediglich die Idee der Gemeindeallianzen angeboten werden. Eigene Identitäts- und Identifikationssymbole wie der Name oder ein Logo der Gruppen sind der NGO deshalb wichtig, da sie sich so eine größere Eigenständigkeit und Eigentümerschaft der Gemeindegruppen über die Projekte und Aktivitäten verspricht und damit eine höhere Nachhaltigkeit in Aussicht stellt.

Benennungen sind nach Exenberger (2012) Ausdruck und Resultat von Deutungshoheit und damit von Macht. Sie sind demnach von großer Bedeutung bei der Grenzarbeit zwischen der NGO und den Gemeindegruppen. Die Gemeindegruppen sollen über eine selbst gewählte Benennung zu einer eigenen Identität als Graswurzelorganisation finden. Diese Macht ist jedoch nur effektiv, wenn die mit der Benennung verbundene Identität verinnerlicht wird und nicht nur vordergründig als Anpassung an die Wünsche und Vorgaben der Projektpartner dient. Eine Mitarbeiterin der NGO erläutert die Idee hinter der Namensgebung:

Thandi: Furthermore, most of the CSAs we have in our RDPs have even been given names. For example, when you go to [Region im Norden Sambias], our Rural Development Programme that is at the stage of transition ‒ it's actually transitioning this September ‒ the CSAs there have given themselves names. The community themselves named them. Ahm, it's just a pity that I've forgotten most of those names, but you will be able to learn about them when you get there. So, that is because they have been helped to understand that CSA is a term that Global Child Aid uses, but them as a community are at liberty to give their community-based organisation a name, once it is registered and it is certified. Ja (I / TA / 7).

Thandis Aussage zufolge muss den Gemeindegruppen dabei geholfen werden zu verstehen, dass das Kürzel CSA zur Bezeichnung der Gemeindeallianz lediglich ein technischer Arbeitsbegriff der NGO ist und sie sich selbst einen eigenen Namen geben sollen, wodurch eine paradoxe Weisungsbefugnis der NGO zum Ausdruck kommt. Die NGO macht den Gruppen die Vorgabe, sie sollen ›so frei sein‹, sich selbst Namen zu geben. Insbesondere gegen Ende der Projektlaufzeit scheint der Namensgebung und formalen Registrierung der Gemeindegruppen eine bedeutende Funktion zuzukommen, da hierdurch ein Übergang zu einer legalen gemeindebasierten Organisation markiert wird, wie der folgende Protokollauszug verdeutlicht. Hierbei wurden Gemeindemitglieder bei einem Treffen gebeten zu zeigen, wie sie einen der Monitoringbögen ausfüllen:

Anhand der Unterlagen zeigen sie mir, welche Felder sie wie ausfüllen. Es handelt sich um ein Dokument zur Erfassung von Besuchen bei Kranken. Im Feld Organisation tragen sie Global Child Aid ein, doch wenn sie als CBO registriert sind, dann tragen sie dort den Namen der CBO ein. Auf dem Dokument ist nicht das Logo von Global Child Aid zu sehen, aber ein leicht grauer Druck [das Logo eines grant projects] (P1 / 61).

Auf manchen der Bögen sind Logos der NGO zu sehen, auf wiederum anderen, wie in diesem Fall eines grant projects dagegen nicht, sondern eben das Logo des Projektträgers, der hier über die NGO Gemeindeprojekte durchführt. Mit dem Übergang von einer Gemeindegruppe zu einer gemeindebasierten Organisation berechtigen schließlich der Gruppenname und der Organisationsstatus zum Gegenzeichnen von Dokumenten. Die Namen geben sich die Gemeindegruppen während der Workshops mit der NGO, was als Erklärung für die Ähnlichkeit in Form einer Anlehnung der Namen an die Bezeichnung der Gruppen durch die NGO herangezogen werden kann (vgl. P2 / 25). Ein wesentlicher Fortschritt für den Identitätsbildungsprozess wird in der Registrierung der Gruppen gesehen. Die Registrierung der Gruppen, für die sie unter anderem ihren Namen und eine Niederschrift ihrer Verfassung einreichen müssen, hat für die Identitätsbildung eine bedeutende Funktion, da hierdurch die Gruppen durch die staatlichjuristische Legitimation als offizielle Organisationen anerkannt werden. Zudem wird es generell von den Gruppenmitgliedern als motivierend beschrieben, das Ziel der staatlichen Anerkennung gemeinsam erreicht zu haben, auch wenn die NGO eine wichtige Unterstützerrolle in diesem Prozess eingenommen hatte. Dennoch ist mit der Benennung und Registrierung der Gruppen an sich die eigenständige Identitätsbildung noch nicht abgeschlossen. "For the guardians it is still the CSA and not the CBO" (R / U / 1). Eine spätere Umbenennung kann dieser Aussage folgend gerade nicht mit einem sofortigen Umdenken gleichgesetzt werden. Dem vorhergegangenen Protokolleintrag zufolge werden die Gemeindegruppen auch nach ihrer offiziellen Registrierung als Gemeindeorganisationen von den übrigen Gemeindemitgliedern weiterhin primär mit der NGO assoziiert.

13.1.4 Resümee: Die Vermittlung von Rollen und Identität

Über die Aussagen der Beteiligten und über die Rahmung der gemeinsamen Treffen lassen sich Rückschlüsse auf das Verhältnis zwischen der NGO und den Gemeindegruppen ziehen. Der gemeinsame religiöse Hintergrund der Projektpartner kann dabei als Rahmung von Treffen und als Referenzfolie zur Beschreibung des Verhältnisses genutzt werden. Die Analyse der eingesetzten Beziehungsmetaphern zeigt ein asymmetrisches Verhältnis, in dem die NGO über Wissen und Ressourcen verfügt und die Gemeindegruppen in einer von der NGO abhängigen Position beschrieben werden. Dies ist einerseits notwendig, da diese Beziehung die Voraussetzung für Zusammenarbeit oder Hilfe erst schafft. Andererseits deutet dies aber darauf hin, dass die Mitglieder der Gemeindegruppen die Gruppen als stark von der NGO geprägt empfinden oder die Gründung der Gruppen überwiegend auf die NGO zurückführen. Die Idee der Zusammenarbeit wird somit von der NGO als Hilfe zu organisationalem Wachstum und der Loslösung aus einem Abhängigkeitsverhältnis beschrieben. Hierfür wurde jedoch auch eine über die Namensgebung angestoßene Identitätsbildung der Gemeindegruppen genannt. Dies geht darauf zurück, dass grundsätzlich eine eigenständige Identität als Graswurzelbewegung als Voraussetzung für eine Unabhängigkeit der Gemeindegruppen von der NGO beschrieben wird wie auch für ein nachhaltiges Fortbestehen über die Projektlaufzeit hinaus. Fraglich ist allerdings, ob das Ziel der Unabhängigkeit von beiden Seiten tatsächlich geteilt wird oder ob dies vielmehr ein Ziel der NGO ist und die Gemeindegruppen den Status der vermeintlichen Abhängigkeit und organisationalen Zugehörigkeit nicht so lange als möglich aufrechterhalten wollen beziehungsweise keine Gruppenidentität jenseits der NGO ausgebildet haben. Grundsätzlich werden die Konzepte von Wachstums und Unabhängigkeit von beiden Seiten als rhetorischer Bezugsrahmen für das Ziel der Projekte genutzt und das Rollenverhältnis als Unterstützungsverhältnis beschrieben. Letztlich ist die Eigenständigkeit der Gemeindegruppen, ihr Gefühl der Eigentümerschaft über die Projekte und damit auch die Nachhaltigkeit der Vorhaben immer in Bezug auf die in den Projekten zur Verfügung stehenden Ressourcen zu verstehen.

  • [1] An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass die T-Shirts in prekären ökonomischen Situationen einen einfachen, aber dennoch realen materiellen Vorteil bedeuten können
 
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