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4.2.2 Der Zweifel an der Güte zu genauen Verstehens

Ein zweiter Verdacht begleitet die Verstehensbemühungen Sozialer Arbeit. Er ist ebenfalls grundlegend und von einem fortschrittlich-emanzipatorischen Ansinnen geprägt, thematisiert aber mit seinen Zweifeln eine Befürchtung, die der zuvor beschriebenen entgegen gesetzt ist. Ging es dort um den Zweifel, ob diagnostische Verstehensverfahren überhaupt in der Lage sind, ihren Gegenstand abzubilden bzw. erkennbar zu machen, so geht es hier um den Zweifel daran, inwiefern ein genaues Verstehen überhaupt wünschenswert ist. Nicht die Möglichkeit des Verstehens wird bezweifelt, vielmehr wird in Frage gestellt, dass genaues Verstehen ein erstrebenswertes Ziel sein kann. Bezweifelt wird der fachliche Gewinn der Möglichkeit, sehr genau zu verstehen!

Foucault hatte, mit seinen Ausführungen zur Mikrophysik der Macht, bereits die These zu begründen versucht, dass die Entwicklung der Humanwissenschaften letztlich aus einem wachsenden Kontrollbedürfnis der gesellschaftlichen Macht über den menschlichen Körper herrührt. Nicht funktionale Zustände des Menschen werden zum Gegenstand der Wissenschaften und der Berufsgruppen, wie etwa Erzieherinnen, Ärztinnen und Psychologinnen, sondern die Kontrolle ihrer Abweichung. Sie alle sind Teil eines „gesellschaftlichen Disziplinierungsprozesses, der sich der Körper nicht mehr durch Folter, Kerker und das Rad direkt bemächtigt, sondern sie durch das Postulieren innerer Instanzen („der Seele“, „des Charakters“) gefügig macht. Die Humanwissenschaften greifen nach den menschlichen Körpern, indem sie ihren Gegenstandsbereich überhaupt erst konstituieren“ (Brumlik 1984, S. 40). Sie sind Ausdruck eines modernen Willen zum Wissen, welches „das Ensemble der Regeln (bestimmt), nach denen das Wahre vom Falschen geschieden und das Wahre mit spezifischen Machtwirkungen ausgestattet wird“ (Foucault 1978, S. 53).

Die Fortentwicklung der Fähigkeit in der Sozialen Arbeit, die Lebensweise ihrer Adressatinnen komplex zu verstehen, ist in diesem Licht als ein „Angriff auf die letzten noch der Öffentlichkeit entzogenen Bereiche des privaten Lebens vor allem der Unterschichtsbevölkerung“ deutbar, der letztendlich „auf die Enteignung ihres Bewusstseins“ abzielt (Brumlik 1984, S. 40). Der zunächst unverfügbare lebensweltliche Eigensinn, seine sozialkulturelle Natur und die hier geltenden Selbstverständlichkeiten und Hintergrundüberzeugungen geraten unter Beobachtung, werden thematisiert, damit ihrer urwüchsigen Geltung beraubt und schließlich umprogrammiert. Zu beschreiben ist dies, als eine Veränderung des kulturellen Rahmens von Menschen, ja sogar als Kolonialisierung der Lebenswelt durch Expertinnen im Allgemeinen und durch Pädagogisierung im Besonderen, sofern man Lebenswelt nicht transzendentalsondern objektwissenschaftlich verwendet. Bei Habermas wurde der Vorgang einer solchen Kolonialisierung ursprünglich folgendermaßen formuliert: „Das Alltagsbewusstsein sieht sich an Traditionen verwiesen, die in ihrem Geltungsanspruch bereits suspendiert sind, und bleibt doch, wo es sich dem Bannkreis des Traditionalismus entzieht, hoffnungslos zersplittert. An die Stelle des ‚falschen' tritt heute das fragmentierte Bewusstsein, das der Aufklärung über den Mechanismus der Verdinglichung vorbeugt. Erst damit sind die Bedingungen einer Kolonialisierung der Lebenswelt erfüllt: die Imperative der verselbständigten Subsysteme dringen, sobald sie ihres ideologischen Schleiers entkleidet sind, von außen in die Lebenswelt – wie Kolonialherren in einer Stammesgesellschaft – ein und erzwingen die Assimilation; aber die zerstreuten Perspektiven der heimischen Kultur lassen sich nicht soweit koordinieren, dass das Spiel der Metropolen und des Weltmarktes von der Peripherie her durchschaut werden könnte“ (Habermas 1981 II, S. 522). In diesem Zusammenhang wäre soziale Diagnostik somit als die Durchdringung der kulturellen Reproduktion, der sozialen Integration und der Sozialisation zu verstehen, die dann einsetzt, wenn, mit Berufung auf eine kommunikative Rationalität, ein rationales Verstehen sozialintegrierter Lebenszusammenhänge erfolgt und – hiermit verbunden – deren funktionalistische Umpolung im Namen der Vernunft (vgl. Richter 1984, S. 154).

Diese Gefahr wächst, je größer das Verstehenspotential der eingesetzten Verfahren ist. In diesem Licht verkehrt sich sodann die Bewertung der Verfahren auf paradoxe Weise. Klassifizierende Verfahren erscheinen, gerade auf Grund ihrer Grobrasterung der sozialen Wirklichkeit, als geradezu ungefährlich, wohingegen hermeneutische oder gar dialogische Verfahren genau dadurch fragwürdig werden, dass sie kommunikativ in die Alltags- und Lebenswelten ihres Gegenübers besonders tief einzudringen vermögen und dadurch ein Machtpotential entfalten. Gerade der partnerschaftliche und von Solidarität geprägte Charakter entsprechender Verstehens- und Hilfesettings verkehrt sich in eine besonders ausgeklügelte Herrschaftstechnik, die sogar das hier entstehende Vertrauen und damit verbundene Offenheit als Ressource eigener Herrschaft zu nutzen vermag.

Entgegen gehalten werden kann dieser Interpretation von sozialer Diagnostik als Praxis gesellschaftlicher Kolonialisierung autonomer Lebenswelten zum einen, dass – wie Sünker darlegt – auch hermeneutisches Verstehen durchaus kritisch zu bleiben in der Lage ist, sofern sie a) ein Verständnis vom richtigen Leben entwickelt, das aber b) nicht manipulativ von außen eingebracht wird, sondern sich im Akt der Erinnerung bei den Adressatinnen Sozialer Arbeit entwickelt. „Das impliziert, … dass in solcher Praxis die Entscheidung darüber, was das gute Leben ist, letztlich dem Subjekt selber überlassen bleiben muss, das sich in einem Prozess der Bildung vom Zwang befreit. Soll das Wissen, das in emanzipatorischer Praxis vermittelt wird, zu einem guten Leben anleiten, muss es das Individuum zur Möglichkeit befreien, von sich aus zu bestimmten, welche Form diese Leben annehmen soll“ (Giegel, zitiert nach Sünker 1984, S. 147 f). Helmut Richter verortet Sozialpädagoginnen, gerade durch ihren Zugang zu Lebenswelten, als wichtige Gesprächs- und Geschäftspartnerinnen ihres Klientels, indem sie in verständigungsorientierten Handlungssituationen die Aufklärung über Aspekte der kulturellen und der Sozialisation unterstützen und die Austauschprozesse zwischen System und Lebenswelt vermitteln (vgl. Richter 1984, S. 158). Brumlik selbst verweist sodann auf den ungeklärten Begriff der Kolonialisierung und die hiermit verbundene Frage, inwiefern die Eigenwelten der Anderen überhaupt als zugänglich angenommen werden können. So gesteht er resümierend zu, dass die These einer zwangsläufigen Kolonialisierung von Lebenswelten oder der Manipulation der kulturellen Rahmungen ihrer Adressatinnen nicht zu bestätigen ist und letztlich offen bleiben muss. Seine Lösung lautet „pädagogischer Takt“ als Antwort auf die wahrgenommene Gefahr von Kolonialisierungen (Brumlick 1984, S. 72).

Zusammengefasst ergibt sich aus diesen Zweifeln an der Güte sozialpädagogischer Verstehensfähigkeit, die Anfrage an jegliche soziale Diagnostikpraxis im Hinblick auf ihren Verstehensumfang. Zu klären wäre, welches Wissen Professionelle in welchen Handlungszusammenhängen wirklich benötigen. Dem entsprechend müssten Instrumente und Verfahren ausweisen, inwiefern die durch sie mögliche Verstehensintensität bzw. Erkenntnistiefe dem Anlass entsprechen, auf den sich beziehen.

 
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