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3.5 Resümierende Schärfung des Diagnostikbegriffs

Vor diesem Hintergrund muss der Begriff „soziale Diagnostik“ konkretisiert werden. Er ist im Lichte dieser Erörterungen zu verstehen, als die unter Einbezug der lebensweltlich geprägten Adressatinnenperspektive, wie auch der fachwissenschaftlich geprägten Außenperspektiven, zu vollziehende Zusammenfügung der wichtigsten Merkmale eines Sachverhaltes zu einer Struktur, die Erkenntnis stiftet und sowohl die Notwendigkeit als auch die Zielrichtung nachfolgenden professionellen Hilfehandelns begründet. Verstehen in der Sozialen Arbeit, das als „soziale Diagnostik“ zu professionellen Verfahren systematisiert wurde, muss also dem Anspruch genügen, entsprechend dem Selbstverständnis einer subjekt- und lebensweltorientierten Praxis, den Eigensinn der Perspektive ihrer beteiligten Adressatinnen mit dem wissenschaftsgegründeten Eigensinn der Professionellen zu verknüpfen, so wie er sich aus ihrem multiplen wissenschaftlichen Referenzsystem ergibt. Dies meint nicht, dass der lebensweltlich geprägten Einschätzung der Adressatinnen die Einschätzung der Professionellen entgegen gestellt werden sollte, um sodann Argumente für die jeweils eigene Betrachtungsweise und ggf. Kompromisse zu suchen. Vielmehr geht es um einen methodisch gegründeten Suchvorgang, der die verschiedenen Perspektiven wie Lichtstrahler nutzt, die von verschiedenen Seiten auf den zu entdeckenden Gegenstand gerichtet werden. Jeder Lichtstrahl erhellt einen Teil des Gegenstandes, vermag ihn aber nur im Miteinander, in seinem Zusammenhang und seiner Struktur zu erfassen. Professionelle Diagnostik bringt immer die fachlich-wissenschaftliche Perspektive mit ein, sowie eine Methode, mit der sie in der Lage ist, die lebensweltlich geprägte Innenperspektive für die Erkenntnis des Ganzen zu mobilisieren. An Subjekt- und Lebensweltorientierung gebildete soziale Diagnostik ist daher immer auch entdeckend, da sie die Wissensvoraussetzungen ihres Erkennens nicht mitbringt, sondern nur das Verfahren, durch das Entdeckung ermöglicht wird. Ein solches Verstehen, das Situationen und Personen in ihrem Eigensinn erkennen möchte, ist kritisch. Hans Thiersch schreibt dazu: „In solcher Anstrengung eines Verstehens, das sich der notwendigen Offenheit eines vielperspektivischen Ansatzes bewusst ist, liegt eine Widerstands- und Sprengkraft in Bezug auf Enge, Ausblendung und darin begründete Manipulation, die freizusetzen eine der Hoffnungen in der so vertrakten Ineffektivität unseres Verstehensbetriebes ist“ (Thiersch 1986, 214).

 
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