Die Gewerkschaften als ökonomischer Akteur

Gewerkschaften als Akteure gesellschaftlicher Transformation spielen eine verhältnismäßig geringe Rolle im Denken der Schüler. In der Regel sprachen die Schüler Gewerkschaften nicht von sich aus an, sondern mussten direkt danach gefragt werden. Von denjenigen Schülern, die Vorstellungen über Gewerkschaften hatten, standen ihnen fast alle positiv gegenüber. Meist wird als Grund für diese positive Grundhaltung allgemein genannt, dass es gut sei, dass sich Gewerkschaften für die Interessen von Arbeitnehmern einsetzen. Selten werden tiefer gehende Überlegungen vorgebracht. Während Menschenrechte mehrfach genannt werden, werden Arbeitsrechte kaum erwähnt. Vorstellungen davon, dass die Rechte von Arbeitern historisch erkämpft wurden, werden von den Schülern nur in Ausnahmefällen angeführt. Konkrete lohnpolitische Auseinandersetzungen sind so gut wie nicht bekannt. Insgesamt steht hier eine positive Grundeinstellung einem relativ oberflächlichen Wissen gegenüber. Dies steht insbesondere im Kontrast zu den sehr viel differenzierteren Kenntnissen über die Bedeutung und die Aufgaben von Unternehmen.

Im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung über die Rolle der Gewerkschaften argumentieren ausschließlich einige wenige Gymnasiasten sozialpartnerschaftlich und heben die Notwendigkeit gewerkschaftlichen Handelns hervor, damit Unternehmen und Arbeitnehmerschaft in einem Gleichgewicht seien. Die Vorstellung einer gesellschaftlichen Balance, die als gerecht vorausgesetzt wird, verstellt dabei den Blick auf strukturelle soziale Ungleichheiten im betrieblichen, nationalen und globalen Rahmen. Den Schülern fehlt hier die Möglichkeit, eine Perspektive jenseits einer systemkonformen Affirmation des Status Quo einzunehmen. Eine auf Pluralität und Kontroversität zielende Bildung muss hier ansetzen. Zum einen sollte das Wissen um Gewerkschaften und Arbeitsrechte vertieft werden. Dies gilt insbesondere für die Hauptschüler, die deutlich weniger über Gewerkschaften wissen und die in der neunten Klasse möglicherweise kurz vor dem Eintritt ins Berufsleben stehen. Während die Vorstellungen von Gewerkschaften verhältnismäßig oberflächlich sind, ist das Wissen um die Perspektive von Unternehmen verhältnismäßig differenziert und ausgeprägt. Dieser Bias würde von einer marktaffinen Ausrichtung ökonomischer Bildung verstärkt und dabei dem Ziel der Pluralität weiter entgegen wirken.

Zum anderen müsste eine zeitgemäße Didaktik den Schülern ermöglichen, mehrere Perspektiven auf den gesellschaftlichen Status Quo einzunehmen. Ohne einen Zugang zu alternativen Gesellschaftsmodellen und normativen Bezugssystemen jenseits der gegenwärtigen Verhältnisse können Gewerkschaften nicht als ernstzunehmende politische Akteure wahrgenommen werden. Vielmehr nehmen sie in den Augen der Schüler die Rolle von Dienstleistern an oder ihnen wird eine Art kosmetischer gesellschaftlicher Korrekturfunktion zugeschrieben, die punktuell die sowieso geltenden Arbeitsrechte durchsetzen. Ein Verständnis von grundsätzlich unterschiedlichen Interessen der verschiedenen gesellschaftlichen Akteure und der Notwendigkeit einer organisierten Vertretung der Arbeitnehmer kann sich vor diesem Hintergrund nicht entwickeln.

 
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