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5.2 Begriffliche Grundlegungen

Nach Max Weber ist die Soziologie eine Wissenschaft, die soziales Handeln deutend verstehen- und dadurch in Ablauf und Wirkung ursächlich erklären will. Sie sucht nach den allgemeinen Gesetzen sozialen Handelns. Dementsprechend wird in den Sozialwissenschaften, auch den angewandten, an Modellen zur Erklärung sozialen Handelns bzw. an der Erkenntnis genereller Regeln menschlichen Verhaltens gearbeitet. Allerdings ist kein Modell allgemein anerkannt, da die ontologischen und epistemologischen Prämissen nicht allgemein geteilt werden. Als theoretische Hauptströmungen stehen weiterhin zwei Handlungskonzepte nebeneinander, ohne auf eine Weise verbunden zu sein, die allgemein anerkannt wird. Zum einen das Handlungskonzept der Ökonomie (homo oeonomicus) und die mit diesem verbundene rational choice Theorie (utilitaristisches Handlungsmodell). Zum anderen die Theorietradition des wissens-, werte- und normenregulierten Handelns, zu denen auch die sinnverstehenden und wissenssoziologischen Handlungsansätze zu zählen sind. Man kann sagen, dass ihnen das Ringen um ein richtiges Verhältnis von Struktur und Handlung, von gesamtgesellschaftlichen Sachverhalten und Mikroereignissen, von Subjekt und Gesellschaft gemeinsam ist, aber ihre Grundannahmen sich zentral unterscheiden. Sind soziale Ordnungen das Ergebnis individueller rationaler Handlungen (rational choice und Tausch) oder sind, umgekehrt, individuelle Handlungen das Ergebnis gesellschaftlicher Zwänge (Marx, Weber). Reproduziert sich gesellschaftliche Ordnung durch individuelle Subjekte (Psychologie, Pragmatismus), oder ist menschliche Subjektivität nur eine Widerspiegelung gesellschaftlicher Tatsachen (Internalisierung von Normen)?

Mit Bourdieu, Giddens und auch Beck lassen sich drei populäre Vertreter der Soziologie benennen, deren theoretische Modelle eine Überwindung dieser Mikro-Makro-Distanz beinhalten. Ihnen zufolge, schaffen gesellschaftlich geprägte Individuen die Gesellschaft als kollektive Kraft durch kontingente, freie Handlungen und andererseits, so beispielsweise die Forschungsergebnisse von Bourdieu, muss ihr Verhalten als Ausdruck verinnerlichter, habitualisierter Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Verhaltensmuster verstanden werden. Es sind Muster, die die konkreten Praktiken der Akteure strukturieren, sie aber nicht determinieren. Ein menschlicher Habitus entsteht demnach durch analysierbare gesellschaftliche Prozesse und markiert die Grenzen individueller Verhaltensmöglichkeiten (vgl. Bourdieu 1982; vgl. kritisch dazu auch Heidenreich 1998). Giddens beschreibt den wechselseitigen Reproduktionsprozess von Akteuren und gesellschaftlichen Strukturen, den er die Dualität von Struktur nennt. „Gemäß dem Begriff der Dualität von Struktur sind die Strukturmomente sozialer Systeme sowohl Medium wie Ergebnis der Praktiken, die sie rekursiv organisieren“ (Giddens 1988, S. 77). Hierbei fasst er Strukturen nicht einseitig als eine einschränkende, dem Handeln zugrundeliegende gesetzmäßige Logik auf, sondern demgegenüber als Medium und als Resultat eines aktiv strukturierenden Handelns: Strukturen können einschränken und ermöglichen. Auch die zentrale Theorie von Ulrich Beck muss in diesen Zusammenhang eingeordnet werden. Seine Theorie der Risikogesellschaft thematisiert Gefährdungen im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen, die durch menschliches Handeln hervorgebracht wurden. Dieses Handeln untergräbt die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen der modernen Gesellschaft und zwingt diese daher zu einer ungewollten Selbstinfragestellung, somit zu einer Modernisierung der Grundlagen ihrer Modernisierungsdynamik. Die berühmte Individualisierungstheorie ist sodann ein Teilaspekt dieser Gesellschaftstheorie, insofern hier rückwärtsgelegene Folgewirkungen der industriegesellschaftlichen Entwicklungsdynamik beschrieben werden: die Auflösung von Traditionen, die das soziale Binnengefüge der Industriegesellschaft ausdünnen und umschmelzen (vgl. Beck 1986).

Allerdings sind diese Modelle, trotz ihrer Überwindung des Mikro-MakroGegensatzes, noch keine hinreichende Vorarbeit für das Bemühen, individuelles Handeln im Kontext sozialer Strukturen verorten zu können und hierfür zu einem ausreichend differenzierten, allgemeinen Handlungs(entstehungs)modell zu gelangen, dass für sozialpädagogische Verstehensprozesse operationalisierbar wäre. Zwar begründen sie existierende Wirkungszusammenhänge, aber liefern keine ausreichend genauen Beschreibungen der jeweiligen Faktoren bzw. Komponenten auf der Mikro- und Makroebene, ihrer spezifischen Wirkungen und Wechselwirkungen. Werner Obrecht weist zudem darauf hin, dass nahezu alle soziologischen Ansätze die biologischen Grundlagen menschlichen Verhaltens ausblenden und nicht thematisieren, inwiefern der menschliche Körper als Faktor für menschliches Handeln verstanden werden muss. Hierzu kam es bereits im Konstitutionsprozess der wissenschaftlichen Soziologie, als im Übergang zum 20. Jahrhundert „Gesellschaft“ der zentrale Forschungsgegenstand dieser neuen Wissenschaft wurde und somit auch der „Begriff Gesellschaft“, der „nach dem zweiten Weltkrieg in den Sozialwissenschaften die engeren Entitäts-Begriffe Staat, Nation und Volk verdrängte“ (Obrecht 2011, S. 5).

Daher soll im Folgenden von Weber, Parsons und Habermas ausgegangen werden, um sodann von deren Grundlegungen her, unter Einbezug der Ausarbeitungen von Hartmut Esser, ein Mehr-Ebenen-Modell zu begründen und dessen mögliche Funktion in den Verstehensprozessen der Sozialen Arbeit zu verdeutlichen. Ihre Konzepte gelten als klassische Ansätze einer Handlungstheorie, auf die sich auch darüber hinaus gehende, integrierende Konzepte immer beziehen.

 
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