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5.3.2.2 Die Lebenswelt

Aus den analytischen Kategorien des Habermas'schen Lebensweltansatzes lässt sich der zweite gesellschaftliche Handlungskontext beschreiben, der das Handeln von Akteurinnen prägt. Dieser raumbezogene Lebensweltbegriff der gesellschaftlichen Makroebene unterscheidet sich an dieser Stelle von dem Begriff „Lebenswelt“, der in Theorie und Praxis Sozialer Arbeit Verbreitung gefunden hat und die subjektive Wirklichkeitskonstruktion eines Menschen beschreibt (vgl. Kraus 2013, S. 153). Eine solche subjektbezogene Komponente wird aber an einer anderen Stelle dieses Modells berücksichtigt und auf diese Weise die Integration dieses klassischen Theoriekonzeptes der Sozialen Arbeit in dieses Modell vollzogen (siehe Kap. 4.5.2.1).

Lebenswelt wird bei Habermas auf der Makroebene verortet und als ein Kultur- und Kommunikationsraum verstanden, aus dem heraus Akteure ihre Welt konstruieren (vgl. zu den folgenden Ausführungen: Habermas 1981, II, S. 208 f.). Sie ist Grundlage für Verständigung und sozialer Prozessschauplatz, auf dem Konsens über Normen und Werte hergestellt wird, konstituiert durch Sprache und Kultur als Bezugssysteme von Verständigung. Sie ist der Erfahrungshorizont jeden Individuums, fraglos gegeben, intersubjektiv und in ihren Grenzen auch in wechselnden Situationen unüberschreitbar. Unterschieden werden drei strukturelle Komponenten der Lebenswelt: „Kultur“, „Gesellschaft“ und „Persönlichkeit“. Kultur meint den Wissensvorrat, aus dem sich die Kommunikationsteilnehmer mit Interpretationen versorgen: das heißt, Hintergrundüberzeugungen, Deutungs-, Ausdrucks- und Wertmuster, die den Betroffenen in der Regel als Selbstverständliches, Unhinterfragtes in Form von Ressourcen für die Verständigung zur Verfügung stehen und eine gemeinsame Wissensbasis zur Bewältigung der Alltagspraxis darstellt. Gesellschaft meint die legitimen, fraglosen Ordnungen, die die Zugehörigkeiten zu sozialen Gruppen regeln und damit solidarisches Verhalten sichern (Familie, Betrieb, Schule, Verein, Versicherung…) und durch einen Grundbestand fragloser, anerkannter Normen soziale Ordnung und interpersonale Beziehungen stiften und regeln.

Persönlichkeit meint die Kompetenzen, die die Kommunikationsteilnehmer in die Lage versetzen, sprach- und handlungsfähig zu sein und die jeweiligen Situationen verständigungsorientiert bewältigen zu können (Sprachfähigkeit, Bildung…). Sie ist damit die Basisbefähigung für eine realitätsgerechte Teilnahme an Interaktionsprozessen und stiftet damit personale Identität. Alle drei Bereiche, das gemeinsame Wissen, die legitimen Ordnungen, sowie die subjektiven Kompetenzen, stellen dabei keine stabilen, statischen Einheiten dar, sondern können nur durch eine kontinuierliche Reproduktion im Rahmen eines kommunikativen Handelns gesichert werden.

Damit sind auch die Entstehungsorte bedeutsamer Faktoren für die Erklärung des Handelns von Akteuren beschrieben, die in den Sozialwissenschaften allgemein und der Sozialen Arbeit große Beachtung finden. Hierzu gehört a) „soziales Kapital“ im Sinne der Arbeiten von Bourdieu. In Erweiterung des Marxschen Kapitalbegriffs beschreibt er mit diesem Begriff die Gesamtheit der zur Verfügung stehenden Ressourcen, im Zusammenhang mit dem Besitz eines Netzes aus dauerhaften Beziehungen und Zugehörigkeiten zu Gruppen, die dem handelnden Akteur bei seiner dauerhaften Aufgabe der Situationsbewältigung als Kapital zur Verfügung stehen. „Für die Reproduktion von Sozialkapital ist eine unaufhörliche Beziehungsarbeit in Form von ständigen Austauschakten erforderlich, durch die sich die gegenseitige Anerkennung immer wieder neu bestätigt“ (Bourdieu 1997,

S. 67). Es ist somit in dem verankert, was als Gesellschaftskomponente der Lebenswelt beschrieben ist. Bourdieu beschreibt zudem b) „kulturelles Kapital“ in seiner Bedeutung als Ressource für handelnde Akteure. Hier unterscheidet er inkorporiertes Kapital (Bildung, Haltung, Stil, Geschmack – die mehr oder weniger angesehen sind), von objektiviertem kulturellen Kapital (wie Büchern, Instrumenten, Kunstgegenständen, Maschinen) und von institutionalisiertem kulturellen Kapital (wie Bildungstiteln). Während objektiviertes kulturelles Kapital, sowie institutionalisiertes kulturelles Kapitel, nicht dem Kommunikationskontext zugeordnet werden können, so muss die Entstehung des inkorporierten Kulturkapitals doch als Ergebnis kommunikativen Handelns verstanden werden, vornehmlich verankert in der Lebensweltkomponente Kultur (Haltung, Stil, Geschmack …), aber auch in der Komponente Persönlichkeit (Bildung als Sozialisationsprodukt). Bourdieu schreibt: „Die Inkorporierung von kulturellem Kapital kann sich, je nach Epoche, Gesellschaft und sozialer Klasse in unterschiedlich starkem Maße – ohne ausdrücklich geplante Erziehungsmaßnahme, also völlig unbewusst vollziehen“ und hinterlässt die Spuren des Kommunikationszusammenhangs im Sinne einer Vererbung (Bourdieu 1997, S. 56 f.; vgl. zu den Kapitalbegriffen insgesamt: Bourdieu 1985, 1982). c) Macht, im Sinne der Definition von Hannah Arendt, hat ebenfalls ihre Verankerung in der Lebenswelt. Sie ist im Besitze derjenigen, deren Absichten Teil eines formierten gemeinsamen Willens der Vielen sind und die daher durch diese ermächtigt wird. Dieser Ermächtigungsvorgang muss als Ergebnis kommunikativer Verständigung der Verbündeten verstanden werden und damit als ein Ergebnis kommunikativer Verständigung auf legitime Ordnungen und Zugehörigkeiten (vgl. Arendt 2011, S. 43).[1] Ebenso ist Herrschaft, im Foucaultschen Sinne, in diesem Kommunikationsraum verortet: die diskursive Herstellung von Realität, die sich zur Wahrheit verfestigt, Einschluss- und Ausschlussgrenzen definiert und Regierungskunst erwirbt (vgl. Foucault 2005). Dies gilt auch für die Prozesse der Subjektwerdung, wie sie Butler deutet: als „Prozess des Unterworfenwerdens durch Macht“ und zugleich als Prozess der „Subjektwerdung“ durch Anrufung (Butler 2001, S. 8).

Das heißt zusammengefasst: Mit dem Begriff Lebenswelt wird in diesem Zusammenhang ein gesellschaftlicher Handlungskontext beschrieben. Aus ihm erklären sich die Selbstverständlichkeiten ideologischer Vorstellungen, Wertbezüge, Wissensbestände handelnder Akteurinnen, ihre sozialen Bezüge, Moralvorstellungen und sozialisierten Fertigkeiten, die als unhinterfragte Selbstverständlichkeiten bzw. Hintergrundüberzeugungen i. S. eines sensus communis definiert werden. Sie prägen Akteurinnen und Akteure, beeinflussen deren Handlungen, stehen im Handlungszusammenhang als Ressourcen zur Verfügung und sind als Barrieren analysierbar (vgl. Giese und Runde 1999, S. 346, 20) (vgl. Abb. 5.3).

Abb. 5.3 WET, Körperkontext und Lebenswelt. (Quelle: ©Eigene Darstellung)

  • [1] Verwiesen werden soll an dieser Stelle auf Hannah Arendts Handlungs- und Machtbegriff. Sie unterscheidet menschliches Tätigsein in der Welt zwischen Arbeiten, Herstellen und Handeln (vgl. Arendt 2007). Sie versteht unter Arbeit die notwendige Tätigkeit zur menschlichen Reproduktion, den notwendigen Austausch mit der äußeren Natur, die lebensnotwendigen Tätigkeiten, deren Ergebnisse keinen Bestand haben, sondern sofort verbraucht werden: Ackerbau, Kochen, Putzen, Waschen… Diese Tätigkeit ist naturbezogen und nicht frei, weil sie lebensnotwendig ist. Unter Herstellen versteht sie die Kulturleistung der Veränderung der äußeren Natur durch Tätigkeiten, deren Produkt die Tätigkeit überdauern, Diese Tätigkeit des Herstellens ist weltbezogen und durch einen Zwecke determiniert, nämlich durch den Charakter des Produktes. Herstellen ist daher keine freie Tätigkeit, wohl aber Handeln. Unter Handeln versteht Arendt nämlich die freie Tätigkeit des Menschen. Sie ist politikbezogen. Handeln ist menschliches „Vermögen (…), eine Reihe von sukzessiven Dingen oder Zuständen von selbst anzufangen“ (Arendt 1979, S. 107) oder das Vermögen, „eine Reihe in der Zeit ganz von selbst anzufangen“, eine innerzeitliche Schöpfung, also die Fähigkeit, einen Anfang zu machen (Arendt 1979, S. 200). Frei ist die Handlung, weil sie durch nichts Vorangegangenes beeinflusst oder verursacht ist, im Sinne der freiwilligen Handlung bei Aristoteles. „Sprechend und handelnd schalten wir uns in die Welt der Menschen ein, die existierte, bevor wir in sie geboren wurden, und diese Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen, gleichsam die Verantwortung dafür auf uns nehmen“ (Arendt 2007, S. 215; vgl. zur Bedeutung für die Soziale Arbeit Lindenberg 2013).Im Lichte von Habermas Handlungstheorie gehören „Arbeiten“ und „Herstellen“ zum System, denn sie sind instrumentellen und strategischen Charakters, von technische Handlungsregeln, sowie Wirkungs- und Handlungszielen geleitet. Das Arendtsche „Handeln“ ordnet Habermas dagegen der Lebenswelt zu (vgl. Habermas 1981 II, S. 94). Dies gilt auch für den Machtbegriff von Hannah Arendt. In „Macht und Gewalt“ beschreibt sie mit „Macht“ jene menschliche Fähigkeit, „nicht nur zu handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln“ (Arendt 2011, S. 45). Macht entsteht durch Ermächtigung, die durch die Vielen erfolgt. Sie ist damit zu verstehen als Formierung eines gemeinsamen Willens in einer auf Verständigung gerichteten Kommunikation und somit auf der lebensweltlichen Makroebene zu verorten. Gewalt ist dagegen ihrem Wesen nach instrumentell und fußt auf dem Zugriff auf Erzwingungsmitteln (vgl. Arendt 2011, S. 43). Diese sind Bestandteile einer Infrastrukturumwelt handelnder Akteure (vgl. Kap. 5.3.2.3).
 
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