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4 Die Verstehenszweifel

Die konstatierte Schwachstelle sozialpädagogischer Professionalität, im Hinblick auf ihre Konzepte und Methoden sozialer Diagnostik, hat ihre Ursache auch in ausgeprägten Selbstzweifeln der Profession. Diese Zweifel rühren zum einen aus der Frage, inwiefern soziale Diagnostik ein in professionellen Hilfesettings immer schon vorhandenes Machtgefälle zwangsläufig verfestigt und zum Instrument der Herrschaft von Professionellen wird. Diese Zweifel rühren zum anderen aus einer Einsicht in den enormen Anspruch, der damit verbunden ist, der Komplexität bio-psycho-sozialer Problemlagen entsprechende Verstehensverfahren zu entwickeln, die dann auch halten können, was sie begrifflich versprechen, entsprechend den Ausführungen in Kap. 2. Es ist also der Zweifel an der technisch-methodischen Realisierbarkeit von multiperspektivischen Verstehensverfahren, die sich von intuitions- und talentbasierten Alltagsverfahren entfernen und zugleich Distanz wahren zu eindimensionalen medizinisch-psychiatrisch-psychologischen Betrachtungsweisen. Während sich die Berechtigung der Zweifel an der Realisierbarkeit multiperspektivischen Verstehens ggf. durch evaluierte Praxis überprüfen ließe (was auch zunehmend stattfindet), bremsen die grundlegenden Zweifel an der Legitimität von sozialer Diagnostik deren Entwicklung. Daher sollen diese sozialarbeiterischen Selbstzweifel an den eigenen Verstehensabsichten im Folgenden erörtert und in ihrer Relevanz für die weitere Konzeptentwicklung sozialer Diagnostik betrachtet werden.[1]

  • [1] Nicht weitergehend erörtert wird an dieser Stelle der immer vorhandene erkenntnistheoretische Zweifel an Verstehensvorgängen überhaupt, ausgehend von der Annahme, jegliches Verstehen sei eine diskursabhängige Konstruktion von Relevanz. Verstehensvorgänge stehen in diesem Zusammenhang immer unter dem Verdacht, das „an sich“ Vorhandene nicht erkennen zu können, sondern es im Vollzug qua Appellation zu erschaffen (vgl. Butler 2001). Zudem sind sie womöglich, durch einen ihnen innewohnenden Drang zur Wahrheit, Ausdruck eines hegemonialen Willens zur Macht, der sich selbst nicht erkennt (vgl. Foucault 1981). Diese Infragestellung enthebt jedoch angewandte (und forschende) Wissenschaften, wie die Soziale Arbeit, nicht von der Aufgabe, verantwortbare Verstehensverfahren zu entwickeln, deren Ergebnisse belastbar sind und nachfolgendes Interventionshandeln begründen. Sie bedürfen als Prämisse einer kritischen Ontologie. Die Berechtigung hierzu ergibt sich aus der Logik von Foucault et al. selbst. Sie können keinen erhabenen Standpunkt einnehmen, von dem aus sie die Wahrheit über die Unmöglichkeit von Wahrheit auszusprechen in der Lage sind. Auch ihre wahrheitskritische Position ist in der Konsequenz ihres Denkweges nicht „wahr“ und steht genauso unter dem Verdacht, Ausdruck eines hegemonialen Machtwillens zu sein sowie das Ergebnis einer bestimmten Wahrheitspolitik. Sie wäre somit kontextual verständlich, aber nicht wahrer als ihr Gegenteil – und relativ. Das heißt: Mit Foucault et al. lernen wir, unsere SprechDenkVerstehens- und Forschungsposition kritisch zu reflektieren und über die Bedingungen der Möglichkeit entsprechenden Handelns nachzudenken. Zugleich können wir es zu unterlassen, die damit verbundene Relativierung zu essentialisieren bzw. all unsere Objekterfahrungen bzw. Erkenntnisse zu relativieren. Auch die Relativierung ist relativ.
 
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