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4.3 Resümee

Wie dargelegt wurde, ist die Arbeit an Verstehensverfahren für die Praxis der Sozialen Arbeit von zwei grundlegenden Zweifeln begleitet, die Disziplin und Profession auf sich selbst und ihre mögliche Praxis beziehen. Zum einen ist dies der Zweifel an der Validität und der Objektivität eingesetzter Verfahren. Infrage gestellt wird die Möglichkeit, den Gegenstand durch einen Verstehensvorgang überhaupt gesichert erfassen zu können. Befürchtet wird, dass der Verstehensvorgang, auf Grund seiner Verformung durch sachfremde Interessen und der Komplexität des Verstehensgegenstandes, keine wirkliche Erkenntnis über diesen Gegenstand ermöglichen kann, die Verstehensverfahren daher keine Gültigkeit, Zuverlässigkeit und Objektivität gewährleisten. Befürchtet wird zudem, dass, im Gegensatz hierzu, der Verstehensvorgang sogar sehr genau erfolgen kann, aber gerade dadurch unerwünschte Effekte erzielt, dass es zu einer illegitimen Durchleuchtung und Beobachtung bisher verborgener lebensweltlicher Bereiche auf Seiten des Klientels kommt, ein Vorgang, der als Kolonialisierung beschrieben werden kann.

Beide Zweifel sind herrschaftskritisch ausgerichtet. Ihnen ist gemeinsam, dass sie im Vorgang des Verstehens eine Bemächtigung der Adressatinnen Sozialer Arbeit durch die Profession befürchten. Sowohl die Verkennung, als auch die Erkennung des Gegenstandsbereiches gerät als ein Problem in den Blick insofern, als es die Möglichkeit von illegitimer Herrschaftsausübung ermöglicht.

In der Sozialen Arbeit ist die Beschäftigung mit Machtungleichgewichten im Hilfeprozess nicht neu. Die handlungstheoretische Begründung und Konzeptionierung von Subjekt- und Lebensweltorientierung kann auch als Ausdruck des Bemühens gesehen werden, die immer drohende Bemächtigung des Klientels, im Vollzug sozialpädagogischer Hilfeerbringung, unwahrscheinlicher werden zu lassen. Sie ist eine Konsequenz aus dem Willen, sich nicht auf ein Instrument von Ordnungspolitik reduzieren zu lassen. Gleichwohl gesteht auch Thiersch zu, dass die Versuchung zur Macht damit weiterhin gegeben ist, gerade auch im Prozess des notwendigen tiefer gehenden Verstehens von Lebensweisen (vgl. Thiersch 1984,

S. 33). In den Bemühungen um die Systematisierung und Methodisierung professionellen Verstehens in der Sozialen Arbeit muss dementsprechend beachtet werden, dass die Güte entstehender Verfahren immer gefährdet ist durch das in ihnen enthaltene Potential, sich der Adressatinnen ihrer Hilfe zu bemächtigen. Hieraus wären sodann Konsequenzen für die Entwicklung von Verfahren sozialer Diagnostik zu ziehen. Es geht an dieser Stelle um die „kritische Reflexion gegen die missbräuchlichen Techniken des Regierens und die ethische Suche nach dem, was die individuelle Freiheit zu begründen gestattet“ (Foucault 1984, S. 900).

Wenn diagnostische Macht „sich nicht zur Herrschaft verfestigen (soll), so müssen sich Diagnosesysteme in den Dienst der Macht-Unterworfenen stellen“ (Thole et al. 2007, S. 319). Dies kann durch die Absicherung ihrer Güte erfolgen, die grundsätzlich auf zwei Weisen realisierbar ist: durch die klassische „Testung“ der Instrumente im Prozess ihrer Entwicklung, wie auch durch die Festlegung von Verfahrensstandards und damit verbundene Gütesicherungen im Vollzug ihres Einsatzes. Verfahren können im Sinne von Gütetestungen darauf hin überprüft werden, ob sie in ihrer Anwendung Personenunabhängigkeit gewährleisten, technisch zuverlässig sind und ihre Ergebnisse Gültigkeit beanspruchen können. Hinzu kommt die logische Begründung des Geltungsbereichs entstehender Ergebnisse. Auch wenn solche Absicherungen nicht immer analog der Entwicklung von Messinstrumenten empirischer Sozialforschung erfolgen können und nicht in jedem Falle durch Testungen nachweisbar sind, so geht es doch um eine maximale Annäherung an die hier enthaltenen Güteansprüche.

Die Arbeit an der Objektivität von Verfahren sozialer Diagnostik könnte darin bestehen, Handlungsanweisungen für die Nutzerinnen auszuformulieren und diese in Anwendungsmanualen zu verdichten. Hinzu käme die Beschränkung des Einsatzes der Instrumente durch die Definition von Nutzungsrechten im Zusammenhang mit abgeschlossenen Fortbildungen. Diese müssten sowohl operative Anwendungskompetenzen, als auch ethisch gegründete Haltungen und Anwendungsprinzipien, vermitteln und zudem Raum schaffen für die Einübung der Fähigkeit, selbstreflexiv die Bedingungen ihres eigenen Erkenntnisprozesses zu rekonstruieren und dafür geeignete Settings zu produzieren (vgl. Müller 2003, S. 15 f).

Die Arbeit an einer Reliabilitätssicherung und Validierung von Verfahren würde entsprechende Testungen bedeuten. Dies meint eine Überprüfung ihrer, sich aus dem Strukturaufbau ergebenden, prinzipiellen Mess-, Beschreibungs-, Rekonstruktionsgenauigkeit auch auf eine Weise, die an klassische Retestoder Paralleltestverfahren sowie Konsistenzprüfungen angelehnt sein kann (Reliabilität). Überprüft werden sollte mithin, so gut es geht, ob sich das Verfahren, von seiner fachlich-inhaltlichen und strukturellen Logik her, dafür eignet, spezifische Erkenntnisprozesse anzuleiten. Schließlich ginge es um den anspruchsvollen Nachweis der Gültigkeit dessen, was mit Hilfe der Instrumente erkennbar wird (Validität). Überprüft werden müsste somit, ob das Instrument erfasst, was es erfassen soll. Geht es bei der Reliabilitätsprüfung um eine Reaktion auf die Befürchtung falschen Verstehens, so würde diese Prüfung auch der Befürchtung zu genauen Verstehens Rechnung tragen. Geprüft würde somit, ob das Instrument sich auf das beschränkt, was im Handlungszusammenhang von Bedeutung ist und damit grenzverletzende Ausforschungen vermeidet. Es nimmt die Befürchtungen systematischer Kolonialisierungen gerade auch durch die potentielle Analysekraft qualitativer Verfahren ernst und prüft, ob das Verfahren den Teilbereich erfasst und sich auf diesen beschränkt, auf den bezogen es eingesetzt wird. Hierzu gehört sodann zwingend die Benennung des Geltungsbereichs der mit diesem Instrument hervorgebrachten Erkenntnissen. Hier wird der Ausschnitt der Realität bestimmt, auf den bezogen die Instrumente gültige Aussagen zu machen beanspruchen.

Zugleich ist die Absicherung der Objektivität, Reliabilität und Validität der entwickelten Instrumente, wie auch die Einhaltung ihres Geltungsbereiches, im Vollzug ihres Einsatzes grundsätzlich möglich. Das zentrale Mittel ist die Beteiligung der Adressatinnen und Adressaten am Verstehensverfahren, die Transparenz aller Verfahrensschritte und eine damit verbundene Widerspruchs- und Korrekturmöglichkeit aller Ergebnisse, die im diagnostischen Zusammenhang entstehen. Eine, in diesem Sinne, konstruktive Schwächung der Herrschaftsposition von Professionellen im diagnostischen Verfahren ist in dem Maße zu gewährleisten, wie systematische Multiperspektivität und darin enthaltene Gewährleistung von Partizipation ein Kernbestandteil des Verfahrens werden. Gegen die immer drohende Verkennung des Gegenstandsbereiches oder dessen übermäßige Ausleuchtung und die drohende illegitime Machterweiterung der Professionellen im diagnostischen Prozess wirken Validierung, systematische Partizipation, die Klärung von Geltungsbereichen und die Zertifizierung des Zugangs zur Nutzung der Instrumente durch entsprechend ausgebildete Fachkräfte.

Eine solche soziale Diagnostik wäre dementsprechend zu verstehen, als die – unter Einbezug der lebensweltlich geprägten Adressatinnenperspektive und fachwissenschaftlich begründete Außenperspektive transparent erfolgte – Zusammenführung der wichtigsten Merkmale eines Sachverhaltes zu einer Struktur, die Erkenntnis stiftet, damit vorläufige Begründungen liefert für die Notwendigkeit als auch für die Zielrichtung nachfolgenden professionellen Hilfehandelns, diese zugleich aber auch der kritischen Überprüfung zugänglich macht.

 
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