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5.4.2 Brückenkonzept II: Frames

Das Brückenkonzept II thematisiert den Handlungsvorgang im Fall e., also in Situationen, die durch einen Frame vorstrukturiert sind. Dies meint, dass die Kontexte das Verhalten nicht festlegen, aber auch kein ungehemmt nutzenmaximierendes Entscheidungshandeln entsprechend der Wert-Erwartungs-Theorie stattfindet, vielmehr alle Kontexte die Variablen des Entscheidungsvorgangs beeinflussen. Das entscheidungstheoretische Modell der Wert-Erwartungs-Theorie ist trotzdem gerade dadurch von besonderer Bedeutung, weil es die Variablen kenntlich macht, die nun unter indirekten Einfluss geraten: Präferenzen (Motivationen), Erwartungshaltungen und Nutzenbewertungen (Kognitionen).

Beschreibbar ist somit ein frame-bestimmtes rational-choice-Verhalten, dass nicht durch Restriktionen der Lebenslage, Routinen der Lebenswelt oder körperliche Vorgaben alternativlos festgelegt ist (wie bei a b und c), bei dem vielmehr Entscheidungsspielräume vorhanden sind und hier nun Leitperspektiven der Lebenswelt (Frames) auf Komponenten des individuellen Entscheidungsprozesses Einfluss nehmen (vgl. Abb. 5.5).[1] (vgl. Giese und Runde 1999, S. 24 ff.; Runde 1997, 1998, 1999). Das heißt, der Frame selektiert hier jene Ziele, die die Akteurin in einer bestimmten Situation verfolgt und „vereinfacht“ die Situation. Er filtert

Abb. 5.5 Das erweiterte Mehr Ebenen Modell (eMEM). (Quelle: ©Eigene Darstellung)

und deutet relevante Informationen, hilft bei der Interpretation und beeinflusst die jeweiligen motivationalen und emotionalen Anreize, die sich aus der Zielvorgabe, dem Wissen, sowie den wahrgenommenen und gedeuteten Situationsbestandteilen ergeben. Ebenso wirkt er auf die handlungsrelevanten Präferenzen, sowie die Bewertungen der Handlungsalternativen.

5.4.2.1 Die theoretische Begründung des Framekonzeptes und die Integration des sozialpädagogischen Lebensweltbegriffs

Unter dem Begriff Frame wird in der Soziologie im Allgemeinen ein spezieller Relevanzrahmen verstanden, mit dem Akteure Handlungssituationen definieren und bewältigen. „Frame“ beschreibt, die Strukturierung von Handlungsbereichen in unterschiedliche Logiken, unterschiedlichen Sinn und unterschiedliche Codierungen, sowie die Herausbildung eines Leitmotivs, dass die jeweilige Handlung anleitet. „Je nach Frame gelten andere Handlungen als angemessen, effizient oder denkbar“ (Esser 1990, S. 238). Ein Frame entsteht, im Verständnis dieses Modells und im Gegensatz zu den Arbeiten von Esser, als dialogisch-kollektiver Akt kommunikativen Handelns und nicht als monologisch-rationale Individualentscheidung auf Seiten der Individuen. Der Begriff hat als analytische Kategorie für die Erklärung von Verhalten zunehmend an Bedeutung gewonnen, auch durch den zunehmenden Zweifel, selbst in der ökonomischen Theorie, an den bisher geltenden Handlungsmodellen der rationalen Wahl (vgl. Esser 2001, S. 2).

Beim hier entwickelten Framebegriff wird davon ausgegangen, dass subjektive Situationsdefinitionen keine rein subjektiven Angelegenheiten sind, sondern von gesellschaftlich geprägten Strukturmustern (kognitiven Mustern) geformt werden. Das entspricht auch grundlegenden Arbeitsergebnissesn von Erving Goffmann (vgl. 1977). Bei ihm wird bereits die Rahmenanalyse im Spannungsfeld zwischen einer individuell geprägten Handlungsebene und einer kulturell-normativ geteilten Strukturebene positioniert. Aus der an Goffmann anschließenden US-amerikanischen Sozialwissenschaft können sodann wichtige Hinweise zur Frame-Genese, Frame-Wirkung und Frame-Funktion entnommen werden. Für das hier entwickelte Modell liefert schließlich Esser wichtige Aspekte zu kognitiven Mustern, zu semantischen Operationalisierungsprozessen, zur komplexitätsreduzierenden Funktion, sowie zur Unterscheidung der normativen Ebene und Ressourcenebene (vgl. Esser 1990).

Allerdings konzipiert er frameorientiertes Handeln als Spezialfälle der Theorien rationaler Wahl, ihre in konkreten Handlungssituationen entstehende Relevanz als „intentional“ erklärbar und somit den Akteur als Instanz, der sich mit einem Frame für ein vorhandenes Handlungsrezept entscheidet. Essers „Grundidee ist, dass es für die Anwendung von „Rezepten“ (bzw. von „standard operating procedures“) für die Akteure eine Reihe „guter Gründe“ gibt, vor deren Hintergrund eine

„rationale Kalkulation“ von („objektiv“ vielleicht sogar „besseren“) Alternativen unterbleiben kann“ (Esser 1990, S. 235). Das heißt, Esser interpretiert auch diesen Vorgang als Akt der Nutzenmaximierung, also als „eine Kognition von Situationsmerkmalen, eine … Evaluation der Konsequenzen und schließlich auch eine Selektion nach dem Kriterium der ‚guten Gründe'“ (Esser 1990, S. 235). Zwar hat es der Akteur nicht in der Hand, „ob und in welchem Grade ein bestimmtes gedankliches Modell aktiviert wird oder nicht und welcher Modus der Informationsverarbeitung dann dabei eingeschaltet wird“ (Esser 2001, S. 333), vielmehr vollzieht es sich durchaus als Passungsvorgang (matching), der trotz Kalkulation unbewusst bleibt. „Bei einem perfekten Match gibt es keinerlei weitere gedankliche Aktivitäten. Liegt dagegen ein Mis-Match vor, dann beginnt das Gehirn – unwillkürlich – mit unspezifischen inneren Aktivitäten der Informationssuche, die dann evtl. …zu einer Änderung in der „Wahl“ des Modus oder des Modells führen“ (Esser 2001, S. 261). Die handelnde Akteurin bleibt aber hier die rational entscheidende Instanz vor dem Hintergrund ihrer Nutzenkalküle.[2]

Im Gegensatz zu Esser wird mit dem hier dargestellten Modell aber eine Ablösung von der individualistischen Perspektive vollzogen. Thematisiert wird die kulturell-normative Überformung des Vorgangs der rationalen Wahl, die nicht mit Hilfe einer individualistischen Perspektive, sondern auf einer theoretischen Makroebene erklärt werden muss. Unter Bezugnahme auf Habermas' Ausarbeitungen zur Lebenswelt werden Frames im Rahmen dieses Modells als kognitive, kollektiv geteilte Ordnungsmuster (Handlungsorganisationsmuster) verstanden, die im Sinne eines Selektions- und Motivationsfilters soziales (Entscheidungs-) Handeln vorstrukturieren und somit eine handlungsanleitende Qualität haben. Das sich in einer bestimmten Handlungssituation als kognitive Organisation vollziehende Framing beinhaltet zweierlei: a) es aktiviert das, für die jeweilige Handlungssituation beim Akteur dominierende, verinnerlichte oder zumindest anerkannte Wertemuster und b) es aktiviert die zugehörige Semantik, die es ermöglicht, die Situation bzw. die relevanten Bestandteile der Situation, die Situationsalternativen zu deuten/zu interpretieren und damit einzuordnen. Für die Entstehung des Frame werden zudem Soziallagenkontext und Körperkontext eingeschlossen. Denn verfügbare Ressourcen der Makroebene nehmen auf das Organisationsmuster ebenso Einfluss, wie die (unelastischen) Bedürfnisse auf der körperlichen Ebene und mit ihnen verbundene Bedürfnisspannungen, die – je nach Intensitätsgrad – Motivationen in hohem Maße nahelegen (z. B. Hunger und Durst).

Zu unterscheiden sind bei den Frames daher auch analytische Typen, die sich aus dem Lebensweltkonzept nach Habermas ergeben: In Abhängigkeit davon, welches Kategoriensystem dem Orientierungsmuster zugrunde liegt, handelt es sich entweder um einen ideologischen (Werte- und Wissensbezogen), einen normativen oder einen personalen Frame: Rücken z. B. wissenschaftliche, politische oder religiöse Überzeugungswerte in den Vordergrund, liegt ein ideologischer Frame vor; sind intersubjektiv geltende, normative Wahrnehmungs- und Interpretationsstandards für das Framing relevant, wird ein normativer Frame aktiviert; bestimmen hingegen kollektiv sozialisierte Persönlichkeitsstrukturen (z. B. Angst, Vertrauen, Autoritätsgläubigkeit, Egozentrik, Emotionalität etc.) oder Fertigkeiten und Fähigkeiten, die auf spezifischen Erfahrungen und Erlebnissen basieren, das Framing, handelt es sich um einen personalen Frame. Der jeweils aktivierte Frame beeinflusst dann die jeweilige Situationsdefinition, die Präferenzen, sowie die Evaluation der Alternativen eines Akteurs, die wiederum dessen Verhalten bestimmen (vgl. Stierle 2006, S. 90 ff.). Sie beinhalten vier konstitutive Bestandteile, die analytisch voneinander zu unterscheiden sind: Handlungsleitlinien, kognitive Wissenskonstruktionen, Deutungsschemata und emotionale/motivationale Anreize. Handlungsleitlinien geben für bestimmte Handlungssituaionen relevante Informationen zur Zielsetzung des Handelns vor. Kognitive Wissenskonstruktionen verknüpfen die jeweils relevanten Situationsbestandteile zu einer sinnhaften Einheit. Deutungsschemata bringen, im Sinne von semantischen Bedeutungen, die Relevanz der vorliegenden Situationsbestandteile für das Handeln zum Ausdruck. Emotionale und motivationale Anreize wirken handlungsmotivierend oder demotivierend auf das Handelns (vgl. Stierle 2006, S. 92).

Die Frameentstehung ist als Folge einer Normenabschwächung, wie auch als Folge einer kulturellen Überformung zweckrational organisierter Handlungsfelder zu verstehen. Die Normenabschwächung ermöglicht das Vorhandensein alternativer Handlungsoptionen, die wiederum konstitutiv für einen Frame sind. Die Gründe für sich abschwächende Normen lassen sich, in Anlehnung an Heinrich Popitz (2006), im Zusammenhang mit ihren Entstehungsbedingungen rekonstruieren. Ihm zufolge entstehen soziale Normen dort, wo es zu typisch wiederkehrenden Handlungssituationen kommt, Normen einen konkreten Adressaten haben, sie für diesen anwendbar sind, eine Normabweichung mit Sanktionen bedroht ist und zudem diese Normen verinnerlicht werden. Für alle Bedingungsfaktoren lassen sich gesellschaftliche Veränderungsprozesse beschreiben: Situationen und Normadressaten werden untypischer, ihr Charakter vielfältiger und widersprüchlich, die Sanktionen unklarer und die selbstverständliche Internalisierung wird ersetzt durch als äußerlich wahrgenommene Ansprüche (vgl. z. B. Beck 1986). Soll unter diesen Bedingungen ein Framing erfolgen, bedarf es zudem einer speziellen kognitiven Leistung der Kombination von Wert- und Wahlrationalität seitens der Akteure, sowie der objektiven Möglichkeit alternativen Handelns: die Akteure müssen Alternativen haben und kennen.

Im Gegensatz zu den Annahmen von Habermas können auch in solchen Handlungsfeldern Frames entstehen, die durch eine utilitaristisch strategische und damit wahlrationale Handlungslogik geprägt sind. Deren Entstehung lässt sich mit Schulze und Bourdieu aus dem Bedürfnis nach sozialer Orientierung herleiten. Eine Zunahme von Handlungsoptionen und neue Unübersichtlichkeit fördert das Bedürfnis nach Orientierung. „Um überhaupt existieren zu können, müssen sich die Menschen in einem Prozess kognitiver Selbstorganisation eine Struktur geben, die es ihnen erlaubt, sich gegenseitig einzuschätzen und Identität aufzubauen“ (Schulze 2000, S. 243). Die Orientierung und Ordnung wird dadurch möglich, dass man mit Hilfe einer fundamentalen Semantik die Gegensätze ein- und zuordnet und zwar handlungsfelderübergreifend. Hieraus entstehen und stabilisieren sich kollektive Identitäten und soziale Gruppenbildungen, die mit den auf dem Markt erhältlichen Produkten spezifische Überzeugungen und Lebensweisen als „feine Unterschiede“ zum Ausdruck bringen (siehe auch Bourdieu).[3]

In der Soziologie ist eine solche „Zwischenebene“ in unterschiedlicher Form konzeptualisiert worden, so etwa als „Wissensstrukturen“ (vgl. Schütz und Luckmann 1979), „Sinnprämissen“ (vgl. Luhmann 1984), als „Habitus“ (Bourdieu 1982), als „Frames“ (Esser z. B. 2001) und auch als „Lebenswelt“ (Husserl 1986; Schütz und Luckmann 1991). Die Untersuchung ihrer jeweiligen Begründungen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede kann an dieser Stelle nicht erfolgen. Deutlich werden soll jedoch, dass dieses Framekonzept eine große Nähe hat zum Lebensweltbegriff von Schütz bzw. zum hieran angelehnten Begriff der Alltagswelt von Berger/Luckmann und darüber hinaus eine Integration des in der Sozialen Arbeit verbreiteten Lebensweltbegriffs leisten kann. Schütz zufolge gelangt der Mensch über die Auseinandersetzung mit seiner sozialen Welt, der „Wirkwelt“, zu seiner

„Lebenswelt“. „Diese Welt ist Eine und einheitliche Welt für das Ich, vor allem Einheit für mich, der ich in diese Realität eingreifen und die in ihr vorfindlichen Dinge wirkend behandeln will. Einheitlich ist diese meine Umwelt also als Welt meines möglichen Wirkens, … sie ist meine mir vorgegebene eine und einheitliche Wirkwelt. Aber diese meine Wirkwelt ist mannigfaltig gegliedert, ihre Perspektiven … durchdringen einander und … koinzidieren nicht. Wie kommt es dennoch dazu, dass mir … meine Wirkwelt fraglos als Eine und einheitliche Wirkwelt gegeben ist? Die Ursache liegt darin, dass alle Auffassung von Welt und sohin auch von Wirkwelt auf den Erfahrungsvorrat zurückweist, den das Ich vordem, aus mannigfachen polythetischen und monothetischen Sinnzusammenhängen vormaliger Erfahrungen aufgebaut, bereit hält“ (Schütz 2003, S. 16). Diese Lebenswelt aber versteht er nicht als Privatwelt, sondern als intersubjektiv. Im Ergebnis ist sie das, was „ der wache und normale Erwachsene in der Einstellung des gesunden Menschenverstandes als schlicht gegeben vorfindet“ (Schütz und Luckmann 1991,

S. 25). Berger und Luckmann sprechen hier von jenem Wissen, „welches das Verhalten in der Alltagswelt reguliert“ (Berger und Luckmann 1980, S. 23). Es ist eine intersubjektive Wirklichkeitsordnung, die durch Sprache gesetzt wird. Dem Individuum erscheint die Wirklichkeit der Alltagswelt (bzw. Lebenswelt) „konstituiert durch eine Anordnung der Objekte, die schon zu Objekten deklariert worden waren“, noch bevor es sich hierzu verhalten konnte (ebenda, 24). „Die Sprache, die im alltäglichen Leben gebraucht wird, versorgt mich unaufhörlich mit den notwendigen Objektivationen und setzt mir die Ordnung, in welcher diese Objektivationen Sinn haben und in der die Alltagswelt mir sinnhaft erscheint“ (ebenda, 24). „Die Wirklichkeit der Alltagswelt ist um das „Hier“ meines Körpers und das „Jetzt“ meiner Gegenwart herum angeordnet. Dieses „Hier“ und „Jetzt“ ist der Punkt, von dem aus ich die Welt wahrnehme“ (ebenda, 25).

Damit wäre über den Framebegriff die Integration der phänomenologisch geprägten Lebensweltbegriffe in dieses Modell vollziehbar, so wie sie in der wissenschaftlichen Sozialen Arbeit verbreitet sind. Am Lebensweltbegriff von Björn Kraus wird dies deutlich. Er legt in seinen Ausarbeitungen großen Wert auf die begriffliche Präzisierung und logische Unterscheidung der Begriffe Lebenswelt und Lebenslage und betont die Bedeutung dieser Begriffsschärfung für die sozialarbeitswissenschaftliche Theorie (vgl. Kraus 2013, S. 141 ff.). Das entspricht den analytischen Unterscheidungen, die auch für dieses Modell zentral sind. Kraus entwickelt sodann seinen geschärften Lebensweltbegriff und definiert ihn als „subjektive Wirklichkeitskonstruktion eines Menschen“ (Kraus 2013, S. 153, auch 2010,

S. 11). Dessen Entstehung erklärt Kraus aus den Bedingungen der Lebenslage, die er definiert, als die „materiellen und immateriellen Lebensbedingungen eines Menschen“ (Kraus 2010, S. 11), bzw. „als die sozialen, ökologischen und organismischen Lebensbedingungen eines Menschen“ (Kraus 2013, S. 153). Er schreibt:

„Das Verhältnis zwischen Realität und Wirklichkeit lässt sich an meiner Übertragung dieser Unterscheidung auf den im sozialarbeiterischen Diskurs gängigen Begriff der „Lebenswelt“ verdeutlichen, indem man den Begriff der Lebenswelt dem Begriff der Wirklichkeit zuordnet und den Begriff der Lebenslage dem Begriff der Realität. Derart beschreibt dann der Begriff Lebenswelt die subjektive Wirklichkeit eines Menschen, welche dieser unter den Bedingungen seiner Lebenslage konstruiert. Die Lebenslage wäre somit der für diesen Menschen relevante Ausschnitt der Realität, seine materiellen und immateriellen Lebensbedingungen“ (Krauss 2011, S. 99).

Im Gegensatz dazu wird hier vorgeschlagen, eine andere Differenzierung vorzunehmen, die die individuelle Mikroebene und die gesellschaftliche Makroebene analytisch differenziert, auf diese Weise die Lebenswelt als Kommunikationskontext verortet und sie ins Verhältnis setzt zu dem, was Kraus „Lebenswelt“ nennt, hier aber als „Frame“ konzeptioniert ist: die subjektive Wirklichkeit der Handelnden. Kraus deutet die Entstehung dieser subjektiven Wirklichkeiten, sodann in Abhängigkeit zur subjektiven Lebenslage: „Einerseits ist die Lebenswirklichkeit eines jeden Menschen dessen subjektives Konstrukt, andererseits ist dieses Konstrukt nicht beliebig, sondern – bei aller Subjektivität – auf Grund der strukturellen Koppelung des Menschen an seine Umwelt, eben durch die Rahmenbedingungen dieser Umwelt beeinflusst und begrenzt“ (Kraus 2011, S. 100). Hier wird nun vorgeschlagen, diesen Entstehungsprozess (ein sogn. „framing“) noch etwas genauer als Ergebnis eines lebensweltgeprägten, aber multifaktoriell erklärbaren, Zusammentreffens von Rahmenbedingungen und Kognitionsprozessen (s. o.) zu verstehen: unter den sozialstrukturellen Bedingungen der Lebenslage und des individuellen Körpers (die Kraus als „Lebenslage“ in eins setzt, vgl. Kraus 2010,

S. 9) werden intersubjektiv-kommunikativ entstandene Wertemuster aktiviert, zugehörige Semantiken aktiviert und ein entsprechender Relevanzrahmen kognitiv errichtet (s. o.). Der Vorgang wird damit in vergleichbarer Form als letztendlich kognitiver Konstruktionsvorgang betrachtet, hier werden allerdings die Wirkfaktoren differenzierter unterschieden, ein Kommunikationsraum als intersubjektiver Faktor „Lebenswelt“ betont und alle Komponenten durch die Modellsystematik in ein Verhältnis zueinander gesetzt.

Mit dieser Zuordnung wären auch die bekannten Lebensweldefinitionen z. B. von Thiersch in diesem Modell als Frame konzeptioniert und integriert: die „spezifischen Selbstdeutungen und Handlungsmuster in den gesellschaftlichen und individuellen Bedingungen“, also „StrukturVerständnis- und Handlungsmuster“ (Thiersch und Grundwald 2002, S. 129). Gleichzeitig wären sie eingeordnet in einen größeren handlungstheoretischen Zusammenhang.

  • [1] Nicht behandelt werden an dieser Stelle, die Rückwirkungseffekte des Verhaltens auf die Kontexte Lebenbswelt und Lebenslage und deren damit verbundene Veränderung (vgl. z. B. Giese und Runde 1999, S. 29).
  • [2] Siehe hierzu z. B. die Arbeiten am Lehrstuhl für Soziologie und Wissenschaftslehre der Universität Mannheim, (vgl. Kroneberg 2005).
  • [3] Allerdings geht die hier konzeptionierte Vorstrukturierung sozialen Handelns als Frame nicht in den Milieutheorien von Schulze und Bourdieu auf. Der zentrale Unterschied besteht darin, dass die strukturierenden Bedingungen eines Frame Handlungsfelder sind – und nicht spezifische Gruppen mit ihren zugehörenden psycho-sozialen Eigenschaften, wie dies beispielsweise beim Habituskonzept verstanden wird. Ein Frame entsteht in spezifischen Handlungsfeldern als Ergebnis kommunikativer Handlungen unter der Voraussetzung, dass Wahlalternativen gegeben sind, keine verbindlichen Normen, körperlichen Zwänge oder Restriktionen vorliegen und kollektiv gültige Wertemuster (ideologischer, normativer oder personaler Art) gegeben sind, die die Wahlrationalitäten lebensweltlich überformen.
 
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