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5.2.1 Handlungstypen bei Weber, Parsons und Habermas

Weber unterscheidet zweckrationales, wertrationales, affektuales und traditionales Handeln. Als zweckrational handelnd wird eine Person bezeichnet, die ihr „Handeln nach Zweck, Mittel und Nebenfolgen orientiert und dabei sowohl die Mittel gegen die Zwecke, wie die Zwecke gegen die Nebenfolgen, wie endlich auch die verschiedenen möglichen Zwecke gegeneinander rational abwägt“ (Weber 2003,

S. 33). Wertrationales Handeln ist bestimmt durch den „Glauben an den – ethischen, ästhetischen, religiösen oder wie immer sonst zu deutenden – unbedingten Eigenwert eines bestimmten Sichverhaltens rein als solchen und unabhängig vom Erfolg“ (Weber 2003, S. 32). Das affektuale Handeln ist durch aktuelle Affekte und Gefühlslagen bestimmt, „oft jenseits dessen, was bewusst sinnhaft orientiert ist“, emotional gesteuert und enthemmte Reaktion auf außeralltägliche Reize (vgl. Weber 2003, S. 32). Das traditionale Handeln ist an die den Akteur umgebenden Konventionen gebunden, „oft nur ein dumpfes in der Richtung der einmal eingelebten Einstellung ablaufendes Reagieren auf gewohnte Reize“ (Weber 2003, S. 32). Dieses Schema ist allerdings eine typologisierende Beschreibung zur Kennzeichnung von Handlungen. Sie kann reflexiv Handelnde (zweck- und wertrational) von nicht-reflexiv Handelnden unterscheiden (traditional und affektual), aber auf der reinen Handlungsebene keine weitergehende analytische Qualität liefern. Gleichwohl ist bei Weber die Strukturebene in seine Handlungstheorie eingewoben. Der Typus des zweckrationalen Handelns bindet zunächst das utilitaristische Handlungsmodell dadurch ein, da es auf Effizienz- und Effektivitätskriterien verweist. Diese sind bei Weber wiederum normativ an eine kapitalistische Ethik gebunden, beruhen somit auf bestimmten gesellschaftlichen normativen Standards, die es ermöglichen, diese Form des Handelns anzuwenden. Das Streben nach Nutzenmaximierung, unter Effizienz- und Effektivitätsgesichtspunkten, ist somit die Folge einer spezifischen Gesinnungsethik und einer spezifischen kapitalistischen Wirtschaftsordnung, deren Existenz wiederum sozialevolutionär erklärt werden muss (s. z. B. die Protestantismusthese). Diese Perspektive unterscheidet Webers Ansatz von solchen utilitaristischen Ansätzen, die Nutzenmaximierung als individuelles Grundbedürfnis ansehen und dementsprechend auf eine strukturelle Normen- und Werteebene zur Erklärung von Handeln verzichten können. Struktur und Handlung sind bei ihm kausaldeterministisch bestimmt. Anhand der normativen Standards bzw. gültiger Wertsphären lässt sich ableiten, auf welche Weise gehandelt wird (bzw. gehandelt werden muss). Die eigentliche Analyse zur Erklärung des Handelns ist auf der strukturellen Ebene der Normen und Werte, der Ethiken, der Wertsphären bzw. der Ideenwelten und Interessen zu leisten. Der Zusammenhang dieser Makroebene mit der Mikroebene ergibt sich bei ihm sodann „problemlos“, durch den angenommenen Zusammenhang von unterschiedlichen Handlungsfeldern und deren normativen Standards. Es kann aber gut begründet werden, dass eine solche theoretische Perspektive im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Individualisierungsbzw. Enttraditionalisierungsprozessen nicht ausreicht, vielmehr die Handlungsebene als eigenständige akteurbezogene Erklärungsebene einbezogen werden muss und sich die Frage stellt, wie die Ebene der Normen und Werte dazu positioniert werden kann.

Parsons handlungstheoretische Konzeption baut auf den Weberschen Überlegungen auf und bemüht sich um eine genauere Begründung des Zusammenhangs zwischen Struktur- und Handlungsebenen. Er übernimmt vom Utilitarismus die wahlrationale Zweck-Mittel-Rationalität und berücksichtigt zudem motivationalaffektuelle Aspekte der Bedürfnisbefriedigung. Diese bindet er an die strukturelle Ebene der Normen. Sie beeinflussen nicht nur direkt die Entscheidung eines Akteurs im Hinblick auf verschiedene Handlungsalternativen, sondern beeinflussen auch indirekt die individuellen psychischen Dispositionen. Insofern schließt Parsons an Weber an. In Erweiterung von Weber kann Parsons aber dann begründen, dass es verschiedene, voneinander unterscheidbare, Typen rationalen Handelns gibt. Die berühmten „pattern variables“ sind an dieser Stelle als formalsoziologische Kategorien zu verstehen, die den Rahmen möglicher normativer Standards festlegen, begrenzen und einen Zusammenhang zwischen Gesellschaft und Persönlichkeit herstellen. Mit Bezug auf Ferdinand Tönnies´ Unterscheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft hatte Parsons grundlegende Möglichkeiten der Handlungsorientierung dichotomisch einander gegenübergestellt: Universalismus versus Partikularismus, Leistungsorientierung versus Zuschreibung, Spezifität versus Diffusität, Neutralität versus Affektivität (vgl. Parsons 1951). Unterschieden sind damit Handlungsbereiche und in ihnen geltende Rationalitäten, mit deren Hilfe analysiert werden kann, wie kulturelle Werte den Entscheidungsspielraum von Handelnden strukturieren, somit zu handlungsanleitenden Orientierungsmaßstäben werden. Durch Sozialisation internalisierte kulturelle Werte fungieren als Muster für eine Wahl zwischen Handlungsalternativen. Sie bestimmten die Orientierungen eines Handelnden dadurch, dass sie Präferenzen festlegen, ohne die Kontingenz der Entscheidungen zu berühren (vgl. Habermas 1981 II, S. 333). Ein Aktor, so Parsons, ist in einer konkreten Handlungssituation mit einer Reihe wichtiger Orientierungsdilemmata konfrontiert, was dazu führt, dass er eine Reihe von Selektionen vollziehen muss, bevor die Situation in ihrem Sinn für ihn bestimmt ist (vgl. Parsons 1951, S. 76; vgl. auch Honneth 2011, S. 345 ff.).

Ungelöst bleibt aber auch bei Parsons das, schon bei Weber vorhandene, Problem, analytisch nicht zwischen verinnerlichten Grundüberzeugungen und Handlungskoordinierungsmechanismen unterscheiden zu können, sie also in einem Maße zu trennen, dass sich beide Ebenen unabhängig voneinander entwickeln und verändern können. Die Erklärung einer in diesem Sinne autonomen Entstehung und Reproduktion von intersubjektiv gültigen Normen, Werten, Wissensbeständen und individuellen Dispositionen fehlt. Das heißt, Parsons Modell erscheint dort stark, wo er institutionalisierte Handlungsbereiche in den Blick nimmt und im Hinblick auf ihre handlungsleitende Wirkung hin analysiert. In dem Maße, wie eine Gesellschaft zur Bewältigung einer Handlungssituation aber unterschiedliche handlungsanleitende Werte und Grundüberzeugungen ebenso ermöglicht, wie unterschiedliche Koordinierungsprinzipien, trägt das Modell von Parsons nicht mehr. Habermas' Theoriemodell des kommunikativen Handelns bietet hier sodann eine Lösung an, dadurch dass es intersubjektivistisch bzw. kollektiv angelegt ist. Wie bereits im zweiten Kapitel dargestellt, ist für Habermas die Ausdifferenzierung einer symbolisch strukturierten Lebenswelt und eines grenzerhaltenden Systems das wesentliche Kennzeichen einer modernen Gesellschaft. Aus der Teilnehmendenperspektive handelnder Subjekte ist Gesellschaft die Lebenswelt einer sozialen Gruppe. Aus der Beobachterperspektive ist sie dagegen ein System von Handlungen, „wobei diesen Handlungen, je nach ihrem Beitrag zur Erhaltung des Systembestandes, ein funktionaler Stellenwert zukommt“ (Habermas 1981, S. 179). Die Steuerungsmodi dieser Bereiche unterscheidet er mit den Begriffen Sozial- und Systemintegration. „Im einen Fall wird das Handlungssystem durch einen, sei es normativ gesicherten oder kommunikativ erzielten, Konsens, im anderen Fall durch die nicht-normative Steuerung von subjektiv unkoordinierten Einzelentscheidungen integriert“ (Habermas 1981, S. 226). Beiden Bereichen ordnet Habermas bestimmte Handlungstypen zu. Dem Bereich des Systems die strategisch bzw. zweckorientierten Typen „teleologisches Handeln“, „normatives Handeln“ und

„dramaturgisches Handeln“, der Lebenswelt den Typus „kommunikatives Handeln“ (vgl. Habermas 1981 I, S. 126 ff.). Das strategisch-zweckorientierte Handeln wird weitgehend durch norm- und wertfreie Mechanismen gesteuert, entsprechend den „Subsystemen zweckrationalen Wirtschafts- und Verwaltungshandelns, die sich nach Webers Diagnose gegenüber ihren moralisch-praktischen Grundlagen verselbständigt haben“, so dass sich „die normativ eingebetteten Interaktionen in erfolgsorientiert betriebene Transaktionen“ verwandeln (Habermas 1981 II, S. 230 und 265). Das kommunikative Handeln zielt dagegen auf Verständigung, auf einen „Konsens, der auf der intersubjektiven Anerkennung von Geltungsansprüchen beruht“ (Habermas 1981 I, S. 196), nämlich auf Wahrheit, Richtigkeit, Wahrhaftigkeit (vgl. ebenda, 198). Ihr Medium ist die Sprache, über die sich kulturelle Reproduktion, soziale Integration und Sozialisation im Horizont der Lebenswelt vollziehen. Sie entsteht aus Hintergrundüberzeugungen, die zur Quelle für Situationsdefinitionen werden. Habermas schreibt dazu: „Eine erfolgsorientierte Handlung nennen wir instrumentell, wenn wir sie unter dem Aspekt der Befolgung technischer Handlungsregeln betrachten und den Wirkungsgrad einer Intervention in einen Zusammenhang von Zuständen und Ereignissen bewerten; strategisch nennen wir eine erfolgsorientierte Handlung, wenn wir sie unter dem Aspekt der Befolgung von Regeln rationaler Wahl betrachten und den Wirkungsgrad der Einflussnahme auf die Entscheidungen eines rationalen Gegenspielers bewerten. … Hingegen spreche ich von kommunikativen Handlungen, wenn die Handlungspläne der beteiligten Aktoren nicht über egozentrische Erfolgskalküle, sondern über Akte der Verständigung koordiniert werden. Im kommunikativen Handeln sind die Beteiligten nicht primär am eigenen Erfolg orientiert; sie verfolgen ihre individuellen Ziele unter der Bedingung, dass sie ihre Handlungspläne auf der Grundlage gemeinsamer Situationsdefinitionen aufeinander abstimmen können“ (Habermas 1981 I, S. 385).

Allerdings ist damit noch nicht geklärt, wie die Makroebene der intersubjektiv entstehenden Lebenswelt mit der utilitaristischen Handlungsrationalität von Akteuren verknüpft sein kann, die ihre Ziele verfolgen und daher zweckorientiert agieren. Habermas verlagert instrumentelles und strategisches Entscheidungshandeln in weitgehend „normfreie“ Räume, innerhalb derer die Bedeutung lebensweltlicher Verständigungsprozesse unklar bleibt. Die systemischen Handlungsmodelle bezeichnet er als „Grenzfälle kommunikativen Handelns“ (Habermas 1981 I, S. 143). Nur im kommunikativen Handeln ist Sprache als Medium unverkürzter Verständigung operationalisiert. Allerdings wäre die gänzliche Entbindung strategisch-instrumentellen Handelns von lebensweltlichen Bezügen nicht zu begründen, wie auch, umgekehrt, die Reinigung kommunikativer Handlungsakte von jeglichen strategischen Orientierungen, zumal strategische Handlungen selbst soziale Handlungen darstellen (vgl. Habermas 1981 I, S. 384 f.). Hierauf verweist auch Honneth, der, im Blick auf diese Habermas'sche Position, darlegt, dass „die institutionelle Sphäre des Marktes gerade nicht im Sinne eines normfreien Systems aufgefasst werden darf; wird nämlich so verfahren und damit diese Sphäre als gesellschaftlich hinlänglich legitimiert betrachtet, … dann gerät gänzlich aus dem Blick, in welchem Maße ihre soziale Akzeptanz auch an die Erfüllung vormarktlicher Normen und Werte gebunden ist“ (Honneth 2011, S. 346 f.). Das heißt, Habermas Position ist für die handlungstheoretische Verknüpfung nicht ausreichend, weil theoretische Instrumente und Begrifflichkeiten fehlen, die es ermöglichen würden, lebensweltliches Verständigungshandeln und utilitaristische Wahlrationalität nicht alternativ, sondern als Bestandteile eines speziellen kognitiven Organisationsmusters mit handlungsanleitender Qualität analytisch zu erfassen.

 
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