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2.2.1 Soziale Arbeit als multiperspektivische Handlungswissenschaft

Als eigenständige Handlungswissenschaft ist Soziale Arbeit nicht nur durch die Hochschulrektorenkonferenz und Kultusministerkonferenz anerkannt, sondern mit ihrem Gegenstandsbereich innerhalb der Menschenwissenschaften unangefochten. Beide Stränge der Sozialen Arbeit, die Sozialpädagogik und die Sozialarbeit, konvergieren im Hinblick auf ihren Gegenstand und damit auf ihre zentrale Zuständigkeit. Dieser Gegenstand ist das, „was den Menschen ausmacht“, das „zentrale Anthropikum des Menschen: sein Handeln!“ (Birgmeier und Mührel 2011, S. 54). Die Zuständigkeit bezieht sich auf die multiperspektivisch-transdisziplinäre Bearbeitung von Inklusionsbedarfen und Exklusionsgefahren, die das Handeln von Menschen bestimmen (vgl. zum Handlungsbegriff Kap. 5). Sie bearbeitet damit einen Ausschnitt gesellschaftlicher Praxis, den ihr keine Disziplin streitig macht, da die erwähnten Bezugswissenschaften jeweils andere Teilbereiche unter ihrem spezifischen Blickwinkel untersuchen. Wenn man Wissenschaft als eine Praxis versteht, die Aussagensysteme logisch abgleicht sowie empirischer Überprüfung unterzieht, dann ist die Wissenschaft der Sozialen Arbeit damit befasst, konsistente Aussagen über ihren Gegenstandsbereich hervorzubringen. „Als Handlungswissenschaft bearbeitet sie jenen Ausschnitt gesellschaftlicher Wirklichkeit, der mit ihrer Berufspraxis korrespondiert. Dafür muss sie unterschiedliche Typen von Wissen bereitstellen: ‚Faktenwissen', darauf gestützte ‚Theorien' und daraus gewonnenes ‚Interventionswissen'…“ (Mühlum 2009, S. 90). Zudem muss sie ihre eigene Perspektive und das erzeugte Wissen benennen und kommunizieren. Engelke u. a. listen die sich hieraus ergebenden Aufgaben folgendermaßen auf: „Die Bewertung konkreter sozialer Zustände (Bedingungen, Strukturen, Lagen, Prozesse und Situationen) von einzelnen Menschen und Menschengruppen nach den ethischen Prinzipien der Menschenwürde und Menschenrechte. Die sozialpolitische Erforschung konkreter sozialer, als sozial problematisch definierter Zustände (Bedingungen, Strukturen, Lagen, Prozesse oder Situationen), von einzelnen Menschen und Menschengruppen. Die wissenschaftliche Erklärung dieser sozialen Zustände (Bedingungen, Strukturen, Lagen, Prozesse oder Situationen), ihres Zustandekommens und Weiterbesehens. Die Entwicklung von Theorien, Modellen und professionellen Handlungsmethoden zum Verhindern und Bewältigen sozialer Probleme. Die Reflexion des gesellschaftlichen Standortes und der gesellschaftlichen Funktion Sozialer Arbeit. Die Überprüfung der Interventionen der Sozialen Arbeit mit wissenschaftlichen Methoden.“ (Engelke et al. 2009, S. 271 f).

Da diese Aufgabe nicht unter Bezug auf eine einzige wissenschaftliche Disziplin zu leisten ist, müssen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Sozialen Arbeit notwendigerweise multiperspektivisch agieren. Die „International Federation of Social Work“ beschrieb diesen Punkt in ihrer bis 2014 geltenden Definition folgendermaßen: „Social work bases its methodology on a systematic body of evidence-based knowledge specific to its context. It recognises the complexity of interactions between human beings and their environment, and the capacity of people both to be affected by and to alter the multiple influences upon them including theories of human development and behaviour and social system to analyse complex situations and to facilitate individual, organisational, social and cultural changes“ (ifsw 2013).[1]

Ungeklärt ist jedoch die Frage, wie eine Integration der durchaus auch disparaten Wissensbestände erfolgen kann. Denn es mangelt sowohl an einem gemeinsamen Referenzrahmen, wie es die ähnlich beauftragten Ingenieurwissenschaften in der Mathematik vorfinden, über die ihnen die Integration der Erkenntnisse der verschiedenen Naturwissenschaften ins Eigene einer angewandten Wissenschaft gelingt. Zudem sind auch die Bezugswissenschaften nicht konsistent, in sich widersprüchlich, schul- und paradigmenbehaftet und auf der Basis sich ausschließender wissenschaftstheoretischer Prämissen agierend. Die additiv pragmatische Integration einzelner Bestandteile des vorliegenden Wissenskorpus in den Erkenntnisrahmen angewandter Wissenschaft ist daher nahe liegend. Sie ist zugleich aber unbefriedigend, da sie die Unexaktheit der Bezugswissenschaften in ihren Bereich hinein verlängert, gewissermaßen potenziert und die Erkenntnisse abhängig bleiben von den theoretischen Vorlieben derer, die Integration leisten. Die Vorstellung, dieses Wissen nicht nur zu addieren, sondern zu einer eigenen Theoriebasis zu vereinen, entwickelt sich erst seit zwei Jahrzehnten. Gemeint ist hiermit ein wissenschaftlich (und ethisch) abgesichertes Sozialarbeitswissen, durch das sogar ein eigenes fachpolitisches Mandat zu begründen wäre.

Klar scheint aber zu sein, dass die Konzeptualisierung der Sozialen Arbeit als Wissen integrierende, und dabei auch Wissen generierende, Handlungswissenschaft, wie alle Handlungswissenschaften, ihren Ausgangspunkt bei der Praxis hat (Praxis Sozialer Arbeit). Diese benötigt Erklärungs- und Interventionswissen (Theorien der Sozialen Arbeit), mit denen eine Handlungslehre begründbar ist, zudem diesbezügliche, metatheoretische Selbstreflexionen (Metatheorie) und Verständigungen über Grundsätze der Erkenntnisgewinnung (Methodologie) (vgl. Mühlum 2009). Mühlum nennt es „summatives Wissenschaftskonzept“, das sich derzeit und zunehmend durchsetzt (ebenda, 91). Er hält alles Wissen über den Gegenstandsbereich, das wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, „zusammengenommen für den

‚Body of Knowledge' eines eigenen Forschungs- und Erkenntnisbereiches, der mit wissenschaftlichen Methoden weiterzuentwickeln ist. Dieses Verständnis setzt sich zunehmend durch, weil es nicht nur die Integration theoretischer Beiträge aus den Nachbardisziplinen, sondern auch des internationalen Social Work vereinfacht. Es scheint darüber hinaus der zu allen Zeiten beschworenen Ganzheitsbetrachtung der Sozialen Arbeit (Alice Salomon: Einheit der Person) am ehesten zu entsprechen, zumindest aber dem professionsspezifischen Doppelfokus von Person und Situation (Person in Environment) bzw. Sozialverhalten und Sozialverhältnissen“ (ebenda).

  • [1] Die konstruktivistisch argumentierenden Teile der Disziplin wie z. B. Heiko Kleve schlagen an dieser Stelle vor, auf die Festlegung irgendeines weitergehenden Gegenstandes zu verzichten und Soziale Arbeit als Koordinationswissenschaft zu verstehen. „Eine inhaltliche Zielsetzung für die Prozesse der Moderation und Koordination und damit ein Formalobjekt für die Sozialarbeitswissenschaft gibt es nicht. Sozialarbeitswissenschaft bleibt unparteiisch, sie bringt die Standpunkte anderer Disziplinen nur zu Gehör“ (Kleve 2000, S. 152 ff). Siehe auch zur systemtheoretischen Kritik einer Sozialen Arbeit als eigenständigem Profession und Disziplin (Bommes und Scherr 2000). Diesen Schritt einer gänzlichen Verflüssigung der Sozialen Arbeit als Moderatorin einer interprofessionellen Erörterung sozialer Probleme halte ich aber weder für wünschenswert, noch theoretisch für zwingend oder empirisch erwartbar.
 
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