Globales Lernen

Der Ansatz des Globalen Lernens geht davon aus, dass der Globalisierungsprozess die Verhältnisse zwischen der individuellen Lebenswelt, der Arbeitswelt und den globalen Entwicklungen neu ordnet (vgl. Angilletta 2002, S. 47 ff.). Politische Handlungsfähigkeit ist eng mit dem Verständnis des weltweiten Prozesses des Ineinandergreifens ökonomischer, politischer und sozialer Realitäten verbunden. Es bedarf also eines Verständnisses globalisierter Politik als Grundlage politischer Bildung und Voraussetzung für politisch reflektierte Handlungsfähigkeit (vgl. Overwien und Rathenow 2009a, S. 15 ff.; Beck und Lange 2005, S. 8 f.). Dies hat grundlegende Konsequenzen für den Bildungsraum Schule und verlangt nach einer ganzheitlichen Neukonzeptionalisierung von Bildungszielen, -inhalten und -methoden, die die Schüler in die Lage versetzen müssen, verantwortungsvoll die Gestaltung des persönlichen und beruflichen Lebens zu meistern und politische Handlungsfähigkeit für den nationalen und globalen Rahmen zu erlangen (vgl. Kalex und Gramann 2009, S. 137 ff.).

Der Begriff des Globalen Lernens bündelt pädagogische Ansätze, die diesem Anspruch gerecht werden wollen. Er stellt insofern eine mögliche didaktische Antwort auf die veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Globalisierung dar. Als Ziele des Globalen Lernens werden die zu erwerbende Fähigkeit zum Perspektivenwechsel, zum ganzheitlichen, systemisch orientierten Denken sowie zur weltweiten Solidarität, Empathie und Selbstbestimmung betont. Die normativen Leitbilder lassen sich unter die beiden Schlagworte globale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit fassen. Lernende sollen befähigt werden, das eigene Leben entsprechend dieser Leitbilder zu gestalten und auf gesellschaftliche Entwicklungen in diesem Sinne einzuwirken (vgl. Heinrich 2012; Bormann 2012).

Die Wurzeln des Globalen Lernens liegen in der entwicklungspolitischen Bildung, der Friedenspädagogik, der Menschenrechtsbildung, der interkulturellen Pädagogik und der Umweltbildung (vgl. Overwien und Rathenow 2009b, S. 107). Der dementsprechend heterogene Ansatz des Globalen Lernens hat lange Zeit vor allem in außerschulischen Bildungskontexten eine Rolle gespielt. Insbesondere im Umfeld von Aktivitäten von Kirchen, Nichtregierungsorganisationen, Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit und Solidaritätsinitiativen wurden vielfältige Materialien für die Jugendund Erwachsenenbildung entwickelt. Erst nach und nach diffundieren diese auch in die Schule hinein (vgl. Overwien und Rathenow 2009a, S. 16). Insbesondere die Diskussionsprozesse rund um die Agenda21 und die Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) haben für eine Weiterentwicklung und Institutionalisierung gesorgt (vgl. Riß und Overwien 2010). Inzwischen haben Ansätze des Globalen Lernens und BNE – nicht zuletzt im Zuge der Veröffentlichung des ‚Orientierungsrahmens für den Lernbereich Globale Entwicklung'[1] (BMZ und KMK 2007) – Einzug in Lehrpläne verschiedener Bundesländer, in Handreichungen von Landesinstituten für Lehrerweiterbildung und in Lehrbücher gehalten (vgl. Overwien und Rathenow 2009a, S. 12).

Dennoch kann ein bildungswissenschaftliches Defizit konstatiert werden: Nach Hedtke (2002) ist zwar die sozialwissenschaftliche, politikwissenschaftliche oder wirtschaftswissenschaftliche Literatur zum Themenbereich der Globalisierung unüberschaubar, es gebe aber keine umfassende Konzeptionalisierung und Theoretisierung im Bereich der Politikund Wirtschaftsdidaktik. Dies gilt weitestgehend bis heute. Erst nach und nach dringt das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer die globalen Zusammenhänge als zentrales Moment verstehenden Bildungskonzeption in die Diskussionszusammenhänge der entsprechenden Akteure. Während beispielsweise im 2004 von der „Gesellschaft für Politikdidaktik und politische Jugendund Erwachsenenbildung“ (GPJE) vorgelegten Entwurf „Nationaler Bildungsstandards“ die globalen Entwicklungen beinahe vollkommen ignoriert wurden, hat sich seitdem in den politikund wirtschaftsdidaktischen Debatten einiges getan (vgl. Overwien und Rathenow 2009a, S. 18 f.). Dennoch muss konstatiert werden, dass – gemessen am didaktischen Ziel der politischen Urteilsund Handlungsfähigkeit von Lernenden in globalen Zusammenhängen – die Diskussion erst am Anfang ist (vgl. Riß und Overwien 2010, S. 14). Um dieses Ziel zu erreichen, ist eine Weiterentwicklung, Institutionalisierung und theoretische Konzeptionalisierung der Ansätze des Globalen Lernens und eine kritische Begleitung dieser von entscheidender Bedeutung.

  • [1] Im Folgenden nur ‚Orientierungsrahmen 2007'.
 
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