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5.3.2 Handlungskontexte

Für die genauere Klärung dieses Rahmens werden nun in diesem Modell drei Kontexte unterschieden, innerhalb deren Akteure handeln: der biologisch-körperliche Mensch, die Lebenswelt und die Lebenslage. Spezifisch an dem Körperkontext ist, dass er in sozialwissenschaftlicher Handlungstheorieentwicklung nur eine sehr geringe Beachtung erfährt und weitgehend nicht reflektiert wird. Hierzu kam es

„bereits im Zuge der Entstehung der Disziplin, in der es darum ging, einen Begriff des Gegenstandes der Soziologie zu entwickeln“ und sowohl beim Begriff „Gesellschaft“, als auch beim Begriff des „sozialen Akteurs“ eine Distanzierung von naturalistischen Modellen dazu führte, das biologische Fundament allen menschlichen Handelns kaum noch zu beleuchten (Obrecht 2011, S. 5). Gleichwohl sind biologische Ausstattungen der handelnden Akteurin eine wesentliche Bedingung ihres Entscheidungshandelns.

Spezifisch an den hier entwickelten Kontexten Lebenswelt und Lebenslage ist, dass sie intersubjektive Geltung beanspruchen, auf strukturelle Zusammenhänge verweisen und deshalb prinzipiell dem Bereich der Makro-Ebene und nicht der Individualebene zuzuordnen sind. Der Begriff Lebenswelt wird, nicht über Husserl und Schütz als subjektives Wirklichkeitskonstrukt eines Menschen verstanden, sondern über Habermas als durch kommunikatives Handeln entstehender intersubjektiv gestalteter Kommunikationsraum, den Akteure als Teilnehmende zugleich gestalten und erfahren. Zudem wird mit dem Begriff Lebenslage eine analytische Unterscheidung vom Begriff Lebenswelt vorgenommen, somit die Betrachtung der material-sozialen Lage einer Akteurin getrennt von der Betrachtung der Entstehungsbedingungen subjektiver Wirklichkeit im Hinblick auf diese soziale Lage

– damit also der Bereich des kommunikativen Handelns und des instrumentellstrategischen Handelns unterschieden.

5.3.2.1 Der biologisch-körperliche Mensch

Für die Entwicklung eines handlungstheoretischen Modells von großer Bedeutung sind die, in sozialwissenschaftlichen Modellierungen oft vernachlässigten, körpergebundenen Bedingungen von Handlungen, die sich nicht aus sozialen Zusammenhängen ableiten lassen, wohl aber Handeln wesentlich beeinflussen. „Die Körpererfahrung ist kulturell geprägt; aber der Körper selbst, dessen Erfordernisse nicht kulturbedingt sind, setzt den möglichen Erfahrungen Grenzen und sorgt für viele Überschneidungen“ (Nussbaum 1999, S. 50). Relevant wird der Körper hier zum einen als Quelle (unelastischer) Bedürfnisse, wie auch als Träger von Kompetenzen, bzw. Fertig- und Fähigkeiten.

Menschen haben auf Grund ihrer biologischen Ausstattung Bedürfnisse, die wiederum handlungswirksam werden können. Bedürfnisse sind dabei zu verstehen als interne Zustände, die von einem befriedigenden Zustand des Organismus (Wohlbefinden) abweichen. Diese Abweichung wird innerhalb des Nervensystems als Spannungszustand registriert und sodann der Organismus motiviert, durch ein nach außen gerichtetes Verhalten, eine Kompensation zu erzielen. Die Wiederherstellung von „inneren Soll-Werten“ ist somit als biologisch verankerter Antreiber für Handlungsmotivationen in bestimmten Handlungssituationen identifizierbar. Bedürfnisse werden zu Wünschen, verstanden als bewusst gewordene Bedürfnisse, die in Begriffen des jeweiligen Individuums definiert werden und auf die Formierung mehr oder weniger konkreter Handlungsziele einwirken. Die Verankerung dieser Bedürfnisse als Soll-Werte im Organismus macht sie zudem universell, im Unterschied zu den Normen und Werten, sowie den Ressourcen und (Sozial-) Politiken (vgl. zu diesen Ausführungen: Staub-Bernasconi 2007, S. 170 f.; sowie Obrecht 2011, S. 11 ff.).

Zur Klärung derlei organismischer Bedürfnisse gibt es verschiedene Ansätze. Für die Soziale Arbeit ausgearbeitet liegt ein Ansatz von Obrecht vor. Er beinhaltet eine dreifache Unterscheidung menschlicher Bedürfnisse, die bio-psycho-sozial verankert sind und die die hier genannten Aspekte mit einschließen: 1) biologische Bedürfnisse, die der Organismus als Lebewesen bzw. autopoietisches System hat und zwar a) nach physischer Integrität, b) nach den für die Autopoiese erforderlichen Austauschstoffen, c) nach Regenerierung und d) nach sexueller Aktivität. 2) biopsychische Bedürfnisse, die ihren Ursprung im Steuerungssystem des Organismus haben. Hierzu gehören Obrecht zufolge u. a. sensorische Stimulation, ästhetische Stimulation, Abwechslung, nach Orientierung und subjektivem Sinn, sowie nach Kontrolle und Kompetenz. 3) biopsychosoziale Bedürfnisse wie z. B. Liebe, Zuwendung und Anerkennung (vgl. Obrecht 2011, S. 18).[1] Das heißt, der Mensch ist als ein Wesen zu beschreiben, dass sich durch eine grundlegende Bedürftigkeit auszeichnet, die sich in biologischer, psychischer und sozialer Dimension zeigt. Eine „kurzfristige Bedürfnisversagung ist im Leben aller Menschen allgegenwärtig, längeroder langfristige Versagung in spezifischen biografischen Phasen ist nicht selten und bei bestimmten Bevölkerungsgruppen verbreitet chronisch. Dabei mögen einzelne, ganze Gruppen oder die meisten Bedürfnisse betroffen sein“ (Obrecht 2007, S. 18). Allerdings steht diese allgemeine biologische Disposition nicht in einem monokausalen Verhältnis mit den entstehenden Handlungsabsichten. Vielmehr wirken auf jenes Handeln, das der Reduzierung entstandener Bedürfnisspannungen dient, verschiedene soziale Faktoren ein.

Als ein auf Handeln einwirkender Faktor müssen hier zudem die Kompetenzen von Menschen angesehen werden, verstanden als die Fähigkeiten und Fertigkeiten, über die ein Individuum verfügt. Diese sind als körperliche, geistige und psychische Struktur in den Körper „eingelagert“ (vgl. z. B. Weinert 2001, S. 27). Fertigkeiten sind die erworbenen Anteile der Handlungsfähigkeit, Fähigkeiten sind die diese Handlungsfähigkeit voraussetzenden gegebenen Anteile. Das heißt, als Fähigkeit wird die Ausstattung eines Individuums bezeichnet, seine aktive Potenzialität im Hinblick darauf, handeln zu können. Fertigkeiten sind die Handlungspotenzen, die hiervon ausgehend und darauf aufbauend erlernt wurden. Das Vorhandensein und die Realisierung von Fähigkeiten ist somit zu verstehen, als eine notwendige (wenn auch nicht hinreichende) Bedingung der Ausbildung von Fertigkeiten. In Tab. 5.1 wird das Verhältnis von Bedürfnissen und Kompetenzen sowie den Ebenen ihrer körperlichen Einlagerungen zusammengefasst (vgl. Tab. 5.1).

Tab. 5.1 Bedürfnisse und Kompetenzen. (Quelle: ©Eigene Darstellung)

Unelastische objektive Bedürfnisse

Kompetenzen

Fähigkeiten

Fertigkeiten

Physisch

Geistig

Psychisch

Diese individuelle Ausstattungsdimension menschlichen Handelns ist auf verschiedene Weise konzeptionalisiert und verbreitet. Verschiedene handlungstheoretische Modelle unterschiedlicher Forschungsrichtungen und Wissenschaften lassen sich hier genauer verorten und damit in dieses Modell integrieren.

Die körperliche Dimension menschlicher Handlungsbedingungen wird bereits im Capability Ansatz konzeptioniert, zentral verbunden mit den Namen Amartya Sen und Martha Nussbaum (vgl. Sen 1993; Nussbaum 1999). Im Rahmen der allgemeinen Analyse der Grundlage von Verwirklichungschancen gerät das Vermögen eines Menschen in den Fokus, seinen Wünschen entsprechende Ziele zu erreichen. Gefragt wird danach, welche Möglichkeiten jemand hat, das Leben zu führen, das er oder sie führen möchte. Hierbei werden zum einen „external capabilities“ Gegenstand der Analyse, also außerhalb der handelnden Personen verortbare Ressourcen. Zudem geraten jene Bedingungsfaktoren im Sinne von Kompetenzen oder Fähigkeiten in den Blick, die körperlich an den Menschen gebunden sind. Nussbaum spricht von „basic capabilities“ bzw. einem „innate equipment“ und meint damit „jene Grundfähigkeiten, die eine Person ausmachen, vor allem die Fähigkeit zum Denken und zu Entscheidungen sowie zum sinnvollen Handeln“ (Röh 2013, S. 124). Hiervon trennt sie die „internal capabilities“, die einer Person für die Gestaltung des eigenen Lebens zur Verfügung stehen und die „vor allem durch das Erziehungswesen, das Gesundheitswesen und angemessene Arbeitsverhältnsse gefördert werden“ (Nussbaum 1999, S. 63).

Die Verwirklichungschancen einer Person sind also in dieser Perspektive zum einen von ihren Ressourcen abhängig, zu verstehen als strukturelle Verwirklichungsgelegenheiten (die im erweiterten Mehr-Ebenen-Modell in den Dimensionen der Lebenslage und Lebenswelt verortet werden). In den Blick geraten aber auch die davon zunächst unabhängigen körpergebundenen Fähig- und Fertigkeiten eines Menschen, einschließlich seiner körperlichen, geistigen und psychischen Dispositionen (talents, skills and handicaps) (vgl. auch Lessmann 2011).

Diese Körperdimension menschlichen Handelns ist auch im Fokus der Neurowissenschaften und wird hier besonders betont. Gerhard Roth verweist beispielsweise auf psychologische, entwicklungspsychologisch-psychotherapeutische und neuro-biologische Aspekte und modelliert Handeln in Abhängigkeit von vier Determinanten: „der individuellen genetischen Ausrüstung, den Eigenheiten der individuellen (vornehmlich vorgeburtlichen und frühen nachgeburtlichen) Hirnentwicklung, den vorgeburtlichen und frühen nachgeburtlichen Erfahrungen, besonders den frühkindlichen Bindungserfahrungen und schließlich … den psychosozialen Einflüssen während des Kindes- und Jugendalters“ (Roth 2011, S. 13 f.). Die bei ihm bedeutsame körperliche Komponente ist das Gehirn, als angeborene physiologische Grundausstattung, aber auch als Speicher von emotional-sozialen Erfahrungen in der frühen Sozialisation. „Die Grunderfahrungen knüpfen unmittelbar an die genetische Grundausstattung an. Sie verfestigen sich sehr rasch zu einer weiteren, nahezu physiologisch verfestigten Grobverdrahtung des Gehirns und können später kaum noch geändert werden. Sie bilden die Basis für alle weiteren Prozesse des späteren Erwerbs von kognitiven Modellen“ (Esser 2001, S. 211 f.).

Für das hier vorliegende Modell ist an dieser Stelle von Bedeutung, dass Roth den Körper als physische Grundausstattung, sowie als Speicher der Ergebnisse daran anschließender Lernprozesse einbezieht und auf diese Weise als Komponente einer umfassenden Theorie menschlichen Handelns registriert. Zugleich kann jedoch gut begründet werden (und dies ist Teil des Wissensbestandes der Sozialen Arbeit als angewandter Sozialwissenschaft), dass sich menschliches Handeln, über die psychologisch-neurowissenschaftliche Modellierung hinausgehend, nicht nur aus angeborenen Fähigkeiten und Einflüssen aus dem Zeitraum zwischen frühester Kindheit und Jugendphase ergibt. Vielmehr nehmen darüber hinaus auch die (ganz gegenwärtigen) Erfahrungen der jeweiligen Lebenswelt, sowie die Ressourcen und Barrieren der Lebenslage Einfluss auf die Ausgestaltung menschlichen Handelns, sowie die diesem zugrundeliegenden Motive und Kognitionen (vgl. z. B. Murali und Oyebode 2004). Habermas wirft Roth in diesem Zusammenhang Reduktionismus vor, insofern er die Lebensform von Individuen übersieht, die von „problemlösenden Sprach- und Kooperationsgemeinschaften“ sozialisiert werden (Habermas 2009, S. 171). Er schreibt: „Der Reduktionismus, der alle mentalen Vorgänge deterministisch auf die wechselseitigen kausalen Einwirkungen zwischen Gehirn und Umwelt zurückführt und dem „Raum der Gründe“ oder, wie wir auch sagen können: der Ebene von Kultur und Gesellschaft die Kraft zur Intervention bestreitet, scheint nicht weniger dogmatisch zu verfahren als der Idealismus, der in allen Naturprozessen auch die begründende Kraft des Geistes am Werke sieht“ (Habermas 2009, S. 170). Die personengebundenen Fähigkeiten, wie auch Fertigkeiten, einer Akteurin sollten somit als notwendige, wenn auch nicht hinreichende, Information für eine allgemeine Theoriebildung menschlichen Handelns und für die jeweils konkrete Analyse menschlichen Handelns verstanden werden.

Mit dem Begriff des biologisch-körperlichen Menschen wird in diesem Modell somit die biologische Substanz des Menschen als Kontext für menschliches Handeln operationalisiert, weil Akteure in ihrem Entscheidungshandeln als biologischkörperlich gebundene zu verstehen sind. Sie sind gebunden an ihre Bedürfnisse, an ihre Fähigkeiten, sowie an ihre Fertigkeiten, die das Ergebnis von Lernprozessen sind und sich körperlich ablagern. Ihre Bedürfnisse lassen sich als eine Quelle der Entstehung von Motivationen verstehen, die Handlungsentscheidungen mit beeinflussen. Es können Bedürfnisse sein, von deren Erfüllung das subjektive Wohlbefinden oder auch die Lebensfähigkeit eines Menschen abhängen kann. Bedürfnisse im Zusammenhang z. B. von Hunger und Durst, Kälte und Schmerz, Ausgrenzung und Missachtung, sind das Ergebnis von Versagungen, die lebensgefährlich sind oder zu physiologischen Stressoren werden, „wobei chronischer Stress physisch wie psychisch pathogen ist und schwerwiegende Folgen hat, die sich in chronischen Erkrankungen verbunden mit markanter Reduktion der Lebenserwartung äußern“ (Obrecht 2011, S. 18). Für körpergebundene Fertigkeiten und Fähigkeiten (talents, skills and handicaps) handelnder Akteure gilt, dass sie als zur Verfügung stehende persönliche Technologien für die Bewältigung von Situationen verstanden werden müssen. Das Maß ihrer Ausprägung wird als Ermöglichung für, oder Einschränkung von Handeln wirksam und beeinflusst Motivationen, sowie Kognitionen. Hierzu gehören alle Arten von sgn. Behinderungen, psychischen Dispositionen, Emotionen, Talenten und Begabungen.

Abb. 5.2 WET und Körperkontext. (Quelle: ©Eigene Darstellung)

Beide als biologisch zu verstehenden Rahmungen werden in diesem Modell zu einem Kontexteffekt für das Verständnis von individuellem Handeln (vgl. Abb. 5.2).

  • [1] Zu verweisen ist an dieser Stelle auch auf Nussbaum und Honneth. Nussbaum unterscheidet in ihren Ausführungen zu einer Gerechtigkeitstheorie und den Aufgaben des Sozialstaates a) Das Bedürfnis nach Essen und Trinken von b) dem Bedürfnis nach Schutz und c.) dem Bedürfnis nach sexueller Aktivität sowie d) dem Bedürfnis nach Mobilität (vgl. Nussbaum 1999, S. 50 f.). Honneth wiederum hat „Anerkennung“ als zentrales Bedürfnis in der modernen Gesellschaft bezeichnet, ein Begriff, mit dem er zugleich die Motivationsquellen sozialen Unbehagens analysiert und kritischer Gesellschaftstheorie einen neu präzisierten Ausgangspunkt zuweist. Er begründet, dass die kapitalistische Gesellschaft als eine institutionalisierte Anerkennungsgesellschaft zu beschreiben ist, die drei soziale Anerkennungssphären ausdifferenziert hat: Liebe, Recht und Solidarität. Der moderne Mensch ist ihm zufolge auf die intersubjektive Anerkennung in diesen drei Sphären angewiesen, hat also ein grundlegendes Bedürfnis danach (und moralisches Recht darauf), an diesen Stellen Anerkennung zu erfahren – und er muss sich vor Missachtung schützen (vgl. Honneth 2003, S. 162 ff.; vgl. Honneth 1992).
 
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