Migrationspolitische Bildung und Rassismuskritik

„Ausländerpädagogik“, „Interkulturelle Pädagogik“, „Migrationspädagogik“ und „migrationspolitische Bildung“

Im Folgenden werden die Implikationen der empirischen Befunde für die konzeptionelle Gestaltung migrationspolitischer Bildung dargestellt. Der Ansatz von migrationspolitischer Bildung ist eng mit der Migrationspädagogik verbunden und weist viele inhaltliche Schnittmengen auf. Beide haben sich erst in den letzten Jahren herausgebildet. Nach der Etablierung der interkulturellen Pädagogik, die die ausgrenzenden Annahmen der „Ausländerpädagogik“ grundlegend infrage gestellt hatte, fand in der kritischen Pädagogik eine weitere Verschiebung hin zur Migrationspädagogik und migrationspolitischen Bildung statt. Der migrationspädagogische und migrationspolitische Ansatz geht davon aus, dass die Realität der Migrationsgesellschaft die gesellschaftliche und individuelle Wirklichkeit prägt (Lange 2009, S. 163 ff.). Anders als in vielen Ansätzen der interkulturellen Pädagogik, in der die als kulturell gefassten Differenzen reproduziert oder sogar verstärkt werden, stellt der migrationspädagogische Ansatz die Prozesse der Herstellung von natio-ethno-kulturellen Zugehörigkeiten und Nicht-Zugehörigkeiten selbst zur Disposition (vgl. Hamburger 2009; Mecheril et al. 2010, S. 79 ff.). Die „zumeist herabwürdigende und benachteiligende binäre Unterscheidung zwischen einem sozial konstruierten natio-ethno-kulturellen Wir und einem Nicht-Wir“ (Scharathow et al. 2011, S. 10) wird durch ein komplexes System gesellschaftlicher Praktiken – von Gesetzgebungen über Mediendarstellungen zu individuellen Habitualisierungen – reproduziert und legitimiert.

Eine diese Unterscheidung infrage stellende rassismuskritische Praxis nimmt eine zentrale Rolle für den Ansatz der Migrationspädagogik und der migrationspolitischen Bildung ein. Rassismus wird hier „nicht vorrangig als individuelles Phänomen (rassistische Handlungen von Einzelnen; der ‚irregeleitete Rassist' als Ausnahmeund Randerscheinung) untersucht, als Phänomen, das in erster Linie für bestimmte Personen oder Gruppen allein kennzeichnend ist, sondern als Strukturprinzip gesellschaftlicher Wirklichkeit.“ (Scharathow et al. 2011, S. 11) Demnach ist davon auszugehen, dass Rassismus in der „gegenwärtigen bundesdeutschen Gesellschaft weitgehend normalisiert“ ist, was bedeutet, dass Rassismus „alltäglich und banal und gerade deshalb unsichtbar“ (Messerschmitt 2010, S. 259) ist. Mit dieser Herangehensweise hebt sich die rassismuskritische Perspektive sowohl von einem im Alltag als auch in vielen Fachdisziplinen verbreiteten Verständnis von Rassismus ab, nach dem dieser auf eine gesellschaftliche Randerscheinung reduziert und damit gesellschaftlich externalisiert wird. Mecheril stellt in Bezug auf die Politische Bildung fest, dass „selbst in den sich kritisch verstehenden Ansätzen kaum Auseinandersetzungen mit rassistischen Verhältnissen ohne eine Zuspitzung auf (rechts-)extremistischen und dadurch immer als außergewöhnlich verstandenen Rassismus“ stattfinde (Mecheril 2010, S. 241).

Migrationspolitische Bildung hebt insbesondere hervor, dass eine normative Neuorientierung nicht ausreichend ist, um die angesprochenen Problemlagen für die politische Bildungsarbeit zu lösen. Migrationspolitische Bildung strebt daher eine stärkere empirische Fundierung an und fragt nach den Vorstellungen und Orientierungen von Schülern innerhalb der Migrationsgesellschaft (Lange 2009, S. 169). Die Fähigkeit, sich in der Migrationsgesellschaft zu orientieren, ist angesichts ihrer Realität eine Voraussetzung für eine mündige gesellschaftliche Teilhabe für alle in der Bundesrepublik lebenden Menschen (Lange 2009, S. 163). Nach wie vor sind Ansätze politischer Bildung oft implizit an Jugendliche ohne Migrationsoder Rassismuserfahrung adressiert. Die differenzierte Erfassung der Lernvoraussetzungen ermöglicht eine zielgruppenspezifische Konzeptionalisierung, die der Pluralität der migrationsgesellschaftlichen Realität gerechter wird. Gleichzeitig kann einer Perspektive, die migrationsbezogene Bildungsangebote mit defizitorientierten und kompensatorischen Prämissen konzeptionalisiert, ein migrationsgesellschaftlich informierter Ansatz entgegengestellt werden. Für die migrationspolitische Bildung stellt eine theoretische Auseinandersetzung mit zentralen Konzepten und Begriffen, wie beispielsweise Migrant, Deutsch-Sein, Integration, Nationalität, Partizipation und Kultur (Lange 2009, S. 172 ff.), eine ebenso fundamentale Voraussetzung dar, wie die empirische Erfassung migrationsgesellschaftlicher Vorstellungen von Lernenden.

 
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