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Theoretische Unschärfen und der Rechtsextremismus in der Mitte der Gesellschaft

Rechtsextremistische Orientierungen setzen sich nach Heitmeyer et al. (1992) aus einer Ideologie der Ungleichheit bzw. Ungleichwertigkeit und der Gewaltaffinität (bis hin zu gewalttätigem Handeln) zusammen. Beide Dimensionen wurden in einschlägigen Publikationen (auf die im vorliegenden Band ausführlich eingegangen wird) durch Subdimensionen mit verschiedenen Facetten untergliedert und operationalisiert. Leserinnen und Leser werden sich erinnern, nach anfänglicher Euphorie und umfangreicher Rezeption gerieten in den 1990er Jahren sowohl die Heitmeyersche Rechtsextremismus-Definition als auch der von ihm und Kollegen vorgelegte Erklärungsansatz in die Kritik. Nicht zuletzt angesichts der ungelösten Definitionsprobleme wurde von einigen Forschern mit überwiegend politikwissenschaftlicher Ausrichtung Anfang der 2000er Jahre eine „Konsensdefinition“ vorgeschlagen. Rechtsextreme Einstellung solle in sechs Dimensionen gemessen werden: „Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur“, „Chauvinismus“, „Ausländerfeindlichkeit“, „Antisemitismus“, „Sozialdarwinismus“ und „Verharmlosung des Nationalsozialismus“. Die auf dieser Basis entwickelte Skala zur Messung von rechtsextremen Einstellungen wurde in mehreren Studien eingesetzt, zuletzt in den Mitte-Studien von Decker, Kiess und Brähler (2014), in der Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung „Fragile Mitte – Feindselige Zustände“ (Zick & Klein, 2014) und im Thüringen-Monitor 2014 (Best, Niehoff, Salheiser & Salomo, 2014). Die „Konsensdefinition“ lehnt sich zwar an der o. g. Rechtsextremismus-Definition von Heitmeyer und Mitarbeitern an, greift aber nur eine der zwei Dimensionen – die „Ideologie der Ungleichwertigkeit“ auf. Auch im Langzeit-Projekt Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (Heitmeyer, 2002 bis 2012) sollte von Anfang an – vergleichbar mit der o. g. „Konsensdefinition“ – „nur“ eine der Dimensionen empirisch beobachtet werden, die in der ursprünglichen Rechtsextremismus-Definition genannt sind – eben die Facetten (oder Elemente) der Ideologie der Ungleichwertigkeit. Sowohl die Befunde der Mitte-Studien als auch und besonders die Ergebnisse aus dem Projekt Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF) haben die scheinbare Unterscheidung zwischen den brutalen Rechtsextremisten einerseits und der angeblich humanen Bevölkerung andererseits aufgelöst und auf grundsätzliche Gefährdungen der deutschen Gesellschaft aufmerksam gemacht. Die Erweiterung der wissenschaftlichen Perspektive war wichtig und notwendig, hatte aber auch zur Folge – und das ist die These der Herausgeberinnen und Herausgeber – dass die Gefährdung der Gesellschaft durch die sich in den letzten zwei Jahrzehnten neu organisierenden rechtsextremen Milieus und Bewegungen nicht primär im Fokus der wissenschaftlichen Analyse und Erklärung stand. Auf ein politisches Problem dieser Fokussierung verweist Anetta Kahane:

„Das Konzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit hat den entscheidenden Vorteil, dass es deutlich macht, dass GMF nicht ausschließlich ein unter Rechtsextremisten verbreitetes Phänomen ist, sondern – die statistischen Erhebungen zeigen das – in allen gesellschaftlichen Gruppen vorkommt. Zugleich kann dies allerdings zu einer Entpolitisierung des Kampfes gegen den Rechtsextremismus führen“ (Kahane, 2012, S. 307f.).

Müssen die Rechtsextremismusforscherinnen und -forscher vor diesem Hintergrund möglicherweise ihre analytischen Instrumente schärfen?

 
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