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5.3 Eine Modellierung von Handeln

Aufbauend auf diesen Vorüberlegungen soll nun ein erweitertes handlungstheoretisches Mehr-Ebenen-Modell (eMEM) vorgestellt werden, dass die verschiedenen Faktoren zu integrieren vermag und die Mikro- und Makroebenen mit einem Frame-Konzept verbindet. Es fokussiert den handelnden Menschen und fragt nach den, beim Handeln wirksam werdenden, Bedingungsfaktoren. Dadurch gelangt es zu einer Systematik, die das „soziale Sein“ des Menschen auf der Ebene seiner Normen, Wertvorstellungen und Wissensbestände, auf der Ebene seiner Handlungsspielräume, seiner körperlichen Bedürfnisse und Befähigungen, sowie auf den Ebenen seiner motivationalen und kognitiven Dispositionen erfassen kann. Mit seinem Frame-Konzept verbindet es Handlungs- und Strukturtheorie, und damit mikro- und makrosoziologische Erklärungsansätze, zu einem Mehr-EbenenSchema, dass die Komplexität menschlichen Handelns und dessen Eigensinn im Kontext von körperlicher Konstitution, Lebenswelt und Soziallage zu beschreiben in der Lage ist.

Wie im Folgenden deutlich werden soll, bietet es professionellen Verstehensprozessen im Bereich sozialpädagogischer Fallarbeit auf diese Weise ein analytisches Raster. Es ist sowohl ein stilisiertes und vereinfachendes Deutungsmuster von Realität, beschreibt und erklärt also soziale Wirklichkeit in generalisierender Weise, ist aber gleichzeitig auch ein Deutungsmuster für das Handeln in der Wirklichkeit (vgl. Klatetzki 1995, S. 10).

5.3.1 Mikroebene: Wert-Erwartungs-Theorie (WET)

Menschliches Handeln als nutzenmaximierend zu verstehen ist, insbesondere in den Wirtschaftswissenschaften, umfassend erfolgt. In der Soziologie ist die Rational Choice Theorie (bzw. die Theorie der rationalen Wahl) eine sehr umfassend ausgearbeitete theoretische Perspektive innerhalb des methodologischen Individualismus. Sie beansprucht, allgemeine Erklärungen für soziale Prozesse liefern zu können, abgeleitet aus dem Handeln menschlicher Akteure und deren Rationalität. Die Wert-Erwartungs-Theorie (WET) ist eine bekannte Variante des Rational Choice Ansatzes, die einen ersten Baustein dieses Modells darstellt (vgl. Abb. 5.1). Sie besagt, dass bei einer Wahl zwischen mehreren Handlungsalternativen ein Akteur jene bevorzugt, bei der das Produkt des erwarteten Wertes (Nutzen minus Kosten) mit der wahrgenommenen Wahrscheinlichkeit ihn zu erreichen (Erwartung) maximal ist. Hartmut Esser verdichtet es auf die Forderung: „Versuche dich vorzugsweise an solchen Handlungen, deren Folgen nicht nur wahrscheinlich, sondern Dir gleichzeitig auch etwas wert sind! Und meide ein Handeln, das schädlich bzw. zu

Abb. 5.1 WET. (Quelle: Runde et al. 1998, S. 26)

aufwendig für Dich ist und/oder für Dein Wohlbefinden keine Wirkung hat“ (Esser 1999, S. 248). Für die Rekonstruktion von Entscheidungshandeln sind hierbei fünf Annahmen zentral. 1) Jedes Handeln ist eine Wahl zwischen Alternativen, 2) Jedes Handeln hat Folgen, 3) Die Folgen werden vom Akteur bewertet hinsichtlich des Nutzens, den sie für ihn haben. 4) Die Folgen treten mit unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit auf. Die Vermutungen über die Auftrittswahrscheinlichkeit sind Erwartungen. 5) Die Handlungsalternativen werden einer Evaluation (bzw. Gewichtung) unterzogen (Wert-Erwartungs-Gewicht). „Die Nutzenerwartung einer Handlung ergibt sich also aus dem Produkt der subjektiven Wahrscheinlichkeit, mit der einer Handlung gewisse Folgen zugerechnet werden und dem bewerteten Nutzen dieser Handlung“ (Schützeichel 2004, S. 296). Es wird stets die Handlungsalternative ausgewählt, deren „Wert-Erwartungs-Gewicht“ maximal ist. Das Verhalten erklärt sich damit also, „als ein Entscheidungsverhalten, bei dem, den persönlichen Präferenzen folgend, mögliche Handlungsalternativen hinsichtlich ihrer jeweiligen Handlungsfolgen bewertet werden und die jeweilige Alternative gewählt wird, die den höchsten persönlichen Nutzen erwarten lässt“ (Runde et al. 1998, S. 26). Unter Nutzen versteht Esser ein „Gefühl der Zuträglichkeit“ (Esser 1999, S. 92), dass sich einstellt, wenn zwei Grundbedürfnisse gestillt sind: physisches Wohlbefinden und soziale Wertschätzung. Für die Mikro-Ebenen-Komponente des hier entwickelten Handlungsmodells lassen sich aus diesen Annahmen der Wert-Erwartungs-Theorie zentrale Variablen ableiten: die Präferenzen, die subjektiv wahrgenommenen Handlungsalternativen einschließlich ihrer erwarteten Konsequenzen, die erwartete Auftrittswahrscheinlichkeit der Handlungskonsequenzen, sowie die subjektive Nutzeneinschätzung. Sie lassen sich auf „Präferenzen“ und „Alternativenbewertungen“ verdichten. Eine Präferenz bezeichnet eine vorhandene Vorliebe für eine zur Wahl stehende Alternative und kommt als Motivation zum Ausdruck. Diese Motivation kann wert- und zweckrational, aber auch affektual oder traditional begründet sein, ihre Herkunft der Akteurin somit bewusst und nicht bewusst sein.

Als Alternativenbewertung wird ein, hiervon getrennter, kognitiver Vorgang bezeichnet, durch den das Auftreten spezifischer Handlungseffekte kalkulierend geprüft wird, somit Erwartungen entwickelt werden und vorhandene Handlungsalternativen gesichtet und vergleichend bewertet werden.

Verhalten wäre somit, in dieser noch eingeschränkten Sichtweise, zu begreifen als ein rationaler Entscheidungsprozess, dem bestimmte Motivationen zugrunde liegen und dem ein Denkvorgang vorausging, durch den Alternativen kalkulierend überprüft wurden.

Dieser Theorie-Baustein allein erklärt aber Verhalten nicht ausreichend, denn es zeigt sich immer wieder, dass „theoretisch nicht erwartbare aber empirisch beobachtbare Verstöße handelnder Individuen gegen Voraussagen dieses Modells stattfinden“ (Stierle 2006, S. 62). Das heißt, menschliches Handeln folgt selten den Maximierungsregeln des homo oeconomicus, zum Beispiel bei Routinehandlungen oder leitbilddominiertem Verhalten (Habits), bei kognitiver Beschränktheit oder jenseits der Grenzen menschlicher Willenssteuerung eigenen Handelns (z. B. Gefühle, Affekt, Triebe…). Zudem, so der interaktionistische Einwand, sind Präferenzen und Erwartungen in einer Situation niemals stabil und fix, sondern werden in der Situation jeweils definiert, auf der Basis von Bedeutungen innerhalb eines Relevanzrahmens (Frame). Daher ist grundsätzlich immer zu hinterfragen, ob Entscheidungsprozesse im Sinne von Wahlalternativüberlegungen überhaupt stattfinden. In der Konsequenz heißt dies, dass es von Bedeutung ist, die Bedingungen sozialen Handelns zu thematisieren: also Handlungskontexte, innerhalb derer Akteure über Präferenzen und Alternativenbewertungen zum Verhalten gelangen. Es geht um die Antwort auf die Frage: „Was konstituiert den gesellschaftlich ‚definierten', für die Akteure nicht einfach hintergehbaren, objektiven Rahmen, aus dem heraus sie ihre subjektiven Definitionen der Situation vornehmen“ (Esser 1996, S. 6).

 
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