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3.4 Multiperspektivisches Verstehen

Notwendige und wünschenswerte Verstehensverfahren, die dem transdisziplinären und multiperspektivischen Charakter der Sozialen Arbeit entsprechen, sind jedoch sehr voraussetzungsvoll. Sie müssen dem Anspruch genügen die Integration der jeweils individuellen Adressatinnenperspektive, als auch der komplexen fachlichen Perspektive zu bewerkstelligen, somit also die subjektiven Lebenswelten der Adressatinnen und Adressaten mit wissenschaftlichem Fachwissen und Professionswerten verknüpfen. Dies ist eine höchst anspruchsvolle Forderung an professionelles Handeln, dem damit die einfachen Wege versperrt sind.

Zu einem solchen einfachen Weg gehört der diagnostizierende „Expertinnenmonolog“, somit ein diagnostisches Verfahren, dass die beobachtbare Realität generell einem Kategoriensystem zuordnet und auf diese Weise monologisch zu Diagnosen gelangt. Die Dominanz entsprechender Kategoriensysteme gilt für das laienhafte oder talentbasierte Verstehenshandeln, dass die soziale Realität in die Kategorien des Alltagsverständnisses einsortiert. Sie gilt ebenso für eindimensionale Kategoriensysteme spezifischer Wissenschaftszweige oder Theorietraditionen, seien es politisch-soziologische, psychologische oder medizinische. Versperrt ist damit auch der entgegen gesetzte Weg, nämlich die prinzipielle Bindung an die Fremdperspektive der Adressatinnen. Eine multiperspektivische Soziale Arbeit kann nicht auf einen eigenen, wissensbasierten Beitrag im Verstehensverfahren verzichten und damit die Problem- und Selbstbeschreibung ihrer Adressatinnen und Adressaten generell zum Ausgangspunkt der Hilfeplanung machen. Versperrt bleibt schließlich ebenso der pragmatische Einsatz diagnostischer Verfahren anderer Berufsgruppen, die im sozialpädagogischen Handlungszusammenhang mangels Alternative eingesetzt werden, genauso wie das Vertrauen auf Berufserfahrung, Talent und Intuition im diagnostischen Prozess.

Im Folgenden soll nun differenziert ausgeleuchtet werden, welchen Ansprüchen ein Verstehensverfahren Sozialer Arbeit genügen muss, das die anstrengenden Wege multiperspektivisch ausgerichteter sozialer Diagnostik zu gehen hat.

3.4.1 Wissenschaftsorientiertes Verstehen

Dass das umfangreiche Wissen der Fachkräfte Sozialer Arbeit in den Verstehensprozess einfließen muss, ist in Fachkreisen weitgehend unbestritten, denn dieser Beitrag ist der Grund der Beteiligung dieser Profession an der Lösung hier thematisierter Probleme. Professionen sind dadurch gekennzeichnet, dass sie für ihren Zuständigkeitsbereich ein spezifisches Wissen in einen Verstehensprozess einbringen. Von akademisch ausgebildeten Fachkräften der Sozialen Arbeit ist zu erwarten, dass sie ein wissenschaftsgegründetes Wissen verfügbar halten. Gleichwohl ist soziale Diagnostik in der Regel nicht als einfacher Anwendungsvorgang von Fachwissen zu konzeptionieren, weil das eingebrachte Vorwissen bedeutsam und relativ zugleich ist und sich Fachkräfte bei Verstehensprozessen nicht auf ihre erarbeiteten theoretischen Vorverständnisse verlassen können. Denn Verstehen, im Sinne einer Einordnung der Realität in ein erfahrungsoder durch wissenschaftliche Theorie geprägtes Klassifikationssystem und die Zuordnung der Realität in dieses Raster, wird dem Eigensinn und der Komplexität ihres Gegenstandes in vielen Bereichen nicht oder nicht mehr gerecht. Dies ist viel und umfassend selbstkritisch durch Profession und Disziplin reflektiert worden und es besteht weitgehendes Einvernehmen darüber, „das sich pädagogisches Handeln nicht nach dem Modell der technischen Anwendung von Wissenschaft formieren lässt“ (Dewe et al. 1993, 57). Mit Klassifizierungsdiagnostik haben die Adressatinnen der Sozialen Arbeit in der Vergangenheit oftmals schlechte Erfahrungen gemacht. Es gab Typenbildungen, die immer schon als analytische Verstehenshilfen, im Sinne von Klassifizierungen, in der Praxis genutzt wurden. Dies erfolgte im Geiste einer Gesinnung, die als konservativ, autoritär und reaktionär beschrieben werden muss, insofern hier mit pseudowissenschaftlichen Kategorien gearbeitet wurde. „Landstreicher“,

„Arbeitsscheuer“, „Volksschädling“, „Willensschwacher“, „Störenfried“, „Nichtsesshafter“, abgeschwächt heute noch Psychopath, sozial Debiler, Verwahrloste … sind Etikettierungen, die als üble Nachrede nichts anderes leisten und geleistet haben, als symbolische Gewalt auszuüben und herrschaftliche Fürsorge zu legitimieren. Es waren Stigmata zur moralischen Vorausverurteilung von Menschen zwecks unhinterfragbarer Legitimation von deren Benachteiligung, Repression, Ausgrenzung oder sogar Vernichtung. Aber auch die kurzzeitige Tendenz innerhalb der Sozialen Arbeit, dem Interesse an der Befreiung und Emanzipation ihrer Adressatinnen im Gegensatz dazu durch theoriegeleitete Etikettierungen Ausdruck zu verleihen, war keine Lösung. Die Klassifizierung ihrer Adressatinnen, z.B. mit Hilfe von marxistischen oder feministischen Termini, als vornehmlich und zunächst entfremdete, verblendete, ausgebeutete, unterdrückte … Opfer kapitalistischer Produktionsbedingungen und patriarchaler Herrschaftsstrukturen wurdeunabhängig von der Richtigkeit der gesellschaftstheoretisch beschriebenen Tatbeständeim Vollzug von Fallverstehen der Komplexität auffindbarer Inklusionswünsche und Exklusionsbefürchtungen nicht hinreichend gerecht.

Hinzu kommt, dass das kategorial verdichtete Vorwissen im Zuge gesellschaftlicher Individualisierungsbzw. Enttraditionalisierungsprozessen eine Relativierung erfährt (vgl. Beck 1986). Die Menschen verlieren in der modernen Industriegesellschaft zunehmend das „Nest“, der sie leitenden und bindenden Traditionen, ökonomischen und moralischen Schranken und Sicherheiten. Sie verlieren bewährte Sicherheiten, im Bemühen um „gelingendes Leben“, nicht nur im sozialökonomischen Sinne der ausreichenden Versorgung mit Ressourcen, sondern im Sinne der Klärung von Lebenszielen und Lebenswegen. Thomas Rauschenbach schreibt, dass „die ganz alltägliche Lebensbewältigung“ zu einer „selbst zu bewältigenden Lebensaufgabe, zu einer ungewissheitsbelasteten, riskanten sozialen Aufgabe“ wird (Rauschenbach 1994, 91). Die Menschen werden zum „Planungsbüro“ ihrer eigenen Lebensführung. Dadurch wird Soziale Arbeit mit einem Zuwachs und mit einer Differenzierung an Problemlagen konfrontiert. Soziale Arbeit wird zum einen, über ihre traditionellen Hilfefelder hinaus, als Sicherungsinstanz in Lebenskrisen benötigt, wie ein Pannendienst auf den Straßen bei zunehmendem Verkehr. Aber für sie selbst löst sich auch Typisierbares auf, dass sie in ihren Verstehens- und Deutungsprozessen einbeziehen konnte, auf das sie zurückgriff. Die professionellen Fachkräfte verlieren die frühere Sicherheit im Hinblick auf, die Voraussetzungen individueller Zufriedenheit, zielführender Lebenswege und auf die Deutung von richtig und falsch, abweichend und normal, gesund und ungesund. Sie benötigen Zugänge zu der Realität, die ihr als Fall begegnet, die nicht in traditionelle Deutungsmuster verfällt, sondern offen ist für die ihr unbekannten Bedingungen des Lebensglücks Anderer, die ihnen als Adressatinnen und Adressaten ihrer Hilfe begegnen.

Mit den Begriffen Diversity und Anerkennung erfährt die Soziale Arbeit eine zusätzliche Verunsicherung dieses kategorialen Berufswissens in dem Maße, wie es im Lichte von Identitätspolitik nicht mehr nur um die Überwindung von Ungleichheit geht, sondern um Anerkennungskämpfe (vgl. Honneth 2003, 132 f). War die Soziale Arbeit bisher sehr stark davon geprägt, Ungleichheit in materiellen Ausstattungskategorien und über psychosoziale Ressourcen zu verstehen und entsprechende Unterversorgungen aufzuheben, Barrieren zu überwinden und Kompetenzmängel beheben zu wollen, so geht es nun zusätzlich um die Anerkennung der Ungleichen, als Anderssein der Anderen. Dies zeigt sich beispielsweise in den Untersuchungen von Axel Honneth und Nancy Fraser (vgl. Fraser und Honneth 2003). In deren Zentrum steht das Ringen um die Deutung aktueller Sozialbewegungen. Viele Sozialbewegungen zielen nicht mehr auf ökonomische Gleichstellung und materielle Umverteilung, sondern auf die Respektierung derjenigen Eigenschaften, durch die sie sich kulturell verbunden sehen. Ethnische Minderheiten und allerlei Subkulturen kämpfen, so die Betrachtungsweise, nicht nur um soziale Gerechtigkeit im Sinne von Umverteilung, sondern um soziale Gerechtigkeit im Sinne von Anerkennung ihrer Identität, also um Inklusion. Ihre Kritik richtet sich nicht nur gegen illegitime Ungleichbehandlung, sondern gegen illegitime Angleichungsbestrebungen der Gesellschaft. Nancy Fraser schreibt dazu: „Wie sich immer deutlicher abzeichnet, stehen wir heute mit der ‚Politik der Anerkennung' vor einem zweiten Typus von Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit. In ihrer bündigsten Formulierung zielt sie auf eine differenzfreundliche Welt, in der für Ebenbürtigkeit und Gleichbehandlung nicht mehr der Preis einer Assimilation an die Mehrheit oder herrschende kulturelle Normen zu zahlen wäre“ (Fraser 2003, 15). Eine solche Perspektivenerweiterung verändert die Voraussetzungen für eine professionelle Praxis, die auf Gerechtigkeit zielt. Diese bedarf in der operativen Praxis systematischer Verstehensprozesse, im Wissen um die Andersartigkeit der Anderen bezüglich der Bedingungen ihres jeweiligen Lebensglücks. Notwendig erscheint ein verstehender Zugang zur jeweils individuellen Lebensrealität und sich hier zeigender Hilfebedarfe.

Damit ist das grundsätzliche Verhältnis zwischen wissenschaftlichem Gesellschaftswissen und sozialpädagogischer Praxis berührt, sowie die Frage wie Theorie und Praxis verbunden werden können. Ulrich Oevermann und Rudolf Stichweh haben die Vermittlung dieser Sphären für die Soziale Arbeit umfassend thematisiert. Oevermann spricht vom Strukturort Theorie und Praxis und charakterisiert die Professionalität des Handelns, durch die Vermittlung einer wissenschaftlichen und hermeneutischen Kompetenz als stellvertretende Deutung. Im Rahmen einer solchen stellvertretenden professionellen Vermittlungsposition zwischen Wissenschaft und alltäglicher Lebenspraxis „kann professionalisiertes Handeln im Kontext dieser Lesart als widersprüchliche Einheit von universalisierter Regelanwendung auf wissenschaftlicher Grundlage, inklusive der Neutralitätsverpflichtung und einem hermeneutischen Fallverstehen aufgefasst werden“ (Dewe et al. 1993, 36, vgl. hierzu Oevermann 1996, 70 ff). Stichweh kritisiert an diesem Ansatz von Oevermann die Zweistelligkeit der beschriebenen Beziehung und betont im Unterschied hierzu deren Dreistelligkeit zwischen Sache, Klient und Professionellen, sowie die „intermediäre Position des Professionellen“ in dieser Konstellation. Vermittlung, so Stichweh, betont „den Gesichtspunkt der Repräsentation einer autonomen Sinnperspektive oder Sachthematik durch den Professionellen im Verhältnis zu seinem Klienten“ (Stichweh 1992, 44).

Hans Uwe Otto und weitere haben dem gegenüber mit dem Begriff der Relationierung eine Lösung vorgeschlagen, die als „reflexive Sozialpädagogik“ zugleich noch die Grundstrukturen eines eigenständigen neuen Typs dienstleistungsorientierten Professionshandelns charakterisieren soll. Unter dem Begriff der Relationierung wird die notwendige Verknüpfung von Theorie und Praxis konzeptioniert. Relationierung meint den Umgang mit den Urteilsformen „reflexives Wissenschaftsverständnis“ und „situative/sozialkontextbezogene“ Angemessenheit (Dewe und Otto 2010, 210). Im Gegensatz zum Terminus „Vermittlung“ geht es hier um die „gleichzeitige Verpflichtung beider Urteilsformen … ohne eine zu präferieren, nicht aber das Zusammenzwingen zweier Wissenskomponenten unter einem Einheitspostulat. Professionen bilden eine Institutionalisierungsform der Relationierung von Theorie und Praxis, in der wissenschaftliche Wissensbestände praktisch-kommunikativ in den Prozess der alltäglichen Organisation des Handelns und der Lösung hier auftretender Probleme fallbezogen kontextualisiert werden“ (Dewe und Otto 2010, 210). Dieses Professionswissen selbst ist aber „nicht unmittelbar vom Wissenschaftswissen abgeleitetes Wissen“ (ebenda, S. 210). Es verhält sich zum wissenschaftlichen Wissen eigensinnig, „kategorial als Bestandteil des Handlungswissens im Sinne einer … praktischen Kompetenz“ (ebenda, S. 210). Dieses erwirbt man durch Praxiserfahrungen, also „auf dem Wege des berufsförmigen Vollzugs dieser Tätigkeiten im Sinne der Routinisierung und Habitualisierung,

d. h. durch den Eintritt in ein kollektiv gültig gemachtes Wissen“ (ebenda, S. 211). Ein professioneller Verstehensprozess vollzieht sich daher für die Autoren „situativ und unter Ungewissheitsbedingungen, auf den jeweiligen Fall bezogen, gleichsam uno actu“ (ebenda, S. 206). Zur Vermeidung „ungewollter Normativität“ zielen sie nicht auf Verfahren, sondern auf die Öffnung zu einer „professionellen Rekonstruktion und Kontextualisierung im gesellschaftlichen Zusammenhang“ (ebenda, S. 206).

Allerdings entkommen die Autoren damit nicht der Frage nach Verstehensverfahren, sondern führen sie mit großer Dringlichkeit in dem Maße vor Auge, wie sie die Forderungen an diese beschreiben. Sie sprechen von dem Vorgang der praktisch-kommunikativen, fallbezogenen Kontextualisierung, der Rekonstruktion, hierin eingeschlossen einer Re-Kontextualisierung … des Handelns in Bezug auf Wissenschaftswissen. Die Überbrückung allgemeiner Theorie und des Einzelfall bedarf der reflexiven Kompetenz. Diese impliziert ein „deutendes Verstehen“ sowie „Interpretieren“. (ebenda, S. 205). „Reflexiv orientierte Professionalisierungstheorie hebt die Aufgabe hervor, die Notempfindungen und Hilfestellungen der AdressatInnen im Rahmen von deren Plausibilitäten zu interpretieren und aufgrund solcher Relationierung in Kommunikation mit ihnen ‚richtige', d. h. stets auch situativ und emotional tragbare Begründungen für praktische Bewältigungsstrategien zu entwickeln“ (ebenda, S. 205). Die Autoren können somit nochmals verdeutlichen, dass ein Diagnostikvorgang das, über den Einzelfall hinaus, vorhandene gültige sozialarbeitswissenschaftliche Wissen mit in die Erstellung des Bildes vom Fall einbeziehen muss. Sie vergrößern und verdeutlichen den Anspruch, dem dieser Vorgang genügen muss. Aber sie ersetzen ihn nicht und entheben Disziplin und Profession nicht der Klärung der Frage danach, wie sich „deutendes Verstehen“,

„interpretieren“, „rekonstruieren“ … professionell vollziehen lassen. Es bleibt also auch hier die Frage zu beantworten, nach welchem rational begründbaren und wissenschaftlich ausgewiesenen Verfahren die erfahrene und kompetente Praktikerin Probleme von Individuen rekonstruiert und eine Rekontextualisierung im Lichte sozialwissenschaftlicher Theorie vornimmt, somit soziale Diagnostik betreibt.

 
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