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2.3 Subjekt- und Lebensweltorientierung als Proprium

Subjektorientierung ist weitgehender Konsens in der Sozialen Arbeit bzw. ein fest verankertes ethisches Prinzip und damit ein Kristallisationspunkt ihrer Theoriebildung (vgl. Winkler 1988). Über alle Grenzen der theoretischen Begründungen und sich hieraus ergebenden Handlungskonzepte und Methoden hinweg wird Soziale Arbeit als eine Praxis konzeptioniert, die ihre Adressateninnen als eigensinnige Individuen mit ihren Interessen, Bedürfnissen und Haltungen respektieren soll. Im Gegensatz zu einer Objektorientierung und einer hiermit verbundenen Reduzierung der Adressateninnen Sozialer Arbeit auf den Status von Empfängerinnen von Expertise und Behandlung soll das jeweils konkrete Subjekt mit seiner Eigenart zentraler Bezugspunkt der Hilfen werden und Einfluss haben auf deren Ausgestaltung. Soziale Arbeit habe die Subjektivität des Anderen zu achten und zudem für die Verwirklichung dieser Subjektivität zu sorgen, wo sie behindert ist, so Michael Winkler in seiner Theorie der Sozialpädagogik (vgl. Winkler 1988, S. 90). Diese Verwirklichung, so zeigt Axel Honneth auf, ist von Institutionen der Anerkennung abhängig. Der Mensch bedarf der Förderung seiner Zwecke durch die auch institutionalisierten Zwecke der Anderen (Honneth 2011, S. 86 f).[1] Dem entsprechend orientiert sich Soziale Arbeit auf diese Bedingungen der Möglichkeit gelingender Subjektivität.

Dies tangiert auch den vielfach analysierten Widerspruch zwischen den professionellen Mandaten „Hilfe“ und „Kontrolle“, der die wissenschaftliche und professionelle Selbstreflexion seit Beginn der 70er Jahre prägte. Subjektorientierte Pädagogik wird weitgehend verstanden als Gestaltung von Hilfearrangements, die gesellschaftliche Fremdbestimmungsambitionen potentiell abzuschirmen vermögen, im Interesse der Entfaltung wahrer Subjektivität innerhalb arrangierter Freiräume. Winkler betont hier die Bedeutung pädagogischer Orte (vgl. Winkler 1988, S. 258), Helmut Richter den Charakter lebensweltlicher Diskurse jenseits der Imperative des Systems (Richter 1998) und auch Timm Kunstreichs Entfaltung des Dialogs als sozialpädagogischem Handlungsprinzip sowie seine Überlegungen zur

„Produzenten-Sozialpolitik“ enthalten diese Vorstellung (z. B. Kunstreich 1996). Fabian Kessl versucht hingegen mit Foucault zu begründen, dass „Subjektivierungsweisen immer eine Ambivalenz von Unterwerfung und Subjektwerden beschreiben“ und Herrschaftsstrukturen beinhalten, die auch an jenen pädagogischen Orten wirken, die auf das Subjekt hin orientiert sind (Kessl 2005, S. 63).

Lebensweltorientierung kann als exponiertester Ansatz verstanden werden, der „unterschiedliche, in Praxis und Theorie vorfindbare Tendenzen einer gesellschaftlich aufgeklärten Subjektorientierung konzeptionell bündelt“ (Galuske 2002,

S. 298) und zudem den Anspruch erhebt, dass in einer entsprechend ausgerichteten Sozialen Arbeit sich hilfsbedürftige Menschen „als Subjekte ihrer Verhältnisse erfahren können“ (Thiersch und Grundwald 2002, S. 172). Er ist für große Teile der modernen Sozialen Arbeit zum zentralen Begriff geworden, der auch professionsidentitätsstiftenden Charakter über die alten Grenzen von Sozialpädagogik und Sozialarbeit hinweg hat. Auch wenn Hans Thiersch darauf Wert legt, dass

„Lebensweltorientierung neben der Gesellschaftstheorie, der Theorie von Biographie und sozialen Problemen, der Theorie von Institutionen nur ein Aspekt einer sozialpädagogischen Theorie“ (Thiersch 1993, S. 12) ist, so gilt sie spätestens mit dem Achten Jugendbericht der Bundesregierung (vgl. BMJFFG 1990) als ein grundlegendes Prinzip zunächst der Jugendhilfe und im Laufe der folgenden Jahre auch der Sozialen Arbeit insgesamt. Friedhelm Vahsen spricht 1992 von einem Paradigmenwechsel, der diesen Begriff zum zentralen Kristallisationspunkt ihrer Theorie und Praxis werden ließ (Vahsen 1992, vgl. Thiersch 1992b, vgl. Rauschenbach 1993). Lebensweltorientierung ist damit zu einem profilbildenden Proprium der Sozialen Arbeit geworden. „Nicht nur, dass Thiersch mit dem Alltag bzw. der Lebenswelt einen begrifflichen Fokus gefunden hat, der die Spezifika sozialpädagogischer Professionalität in Abgrenzung zu anderen ‚helfenden' Professionen auf einen Nenner bringt. Darüber hinaus stellt er mit dem Alltagsbzw. Lebensweltbegriff eine gesellschaftswie handlungstheoretisch anschlussfähige Kategorie zur Verfügung“ (Galuske 2002, S. 302).

Dieser subjektorientierte Paradigmenwechsel, wie er sich im Programm der Lebensweltorientierung zeigt, bezieht seinen zentralen Impuls von der Erkenntnis der Gefahren und unbeabsichtigten Nebenwirkungen einer zunehmenden Verrechtlichung und Vergesellschaftung menschlichen Lebens und zielt auf die Stärkung erfahrener Lebensräume und sozialer Bezüge und den in ihnen liegenden Möglichkeiten und Ressourcen. Thiersch schreibt dazu: „Lebensweltorientierte Soziale Arbeit ist das Produkt der zunehmenden Vergesellschaftung des Lebens. Lebensweltorientierung der Sozialen Arbeit nutzt ihre spezifischen Möglichkeiten eines institutionellen, professionellen und rechtlich abgesicherten Agierens, um Menschen in ihrer Lebenswelt zur Selbsthilfe, also zur Selbständigkeit in ihren Verhältnissen zu verhelfen“ (Thiersch 1992a, S. 17). Die autonome Zuständigkeit aller Menschen für ihren je eigenen Alltag, unabhängig von externen Perspektiven, ist hierbei von großer Bedeutung. Es geht, um die Realisierung der Selbstverwirklichung der Menschen entsprechend ihrer eigenen Vorstellungen von gutem Leben und allgemeinen Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit.

Daraus folgt, auf der Ebene von sozialpädagogischen Konzepten, eine konsequente Orientierung an den Adressatinnen und Adressaten sozialer Arbeit mit ihren spezifischen Selbstdeutungen und individuellen Handlungsmustern, sowie den sich daraus ergebenden Optionen und Schwierigkeiten. Sie steht im Gegensatz zu paternalistisch-autoritären Fürsorgekonzepten, die ihre Funktionsbestimmung in der Herstellung von Anpassung und der Sicherung von Ordnung fanden. Vielmehr richtet sie „ihre Unterstützung, in Bezug auf Zeit, Raum, soziale Bezüge und pragmatische Erledigung, an den hilfsbedürftigen Menschen so aus, dass diese sich dennoch als Subjekte ihrer Verhältnisse erfahren können“ (Thiersch et al. 2002, S. 172). „Das Insistieren auf der Eigensinnigkeit lebensweltlicher Erfahrung der AdressatInnen ist Versuch und Instrument der Gegenwehr zu den normalisierenden, disziplinierenden, stigmatisierenden und pathologisierenden Erwartungen, die die gesellschaftliche Funktion der Sozialen Arbeit seit je zu dominieren drohen“ (Thiersch 1993, S. 13).

  • [1] Die menschliche Verwirklichung ist gebunden daran, dass sie „im Rahmen institutioneller Praktiken auf ein Gegenüber trifft, mit dem es ein Verhältnis wechselseitiger Anerkennung deswegen verbindet, weil es in dessen Zielen eine Bedingung der Verwirklichung seiner eigenen Ziele erblicken kann. In der Formel vom „Bei-sich-selbst-Sein im Anderen“ ist also eine Bezugnahme auf soziale Institutionen insofern immer schon mitgedacht, als nur eingespielte, verstehende Praktiken die Gewähr dafür bieten, dass die beteiligten Subjekte sich wechselseitig als Andere ihrer Selbst anerkennen können; und nur eine solche Form von Anerkennung ist es, die es dem einzelnen ermöglicht, seine reflexiv gewonnenen Ziele überhaupt umzusetzen und verwirklichen zu können“ (Honneth 2011, S. 86 f).
 
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