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3.4.3 Werteorientiertes Verstehen

So ist bis hierhin zu sagen: Soziale Diagnostik ist die Anstrengung der Integration verschiedener Perspektiven, Expertisen, Erfahrungsweisen, Wissensbestände in ein Bild vom „Fall“, die sich als „Verstehen der Lebensweise“ vollzieht. Die Aufgabe der Professionellen ist es, in diesen Vorgang ihre spezifische Perspektive als Professionelle einzubringen: wissenschaftliche Wissensbestände, professionelles Erfahrungswissen und zudem diagnostisches Methodenwissen. Die Adressatinnen bringen ihre subjektive Perspektive auf das Problem und dessen Ursache ein. Von professionellen Verfahren soziale Diagnostik muss erwartet werden können, dass sie sodann in einem Prozess der Relationierung der verschiedenen Perspektiven ein Bild von der Fallrealität zu entwickeln in der Lage sind.

Allerdings muss dieses Handeln der Professionellen schließlich auch in seiner Werteverankerung begriffen werden. Bereits die allgemeine Gestaltung von Verstehensprozessen selbst erfolgt wertebasiert, insofern eine Subjekt- und Lebensweltorientierung in spezifischer Humanität wurzelt und sich aus Menschenrechten begründet. Aber auch die spezielle Realisierung von Verstehen ist durch Werte geprägt, insofern als die Hervorbringung eines sozialdiagnostischen Bildes, das anschließende Hilfehandeln begründet, Wertvorentscheidungen in sich trägt. Diese Vorentscheidung besteht in der Antwort auf die Frage danach, was „gut“ ist und man dem entsprechend tun darf und muss. Antworten auf diese Grundfragen ergeben sich zum einen aus den Rechtsgrundlagen und der Rechtspraxis eines Staates, von der Soziale Arbeit zudem einen wesentlichen Teil ihrer Handlungsermächtigung bezieht. Sie leiten sich zudem als ethische Prinzipien aus der Theologie und Philosophie ab und verdichten sich zunehmend zu einer sozialarbeiterischen Professionsethik (vgl. Engelke et al. 2009 b, 272 ff). Bereits in der Erklärung, der

„International Federation of Social Workers“ von 1996, „International Policy of Human Rights“ wird die Verantwortung der Sozialen Arbeit für die Verwirklichung von Menschenrechten herausgehoben und deren Rolle folgendermaßen beschrieben: „Social Workers deals with common human needs. They work to prevent or alleviate individual, group and community problems, and to improve the quality of life for all people. In doing so, they seek to uphold the rights of the individuals or groups with whom they are working. The value base of social work with its emphasis on the unique worth of individual has much common with human rights theory” (zitiert nach; Engelke et al. 2009 b, 293). In der aktuellen Definition (2014) der “International Federation of Social Workers” wird formuliert: „Soziale Arbeit ist eine praxisorientierte Profession und eine wissenschaftliche Disziplin, dessen bzw. deren Ziel die Förderung des sozialen Wandels, der sozialen Entwicklung und des sozialen Zusammenhalts sowie die Stärkung und Befreiung der Menschen ist. Die Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit, die Menschenrechte, gemeinsame Verantwortung und die Achtung der Vielfalt bilden die Grundlagen der Sozialen Arbeit. Gestützt auf Theorien zur Sozialen Arbeit, auf Sozialwissenschaften, Geisteswissenschaften und indigenem Wissen, werden bei der Sozialen Arbeit Menschen und Strukturen eingebunden, um existenzielle Herausforderungen zu bewältigen und das Wohlergehen zu verbessern.“ (DBSH 2014)

Für den Vorgang des multiperspektivischen Verstehens folgt daraus, dass Fachkräfte der Sozialen Arbeit in den Prozess einer sozialen Diagnostik immer auch als ethisch gebundene Vertreterinnen von Interessen treten. Das von Silvia Staub-Bernasconi begründete Tripelmandat wird auch hier relevant. Sie hatte vorgeschlagen, die analytische Unterscheidung von zwei Mandaten – von den Hilfeadressatinnen und von den gesellschaftlichen Instanzen – um ein drittes zu erweitern: das Mandat aus sich selbst heraus als Profession. Voraussetzung hierfür sei eine wissenschaftliche Beschreibungs- und Erklärungsbasis im Hinblick auf ihren Gegenstandsbereich, sowie eine ethische Basis, auf die sich die Professionellen in ihren Entscheidungen berufen können, unabhängig vom „Zeitgeist“, dem Druck des Trägers oder der Adressatinnen. Diese sollte ihrer Meinung nach in den allgemeinen Menschenrechten begründet liegen. Dies würde dazu führen, dass sich Soziale Arbeit auf diese Weise eigenbestimmte, wissensbasierte Aufträge zu geben in der Lage sei. Im Hinblick auf die Konsequenzen für den diagnostischen Prozess schreibt sie: „ als regulative Idee bieten die Menschenrechte die Möglichkeit, Probleme (Diagnosen) und Auftrag nicht nur aus legalistischer oder vorgeschriebener Vertrags-, sondern zusätzlich aus menschenrechtlicher Perspektive zu durchdenken, sich sowohl von den möglichen Machtinteressen und Zumutungen der Träger, fachfremden Eingriffen anderer Professionen wie der Vereinnahmung durch illegitime Forderung durch die Adressatinnen kritisch zu distanzieren“ (Staub-Bernasconi 2007, 201).

Diese Selbstbindung an eine professionelle Ethik fügt dem Perspektivenpool eine weitere hinzu, die in den Prozess der Relationierung aufgenommen werden muss. Sie schafft zugleich kritische Distanz und verhindert eine „distanzlose Anbiederung“ wie auch die „geschwätzige Bemächtigung“, zu der, so Scarbath, sozialpädagogische Verstehensbemühungen verkommen, „wenn sie nicht auf einem Verstehen aufbauen, das die Perspektive des anderen empathisch und kritisch nachvollzieht und von fördernd-entwickelnder Absicht geprägt ist (Scarbath 1984, 13). Auch Klaus Grundwalds Verweis auf das Spannungsfeld zwischen dem gelebten Alltag und der kritischen Auseinandersetzung mit ihm „im Interesse anderer, neuer Möglichkeiten“, das nur durch kasuistisch-kunstvolle Entdeckungsvorgänge aufzuheben sei, impliziert einen Maßstab für Kritik, den die Professionellen mitbringen und der nur als ethische Selbstbindung zu denken ist (Grunwald 2001, 107).

 
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