< Zurück   INHALT   Weiter >

1 Einleitung

Du sollst Dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen… (2. Mose, 20, 4) Diagnostizieren tun wir alle, nur nennen wir es anders (Staub-Bernasconi 2003,

S. 33).

Anerkennung der Fremdheit ist… ein wesentlicher Bestandteil pädagogischer Arbeit, wenn sie nicht mit identifizierenden Schablonen operiert und alles im Rahmen des eigenen Verständnishorizontes zu beurteilen versucht. Anerkennung des unauflösbaren Moments der Fremdheit … ist ebenso konstitutiv wie die Arbeit an ihrer Aufhebung. Pädagogik in einem die Menschen elementar berührenden Sinne ist Grenzwanderung (Negt 1995, S. 290).

Der Inhalt dieses Buches ist sehr theoretisch, zugleich ist sein Anliegen ein sehr praktisches. Alltäglich müssen in der Sozialen Arbeit Menschen in ihrer je eigenen Lebensweise verstanden werden, als Voraussetzung der Klärung dessen, wie die nachfolgende Hilfeleistung aussehen sollte. Dieser so alltägliche Vorgang ist aber zum einen umstritten, zudem theoretisch und methodisch sehr voraussetzungsvoll und aus guten und schlechten Gründen handlungstheoretisch noch nicht geklärt. Die Eingangszitate drücken etwas von der Spannung aus, die mit diesem Thema verbunden ist. Da ist zunächst das Bilderverbot aus dem 1. Buch Mose, also die Forderung, es zu unterlassen, sich ein Bildnis von den Dingen zu machen. Denn die damit verbundenen Festlegungen bilden die Wirklichkeiten nicht ab und führen in die Irre. Zweifel an der Legitimität einer Bildererstellung prägt auch die Diskurse in der wissenschaftlichen Sozialen Arbeit. Professionelle Diagnostik steht im Verdacht, irreführende Bilder hervorzubringen, die die sozialen Probleme nicht erfassen können. Zugleich lässt sich begründen, dass wir gar nicht umhin können, ununterbrochen Bilder von der uns umgebenden Welt zu erstellen, die sodann auch Gewicht erhalten. Wir beobachten, analysieren, urteilen und unterscheiden in der praktischen Sozialen Arbeit beständig und sodann handeln wir helfend aufgrund der entstandenen Unterscheidungen, der Befunde, der Interpretationen, der Bilder. Das heißt, wir diagnostizieren, auch in der Sozialen Arbeit, ohne es allerdings so zu nennen, wie Silvia Staub-Bernasconi prägnant formuliert. Schließlich verweist Oskar Negt, als kritischer Theoretiker, auf diesen Grundkonflikt einer aufgeklärten Pädagogik: die Fremdheit des Anderen in seiner Andersartigkeit grundlegend anzuerkennen, somit auf identifizierende Bildproduktionen zu verzichten und zugleich an der Aufhebung dieser Fremdheit arbeiten zu müssen, uns also ein Bild zu machen. Es ist eine unvermeidbare Grenzwanderung, die es zu reflektieren gilt. Im Bewusstsein um die Spannung einer solchen sozialpädagogischer Praxis, die sich Urteile zu bilden hat, ohne hierbei die Realität unter die Kategorien des eigenen Vorwissens zu subsumieren, bemüht sich dieses Buch um einen Beitrag zur genaueren Klärung einer entsprechenden Handlungslogik. Es will es sich schwer machen und versuchen, möglichst genau zu begründen, warum in der Sozialen Arbeit was wie verstanden werden kann und muss. Hierbei wird von zwei Prämissen ausgegangen, die an dieser Stelle vorab benannt sein sollen. Die Argumentation gründet auf einem methodologischen Individualismus, also auf der Annahme, dass die gesellschaftlichen Makro-, Meso- und Mikroebenen vermittelt sind und zwar über das individuelle Handeln der Akteurinnen und Akteure und dem entsprechend der analytische Blick auf ihr Handeln und dessen Bedingungen ein erkenntnisstiftender Zugang zu sein verspricht. Die zweite Prämisse lässt sich als

„kritischer Realismus“ oder „critical realism“ bezeichnen und meint die Einnahme einer grundlegend ontologischen Perspektive, selbstverständlich ohne konstruktivistische Relativierungen von Verstehens- und Erkenntnisprozessen damit gänzlich zurückweisen zu wollen. Ich gehe davon aus, dass es eine vom menschlichen Denken unabhängige, strukturierte Wirklichkeit gibt und eine verstehende, sowie erkennende, Annäherung an diese Wirklichkeit prinzipiell möglich ist. Es ist eine

„nichtessentialistische Ontologie sozialer Prozesse und Verhältnisse“, die mein derzeitiges Verständnis prägt und damit den von mir gewählten Zugang zur Beantwortung der Frage, wie Verstehen verstanden werden kann (Ziegler 2008, S. 50).

Bereits die ersten Fachbücher sozialpädagogischer Fallarbeit behandelten den Themenbereich des Verstehens. „Social Diagnosis“ (Richmond 1917) und Soziale Diagnose (Salomon 1926) gelten als Klassiker der Fachliteratur Sozialer Arbeit, aber bis heute wird theoretisch, konzeptionell und methodisch um die Gestaltung des, jeder Intervention vorausgehenden, Verstehensprozesses gerungen, also um Form und Inhalt sozialer Diagnose. Wurde mit dieser Frage über Jahrzehnte sehr zurückhaltend umgegangen und die Frage angemessener Diagnostik geradezu vermieden, liegen inzwischen für den Bereich der Jugend- und Familienhilfe zahlreiche Veröffentlichungen neueren Datums vor und auch Veröffentlichungen mit einer Perspektive auf den gesamten Bereich der sozialpädagogischen Handlungsfelder haben in den letzten Jahren wieder enorm zugenommen. Jedoch sind Profession und Disziplin noch nicht zu einem gemeinsamen und übergreifenden Verständnis auf den Ebenen Handlungstheorie, Konzept und Methode vorgedrungen. Dies ist bedauerlich, da es ja zugleich zur unabdingbaren und auch proklamierten Handlungskompetenz von Fachkräften der Sozialen Arbeit gehört „Fälle“ zu verstehen. Soziale Arbeit realisiert sich in den Grundmodi des Verstehens, der Intervention und der Reflexion. Jede sozialpädagogische Intervention fußt auf einem Verständnis von der Realität, das in einem formal hier von unabhängigen Handlungsmodus gewonnen werden musste. Fachkräfte übersetzen also alltäglich diffuse Daten und Fallinformationen in ein sinnhaftes Muster, das ihr nachfolgendes sozialpädagogisches Handeln begründet. Und prinzipiell unstrittig ist auch, dass ein solches Handeln, so es professionell zu sein beansprucht, systematisch und regelgeleitet erfolgen muss, und das heißt heute, alltags- und lebensweltorientiert, unter Einbeziehung der erfahrenen Lebenslage und deren lebensweltlich geprägten Verarbeitungsform auf Seiten der Hilfsadressatinnen und Hilfsadressaten.

Ein zentrales Motiv für die Arbeit an diesem Buch war die Suche nach einer Antwort auf die Frage, wie diese Praxis den Professionellen in der Sozialen Arbeit möglich wird. Wie gelangen sie von der Selbstaufforderung, „das Andere“ zum Bezugspunkt ihres Handelns zu machen, eigentlich zu diesem Verständnis „des Anderen“? Wie gelingt der Sprung über die Grenze des eigenen Vorwissens und Vorurteils zum fremden Anderen? Wie geht also Verstehen, das professioneller Sozialer Arbeit entspricht, mithin den Ansprüchen genügt, die sie selbst an sich stellt? Diese Frage stellt sich in besonderem Maße in der Sozialen Arbeit, weil sie als Handlungswissenschaft, bzw. angewandte Wissenschaft und Profession durch eine systematische Multiperspektivität gekennzeichnet ist. Die ihr obliegende Analyse bio-psycho-sozialer Probleme und die Entwicklung von hierauf bezogenen Hilfen muss zum einen unter Einbezug verschiedener wissenschaftlicher Perspektiven erfolgen, die sie ins Eigene der Beurteilung und Bearbeitung sozialer Problemlagen zu integrieren hat. Zudem muss sie hierbei, dem eigenen Selbstverständnis nach, die individuell-lebensweltlichen und sozialräumlichen Perspektiven der Adressatinnen und Adressaten einbeziehen in die Bilder, die sie sich von den Fällen und den Sozialräumen macht. Ihr Verstehensprozess soll also gerade nicht expertokratisch-monologisch erfolgen, sondern Perspektiven integrieren, jedoch ohne auf Urteile zu verzichten, die für nachfolgendes professionelles Handeln belastbar ist. Ein zweites, diesem sogar vorgelagert, Motiv für die Arbeit an diesem Buch war die Erfahrung, dass in der Praxis der Sozialen Arbeit ein genuin sozialarbeiterisches Verstehen in diesem eigenständig multiperspektivischen Sinne nur wenig entwickelt ist und praktiziert werden kann. Hier erfolgen Fallverstehensprozesse oftmals in den Kategorien der sozialarbeiterischen Bezugswissenschaften, also der psychologischen, psychotherapeutischen, psychiatrischen, sozialpolitischen, soziologischen, seelsorgerlichen… Professionen. Diese feststellbare Dominanz anderer Wissenschafts- und Professionssysteme ist wiederum nicht nur das Ergebnis der Stärke der dort ausgebildeten Konzepte und Methoden, sondern der Schwäche sozialarbeiterischer Verfahren, die methodologisch und handlungstheoretisch nur unzureichend abgesichert sind und denen es in diesem Bemühen um Deutungskompetenz für soziale Problemlagen oftmals an wissenschaftlicher Rechtfertigungsfähigkeit mangelt. Zwar wird anderen Professionen gelegentlich vorgeworfen, eine

„illegitime hegemoniale Deutungsmacht über den wissenschaftlichen und professionellen Gegenstand sozialer Arbeit zu beanspruchen“ (Effinger und Gahleitner 2010, S. 11). Diese Deutungsmacht ergibt sich aber, so meine These, gar nicht so sehr aus der formalen oder personalen Vormacht entsprechender Fachkolleginnen und Fachkollegen in multiprofessionellen Teams, sondern aus einer entsprechenden Leerstelle im Handlungsrepertoire sozialpädagogischer Fachkräfte und einem auch von ihnen selbst vorgenommenen Zugriff auf die diagnostischen Kategorien und Instrumente der entsprechenden Nachbarprofessionen. Das heißt: Dem Anspruch von Sozialer Arbeit, dass für sie „der systemische Blick aufs Ganze und die Wechselwirkung mit anderen im Zentrum ihres Fokus stehen“, entspricht noch kein hinreichend elaboriertes und rechtfertigungsfähiges Handlungsrepertoire im Bereich der Problemanalyse und Diagnostik (ebenda, S. 11).

Ein drittes, alles bestimmendes, Motiv für die Arbeit an diesem Buch ist sodann die persönliche Überzeugung, dass die in Wissenschaft und Profession Sozialer Arbeit zumindest als Anspruch ausgearbeitete Forderung nach einer multiperspektivischen, interdisziplinären und partizipativen Herangehensweise an die Analyse und Bearbeitung bio-psycho-sozialer Problemlagen ein hohes Gut ist, das es zu verteidigen und auszubauen gilt. Expertokratisch-disziplinärer Verengungen, im Blick auf die Analyse individueller Lebensbewältigungsversuche von Menschen, überwinden zu wollen, ist ein emanzipatorisches Programm, das sich insbesondere mit der Theorie- und Praxisentwicklung der Sozialen Arbeit in den letzten Jahrzehnten verbindet, auch wenn noch unzureichend ausgearbeitet ist, wie sich dieser Anspruch handlungstheoretisch abbildet und konzeptionell, sowie methodisch, operationalisiert werden kann. Eine Stärkung dieser sozialpädagogischen Perspektive erscheint mir wünschenswert. Dieser Wunsch resultiert dabei nicht in erster Linie aus dem Motiv, das Prestige der Statusgruppe zu erhöhen, sondern die mit dieser Statusgruppe verbundene Praxisform aus inhaltlichen Gründen zu stärken. Die Lebensweise von Menschen, ihre Bedürfnisspannungen und Bewältigungsanstrengungen auf eine Weise zu verstehen, die einzelwissenschaftliche Perspektiven überwindet, entspricht meinem Verständnis vom handelnden Menschen als einer „person in environment“ und meinem Verständnis von einer angewandten Wissenschaft Soziale Arbeit.

Ich verstehe dieses Buch daher als Beitrag zur Fundierung eines solchen Programms und beteilige mich daran Verstehen zu verstehen, also zur Aufklärung über eine zentrale Handlungsfigur der Sozialen Arbeit beizutragen, sowie die Grundlagen sozialarbeiterischer Verstehensprozesse zu festigen. Das Buch ist somit auch geleitet von dem Interesse, eine spezifische Verstehenspraxis, die mit Sozialer Arbeit verbunden ist, zu befördern, so dass sie handlungstheoretisch abgesicherter und konzeptionell, sowie methodisch, rechtfertigungsfähiger wird. Die Adressatinnen und Adressaten sollen sich „mehr denn je darauf verlassen können, dass SozialarbeiterInnen wissenschaftlich fundiert tätig sind und dass das Wachstum der Sozialen Arbeit mitsamt der Wertschätzung, die die Soziale Arbeit bei der Bevölkerung in Deutschland besitzt, gerechtfertigt ist (Engelke et al. 2009, S. 26).

 
< Zurück   INHALT   Weiter >