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3. Die Notwendigkeit eigensinnigen Verstehens in der Sozialen Arbeit

Soziale Arbeit soll im Folgenden daraufhin untersucht werden, inwiefern sie eigenständige diagnostische Verstehensverfahren benötigt. Nach einer Hinführung zum Verstehensbegriff wird begründet, dass „Verstehen“ zwar ein Grundmodus sozialpädagogischer Praxis ist, die unzureichende Entwicklung von Konzepten und Methoden sozialer Diagnostik aber zugleich eine Schwachstelle ihrer Fachlichkeit darstellen. Sodann wird aus dem multiperspektivischen Eigensinn der Sozialen Arbeit der Anspruch abgeleitet, ein multiperspektivisches Verstehen zu konzeptionieren, das dieser Sozialen Arbeit entspricht.

3.1 Verstehen und soziale Diagnostik

Mit „Verstehen“ ist ein Begriff aufgenommen, der in der „wissenschaftlichen Familiengeschichte“ der Sozialen Arbeit von großer Bedeutung war. Soziale Arbeit ist als angewandte Sozialwissenschaft Teil einer Geisteswissenschaft, die auch immer als „verstehende“ beschrieben wurde. Thiersch schreibt dazu: „Verstehen als die Anstrengung, Erleben, Verständigungsmuster und Symbole aus sich heraus, in ihrem Eigensinn zu sehen und ernst zu nehmen, hat sich herausgebildet im Kontext der neuzeitlichen Zivilisation, mit ihrem Bewusstsein von den Vielfältigkeiten der Lebensmöglichkeiten, ihrer Betonung von Individualität und Innerlichkeit; dies ging einher mit der zunehmenden Arbeit an der Erschließung auch der sozialen und der inneren Lebenswelten und … der Entstehung der Verhaltens- und Sozialwissenschaften mit ihrem methodologischen Konzepten des Verstehens“ (Thiersch 1984, 20).

Johann Gustav Droysen verwandte den Begriff „Verstehen“ erstmals zur Beschreibung des Zieles der wissenschaftlichen Erfassung von historischen Umständen und Personen. Er zielte damit auf die Überwindung der Subjekt-Objekt-Differenz zwischen Forschenden und ihrem Gegenstand und unterschied die drei wissenschaftlichen Verfahren: Erkennen (Philosophie), Erklären (Naturwissenschaft) und Verstehen (Geschichtswissenschaft). Wilhelm Diltheys Reduktion dieser begrifflichen Unterscheidung begründete sodann den Eigensinn der Geisteswissenschaften, in Abgrenzung zu den Naturwissenschaften, über den Begriff Verstehen. Ihm zufolge zielten die traditionellen Naturwissenschaften auf die Erklärung von Naturvorgängen, wohingegen die Geisteswissenschaften sozial-kulturelle Geschehnisse zu verstehen hätten, in dem sie aus den Ausdrucksformen den Sinn entschlüsseln, und zwar durch Hineinversetzen, Nachbilden, Einfühlen, Rekonstruktion und Nacherleben (vgl. Dilthey 1981). Dilthey prägte dementsprechend auch die Hermeneutik als wesentliche Methode, auf die sich sodann Martin Heidegger und Hans-Georg Gadamer beziehen. In der Nachfolge Diltheys beschrieb Max Weber die Aufgabe der Soziologie mit dem Begriff „Verstehen“ und Sigmund Freud entwickelte eine Methodologie des analytischen Verstehens. Weber schrieb: „Die Sozialwissenschaft, die wir treiben wollen, ist eine Wirklichkeitswissenschaft. Wir wollen die uns umgebende Wirklichkeit des Lebens, in welches wir hineingestellt sind, in ihrer Eigenart verstehen – den Zusammenhang und die Kulturbedeutung ihrer einzelnen Erscheinungen in ihrer heutigen Gestaltung einerseits, die Gründe ihres geschichtlichen so-und-nicht-anders-Gewordenseins andererseits“ (Weber 1968, 170 f). Im Positivismusstreit innerhalb der deutschen Soziologie fokussierte sich die Debatte sodann auf die Auseinandersetzung um „Verstehen“ vers. „Erkennen“, die erkenntnistheoretische Prämissen und methodischen Konsequenzen einer empirischen Sozialforschung, sowie die damit verbundene wesentliche Frage nach den Aufgaben einer kritischen Sozialwissenschaft. Dieser Debatte trug Theodor

W. Adorno bei, dass sich die Verfahrensweise dem Gegenstand verstehend anzupassen habe, damit sie nicht „aus Liebe zu Klarheit und Exaktheit, verfehlt, was (sie) erkennen will“ (Adorno 1993,126). Das Verstehen verdeckter gesellschaftlicher Zusammenhänge sei dementsprechend die vornehmste Aufgabe dieser Wissenschaft. Dem Geist nach wurde diese befreiende Intention der Sozialen Arbeit zur verpflichtenden Aufgabe: „Leben in seinem Eigensinn zu sehen und diesen Eigensinn auch da freizulegen, wo er unzulänglich erscheint … Sie soll … ihre Adressaten in den Problemen verstehen, die sie in sich selbst haben und sie in diesen ihren eigenen Schwierigkeiten und Aufgaben stabilisieren und in Schutz nehmen gegenüber denen, die mit ihnen Probleme haben, die sie also in fremde und äußere Normen hineinzwängen wollen“ (Thiersch 1984, 21).

Wenn im Folgenden untersucht werden soll, warum Soziale Arbeit spezifischer diagnostischer Verstehenskompetenzen bedarf und damit der Fähigkeit zu sozialer Diagnostik, so geht es zunächst nicht um die Frage nach den Forschungsmethoden der Disziplin und den erkenntnistheoretischen Prämissen allgemeiner sozialwissenschaftlicher Welterkennung, sondern um Verstehensweisen der Profession im konkreten Zusammenhang von Hilfehandeln. Allerdings scheint diese Grundsatzdebatte im Diskurs über die Berechtigung von Diagnostik und die Art von Verstehensverfahren doch auf. Es soll untersucht werden, welche Bedeutung Verstehen in der Sozialen Arbeit hat und – damit verbunden – welche Relevanz sich hieraus für die Konzeptionierung und Methodisierung dieses Verstehens in der Form sozialer Diagnostik ergibt. Unter „soziale Diagnostik“ wird hierbei zunächst ganz allgemein die zusammenfassende Beschreibung der wichtigsten Merkmale eines Sachverhaltes verstanden, bzw. die unterscheidende Beurteilung des Gegenstandsbereiches Sozialer Arbeit auf Grund von Beobachtungen und Untersuchungen. Es handelt sich bei ihr um den Vorgang, die diffusen Daten der Realität in eine Struktur zu transformieren, die Erkenntnis stiftet und sodann zur Begründung für weitere Handlungsschritte wird.

 
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