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Das Entwicklungsparadigma

Die empirischen Befunde der hier vorliegenden Studie legen nahe, einen besonderen Fokus für die didaktische Konzeptionalisierung auf das Entwicklungsparadigma zu legen. Die festgestellte Dominanz des entwicklungstheoretischen Paradigmas in den Vorstellungen der Schüler ist aus didaktischer Sicht höchst problematisch. In den staatsdefizitären, evolutionistischen, biopolitischen, kulturalistischen, klimatheoretischen, entwicklungspolitischen und tautologischen Erklärungsansätzen der Schüler für die globale Ungleichheit werden zum Teil koloniale Argumentationsweisen reproduziert, implizit oder explizit Überund Unterlegenheitsstrukturen artikuliert und Machtund Ausbeutungsstrukturen nicht zur Kenntnis genommen. Diese in den Vorstellungen der Schüler identifizierten Ansätze sind Aspekte entwicklungstheoretischen Denkens. Die Problematisierung des Entwicklungsparadigmas kann im Anschluss an Ziai (2010) auf die drei Punkte 1) Eurozentrismus, 2) Entpolitisierung und 3) Treuhandschaft reduziert werden.

1. Dem Entwicklungsparadigma liegt ein Eurozentrismus zugrunde: Durch den Entwicklungsdiskurs werden Prozesse, die in Europa und den europäischen Siedlungskolonien in Nordamerika stattfanden, zur historischen Regel erklärt. Partikulare historische Prozesse erscheinen so als menschheitsgeschichtlicher Fortschritt – wobei die sozio-ökonomischen und gewaltvollen „Schattenseiten“ sowohl in der kolonialen Expansion als auch in den normsetzenden Regionen selbst ausgeblendet werden. Die eigene Gesellschaft erscheint so als Ideal, während andere Gesellschaften als defizitäre Versionen derselben kategorisiert werden, was besonders an Attributen wie „unterentwickelt“, „rückständig“ usw. deutlich wird (vgl. Ziai 2010, S. 400). Dabei knüpft diese Vorstellung einer unilinearen Weltgeschichte an eine lange Tradition kolonialer Wissensproduktion an – nicht zuletzt ausgehend vom Prozess der europäischen Aufklärung (vgl. Kleinschmidt 2013). Das Sprechen von „Entwicklung“ ist seit den 1950ern Jahren zum herrschenden Diskurs geworden (vgl. Escobar 1995). Die Schüler verwenden dabei nicht nur allgemein die entwicklungstheoretischen Schlagwörter, wie „Unterentwicklung“, „noch nicht so weit“ usw., sondern greifen auf ganze Argumentationsweisen dieser eurozentrischen Denkformen zurück.

2. Das Entwicklungsparadigma wirkt entpolitisierend: Der Entwicklungsdiskurs ist ein Interpretationsraster, durch das wir über verarmte Weltregionen Bescheid zu wissen glauben. Dieses Interpretationsraster macht eine Vielzahl von alltäglichen Beobachtungen und Bildern verständlich. Bilder von Armen im Globalen Süden werden so als Anzeichen einer bestimmten geschichtlichen Entwicklungsstufe lesbar. Vor diesem Hintergrund erscheint es offensichtlich, dass „verschuldete Drittweltstaaten und hungernde BäuerInnen ein gemeinsames ‚Problem' haben, dass ihnen beiden ein bestimmtes ‚Etwas' fehlt: ‚Entwicklung'“ (Ziai 2013, S. 18). Durch die Charakterisierung äußerst heterogener Phänomene als ‚Entwicklungsprobleme' werden Ursachen und Kontexte verdeckt. Diese Lücke wird mit Vorstellungen von fehlender „Entwicklung“ gefüllt. Nicht beachtet werden dabei die globalen Ungleichheiten in der internationalen Politik und auf dem Weltmarkt, sowie die zahlreichen sozialen und politischen Kämpfe in den entsprechenden Gesellschaften. Armut wird entpolitisiert und als technisches Problem dargestellt (vgl. Ziai 2013, S. 18).

3. Das Entwicklungsparadigma basiert auf Treuhandschaft: Das Prinzip der Treuhandschaft stellt neben dem aufgezeigten Evolutionismus das zweite Standbein der Entwicklungstheorie dar. Dieser Vorstellung zufolge verfügen Experten über das tiefergehende Wissen gesellschaftlicher Wandlungsprozesse. Aufgrund dieser Wissenshoheit erscheinen dann sozialtechnologische Interventionen („Entwicklungsprojekte“) als grundsätzlich legitim. Treuhänderische Interventionen im Namen der „Entwicklung“ fanden in der Geschichte der Entwicklungspolitik oftmals auch gegen den Willen der Betroffenen statt (vgl. Ziai 2010, S. 401 f.). Vor diesem Hintergrund wird der Globale Süden im Entwicklungsparadigma als „passiv und unfähig selbst aus dem elenden Zustand zu entkommen“ (Ziai 2013, S. 18) vorgestellt. Das paternalistische Motiv der „helfenden Hand aus dem Norden“ steht in nahezu unmittelbarer Kontinuität zu kolonialen Sichtweisen. Die entpolitisierte Betrachtungswiese von Armut und globalen Strukturen führt fast zwangsläufig zu einem Lösungsansatz, der in „größerer Wohltätigkeit der vom System relativ Begünstigten“ (Ziai 2013, S. 18) besteht und nicht in einer Änderung der Machtverhältnisse.

Fazit

Aus emanzipativer Perspektive gilt es, die entwicklungstheoretischen Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen. Die empirischen Befunde stellen einen Ausgangspunkt für didaktische Reflexionen dar, das Profil des Globalen Lernens an diesen Punkten zu schärfen. Für die Didaktik stellt sich die Frage, wie mit den Selbstverständlichkeiten des Entwicklungsparadigmas gebrochen werden kann, um andere Deutungsweisen überhaupt denkbar zu machen. Positiv angeknüpft werden kann hier an die dependenztheoretischen Momente in den Denkweisen der Schüler (vgl. Kapitel Internationale Arbeitsteilung 5.2.1). Es bietet sich aber an, die herrschaftsgeschichtlichen Momente im Entwicklungsparadigma mit den Schülern explizit zu problematisieren – beispielsweise Kontinuitäten mit Denkstrukturen aus der historischen Epoche des Kolonialismus herauszuarbeiten. Dabei muss aber das Problem berücksichtigt werden, dass eine Thematisierung von Stereotypen und Ideologemen auch genau das darauf basierende Denken verstärken kann, da es die weniger komplexen und sowieso zur Verfügung stehenden Denkweisen reproduziert. Ein möglicher Ansatzpunkt könnte sein, alternative Deutungsmuster zur Verfügung zu stellen, die direkt von Kritikern und Bewegungen aus dem Globalen Süden artikuliert werden. Indem beispielsweise Akteure im Globalen Süden – wie die Zapatistas in Mexiko, widerständige Kleinbauern in Mali, Vertreter des Konzepts des buen vivir oder Streikende in den chinesischen Weltmarktfabriken – zu Wort kommen, die sich in global und lokal umkämpften Räumen verorten, kann dem Problem der Entsubjektivierung, Homogenisierung und Entpolitisierung begegnet werden.

 
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