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13.2.2 Something in return: Selbsthilfe als Dienstleistung und Tauschgeschäft

Innerhalb der Projekte übernehmen die Gemeindegruppenmitglieder eine Vielzahl von Aufgaben wie die Identifizierung und Registrierung von Kindern und kranken Menschen sowie die Übernahme der Hausbesuche und Pflege wie auch die eben besprochene Beteiligung an der Patenschaftsarbeit. Nach Aussage von Mitarbeitenden machen die Gemeindegruppen folglich die Projektabwicklung in vielerlei Hinsicht einfacher: "Before the CSAs have been established, it was hard for GCA-staff to reach the community, but now it has become easier" (R / M / 4). Durch die Zwischeninstanz der Gemeindegruppen könnten die NGOMitarbeitenden die Gemeindemitglieder also vor allem einfacher erreichen.

Hinsichtlich der Patenschaftsarbeit und der Versorgung der Kinder merkt eine Mitarbeiterin der NGO an:

Grace: So when the CSA ‒ when the communities do it themselves, it's easier to target because they know, who these children are. And the home visitors manage smaller, ahm, location, geographical location. So it's easy, they interact with the children, they can know which children need support and which ones don't need support (I / GB / 8).

Die räumliche Nähe und der tägliche Umgang mit den Kindern erleichtere demnach hauptsächlich die Identifizierung von vulnerablen Kindern. Die Grundidee der NGO ist es, die Gemeindegruppen zur Projektimplementierung zu führen: "Using the community, empower them and build their capacity" (P2 / 18). Darüber hinaus sollen sie im Sinne des Projektansatzes die Kinder unterstützen, die nicht in das Patenschaftsprogramm aufgenommen werden können.

Neben den direkten und indirekten Hilfen für die Kinder können die Gemeindegruppenmitglieder selbst auf verschiedene Weise von einer Zusammenarbeit mit der NGO profitieren. Zuallererst sei hierbei auf die gemeinwesenspezifischen Projekte verwiesen. Der Bau von Brunnen, Schulen oder Kliniken vor Ort zielt auf die Verbesserung der Lebensbedingungen der ganzen Gemeinden ab. Daneben können die Gemeindegruppenmitglieder speziell durch ihr Engagement Vorteile erlangen, wenn sie beispielsweise von der NGO Kompensationen für erbrachten Aufwand hinsichtlich der Teilnahme an Trainingsveranstaltungen und gemeinsamen Treffen erhalten, wie etwa in Form von Transportkostenerstattungen oder (geringen) Tagegeldern. Hinsichtlich der Trainings wird zudem die facilitation, also die Vermittlung und Versorgung von der NGO übernommen, was sowohl die eben genannten Anreisezuschüsse wie auch die Verpflegung, beispielsweise in Form eines kleinen Imbiss, Erfrischungsgetränken und gegebenenfalls Übernachtungskosten beinhalten kann (vgl. z. B. P1 / 36).[1]

Abgesehen von diesen Versorgungsleistungen im Rahmen gemeinsamer Treffen vergibt die NGO auch andere Arten sogenannter "incentives" (vgl. z. B. R / Ä / 12) an die CSA-Mitglieder, die über die reine Kostenkompensation ebenso einer Art Anreiz zum Engagement gleichkommen. Wie einer der Mitarbeiter der NGO in einem Interview zur Motivation der Gemeindegruppenmitglieder zusammenfasst:

Francis: So what we do is, ah, we have learnt that ‒ we have learnt from them actually ‒ they usually tell us that the knowledge that we give them is not only for what they are doing for the orphans and vulnerable children, but is for other life-ventures. […] Then the other thing that they share as motivating is that some of the tools for work they are given, say for example a bicycle, yes is for the work they are doing, but there are times when they use it even for their private or individual work […]. The other issue is, ahm, for joining the community recognized that they are getting a service from this volunteer and they really appreciate it in various ways, either by respect, you know, the status that this individual is given, and sometimes by gifts in kind […]. So that kind of appreciation, it gives impetus to this person to continue serving the way they are. Majority of our caregivers, for example home-visitors, are Christians and they are moved by their being Christians, their compassion, their feeling that they are not just helping a vulnerable household or a vulnerable person, but because of the belief and value they attach to the word of god, they feel that when they assist such type of people, they are helping god, and they have this spiritual, ahm, goal of saying: when you do good things now, when you reach to heaven, you'll be accepted because of the good works you have done. So these are some of the lessons that we learned from, or that we are learning from, ah, the CSAs, the caregivers. [A]s much as they do this, to these vulnerable households, the more they get like some kind of satisfaction, to say they wish to assist, to [seite5] [pouch / poutch] their love to those who are most vulnerable. […] Majority are women. And they are really very, very, very, very, very dedicated (I / FG / 3 ff.).

Es gibt also eine Vielzahl von materiellen und nicht-materiellen Motivationsgründen für die Gemeindegruppenmitglieder sich in den Projekten einzusetzen. Die incentives bestehen zumeist aus Gütern, welche die Arbeit der Freiwilligen aus den Gemeinden erleichtern sollen, wie etwa im Fall von Fahrrädern für die Erledigung von Hausbesuchen. Diese Hilfsmittel können zumeist auch privat genutzt und daher als Belohnung oder Entlohnung für das Engagement angesehen werden. Nicht zuletzt sind mit einer Zusammenarbeit zudem immaterielle Vorteile verbunden. So wird den Teilnehmenden an Workshops für eine gewisse Zeit eine durchaus willkommene Abwechslung zu ihrem Alltag geboten, beispielsweise durch Treffen mit anderen Gemeindegruppen oder durch Trainings und die Unterbringung und Verpflegung in einem Tagungszentrum, was auch als Anreiz für eine Beteiligung verstanden werden kann. Darüber hinaus erhalten sie Zugang zu Wissen, das sie in ihrer Projektarbeit anwenden können, das aber auch für ihr Privatleben nützlich sein kann. So werden in Gesprächen die Vorzüge einer Teilnahme an Trainings angesprochen wie etwa das Wissen über Krankheiten oder bestimmte Anbaumethoden, die ebenfalls von den Freiwilligen privat angewandt werden können. Letztlich verfügt die NGO über bestimmtes Wissen und die Mittel zur Mobilität, die eine Anziehung für die Gemeindemitglieder ausstrahlen können. Die NGO wird somit zum gatekeeper für Ressourcen, wenn sie Zugänge eröffnen kann, wie durch die Hilfe zu einer offiziellen Registrierung der Gemeindegruppen zu CBOs und zu Fördermitteln anderer Geber, was eine positive Wirkung auf die Wahrnehmung der NGO und dadurch ein Anreiz für die Freiwilligen sein kann, ihre Arbeit fortzuführen.

Abgesehen von den Zuwendungen und Vorteilen durch die NGO können die Freiwilligen selbstverständlich gleichfalls auf immaterielle Weise für ihren Einsatz motiviert oder belohnt werden. Im Gespräch nennen die Gemeindemitglieder selbst insbesondere ihren Glauben, den Wunsch der Verbesserung der Lebenssituation der Kinder und ein reziprokes Hilfsverständnis als Motivation für ihre Arbeit (vgl. z. B. R / U / 21). So können der religiöse Glaube oder der Glaube an Reziprozität ebenso wie der Wunsch der Verbesserung der Lebenssituation ihrer Mitmenschen und die Dankbarkeit der Kinder und ihrer Familien wie auch die allgemeine Anerkennung der Leistungen durch staatliche Institutionen, traditionelle Führer oder andere Gemeindemitglieder einen Statusgewinn bedeuten und zu weiterem Engagement ermutigen.

Die Motivation der Gemeindemitglieder sich in die Projekte einzubringen oder sich zu engagieren, ist folglich eine Frage verschiedenster Anreize und Beweggründe. Aus Sicht der Mitarbeiterin trifft demnach häufig der Fall auf, dass Gemeindemitglieder sich aufgrund eines persönlichen benefits oder Vorteils engagieren würden. Andere Stimmen aus der NGO betonen dagegen das große und selbstlose Engagement der Gemeindemitglieder, selbst wenn die materiellen und immateriellen Vorteile der Teilnahme an den Projekten durchaus gesehen werden.

Seitens der NGO wird der Grund für die Vergabe von materiellen Gütern im Wesentlichen darin gesehen, dass für die Gemeindegruppenmitglieder einerseits keine eigenen Kosten für die Teilnahme an Workshops oder Trainings entstehen sollen und andererseits ihnen die Hilfsmittel die Arbeit erleichtern und sie dadurch effektiver gestalten sollen. Letztlich, so fasst es ein Mitarbeiter der NGO zusammen, "if you don't give them they won't come tomorrow" (P2 / 7). Es besteht also die erfahrungsbasierte Einschätzung, dass die Mitglieder der Gemeindegruppen eben nicht dazu bereit wären, ohne eine gewisse Entlohnung in Form einer Aufwandsentschädigung an gemeinsamen Treffen oder Trainings im Rahmen der Projekte teilzunehmen oder dies einfach aus Kostengründen nicht könnten. Ein NGO-Mitarbeiter ergänzt in diesem Sinne in einer Besprechung: "you should at least give them refreshments" (P2 / 7). Die Gemeindegruppenmitglieder sollten, in diesem Fall bei der Teilnahme an einer Gruppendiskussion für die Gutachtenerhebung, zumindest Erfrischungsgetränke erhalten. Die materiellen und immateriellen Ressourcen werden somit als bewusst gesetzte Anreize für eine Teilnahme an den Projekten verstanden. Es ist dabei zu erwähnen, dass die Gemeindegruppenmitglieder durchaus selbst Unterstützung benötigen können. Die Transportgelder und Hilfsmaterialien, wie beispielsweise die Fahrräder, kommen somit einem materiellen Anreiz beziehungsweise incentive zur Teilnahme gleich.

Diese Anreize können die NGO aber in eine schwer zu lösende Situation manövrieren. Es kommt vor, dass seitens der Gemeindemitglieder bestimmte Erwartungen an die Leistung der NGO entstehen, die auf bereits mit der NGO oder anderen Hilfsorganisationen gesammelten Erfahrungen beruhen. Diese Erwartungen können damit zusammenhängen, dass die NGO zuvor bestimmte Arten von Unterstützung oder Anreizen angeboten hat und die Gemeindegruppenmitglieder diese nun erneut anfragen, wie der folgende Protokollauszug beispielhaft aufzeigt:

Some ask for exchanges with other group members, but according to Global Child Aid this is difficult due to transport and to per diems that need to be paid. In the past there was a project that had funds exclusively for such purpose and maybe some of the members remember (P2 / 14).

Einmal angebotene Mittel können die Erwartung oder Annahmen über die Funktionsweise der Projekte bestimmen die, einmal im Raum, nur schwerlich wieder ausgeräumt werden können. Ebenso beschreibt Peter, ein Mitarbeiter der NGO, in einer Gruppendiskussion während eines Workshops dieses Phänomen:

Peter: We have communities that are very much, ah there is too much expectation at what Global Child Aid should do […] and for us now to change that understanding, or that perception they have like Global Child Aid is just there to provide, it would take time. […] So change will be it will take time. So it's it will be also a challenge (GD / CDW / 1).

Die Erwartungshaltung der Gemeinden zu verändern oder ihnen neue Konzepte der Projektumsetzung zu vermitteln, bedürfe demnach Zeit und stelle eine Herausvorderung für die Mitarbeitenden der NGO dar. Aus Sicht der NGO gilt es demnach mit den materiellen Anreizen zur Partizipation keine zu hohen Erwartungen zu schaffen, um einerseits niemanden zu enttäuschen und andererseits keinen zu hohen Standard für die Mittelvergabe zu setzen. Zudem könnten von den Gemeindemitgliedern auch Erfahrungen mit anderen NGOs generalisiert werden: "Some think NGOs can pay, because others paid before" (P2 / 10), wie hier in Bezug auf Tagegelder beziehungsweise per diems für die Teilnahme an Trainingsmaßnahmen und Absprachetreffen berichtet wird. Die bisherigen Erfahrungen der Gemeinden mit anderen Organisationen sowie die Vergabe und die Art von Ressourcen der NGO schafft folglich eine Erwartungshaltung, die in die nachfolgende Projektlaufzeit hineinreichen kann. Ein Wandel der Programmatik in der Ausgabe von Mitteln kann zu einem Bruch mit diesen Erwartungen führen und dadurch das Ende der Projekte oder zumindest den Ausstieg einzelner Beteiligter bedeuten.

Eine solche Erwartungshaltung kann sich insbesondere im Hinblick auf eine materielle Entlohnung oder den Erhalt von Hilfsmitteln von der NGO auswirken, wie in einem Bericht festgehalten wurde: "People see other organisations that pay their staff, so some volunteers want payment, also since the CSA is registered as a CBO, because some people thought this is now for making profit" (R / U / 15). Die Teilnahme an den Projekten wird als Tauschleistung für benefits erachtet. Eine solche Haltung kann sich etwa in Nachfragen der Gemeindegrup- penmitglieder nach materiellen Zuwendungen als Belohnung äußern: "Members of CSA request for boots, raincoats, bags and umbrellas since volunteers need rewards as motivation" (R / Ä / 17). So äußerten Mitarbeitende der NGO, dass im Fall der Gemeindegruppen Belohnungen erwartet würden: "With CSA they expect some reward for work" (P2 / 10). In diesem Sinne ist auch nicht ganz klar, wie aus einem Beobachtungsprotokoll hervorgeht, "inwiefern die CBOMitglieder an den Trainings interessiert sind, beziehungsweise diese als Anforderungen für den Erhalt von Hilfe wahrnehmen" (P1 / 36). Ob also nicht letzten Endes, auch wenn hier aufgrund der Verschiedenheit der Gruppen wohl keine Generalisierung vorgenommen werden kann, der Aufbau von Gemeindestrukturen und die Beteiligung an Trainings und Projekten der NGO als eine Art Vorgaben angesehen werden, die die Bedingungen für den Erhalt von Hilfe darstellen.[2] Die NGO versucht diesen Erwartungen entgegenzuwirken. So äußert ein Mitarbeiter der NGO hierzu: "Partnering a good approach, try to fit in, otherwise they just see dollars in you" (P2 / 10). Eine partnerschaftliche Herangehensweise und eine Einpassung in die lokalen Strukturen wäre von großer Bedeutung, da die NGO ansonsten als eine Art ›Milchkuh‹ angesehen werden könnte, die von den Gemeindegruppen gemolken werden kann. Die Vergabe der materiellen Ressourcen durch die NGO kann damit als Entlohnung für die Arbeit der Gemeindegruppenmitglieder erachtet werden. Die Arbeit in den Projekten wird folglich zur Dienstleistung, die für die NGO im Tausch gegen die Projektmittel und Entschädigungen erbracht werden. Das mag wohl insbesondere dann zutreffen, wenn die Gemeindegruppen keinen eigenen und direkten Nutzen in der Projektarbeit erkennen, wie dies etwa im Fall des Monitoring und reportings sowie in Bezug auf die Patenschaftsarbeit plausibel scheint. Es ist jedoch festzuhalten, dass sie sich damit in ein Tauschgeschäft mit der NGO begeben, dessen Regeln auch Regeln materieller Zuwendungen und individueller Vorteile sind ‒ sei es, dass die Arbeit der Gemeindemitglieder als Bedingung für die allgemeine Unterstützung der Gemeinden aufgefasst werden oder schlichtweg individuelle materielle und immaterielle Anreize ein Engagement wenigstens befördern.

Zumindest werden die Konditionen dieses Verhältnisses zum Thema von Aushandlungen zwischen den beteiligten Akteuren.

Von den Mitarbeitenden der NGO wird den Gemeindegruppenmitglieder einerseits zwar großes Engagement zugeschrieben, das es zu fördern gilt, andererseits aber auch eine generell hohe Abhängigkeit von externer Hilfe und eine gewisse Erwartungshaltung gegenüber der NGO sowie geringe Eigeninitiative und Kooperationsbereitschaft, wie der Protokollauszug verdeutlicht: "There is also dependency and high expectations of community members to external support and at the same time a lack of cooperation" (R / K / 7). Die Mitarbeitenden der NGO tragen nach eigener Aussage selbst zu diesem Phänomen bei. Demnach gibt es "oft das Problem, dass versprochen wird, die Probleme zu lösen und Wünsche zu erfüllen" (P1 / 22), um über einen generalisierten Anreiz zur Kooperation einen Zugang zu den Gemeinden zu erhalten oder einfacher zusammenarbeiten zu können. Zugleich ist den Mitarbeitenden der NGO aber klar, dass zu hohe Erwartungen gegenüber der NGO vermieden werden sollten, wie aus einer Gruppendiskussion mit Mitarbeitenden hervorgeht: "high expectations in regard of Global Child Aid need to be avoided" (R / Ä / 12). Ein Protokollauszug fasst diese aus der Warte der NGO gesehene Schieflage zusammen:

Our community is so attuned to direct benefits ‒ some people even now have expectations […]. Some don't attend meetings, don't share correct information, attend meetings for transport contribution, want direct benefits, but some understand the concept very well (P2 / 6).

Die Gemeinden wären nach Aussage der Mitarbeitenden an direkte Transferleistungen gewöhnt. Demzufolge gibt es Menschen, die lediglich aufgrund von Entschädigungen für Anwesenheit und Transport oder sonstigen benefits an Trainings oder anderen Treffen teilnehmen, während andere das Konzept der Gemeindeallianz und das damit in Zusammenhang stehende Hilfekonzept sehr gut verstehen würden.

Daneben wird aber auch betont, dass Gemeindemitglieder, die sich durch die Arbeit eine Bezahlung versprechen, enttäuscht werden und schon bald nach Einsicht in diese Tatsache die Gruppen wieder verlassen würden. Aus einem Protokoll zu einer Gruppendiskussion mit einer Gemeindegruppe geht entsprechend hervor: "They wanted volunteers and not people who expected something in return. So […] some dropped out since they expected something in return […]" (R / U / 2). Oder, wie ebenfalls von Mitarbeitenden der NGO formuliert: "There is a challenge in the spirit of volunteerism, and some of them drop-out due to multiple responsibilities. Others might have expected something" (R / U / 13). Seitens der NGO erfordert dies, die Projektkonzeption und das darin wurzelnde Verständnis von Freiwilligkeit und Selbsthilfe zu erläutern. Die Schwierigkeit für die Mitarbeitenden der NGO besteht demnach darin, zwischen den Erwartungen materieller Zuwendungen durch das Hilfsprojekt und der Idee der ›Hilfe zur Selbsthilfe‹ zu vermitteln. Dies stellt eine Herausforderung für die Mitarbeitenden der NGO dar, wie aus einem Interview hervorgeht:

I: Could you maybe tell me something about common problems you experience with, ahm, communities or with CSAs or challenges, or

Thandi: Ja, the biggest challenge is voluntarism. We always have volunteers, but ah, there is always the challenge of complaining to say: after all this is free, what are we getting out of this ‒ much as we are always trying to help them understand that it is for their own good and their own cause. So you'll have new people coming in all of the time, so you have to continue training ‒ training can never stop, because of that (I / TA / 10).

Die von der Mitarbeiterin der NGO zusammengefasste Aussage der Gemeindegruppenmitglieder: "after all this is free, what are we getting out of this" deutet auf ein Dilemma der Projekte hin. Wenn die Mitarbeitenden der NGO nach Kompensationen für die Arbeit oder den Dienst der Gemeindegruppenmitglieder gefragt werden, kann dies als ein Verständnis der Arbeit als Dienstleistung gedeutet werden. Die Mitarbeiterin fährt fort, indem sie darauf verweist, dass diese Fragen kommen würden, selbst wenn sie stehts darum bemüht wären, den Gruppenmitgliedern das Prinzip der (unbezahlten) Freiwilligkeit zu erläutern, da ihre Arbeit ja ihnen selbst beziehungsweise ihrem eigenen cause, also den Kindern und Familien in ihren Gemeinden zu helfen, zu Gute kommen würde. Insbesondere da ständig neue Freiwillige an den Gruppen teilnehmen würden, dürften die Trainings nicht aufhören. Die Trainings stellen in diesem Sinne eine Ausbildung in der Zusammenarbeit dar, sind aber daneben auch Vermittlungs- räume, in denen den Gemeindegruppenmitgliedern "geholfen wird zu verstehen" ("to help them understand"), unter welchen Konditionen aus Perspektive der NGO die Zusammenarbeit eingegangen werden kann, da hierbei unterschiedliche Verständnisse der Arbeit und von Hilfe aufeinandertreffen können. Wie eine andere Mitarbeiterin auf die Frage nach einem möglichen Erfolg der Projekte erläutert: "community members need to understand the spirit of voluntarism" (P2 / 15). Aus Sicht der NGO muss den Gemeindegruppenmitgliedern also das Prinzip der Freiwilligkeit oder, anders ausgedrückt, die Logik und Funktionsweise des Projektmodells erklärt werden. Demzufolge versuchen sie eine materiell ausgerichtete Erwartungshaltung mittels logischer Erklärung und daraus folgender Einsicht zu überwinden. Diese Versuche können anscheinend soweit gehen, dass manche der Mitarbeitenden selbst Kinder unterstützen, um dies gegenüber den Gemeindegruppenmitgliedern vorweisen zu können (vgl. P2 / 7). Dies mag in der Schwierigkeit begründet sein, Menschen zu freiwilligem und unbezahltem Engagement zu motivieren und ihnen gleichzeitig Aufgaben zuzuweisen.

Abschließend kann festgehalten werden, dass sich die Übertragung der Projekt- und insbesondere der Patenschaftsarbeit auf die Gemeindegruppen auf deren Verhältnis zur NGO auswirkt. Die Gemeindegruppen sollen die NGO bei der Ausgabe von Gütern an die Kinder und bei der Sammlung von Informationen über die Patenkinder unterstützen. Die Arbeit für die Erhebung von Informationen für die Korrespondenz mit den Paten und das Monitoring der Patenkinder für die NGO kann als Dienstleistung seitens der Gemeindemitglieder angesehen werden, da die Gemeindeallianzen selbst diese Informationen nicht nutzen und folglich nur bedingt ein Gefühl der ownership für diese Arbeit ausbilden. Die Informationen dienen letztlich der NGO und werden für das Einwerben von Ressourcen benötigt. Zusätzlich können insbesondere die von der NGO eingesetzten child minders dazu beitragen, dass sich bei der Patenschaftsarbeit die Ansicht herausbildet, es handle sich um eine Dienstleistung gegenüber der NGO. Nach einer solchen Auffassung der Patenschaftsarbeit als Dienstleistung befragt, antwortet eine Mitarbeiterin der NGO:

Grace: For me, I see sponsorship as a big opportunity to build the capacity of the communities. Sponsorship is a good concept. Sponsorship is a good initiative, but it's just maybe the way we do it, when do we do it. Because if I am starting an [community] program, three months later, or, six months later I am giving goods ‒ gifts in kind. Or three months later I register children. People will not volunteer, because they want ‒ they see them as responsible communities. They'll come forward because they have seen the things coming. So for me, while the concept is good, what would want to make sure works well in, for most vulnerable children is especially when should sponsorship be done in the process. Is it at the beginning, is it six months later, is it one year later. So that it does not distort. Because immediately in the community to introduce gifts, you distort the concept of ownership (I / GB / 15).

Im Prinzip sieht sie die Patenschaften als einen guten Ansatz. Die Schwierigkeit liege ihrer Meinung nach in der Bestimmung des Zeitpunktes, an dem die Patenschaften und damit verbunden auch die Aushändigung von Hilfsgütern und materiellen Entlohnungen an die Gemeindegruppen richtig gewählt wären. Denn sollten die Hilfsgüter zu früh ausgegeben werden, so würde dies die Motivation der Menschen in den Gemeinden fehllenken und das Verantwortungsbewusstsein, das freiwillige Engagement und die Eigentümerschaft für die Projekte untergraben. Somit wird auch hier der Spagat zwischen einer Belohnung und einer Korrumpierung der Gemeindegruppenmitglieder hervorgehoben. Die Eigentümerschaft wird aus dieser Perspektive mit unbezahltem Engagement gleichgesetzt. Diese Aufgabenverteilung gilt es von Anfang an klarzustellen ohne materielle Anreize einzusetzen. Die Herausforderung bei der Herstellung von Graswurzelinitiativen besteht für die NGO folglich darin, die Balance zwischen Anreizen sowie Kompensationen für die Freiwilligen und ihrer Eigeninitiative gegenüber dem Charakter einer Dienstleistung gegen Bezahlung zu wahren. Mitarbeitende an einem Projekt bringen diesen Konflikt wie folgt zum Ausdruck:

Also community wanted umbrellas and did not receive them, which lead to low participation at trainings (since it is burdensome to come a long way in the rain). The problem lies in the dilemma not to corrupt volunteering and at the same time to reward volunteers. Through the Kebele leaders expectations have been minimized and volunteerism increased (R / Ä / 12 f.).

Die NGO muss ihrerseits anerkennen, dass sie Anreize auch einsetzt, um die Projekte gegenüber den Gemeindemitgliedern attraktiv zu machen. Eine Mög- lichkeit besteht der Aussage zufolge darin, die Gemeindemitglieder über die traditionellen Führer zur Teilnahme zu bewegen und das Verständnis und die unterschiedlichen Erwartungshaltungen gegenüber der NGO wie auch den Gemeindegruppen zu klären.

  • [1] Die Vorgehensweisen diesbezüglich sind allerdings von Büro zu Büro verschieden. Einheitliche Regelung scheint es keine zu geben. So kann für die Teilnahme an einem Treffen außerhalb der Gemeinden eine Aufwandsentschädigung bezahlt werden, während für Treffen in den Gemeinden selbst keine finanzielle Entschädigung bezahlt (vgl. P2 / 1) und nicht immer eine Verpflegung von der NGO bereitgestellt wird
  • [2] Vgl. zur Interpretation von Partizipation in Entwicklungsprojekten als Tauschgeschäft Kühl (1998)
 
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