Ökonomisch bedingte Diskriminierung

Die ungleiche Bewegungsfreiheit wird auch unter ökonomischen Aspekten von einigen Schülern problematisiert. Eine Vorstellung ist, dass der zentrale Grund für die Abschottungspolitik in der Verteidigung des persönlichen und nationalen Wohlstands zu finden sei. Diese Verteidigung würde sich gegen die Geflüchteten richten. Eine bisher uneingelöste Forderung in der fachdidaktischen Debatte ist, dass neoliberale Diskurse, die Standortnationalismus, persönliche Konkurrenzmentalitäten, die Betonung des staatsbürgerlichen ‚Innen-außen'-Gegensatzes und die Ethnisierung des Sozialen befördern, mit Konzepten zu begegnen sei, die Schüler in die Lage versetzen, diese gesellschaftlich virulenten Deutungsmuster zu problematisieren und andere Perspektiven einnehmen zu können (vgl. Butterwegge 2010, S. 272 ff.).

An dieser Stelle können die Ausführungen von zwei Hauptschülern betrachtet werden, die es als ungerecht empfinden, dass im Niedriglohnsektor der Anteil von Migranten überproportional höher ist. Die verschiedenen Formen der Ungleichbehandlung auf dem Arbeitsmarkt sind didaktisch vernachlässigt und kaum anschlussfähig an gegenwärtige Unterrichtskonzeptionen.

Dieses fachdidaktische Defizit steht im Kontrast zu den fachwissenschaftlichen Auseinandersetzungen, in denen beispielsweise die Stratifikation des Arbeitsmarktes aufgrund von natio-ethno-kulturellen Zugehörigkeiten breit diskutiert wurde (vgl. Mezzadra und Neilson 2013). In den Debatten der kritischen Migrationsforschung der letzten Jahre wurde auf die Gefahr hingewiesen, dass der alleinige Fokus auf Menschenrechte für ein analytisches Verständnis des Migrationsregimes zu kurz greife. Es wird angemerkt, dass eine Analyse des Migrationsregimes auch andere gesellschaftliche Dimensionen in den Blick nehmen müsse (Mezzadra und Neilson 2013). Gerade die Alltagswahrnehmung der beiden Hauptschüler erscheint hier als ein Ansatzpunkt, diese Hinweise der fachwissenschaftlichen Diskussion für die Didaktik fruchtbar zu machen.

Ein Gymnasiast spricht eine weitere strukturelle Facette von struktureller Diskriminierung an und stellt einen Zusammenhang zur Geschichte des Kolonialismus und der damit verbundenen ethischen Verantwortung in der Gegenwart her. Die Tatsache, dass er eine Ausnahme innerhalb der Untersuchungspopulation darstellt, steht konträr zu der Tendenz in fachwissenschaftlichen Auseinandersetzungen, wo immer stärker eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Bedingungen im postkolonialen Rahmen eingefordert wird (vgl. Messerschmitt 2010; Rommelspacher 2011). Gegenwärtige didaktische Konzeptionen weisen hier große Defizite gegenüber fachwissenschaftlichen Auseinandersetzungen auf, die fachdidaktische Neuorientierungen dringend nötig machen.

 
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