Politik und demokratische Teilhabe

Das Denken in ökonomischen Kategorien geht einher mit einem ganz bestimmten Verständnis von „Politik“. Sowohl die Gymnasiasten als auch die Hauptschüler besitzen ganz überwiegend ein enges Politikverständnis. Die Schüler denken bei dem Begriff „Politik“ an staatliche Institutionen, Regierungen oder Parteien. Dabei wird die so verstandene Politik als quasi neutrale Instanz vorgestellt. Auch wenn in dieser Studie nicht explizit nach der politischen Positionierung gegenüber dem Gegenstand Globalisierung gefragt wurde, lässt sich doch sagen, dass die geäußerten Vorstellungen der 14 bis 15-Jährigen keine Kategorisierungen als „Globalisierungskritiker“ oder als „Globalisierungsgegner“ zulassen. Unkonventionelle Beteiligungsformen werden nur von einzelnen Schülern als Mittel der Einflussnahme in Betracht gezogen. Gewerkschaften werden kaum als relevanter Akteur bei der Gestaltung der Globalisierung wahrgenommen.

Vielmehr ist die dominante Positionierung gegenüber der Globalisierung im Sinne von Roth (2002) als konsumorientierte Anpassung zu bezeichnen. Die große Bedeutung des Konsums zeigt sich darin, dass die Schüler im Zuge der Auseinandersetzung mit den eigenen Möglichkeiten Einfluss auf den Globalisierungsprozess zu nehmen, ganz überwiegend nur den eigenen Konsum nennen. Die große Mehrheit derjenigen, die gesellschaftliche Einflussnahme aus der Perspektive von Konsumenten denken, nimmt dabei eine individuell-konsumtive Haltung ein und thematisiert beispielsweise keine politischen Boykott-Kampagnen. Insgesamt ist festzustellen, dass die Mehrheit der Schüler an der Hauptschule und am Gymnasium kaum eigene Einflussmöglichkeiten sieht.

Die Mehrheit der Schüler spricht zumindest implizit Instrumentarien staatlicher Marktregulation an. Sie setzten sich mit der Frage auseinander, ob die Politik den Firmen etwas sagen sollte bzw. – allgemeiner gesprochen – ob sie wirtschaftsregulativ agieren dürfe. Insgesamt dominiert hier klar eine abwägende Position, die eine gemäßigte Regulation befürwortet. Allerdings wird die Grenze wirtschaftsregulativer Politik überwiegend da gesehen, wo der „gesunde Profit“ bedroht zu sein scheint.

Die meisten Schüler haben von der Wirtschaftskrise gehört. Ihre Vorstellungen davon sind aber fragmentarisch und dominiert durch Versatzstücke stereotypisierender medialer Diskurse. Nur wenige Schüler können sich die Wirtschaftskrise erklären. In mehr als der Hälfte dieser Erklärungen wird die Ursache der Krise im vermeintlichen Fehlverhalten der von der Krise besonders betroffenen Ländern Südeuropas gesehen. Erklärungen, die beispielsweise das Fehlverhalten von Banken als Ursache der Wirtschaftskrise in den Blick nehmen, werden hingegen kaum vorgebracht.

Die gegenwärtige Form der Globalisierung ist kaum zu verstehen, wenn man nicht berücksichtigt, dass viele Jahre eine weitreichende Politik der Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung betrieben wurde. Dass „die Politik“ keine neutrale Instanz ist, sondern als umkämpftes Terrain zu betrachten ist, wird gerade bei dem Gegenstand der Globalisierung deutlich. Nach dem Bekanntwerden des Ausmaßes der Finanzund Wirtschaftskrise stellt sich die Frage, wie Schüler in die Lage versetzt werden können, ihre Interessen zu erkennen und diese politisch wirksam werden zu lassen.

 
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