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2.3.2 Lebenswelt und Lebenslage

Die Subjektorientierung Sozialer Arbeit, geleitet durch den Begriff der Lebenswelt, thematisiert auch deren Lebensbedingungen. Der Begriff „Lebenslage“ ist in diesem Zusammenhang als Versuch einer begrifflichen Präzisierung des Bezugspunktes Sozialer Arbeit zu verstehen und konzeptionell in großer Nähe zum Lebensweltbegriff seit den siebziger Jahren entwickelt worden. Mit ihm erfolgen verschiedene Kategorisierungen der Rahmenbedingungen individueller Lebensweisen, die sich durchaus mit anderen soziologischen Konzepten überschneiden (z. B. soziale Milieus, Hradil 1987; Lebensstile, Lüdtke 1989). Lothar Böhnischs Konzept von Lebenslage und Lebensbewältigung ist hier prominent, das allerdings nicht auf Typisierungen und Kategorienbildung abzielt. Ausgehend von einem Verständnis, wonach Soziale Arbeit eine Antwort der Gesellschaft auf „die Bewältigungstatsache“ (Böhnisch 1999, S. 41) sei, bestimmt er die Aufgabe Sozialer Arbeit als „Unterstützung von Menschen in kritischen Problemkonstellationen zur Wiedererlangung ihrer psychosozialen Handlungsfähigkeit sowie sozialen Orientierung auf der einen Seite und zum Aufbau neuer sozialer Bezüge auf der anderen Seite“ (May 2009, S. 54). Lebenslagen sind „Ausdruck dafür, wie sich Menschen individuell und gesellschaftlich gleichermaßen reproduzieren müssen, wie sie ihre Interessen gleichzeitig subjektiv entfalten können und objektiv vordefiniert erfahren“ (Böhnisch 1982, S. 86). Lebenslage als Konzept verweist „auf die Lebensverhältnisse als Handlungsspielräume individueller Lebensgestaltung, bindet diese aber gleichzeitig an die allgemeinen sozialökonomischen Bedingungen der Vergesellschaftung zurück. … Wichtig dabei ist, dass Lebenslagen immer auch eine Subjektperspektive enthalten. Nun haben Subjekte keine Lebenslage an sich; Lebenslage ist vielmehr ein theoretisches Konstrukt, in dem sich die Gesamtheit der Lebensbedingungen des Einzelnen unter einer spezifischen Perspektive strukturieren lässt: Unter der Perspektive der Handlungsspielräume zur alltäglichen Lebensbewältigung. Lebenslagen sind in diesem Sinne sozialstaatlich vermittelte Zustände von Chancen, Belastungen und Ressourcen“ (Böhnisch et al. 2005, S. 103). Und Lebensbewältigung ist zu verstehen als „Streben nach subjektiver Handlungsfähigkeit in kritischen Lebenssituationen, in denen das psychosoziale Gleichgewicht – Selbstwertgefühle und soziale Anerkennung – gefährdet ist“ (Böhnisch 2002, S. 202). Für die Soziale Arbeit bietet Böhnisch damit einen Bezugsrahmen, um die Zugänge der Individuen zu für sie notwendigen Ressourcen zu erfassen, die sie behindernden Barrieren als solche zu identifizieren und ihr Handeln in diesem Zusammenhang als Bewältigungsversuch zu verstehen (vgl. Chasse 1999, S. 153). Björn Krauss schlägt sodann eine präzisere Differenzierung der Begriffe Lebenswelt und Lebenslage vor, die damit zugleich zum gemeinsamen Bezugspunkt sozialpädagogischer Handlungsorientierung werden können. Er geht aus von der Kritik an einer Banalisierung des Lebensweltbegriffs in der theoretischen und praktischen Sozialen Arbeit, der zwar, in der Thierschlinie, häufig mit Bezug auf seine phänomenologischen Wurzel begründet werde, aber doch in weiten Teilen unscharf geblieben sei und zum Terminus für „das Leben“ des Klientel werde, mit dem nichts mehr präzisiert werden könne. Er schlägt sodann vor, Lebenslage zu verstehen als „die sozialen, ökologischen und organismischen Lebensbedingungen eines Menschen“, als Lebenswelt sodann „die subjektive Wirklichkeitskonstruktion“ eines Menschen, welches dieser unter den Bedingungen seiner Lebenslage bildet (Kraus 2013, S. 153). Da die Lebenswelt für Kraus aber, ausgehend von einem konstruktivistischen Verständnis, als ein für externe Beobachter unzugänglicher Raum der Subjektivität verstanden werden muss, der sich zugleich unter den analysierbaren Bedingungen der Lebenslage reproduziert, bedeutet „Lebensweltorientierung“ für ihn, die Konzentration praktischer Sozialer Arbeit auf die Lebenslage als dem „Gewächshaus“, innerhalb dessen Lebenswelten gedeihen, bzw. sich konstituieren (vgl. Kraus 2013, S. 143 ff). Er schreibt: „Wenn wir uns an der Lebenswelt unserer AdressatInnen orientieren wollen, können wir uns dieser über die fachliche Auseinandersetzung mit deren Lebenslage und über die professionelle Kommunikation mit den AdressatInnen nähern“ (Kraus 2013, S. 155).

Kraus hier erfolgter Verweis auf Kommunikation zeigt aber zugleich den Weg aus einem hiermit verbundenen, drohenden Verstehenspessimismus auf. Mit dem von Habermas, über den Begriff Lebenswelt, beschriebenen Kommunikationsraum, innerhalb dessen erst die subjektive Wirklichkeit entsteht (die Kraus Lebenswelt nennt), wird der Blick frei für den kommunikativen Konstruktionsprozess dieser Wirklichkeiten und damit auch für dessen Medium: Sprache, die Verständigung ermöglicht. Sprache ist das Medium der Reproduktion von Lebenswelt, die sich vollzieht als kulturelle Reproduktion, soziale Integration und Sozialisation (vgl. Habermas 1981 II, S. 209). Aber sprachliche Verständigungsprozesse besitzen eine rationale Binnenstruktur und sie zielen auf einen Konsens, der auf der intersubjektiven Anerkennung von Geltungsansprüchen beruht. Diese können von den Kommunikationsteilnehmenden reziprok erhoben und grundsätzlich kritisiert werden. Eine solche Grundlegung der Entstehung von subjektiven Wirklichkeiten, eben als Ergebnis kommunikativen Handelns innerhalb von Lebenswelten, ermöglicht die Begründung der prinzipiellen Rekonstruierbarkeit dieser lebensweltlich geprägten subjektiven Realität Anderer.

Mit Bezug auf diese Konzeptualisierungsbemühungen, insbesondere der vorgenommenen Begriffsunterscheidung von Kraus, wird im 5. Kapitel ein erweiterter Vorschlag entfaltet und begründet, der die hier formulierten Aspekte in ein erweitertes Mehr-Ebenen-Modell zu integrieren beansprucht.

 
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