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2.2 Multiperspektivität als Proprium der Sozialen Arbeit

Multiperspektivität kennzeichnet den spezifischen Eigensinn von Sozialer Arbeit als Profession und Disziplin, so die hier vertretene These. Multiperspektivität bedeutet hierbei, dass Soziale Arbeit im Hinblick auf ihren Gegenstandsbereich die Verknüpfung verschiedener Perspektiven zu leisten hat. Mit dem Begriff der Interdisziplinarität sind damit insbesondere die Perspektiven der verschiedenen Bezugswissenschaften gemeint, die Soziale Arbeit zu einer eigenen Wissensbasis zusammenzuführen hat. Interdisziplinarität also als Programm der offensiven Aufhebung einer immer drohenden Eindimensionalität durch die Dominanz einzelner Wissenschaften in Verstehensprozessen. Dies sah schon Alice Salomon so. Ihr zufolge habe die Soziale Arbeit, im Gegensatz zur Medizin oder zur Justiz, keinen

„bestimmten Gesichtswinkel“, sondern sei im Gegenteil dafür verantwortlich, den Ärztinnen und anderen Berufsgruppen einen ganzheitlichen Gesichtspunkt nahe zu bringen, weil diese „durch Ausbildung oft dazu geführt werden, das Blickfeld zu verengen“ (Salomon 1926, S. 6; vgl. Kuhlmann 2004, S. 16 f). Diese „Perspektiven integrierende Perspektive“ auf ihren Gegenstandsbereich als Charakteristikum Sozialer Arbeit ist heute weitgehend Konsens und wird theoretisch weiter entwickelt (ohne dass dies bisher zu einem einheitlichen Ausdruck der Funktionsbestimmung Sozialer Arbeit geführt hätte und einer allgemein anerkannten Festlegung im Hinblick auf ihr Formal- und Materialobjekt). Ausdruck dieser Weiterentwicklung ist der neu aufgekommene Begriff Transdisziplinarität, besonders geprägt durch die Wissenschaftstheorie von Jürgen Mittelstrass (Mittelstrass 2003, 2005). Bei ihm geht es „um die Kombination verschiedener Wissensebenen wie auch verschiedener methodischer Verfahren unter Bedingungen der Kooperation und Partizipation“ (Miller 2011, S. 249). Nicht nur die Integration der verschiedenen Wissenschaftsperspektiven, sondern auch verschiedener Wissensarten sollen zusammen geführt werden. „Damit verabschiedet sich der transdisziplinäre Zugang von der Expertokratie. Man sucht ‚Trittsicherheit' durch den Einbezug verschiedener Wissensebenen, die sich ergänzen und gegenseitig vertiefen. Überführt in die Terminologie der Sozialen Arbeit geht es um die Integration von wissenschaftlichem Wissen, beruflichem Erfahrungswissen und Betroffenenwissen.“ (ebenda)

Es lässt sich damit sagen, dass das Proprium Sozialer Arbeit, ihr Eigensinn, in der Multiperspektivität besteht, im Gegensatz zu den Monoperspektiven benachbarter Professionen. Die von ihr zu leistende Analyse und Bearbeitung von Inklusionsbedarfen und Exklusionsproblemen, die sich Individuen im Zuge ihrer Lebensbewältigungsaufgaben stellen, verlangt einen Ansatz, der keiner Einzelperspektive eine spezifische Präferenz einräumt. „Der Entscheid für deren Berücksichtigung hängt vom Ausgangsproblem ab“, so Staub-Bernasconi (2009, S. 137).

Multiperspektivität der Sozialen Arbeit ist hierbei eine Antwort auf die Multifaktorialität der Probleme, die zu ihrem Gegenstandsbereich werden. Ihr Gegenstand ist der Mensch, nicht allein als handelndes Individuum unter dem Gesichtspunkt seines biologischen Seins, mit entsprechenden Bedürfnissen, Fähig- und Fertigkeiten, auch nicht nur unter dem zusätzlichen Gesichtspunkt seiner Gefühle, Motivationen und Denkprozesse, somit also auf der Mikroebene des Individuums. Vielmehr ist ihr Gegenstand ein so ausgestatteter und geprägter Akteur, der handelnd sein Leben zu bewältigen sucht und hierbei verwoben ist in ein soziales Gefüge seiner Lebenswelt und Lebenslage: seiner Hintergrundüberzeugungen, Normen- und Wertemuster, sozialer Zugehörigkeiten und Kompetenzen sowie dessen, was man als Ressourcen beschreiben kann, die als Ermöglichung in bestimmtem Maße zur Verfügung stehen bzw. als Beschränkung wirksam werden: sozialstrukturelle Ausstattungen und zur Verfügung stehende Infrastruktur (vgl. Kap. 4). Ihr Gegenstand ist also eine „Person in Environment“, die verstanden werden muss als Instanz mit einem „Ich“ und dessen sozialen Bedingungsgefüge: das „Ich“ ist ein „Ich und seine Lebensumstände“ (vgl. Mührel 2008, S. 72 ff). Soziale Arbeit bezieht sich nicht nur auf das zweite Ich, das psychische und körperliche Individuum, auch nicht nur auf dessen Lebensumstände, die sozialstrukturellen Rahmenbedingungen eines konkreten Akteurs. Ihr Gegenstand ist vielmehr das „Ich“, eine

„Einheit der dramatischen Dynamik zwischen den beiden Elementen, des zweiten inneren Ich und der Lebensumstände“ die als Selbstgestaltung innerhalb der Lebensumstände in der Lebensweise zum Ausdruck kommt (Mührel 2008, S. 76). Ihr wissenschaftlicher und professioneller Handlungsansatz an der Schnittstelle zwischen Individuum und Gesellschaft und ihr intervenierender Bezugspunkt, sowohl beim Sozialverhalten als auch bei Sozialverhältnissen zwingt sie zur Einbeziehung all jener Perspektiven, die den Zwecken der Problemanalyse und der Problembearbeitung dienlich sind.

Die Weise des Einbezugs, bzw. der Zusammenführung und logischen Integration, der verschiedenen Perspektiven ins „Eigene“ der Sozialen Arbeit ist nicht geklärt und Gegenstand metatheoretischer Diskurse. Gleichwohl scheint klar, dass der Integrationsvorgang eine Methode der Integration von Wissen sein muss, „die sich auf eine Reihe von Metatheorien stützt. Da es sich bei den hier angesprochenen Verknüpfungsproblemen nicht zuletzt um solche der Verknüpfung verschiedener Arten von Wissen handelt, sind die dabei angesprochenen Probleme nicht mehr objekttheoretischer und methodischer, sondern … philosophischer Natur“ (Obrecht 2003, S. 212). Die Arbeit hieran findet derzeit auf verschiedenen Ebenen statt. Zudem wird Integration alltäglich in Profession und Disziplin vollzogen, noch bevor dieser Vorgang einer letzten wissenschaftstheoretischen Klärung zugeführt werden kann.

Getrennt für die Ebenen Wissenschaft, Profession und Lehre soll diese Multiperspektivität und die damit verbundene Integrationsarbeit nun skizziert werden.

 
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