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2 Kapitel: Der Eigensinn Sozialer Arbeit

Ich möchte im Folgenden den Eigensinn Sozialer Arbeit ausweisen. Hierbei beziehe ich mich auf die umfassenden Vorarbeiten aus der Wissenschaft Sozialer Arbeit und füge begründet zusammen, was meines Erachtens zusammen gehört. Ich begründe den eigenen Sinn Sozialer Arbeit aus ihrem grundsätzlichen Auftrag (1.1.), ihrem multiperspektivischen Forschungs- und Handlungsansatz (1.2.) und ihrer Lebensweltbzw. Subjektorientierung (1.3.).

2.1 Der Auftrag Sozialer Arbeit

Das Verständnis des spezifischen Handlungsauftrages der Sozialen Arbeit ist seit den Anfängen der Profession immer wieder von der Profession und Disziplin selbst diskutiert worden. Vor der nationalsozialistischen Regierungsphase in Deutschland sind Alice Salomon und Ilse von Arlt zentrale Protagonistinnen eines sich entwickelnden eigenständigen Verständnisses von Sozialer Arbeit als Wissenschaft und Profession im deutschsprachigen Raum. Alice Salomons Einfluss auf die Entwicklung der Sozialen Arbeit ist hierbei von herausragender Bedeutung. Sie schuf ein umfangreiches theoretisches Werk, das sie als Bestandteil einer Wissenschaft der Wohlfahrtspflege verstand (vgl. Salomon 1926, S. 2). Für sie war es das vorrangige Ziel Sozialer Arbeit, menschliches Leiden an Armut entgegenzutreten und die Ursachen zu bekämpfen, was bedeutete, dass sie sich an der Lösung gesellschaftlicher Probleme zu beteiligen- und zugleich individuelle Hilfeleistungen zu erbringen habe. In ihren Augen war Soziale Arbeit die Kunst des Fallverstehens und des entsprechenden Handelns. Mit ihrem methodischen Dreischritt „Anamnese/Diagnose – Behandlungsplan – Evaluation/Ablösung“ und dessen Begründung, ausgeführt in verschiedenen Lehrbüchern, trug sie wesentlich zur Professionalisierung der Sozialen Arbeit bei. Ilse Arlt entwickelte eine eigene Theorie der Sozialen Arbeit (Fürsorgewissenschaft), in deren Zentrum die Armutsforschung stand. Soziale Arbeit habe demnach Armut zu erforschen, konkretes Leiden der Menschen zu beschreiben, dessen Ursachen und Folgewirkungen zu analysieren, Problemlösungen zu entwickeln und deren Wirksamkeit zu evaluieren. (Arlt 1958, S. 51). Fixpunkt der Hilfeleistungen seien ihr zufolge die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse. In der Zeit zwischen 1933 und 1945 erfolgte ein vollständiger Abbruch dieses Professionalisierungsprozesses und die Integration der Sozialen Arbeit in die Erziehungs-, Bildungs-, Selektions- und Vernichtungsziele des Nationalsozialismus. Die Neuordnung der professionellen Sozialen Arbeit nach 1945 knüpfte an frühen Vorarbeiten zunächst nicht an und unterließ die wissenschaftliche Verankerung von Sozialer Arbeit sowohl im Selbstverständnis der Lehrenden als auch der Fachkräfte. Stattdessen konzentrierte man sich auf handwerklich erlernbare kommunikative Fertigkeiten, die dazu dienlich waren, Hilfen gegenüber unterschiedlichsten Personengruppen praktisch leisten zu können (vgl. Müller 2010,

S. 21 f). Carl Wolfgang Müller unterscheidet sodann die Politisierungsphase der 1970er Jahre, von einer Phase des neu entdeckten Hedonismus und einer anschließenden Ökonomisierungsphase. Gegen die Einzelfallorientierung der Nachkriegssozialarbeit gerichtet, wurde zunächst die Perspektive der Sozialen Arbeit wieder auf gesamtgesellschaftliche Strukturen und Prozesse hin erweitert, allerdings ohne die Theoriearbeiten der Vorkriegszeit aufzunehmen. Nach einer kurzen Phase der Psychologieorientierung geriet Soziale Arbeit sodann in die noch andauernde Phase der Verbetriebswirtschaftlichung und Taylorisierung ihrer Organisationsformen und Arbeitsvollzüge, allerdings auf der Basis einer enormen Expansion, die sie zu einem zentralen Element des modernen Sozialstaats gemacht hatte (vgl. Müller 2010, S. 22 f; vgl. auch Braun und Nauerth 2005, S. 8 ff). Zugleich wurde sie seit Beginn der 70er Jahre an Fachhochschulen gelehrt und entwickelte nach und nach ein neues Verständnis als eigene Handlungswissenschaft, unter neuem Bezug auf ihre wissenschaftlichen Wurzeln aus der Vorkriegszeit (vgl. Birgmeier und Mührel 2011, S. 102 ff). Die erfolgte Zusammenführung von Sozialarbeit und Sozialpädagogik im Begriff „Soziale Arbeit“ hat sodann zu einer interberuflichen Einheit geführt und kann als Erfolgsgeschichte gelesen werden, trotz oder wegen der Vielzahl an Theorieansätzen, die Christian Spatscheck folgendermaßen auflistet: Lebensweltorientierung, Hermeneutisch-verstehend, systemisch, systemtheoretischkonstruktivistisch, das Bewältigungsparadigma, das Care-Paradigma, reflexive Sozialpädagogik, sowie marxistisch und poststrukturalistisch-kritische Ansätze. Zudem verweist er auf vergleichende Ansätze, eklektische Formen des Methodenverständnisses und Verfahren zum methodischen Fallverstehen als eigenständige Theorieansätze (vgl. Spatscheck 2009, S. 209 f).

In Übereinstimmung mit weiten Teilen der Scientific Community soll Soziale Arbeit hier nun verstanden werden als eine Instanz gesellschaftlicher Arbeit, die gesellschaftlich und professionell als relevant angesehene Problemlagen von handelnden Menschen zu bearbeiten hat. Ausgehend von einer Ungleichheitsannahme, die entwicklungs-, alters-, krankheitsoder sozialbedingt sein kann, zielt sie darauf ab, autonome Lebenspraxis zu befördern und Teilhabe zu ermöglichen. So wie

„menschliche Gesundheit“ als Gegenstandsbereich der Medizin und „menschliches Erleben und Verhalten“ als Gegenstandsbereich der Psychologie angesehen werden kann, so lassen sich, in einem ersten Schritt und sehr allgemein, „soziale Probleme handelnder Menschen“ als der Gegenstandsbereich Sozialer Arbeit beschreiben. Ihr Ansatzpunkt ist hierbei die Schnittstelle von Individuum und Gesellschaft, entsprechend der früheren Definition der International Federation of Social Work. Sozial Arbeit, als Wissenschaft, ist dem entsprechend die reflexive Antwort auf soziale Probleme, Soziale Arbeit, als Praxis, die professionell tätige Antwort auf soziale Probleme und Soziale Arbeit, als Ausbildung, die Vermittlung der Fähigkeit, auf soziale Probleme reflexiv und tätig antworten zu können (vgl. Engelke et al. 2009b, S. 17 f; Klüsche 1999, S. 45). Allerdings muss der Begriff „Problem“ weit gefasst werden, um Soziale Arbeit in ihrer ganzen Breite zu erfassen. Enggeführt schließt er professionelle Arrangements aus, denen keine explizite Problemstellung zugrunde liegt. Versteht man, entsprechend klassischer Definitionen, unter Problem aber nicht nur die sozialstrukturellen und individuellen „Barrieren“ auf dem Weg von einem unbefriedigenden Zustand in einen befriedigenden, sondern Förder- und Unterstützungsbedarfe für handelnde Menschen auf ihrem Weg zum Ziel einer befriedigenden Form der Einbindung in die sozialen Systeme der eigenen Umwelt, dann sind auch solche Erziehungs- und Bildungsangebote erfasst, die ohne vorherige Problemdefinition erfolgen, gleichwohl aber eine Unterstützung für die Erreichung von Zielen darstellen (vgl. Obrecht 2005, S. 132 f). Insofern wären Staub-Bernasconis Merkmalskriterien einschließlich deren Differenzierung zwischen Individual- und Strukturebene hier anwendbar: Ausstattungsprobleme, Austauschprobleme, Machtprobleme sowie Werte- und Kriterienprobleme (vgl. Staub-Bernasconi 2007, S. 180 ff). Mit dem Systembegriff ist es sodann möglich, die Aufgabe von Sozialer Arbeit in Bezug auf ein Verhältnis zu beschreiben, nämlich das zwischen Individuen und gesellschaftlichen Teilsystemen. Die Aufgabe Sozialer Arbeit – systembegrifflich abstrahiert – wäre dann zu verstehen als Inklusionshilfe, Exklusionsvermeidung und Exklusionsverwaltung, bezogen auf die verschiedenen Teilsysteme denen die Menschen zugehören (wollen) (vgl. Kleve 2003, S. 39). Soziale Arbeit wird somit immer dann tätig, wenn Menschen der Unterstützung zur Entfaltung ihrer körperlich, geistigen und seelischen Potentialität, zur Realisierung ihrer Lebensentwürfe und für eine gerechte Platzierung in der Gesellschaft bedürfen und diese nicht aus ihrem naturwüchsigen Sozialraum beziehen können bzw. es die Barrieren des Sozialraums selbst sind, die einer entsprechenden Platzierung im Wege stehen (vgl. Kunstreich 2003, S. 66 ff). Eine solche Soziale Arbeit unterscheidet sich von anderen psychosozialen Berufen und wissenschaftlichen Disziplinen dadurch, dass sie sich zum einen auf alle Lebensalter bezieht und zudem den Menschen als psychisches und gesellschaftliches Wesen erfassen muss, der Inklusionswünsche und Exklusionsbefürchtungen hat. Der Eigensinn der wissenschaftlichen und professionellen Praxis Sozialer Arbeit ergibt sich dem entsprechend aus der Herausforderung und ihrem Anspruch, der komplexen bio-psycho-sozialen Realität der Menschen gerecht zu werden. Dies setzt voraus, die Eindimensionalität einzelner wissenschaftlicher Perspektiven durch eine multiperspektivische Perspektive zu erweitern und in diese auch die Perspektive der Hilfsadressatinnen und Hilfsadressaten mit einzubeziehen. Lebensweltorientierung bzw. Alltagsorientierung bzw. Subjektorientierung sind somit als Teilaspekte eines multiperspektivischen Zugangs zum Anderen zu verstehen. Dies wird im Folgenden begründet.

Soziale Arbeit ist, als Wissenschaft und Disziplin, das Ergebnis einer Konvergenz der Sozialpädagogik und Sozialarbeit. Aus entstandener Überzeugung vereint sie beide Logiken in sich, die Sozialpädagogik und Sozialarbeit einst trennte. Zu unterscheiden wäre hier, der traditionell sozialarbeiterischer Fokus der Existenzabsicherung, von der traditionell sozialpädagogischen Frage nach der guten Lebensführung als der Essens menschlichen Daseins (vgl. Röh 2009) bzw. die Sozialstruktur und die Lebensführungsperspektiven (vgl. Böhnisch 2002). Deutlich wird dies auch über den immer wieder in der Sozialen Arbeit modellierten Zusammenhang zwischen der Mikroebene individuellen Handelns und den auf soziologischen Makroebenen zu verortenden Einheiten der Lebenswelt und Lebenslage als Einfluss nehmenden Rahmenbedingungen dieses Handelns. Dass die sozialpädagogische Individualperspektive, das menschliche Fühlen, Denken und Handeln, nicht losgelöst betrachtet werden kann von der Perspektive der sozialarbeiterischen Gesellschaftsperspektive, den sozialen Rahmenbedingungen, hier vorhandenen Ressourcen und Barrieren, dass also „Person and Environment“ aufeinander bezogen werden müssen, kann als Konsens in der Sozialen Arbeit betrachtet werden. Der gemeinsame Begriff Soziale Arbeit ist damit als Ausdruck dieser „Konvergenz aus tieferer Einsicht“ zu verstehen.

Diese Soziale Arbeit gehört, so das hier vertretene Verständnis, als Handlungswissenschaft bzw. angewandte Wissenschaft zur Familie der Sozialwissenschaften. Sie schafft und überprüft Theorien und Wissensbestände, die für die Praxis der Sozialen Arbeit von Belang sind. Ihr Materialobjekt besteht in einem bestimmten Ausschnitt gesellschaftlicher Praxis: den bio-psycho-sozialen Bedingungen von Inklusions- und Exklusionsprozessen, sowie hiermit verbundenen Bewältigungs- und Unterstützungsmöglichkeiten, deren Geschichte, Ausbildungskonzepte etc. Ihr Formalobjekt liegt in der multiperspektivischen bzw. transdisziplinären Entwicklung und Reflexion von Theorien und Wissensbestände der akademischen Sozialen Arbeit, zudem der Reflexion ihrer eigenen Geschichte, der Ausbildungskonzepte etc. (vgl. Krieger 2011, S. 159).

 
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