Soziale Arbeit als multiperspektivische Profession

Entsprechend dem bereits erwähnten international durchgesetzten Verständnis ist Soziale Arbeit als eine Instanz zu verstehen, die als Profession für die Erreichung formulierter Ziele in soziale Zusammenhänge handelnd interveniert und sich hierfür auf theoretisch-wissenschaftliches Wissen stützt, um menschliches Verhalten und soziale Systeme zu verstehen. In Anlehnung an Ausarbeitungen von Hiltrud von Spiegel lässt sich diese Aufgabe von professionellen Fachkräften vor diesem Hintergrund sechsfach unterscheiden (vgl. von Spiegel 2006, S. 59 ff). a) Professionelle Fachkräfte der Sozialen Arbeit müssen sich Ursache und Charakter psychosozialer Realitäten, im Lichte vorhandener Theorien und unter Einsatz von Methoden erschließen können, die Gegenstände sozialpädagogischer Bearbeitung werden. Hier geht es um multiperspektivisch realisierte soziale Diagnostik oder Fallverstehen im Sinne der Fähigkeit einer unterscheidenden Beurteilung dessen, was „der Fall“ ist, vor dem Hintergrund verschiedener Hilfemöglichkeiten. b) Sie müssen im Hinblick auf erkannte Gestaltungsmöglichkeiten und Handlungsspielräume methodisch abgesichert zu handeln in der Lage sein. Dies meint die angemessene Reaktion auf das Verstandene, die wissensbasiert und methodisch gesichert geschehen muss. c) Sie müssen sodann professionelle soziale Arbeitsprozesse auch im Hinblick auf deren Organisationsform, institutionelle Struktur und Steuerung verantwortlich planen und gestalten können, sowie d) ihr sozialarbeiterisches Handeln reflektieren und evaluieren können, also rechenschaftsfähig werden im Hinblick auf Wirkung, Wirkungsweise und Wirksamkeit ihres Handelns. e) Schließlich müssen professionelle Fachkräfte der Sozialen Arbeit die Ausrichtung ihres fachlichen Handelns ethisch begründen können, weil sie so widerstandsfähiger werden gegen die jeweiligen tagespolitischen Vorgaben und ihre Begründungsmacht, im Zuge der Bemühungen um Selbstmandatierungen, wächst. Schließlich müssen sie, f) im Sinne einer kritischen Theorie und Praxis, ihr eigenes professionelles Handeln in seiner sozialpolitischen Funktionalität reflektieren können. Hierzu gehören die gesellschaftskritische (Selbst-)Reflexion des „Sozialen im Unsozialen“ bzw. „des richtigen Lebens im Falschen“ und die damit verbundene Wahrnehmung von Macht- und Interessenkonstellationen, die das eigene professionelle Handeln prägen (vgl. hierzu Müller-Doohm 2005).

Die Erfüllung dieser Aufgaben verlangt wissenschaftliches Wissen und Handlungsansätze, in die die verschiedenen Perspektiven der Bezugswissenschaften integriert werden. Professionelle können die Ursachen individueller Exklusionsbefürchtungen und Inklusionswünsche und den Charakter der sozialen Zusammenhänge, auf die sich professionelle Interventionen zu beziehen haben, nur unter Zusammenführung verschiedener Erkenntnisperspektiven verstehen, einschließlich der jeweils aktuellen Adressateninnenperspektive und des eigenen Erfahrungswissens. Multiperspektivität kennzeichnet somit die Handlungsorientierung einer wissenschaftlich gegründeten Sozialen Arbeit, die ihren Adressatinnen und Adressaten gerecht werden will. Allein die von ihr vollzogene systematische Integration der verschiedenen Wissensbestände, sowie der Einbezug auch noch der Subjektperspektive ihrer Adressatinnen und Adressaten, ermöglicht es, expertokratische Vordefinitionen von Problemen zu vermeiden und sich nicht auf die Grenzen jeweiliger Leitdisziplinen oder Theoriemoden zu beschränken.[1]

  • [1] Die Forderung des Zugangs der Absolventinnen und Absolventen der Studiengänge Sozialer Arbeit zur Kinder- und Jugendpsychotherapieausbildung und zu einer Approbation hat hierin ihre zentrale Begründung (vgl. Blume und Nauerth 2012).
 
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