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2. Rechtsökonomische Hypothese: Senkung der Transaktionskosten

Die jüngere rechtsökonomische Denkschule fragt gemäß dem Coase-Theorem zunächst nach einer marktmäßigen Kooperationslösung in einer Welt ohne Transaktionskosten. So könnte ein Urheber bereits vor der Veröffentlichung eines Werkes mit allen potenziellen Nutzern eine Vergütung vereinbaren und die Veröffentlichung erst anschließend vornehmen. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht könnten somit die Anbieter kreativer Werke die positiven sozialen Effekte ihres Schaffens vorab internalisieren. Sie würden also den gesamten Nutzen ihrer Werke bei ihren Investitionsentscheidungen berücksichtigen, sodass letztlich eine effiziente Menge an Ressourcen für die Schaffung von Werken aufgewendet wird. Die Nutzung eines Werkes dürfte jedoch nur den Parteien des vorab geschlossenen Kooperationsvertrags offenstehen, da sonst das Trittbrettfahrerproblem auftritt. Potenzielle Nutzer eines Werkes würden die kostenlose Nutzungsmöglichkeit antizipieren und wären schon vorab nicht bereit, den Urheber für die Erstellung des Werkes zu kompensieren.

In der Realität fallen nun aber Transaktionskosten an, die einer Vertragslösung im Weg stehen. Die potenziellen Vertragspartner müssten Ressourcen aufwenden, um sich im Markt zu finden, sich auf einen Vertrag verständigen und dessen Einhaltung sicherzustellen. Unproblematisch wäre diese Möglichkeit für spezifische Werke, die für einen kleinen Nutzerkreis vorgesehen sind und keine anderweitige Verwendung haben. So sollte beispielsweise ein Bauherr kaum Schwierigkeiten haben, einen Architekten mit der kreativen Gestaltung eines Bauwerkes zu beauftragen und ihn für erstellte Pläne und Skizzen zu kompensieren. Soll nun aber etwa eine dreiminütige Musikaufnahme einem weltweiten Publikum zur Verfügung gestellt werden, ist eine Vertragslösung kaum denkbar, die alle potenziellen Nutzer einschließt. Die Transaktionskosten, die für eine einzelne Transaktion aufzubringen wären, würden in vielen Fällen schon den individuellen Nutzen der Rezeption des Musikstücks übersteigen. Zudem wäre sämtlichen Verträgen die Grundlage entzogen, wenn ein einzelner Nutzer vertragswidrig Kopien über das Internet anbietet. Aus diesem Beispiel wird offensichtlich, dass insbesondere die nachvertraglichen Überwachungs- und Durchsetzungskosten bei Immaterialgütern im Vergleich zu körperlichen Gütern besonders hoch ausfallen. Dieses Problem bezieht sich bereits auf die Fähigkeit des Urhebers, vertragswidrige Nutzungen überhaupt feststellen zu können. So kann der Eigentümer ohne Weiteres den Diebstahl eines körperlichen Gutes (z.B. Automobil, Schmuck, Mobiltelefon) feststellen, während der Urheber eines Werkes nicht bemerkt, dass sein Werk ohne seine Zustimmung genutzt wird.

Unter Einbeziehung der Transaktionskosten ist also die Annahme unzutreffend, dass es zu einem absoluten Marktversagen kommt und niemand schöpferisch tätig wird. Tatsächlich wird die ökonomische Wohlfahrt nur beeinträchtigt, wenn potenzielle Transaktionen, die die Erstellung und den Austausch von Immaterialgütern bezwecken, nicht stattfinden, weil die anfallenden Transaktionskosten den Kooperationsgewinn übersteigen. Versteht man nun das Urheberrecht als einen Eingriff des Staates in ein normalerweise effizientes Marktgeschehen, so wäre er nur gerechtfertigt, wenn er die Transaktionskosten im Markt positiv zu beeinflussen vermag. Aus institutionenökonomischer Sicht ist das Urheberrecht demnach ein Bündel individuell abgrenzbarer und übertragbarer Handlungsrechte, deren Ziel in erster Linie die Senkung der nachvertraglichen Transaktionskosten ist. Wie bei Handlungsrechten an körperlichen Gütern übernimmt das Rechtssystem Funktionen der Überwachung und Durchsetzung von Handlungsrechtsansprüchen. Das Rechtssystem kann diese Funktionen deutlich günstiger ausführen als private Marktteilnehmer, da es allgemeinverbindliche Regeln schaffen kann, ohne das Einverständnis, sich diesen Regeln zu unterwerfen, von jedem Marktteilnehmer einholen zu müssen. Zudem kommt es zu wesentlichen Skalen- und Verbundeffekten, wenn diese Funktionen für eine Vielzahl von Transaktionen gewährleistet werden.

Nach herrschender Meinung führen umfangreiche und übertragbare Handlungsrechte in den Händen kleiner geschlossener Gruppen regelmäßig zur effizienteren Nutzung von Ressourcen. Zu berücksichtigen ist aber auch, dass die Einrichtung von Handlungsrechten mit Kosten verbunden ist, die deren Nutzen nicht übersteigen dürfen. Das stärkste Urheberrecht führt somit nicht zwangsweise zu höchstmöglicher Effizienz. So verringert es zwar nachgelagerte Transaktionskosten, die der Produktion bzw. Schöpfung von Werken im Weg stehen, erhöht aber solche Kosten, die bei der rezeptiven und produktiven Nutzung bestehender urheberrechtlich geschützter Werke anfallen. Nicht existente urheberrechtliche Handlungsrechte müssten erst gar nicht übertragen und kontrolliert werden. Insbesondere bei älteren Werken kann es kostspielig sein, den Rechtsinhaber zu identifizieren und zu lokalisieren. Es fallen unter Umständen erhebliche Lizenzierungskosten an. Übersteigen diese Kosten den möglichen Nutzen, wird dieser auch hier nicht realisiert. Geht man zudem davon aus, dass bei der Erstellung neuer Werke oft bestehende Werke als Vorlage dienen oder eingearbeitet werden, so warden die Transaktionskosten, die bei den Verhandlungen mit dem Rechtsinhaber anfallen, Teil der Produktionskosten des neuen Werkes. Der Nutzen des urheberrechtlichen Schutzes ist also gegen die erhöhten Transaktionskosten der Nutzung abzuwägen, die einem Nutzenverlust gleichkommen.

 
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