Bedeutung der sozialen Positionierung

Dieser schichtspezifische Befund hat mehrere Implikationen sowohl für die Entwicklung einer zielgruppenorientierten Didaktik als auch für die Gestaltung von validen Forschungsansätzen in diesem Themenfeld. Oft wird in alltäglichen und wissenschaftlichen Erklärungsmodellen von „Vorurteilen“ und des Rassismus davon ausgegangen, dass Armut und Bildungsferne diese Phänomene hervorbringen und die Intensität der ausgrenzenden Denkweise mit dem Ausmaß der marginalisierten Position in einem direkten Verhältnis stehe. Auch eine Reihe von empirischen Studien kommt zu entsprechenden Ergebnissen. So schlussfolgert beispielsweise Heitmeyer, dass Jugendliche mit einer ungesicherten Lebenssituation, deren Alltag von „Ohnmachtserfahrungen“, „Handlungsunsicherheit“ und „Vereinzelung“ geprägt ist, deutlich anfälliger für rechte Orientierungen seien (Heitmeyer 1994, S. 47). Oder beispielsweise kommt die quantitative Studie „Die Abwertung der Anderen. Eine europäische Zustandsbeschreibung zu Intoleranz, Vorurteilen und Diskriminierung“, die in Anlehnung an das von Heitmeyer entwickelte, in diesem Bereich bundesweit sehr einflussreiche Forschungsformat zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit arbeitet, zu dem Schluss, dass „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit mit niedrigem Einkommen“ zuund mit höherem Bildungsgrad abnehme (Zick et al. 2011, S. 101 ff.).

Vor dem Hintergrund der Befunde unserer Untersuchung kann vermutet werden, dass eine proportionale Entsprechung von Bildungsferne und Armut mit ausgrenzendem Denken eher der Form der Forschungsfrage und ihrer Operationalisierung als der Tatsache einer stärker ausgrenzenden Denkweise geschuldet ist. Die Befunde legen nahe, dass privilegierte Gruppen keineswegs weniger ausgrenzendes Denken zeigen, sondern vielmehr andere Formen verwenden. In den letzten Jahrzehnten wurde die Hypothese, die ausgrenzendes Denken proportional zu gesellschaftlicher Benachteiligung fasst, mehrfach infrage gestellt. So kommt etwa die Studie „Jugend 90“ zu dem Schluss, dass eine größere Verbreitung ausgrenzenden Denkens bei privilegierten Jugendlichen festzustellen sei (vgl. Held et al. 1992). Insgesamt stellen die Autoren dabei aber infrage, dass eine bestimmte soziale Lebenssituation in ein direktes Verhältnis zur politischen Orientierung gesetzt werden könnte (Held et al. 1995, S. 121 f.).

Während etwa der Desintegrationsansatz von Heitmeyer et al. auf die ‚Immunisierungsfunktion' von traditioneller Familie und sozialkulturellen Milieus für ausgrenzendes Denken verweist, weisen Kritiker dieses Ansatzes darauf hin, dass mit diesem dominierenden Fokus der Forschung, die Bedingungen für ausgrenzendes Denken, die in den gehobenen gesellschaftlichen Milieus anzutreffen sind, aus dem Blick geraten (vgl. Fischer 2006, S. 38 f.). Eine Perspektive, die die Entstehungsbedingungen ausgrenzenden Denkens am gesellschaftlichen Rand bzw. bei gesellschaftlich benachteiligten Gruppen verortet, übersieht allzu leicht, dass auch in privilegierten Positionen ausgrenzende Denkweisen geäußert werden.

 
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