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4.2 Die Diagnostikzweifel als Präzisierungshilfe für Verstehensverfahren

Gegenwärtig erfolgt der aktuelle Fachdiskurs in der Sozialen Arbeit zwischen den auf den Einzelfall fokussierten, verstehenden und rekonstruktiven Ansätzen, also den interpretativ-hermeneutischen Verfahren und den standardisiert-klassifikatorischen Verfahren auf der anderen Seite, entsprechend der Debatte um qualitative und quantitative Forschungsansätze (vgl. Buttner 2010, S. 4). Nicht mehr die Grundsatzdebatten, ob soziale Diagnostik überhaupt angemessen sind, sondern Diskussionen darüber, wie diese auszusehen haben, prägen den Diskurs. Gleichwohl, so die hier vertretene Position, sind in den Debatten über die grundlegenden Verstehenszweifel Argumente entfaltet worden, die auch in der fortgesetzten Konzept- und Methodenarbeit von Bedeutung sein sollten. Sie liefern wichtige Kriterien für die Gestaltung sozialpädagogischer Diagnostik, an denen entstehende Verfahren sich kritisch messen lassen müssen. Die Argumente des Zweifels sollen daher im Folgenden nochmals entfaltet und sodann ihre Bedeutung für die Soziale Arbeit dargestellt werden.

4.2.1 Der Zweifel daran, richtig verstehen zu können

Im Theoriediskurs der Sozialen Arbeit wird, insbesondere mit Verweis auf die Geschichte der Profession, ein Zweifel daran wach gehalten, inwiefern es durch Methodisierung möglich ist, Diagnostikverfahren zu realisieren, die ein Verstehen der Fallrealitäten gewährleisten. Unter dem Gesichtspunkt von Gütekriterien geht es hier auf einer personalen Seite um die Zweifel an der Objektivität möglicher Verfahren, auf einer technischen Seite geht es um den Zweifel an deren Validität.

Bezogen auf die Güte eines Diagnostikverfahrens meint das Kriterium der Objektivität die Unabhängigkeit des Ergebnisses von den Rahmenbedingungen seines Einsatzes, insbesondere von den persönlichen Ambitionen der diagnostizierenden Akteure, ihren Intentionen, Prägungen und Interessen. Ein verbreiteter zentraler Zweifel, an der Möglichkeit mittels Verfahrens sozialer Diagnostik zu einem angemessenen Bild von der Fallrealität zu gelangen, bezieht sich auf dieses Gütekriterium. Befürchtet wird die Indienstnahme des Verfahrens, durch die Professionellen, zum Zwecke der Bestätigung ihrer Vorannahmen. Hierfür finden sich in der Geschichte der Sozialen Arbeit auch sehr gute Gründe. Es lässt sich zeigen, dass sozialdiagnostisches Handeln in der jüngeren Vergangenheit oftmals als rein herrschaftlicher Etikettierungsvorgang praktiziert wurde, mit dem Ziel der Stigmatisierung, Auslese, Sanktionierung und Disziplinierung. Die Vorannahmen und Interessen der handelnden Akteure dominierten die Verfahren und führten dazu, dass ein ergebnisoffener Untersuchungsvorgang der Fallrealität unterblieb. Die entstandenen Diagnosen, wie z. B. „Landstreicherin“, „Nichtsesshafte“ oder „Asoziale“, dienten nie zu fachlich qualifizierten Beschreibungen von Problemen und deren anschließender Lösung, sondern waren Instrumente der Ausgrenzung von Abweichenden. Ein zentraler Zweifel, an neuerlichen Entwicklungs- und Systematisierungsversuchen sozialer Diagnostik in der Sozialen Arbeit, wird daher durch den Verdacht genährt, die entstehenden Diagnosen werden auch zukünftig nicht den Gegenstand abbilden, den abzubilden sie vorgeben. Vielmehr werden sie weiterhin durch die diagnostizierenden Fachkräfte geprägt, entsprechend ihrer theoretischen Vorlieben, sowie der gesellschaftlichen Wertvorstellungen und Normierungsbedürfnisse, die sie vertreten. Hinzu kommen professionelle Interessen: Kunstreich et al. schreiben hierzu: „Die Renaissance der Diagnostik in der Sozialen Arbeit kann als eine freiwillige Unterwerfung der Profession unter die gesellschaftlichen Machtverhältnisse gedeutet werden, vor allem als eine Unterwerfung unter den mit den neuen Steuerungsmodellen verbundenen manageriellen Effizienzdiskurs“ (Kunstreich et al. 2004, S. 27 f). Neben der alten Herrschaftspraxis, die mittels Diagnosen ein Eingriffshandeln rechtfertigen will, stehe das aktuelle Ansinnen im unmittelbaren Zusammenhang mit betrieblicher Legitimation von Arbeitsaufträgen (vgl. ebenda, S. 28) und wird zudem von einem Professionalisierungsbedürfnis der Sozialen Arbeit angetrieben, somit also von sachfremden Kriterien gesteuert. Weil es, so Kunstreich, für die Anerkennung als Profession spezieller Bearbeitungsformen und der Unterscheidung von anderen Professionen spezifischer Problemdeutungsweisen bedarf, wird soziale Diagnostik vorangetrieben und entwickelt (vgl. Kunstreich 2003, S. 9). So wie in der Vergangenheit gesellschaftliche Normalitätsvorstellungen und Anpassungserwartungen die Begriffsbildung der Sozialen Arbeit steuerten, so tun es in Zeiten neoliberaler Steuerungen zusätzlich noch betriebswirtschaftliche Erwägungen und Profilierungsbedürfnisse der Berufsgruppe auf dem Sozialmarkt. In der Unterstellung, soziale Diagnostik sei nichts als „üble Nachrede“, verdichtet sich dieser Zweifel prägnant (Kunstreich 2003, S. 8). Zum Ausdruck gebracht wird hier die Annahme, dass soziale Diagnostik immer nur strategisches Instrument der Professionellen zur Durchsetzung sachfremder Interessen ist, nie aber ein Verfahren im Rahmen einer fachlichen Expertise, die ihren Gegenstand sachangemessen wahrnimmt und dem Gütekriterium der Objektivität entsprechen kann.

Neben den damit festgestellten unlauteren Motiven für die Entwicklung von Diagnostikverfahren begründen die Protagonisten dieser Position allerdings auch noch die Aussichtslosigkeit des Unterfangens, klassifizierend oder hermeneutisch Diagnosen zu erstellen, die ihren Untersuchungsgegenstand angemessen erfassen können. Dies ist ein Zweifel an der Validität der Verfahren, also daran inwiefern das Verfahren wirklich die Realität erfassen kann und die Verfahrensergebnisse diese Realität wirklich abbilden. Grundsätzlich formuliert es Micha Brumlik:

„Menschen können einander nicht restlos verstehen, d. h. die Gründe und Regeln des jeweiligen Handelns so explizieren, dass sowohl ihr zukünftiges Handeln als auch ihre vergangenes Verhalten restlos verstanden und erklärt werden kann. Ich möchte dies in die Behauptung fassen, dass menschliches Handeln prinzipiell opak ist“ (Brumlik 1984, S. 69). Im Detail wird, entsprechend der Kritik an quantitativen Verfahren empirischer Sozialforschung, bei klassifizierenden Verfahren in Frage gestellt, ob die Subsumption von sozialen Daten unter die zuvor erarbeiteten Begriffe mehr sein könne als die Verdoppelung der Forschungsvorurteile, die sodann dem Zweck der Legitimation professioneller Handlungsabsichten dienen.

Auch hermeneutische Verfahren geraten unter diesen Verdacht fehlender Validität. Im Rahmen von klassifizierender Diagnostik oder als eigenständige Verfahrensform entwickelt, drohen sie ihren Untersuchungsgegenstand systematisch zu verfehlen, weil sie patriarchal strukturiert bleiben und monologisch ein vermeintlich höheres Wissen zum Einsatz bringen. Die Transformation der diffusen Realität in ein begriffliches Raster mittels hermeneutischer Verfahren stiftet keine wirkliche Erkenntnis über diese Realität, wenn die Perspektive und der Eigensinn der Hilfsadressaten von geringerer Bedeutung sind als das professionelle Wissen. Einzig die Anerkennung der Gleichwertigkeit der Wissensdomänen der Adressatinnen und die Sicherstellung von deren gleichwertiger Einflussnahme auf die Diagnose würden einen Ausweg aus dieser hermeneutischen „Blindheit“ ermöglichen (vgl. Kunstreich 2004). Den Ausweg verspricht in diesem Zusammenhang nur ein dialogisches Verfahren, dass darauf verzichtet, die Adressatinnen und Adressaten Sozialer Arbeit überhaupt zum Objekt systematischen Verstehens zu machen, in dem es die Perspektiven der Adressatinnen als gleichwertig anerkennt und sowohl die Verstehensprozesse, wie auch die Hilfeprozesse, als Handeln konzeptioniert, das von den Adressatinnen als „nützliche Assistenz“ erfahrbar wird (vgl. Muth und Nauerth 2007). Es vermeidet damit auch ein Kräftemessen, zwischen den guten Gründen der Adressatinnen und der Professionellen, im Prozess der Rekonstruktion eines einheitlichen diagnostischen Bildes und verzichtet offensiv auf jede professionelle Vorherrschaft. Zugleich zielt es nicht mehr auf die Legitimationen für pädagogische Eingriffe und verlässt die „menschenbildnerische Perspektive zugunsten des Versuchs einer gemeinsamen Praxis, einer Praxis des Dialogs und der Aufklärung“ (Kunstreich et al. 2004, S. 37). Mit einem Dialog zwischen Gleichen sollen „Bildungsprozesse beim pädagogischen Gegenüber“ angestoßen und begleitet werden und Professionelle zu „Hebammen“ werden, die sich in einer geburtshelfenden Haltung in die Selbstbildungsprozesse ihres Gegenüber partnerschaftlich einbringen (vgl. Kunstreich et al. 2004, S. 35). Mit dieser radikalen Konzeptionierung der Gleichwertigkeit von Perspektiven in den Praxisprozessen der Sozialen Arbeit, und der damit verbundenen Zuspitzung, selbst Aushandlungsprozesse durch eine mäeutische Haltung überwinden zu wollen, erfolgt offensichtlich der Ausstieg aus jeglichen Verstehensabsichten.

Gegen einen, insbesondere bei Kunstreich, vorhandenen Gütepessimismus lässt sich anführen, dass auch der Verzicht auf Verstehensverfahren und der damit verbundene Bezug auf Talent, Erfahrung und Intuition keinen höheren Gütegrad des Verstehens versprechen. Professionelle diagnostizieren immer, auch wenn es anders genannt wird. Zu klären ist, durch welche Praxis die Gefahr mangelnder Objektivität und Validität minimiert werden kann.

Für die Arbeit an angemessenen Verfahren ergeben sich jedoch aus den hier beschriebenen Verstehenszweifeln drei gewichtige und berechtigte Anfragen an Verstehensprozesse in der Sozialen Arbeit. 1) Liegt der Arbeit an Diagnostikverfahren und deren Einsatz ein Interesse zugrunde, das weniger fachlich-professionell motiviert ist, vielmehr im Zusammenhang steht mit betrieblichen Legitimationsbedürfnissen? 2) Agieren die Fachkräfte, mit Hilfe lieber Diagnostikverfahren, im Dienste der Lösung von sozialen Problemen und der Klärung von Entwicklungszielen oder aber als hegemonial Regierende, die patriarchal ihre Eingriffsrechte legitimieren wollen? 3) Etablieren sich entwickelte Verfahren sozialer Diagnostik auf der Basis der Ergebnisse rationaler Validierung oder auf Grund sachfremder Kämpfe um professionelle Anerkennung?

Verstehensverfahren der Sozialen Arbeit müssen diese Zweifel an ihrer Reliabilität, ihrer Validität und ihrer Objektivität als Gütetestfragen behandeln und sodann konzeptionell integrieren, somit durch die nachgewiesene Qualität ihrer Verstehenskonzepte beantworten.

 
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