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5.5 Zusammenfassung

Ein verstehender Zugang zur eigensinnigen Lebensweise der Anderen ist sowohl eine erkenntnistheoretische Herausforderung, als auch eine methodische Herausforderung, der sich die Soziale Arbeit gerade auch wieder besonders stellt. Er bedarf aber ebenfalls der Verständigung über den Gegenstandsbereich des Verstehens und beinhaltet damit zudem auch eine handlungstheoretische Herausforderung. Die zu beantwortende Frage lautet, was eine verstehende Soziale Arbeit zu verstehen hat, wenn sie hier verstehen will? Welches theoretische Verständnis hat sie vom handelnden Menschen als solchen und dessen Eigensinn, der erschlossen werden muss?

Das hier vorgestellte eMEM ist in diesem Zusammenhang ein Angebot zur Verständigung über die Dimensionen dessen, was beim Verstehen verstanden werden soll. Es generalisiert den Gegenstandsbereich sozialpädagogischer Verstehensbemühungen und „kartografiert“ ihn, integriert verschiedene Theoriebausteine aus den Sozialwissenschaften und ist anschlussfähig an Grundlagendiskurse innerhalb der wissenschaftlichen Sozialen Arbeit. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass der Mensch sich als Handelnder konstituiert und nur als ein in die Welt hinein Handelnder denkbar ist (Arendt 2007, S. 214 f.). In seinem Streben nach Wohlbefinden und Zufriedenheit hat er als Handelnder permanent „Situationen zu bewältigen“ (vgl. Habermas 1981 II, S. 204). Professionelle Soziale Arbeit reagiert auf einen hierbei entstehenden Hilfe- und Unterstützungsbedarf. Dieser ergibt sich aus einer Diskrepanz zwischen dem Handlungsziel der Menschen und real erzielten (oder absehbaren) Handlungseffekten, bzw. aus fortgesetzten „Bedürfnisspannungen“ (Obrecht 2011, S. 23). Handlungstheoretisch unterschieden werden in diesem Modell des handelnden Menschen die Mikroebene, sowie die Makroebene, menschliche Nutzenerwägungen, sowie die Rahmenbedingungen dieses Vorgangs.

Der erste Baustein dieses Modells ist die Wert-Erwartungstheorie (WET), eine Variante des Rational-Choice-Ansatzes, besonders entfaltet und verbreitet in den letzten Jahren von Esser innerhalb seines handlungstheoretischen Modells (vgl. Esser 1990, 1999). Sie besagt, dass bei einer Wahl zwischen mehreren Handlungsalternativen eine Akteurin jene bevorzugt, die ihr den höchsten Wert versprechen. Der Mensch möchte seinen Nutzen maximieren und kalkuliert diesen daher. Komponenten dieses Nutzenberechnungsvorgangs sind die Präferenzen der Akteurinnen hinsichtlich eigener Werte und Bedarfe, somit Motivationen, sowie die Alternativenbewertungen der Akteurinnen, somit Kognitionen. Das Verhalten wäre, in dieser eingeschränkten Sichtweise, zu begreifen als ein rationaler Entscheidungsprozess, dem bestimmte Motivationen zugrunde liegen und dem ein Denkvorgang vorausging, durch den Alternativen überprüft wurden. Allerdings ist menschliches Verhalten nicht einfach nach den Maximierungsregeln des homo oeconomicus erklärbar. Daher geraten, selbst in den Wirtschaftswissenschaften, inzwischen die Bedingungen der individuellen Nutzenkalkulation zunehmend in den Blick, also Handlungskontexte, die diesen individuellen Entscheidungsprozess mit beeinflussen.

In der Konsequenz heißt dies, dass in einem solchen Modell die Bedingungen sozialen Handelns thematisiert werden müssen: also Handlungskontexte, innerhalb derer Akteurinnen über Präferenzen und Alternativenbewertungen zum Handeln gelangen. Es geht um die Antwort auf die Frage: Was konstituiert den für Handelnde nicht einfach hintergehbaren Rahmen, aus dem heraus sie ihre subjektiven Definitionen der Situation vornehmen, die ihr Handeln anleitet (Esser 1996, S. 6). Für deren Klärung werden nun in diesem Modell drei Handlungskontexte unterschieden: der menschliche Körper, die Lebenswelt und die Lebenslage. Der menschliche Körper ist hierbei auf der Individualebene verortet, gleichwohl Kontextbedingung individueller Handlungsentscheidungen, Lebenswelt und Lebenslage dagegen auf der Makro-Ebene, weil sie intersubjektive Geltung beanspruchen

und auf strukturelle Zusammenhänge verweisen.

Der menschliche Körper wird in dieses Modell als wirksam werdender Faktor für menschliches Handeln integriert. Spezifisch an diesem „Körperkontext“ ist, dass er in sozialwissenschaftlicher Handlungstheorieentwicklung nur eine sehr geringe Beachtung erfährt, obwohl kaum bestritten wird, dass die jeweilige biologische Ausstattung von handelnden Akteurinnen und Akteuren, als eine wesentliche Bedingung ihres Entscheidungshandelns erfahren wird (Obrecht 2011; Nussbaum 1999, S. 50). Relevant wird der Körper in diesem Modell a) als Quelle (unelastischer) Bedürfnisse wie auch b) als Träger von Fertig- und Fähigkeiten. Menschen haben auf Grund ihrer biologischen Ausstattung Bedürfnisse, die handlungswirksam werden können. Sie sind hierbei zu verstehen als interne Zustände, die von einem befriedigenden Zustand des Organismus (Wohlbefinden) abweichen. Diese Abweichung wird innerhalb des Nervensystems als Spannungszustand registriert und sodann der Organismus motiviert, durch ein nach außen gerichtetes Verhalten, eine Kompensation zu erzielen. Die Wiederherstellung von „inneren Soll-Werten“ ist somit als biologisch verankerter Antreiber für Handlungsmotivationen in bestimmten Handlungssituationen identifizierbar (Staub-Bernasconi 2007, S. 170 f.; Obrecht 2011, S. 11 ff.). Einfluss auf das Handeln haben zudem die körpergebundenen Fertig- und Fähigkeiten, sowie Eigenschaften eines Menschen, einschließlich seiner körperlichen, geistigen und seelischen Ressourcen und Behinderungen, sowie psychischen Dispositionen (talents, skills and handicaps) (Nussbaum 1999, S. 63; Röh 2013).

Die „Lebenswelt“ wird sodann als weiterer Handlungskontext in dieses Modell einbezogen. Der in der Sozialen Arbeit weit verbreitete und oftmals diffus verwandte Begriff Lebenswelt wird hier allerdings nicht über Husserl und Schütz – und fokussiert bei Kraus – als subjektives Wirklichkeitskonstrukt eines Menschen verstanden (Kraus 2013), sondern über Habermas als durch kommunikatives Handeln entstehender intersubjektiv gestalteter Kultur- und Kommunikationsraum, den Akteurinnen und Akteure als Teilnehmende zugleich gestalten und erfahren. Sie ist die Grundlage für Verständigung und der soziale Prozessschauplatz, auf dem Handelnde Konsens über Normen und Werte herstellen, ihnen zugleich fraglos gegeben und auch in wechselnden Situationen für sie unüberschreitbar. Die drei strukturellen Komponenten von Lebenswelt „Kultur“, „Gesellschaft“ und

„Persönlichkeit“ werden auch in dieses Modell aufgenommen. Kultur meint den Wissensvorrat, aus dem sich die Kommunikationsteilnehmenden mit Interpretationen versorgen. Gesellschaft meint die legitimen, fraglosen Ordnungen, die die sozialen Zugehörigkeiten regeln. Persönlichkeit meint die Kompetenzen für eine realitätsgerechte Teilnahme an Interaktionsprozessen. Alle drei Bereiche stellen dabei keine stabilen, statischen Einheiten dar, sondern können nur durch eine kontinuierliche Reproduktion im Rahmen eines kommunikativen Handelns gesichert werden (Habermas 1981 II, S. 182 ff.).

Mit dem Begriff der Lebenslage wird in diesem Modell sodann eine analytische Unterscheidung vom Begriff Lebenswelt vorgenommen, somit die Betrachtung der objektiven sozialen Lage einer Akteurin getrennt, von der Betrachtung der Entstehungsbedingungen subjektiver Wirklichkeit im Hinblick auf diese soziale Lage (vgl. zu dieser Unterscheidung grundlegend Kraus 2006, 2010). Zu verstehen ist Lebenslage damit als ein auf der Makroebene verorteter Handlungskontext, der das Entscheidungsverhalten von Handelnden rahmt. Unter Berücksichtigung verschiedener Modellansätze werden als Komponenten der Lebenslage „Sozialstruktur“ und „Infrastruktur“ unterschieden, deren ermöglichende und beschränkende Wirkung, im Hinblick auf Wahlentscheidungen und Handlungsoptionen, objektiv beschreibbar sind.

Als Sozialstruktur werden Restriktionen/Möglichkeiten analysiert, die als ökonomisches und kulturelles Kapital wirksam werden, entsprechend den Ausarbeitungen von Bourdieu (1985, 1982). Ebenso gehören hierzu Rechtsansprüche (Honneth 2003, S. 165). Als Infrastruktur werden jene Restriktionen/Möglichkeiten analysiert, die als sozialräumliche Gegebenheiten, zur Verfügung stehende Unterstützungen oder erfahrbare Barrieren, wirksam werden. Hierzu gehören die sozialökonomischen Voraussetzungen für die berufliche Betätigung und die damit verbundene Absicherung des eigenen Lebensunterhaltes. Hierzu gehören die Ausstattung mit Waren zur Befriedigung des persönlichen Bedarfs, alle Arten kultureller und sozialer Angebote, Dienstleistungen, sowie informell vorhandene Unterstützungen, bauliche und technische Ausstattungen und Mitbestimmungsmöglichkeiten im Sozialraum.

Die Logik des Zusammenhangs von rationalem Entscheidungshandelns, körperlichen Ausstattungen und gesellschaftlichen Kontexten wird durch ein Brückenkonzept begründet, dass im Wesentlichen auf der Unterscheidung zwischen Situationsdefinitionen und Frames beruht und mit dem dieser Zusammenhang beschrieben werden kann. Unter „Situationsdefinition“ ist ein Koordinationsmechanismus zu verstehen, der das Entscheidungsverhalten auf der Mikroebene vorstrukturiert und einen Modus des Verhaltens festlegt. Diese Festlegung ist prinzipiell in fünf Modi denkbar: a) Restriktiv festgelegtes Verhalten durch die Bedingungen der Lebenslage, b) Festlegungen durch die fraglosen Routinen lebensweltlicher Selbstverständlichkeiten, c) Festlegungen durch unelastische körperliche Bedürfnisse, Affekte und Fähigkeitsgrenzen, d) Rational-Choice-Verhalten, das pur eigenen Nützlichkeitserwägungen folgt und e) Frame-bestimmtes RationalChoice-Verhalten. Hiermit ist ein Verhalten gemeint, das durch ein Ordnungsmuster vorstrukturiert ist, ohne festgelegt zu sein. Dieser Vorgang der Herstellung einer Ordnung (Framing) erfolgt unter Einfluss aller drei Kontexte, unter analysierbaren Bedingungen.

Solche Frames sind kollektiv geteilte Ordnungsmuster oder Relevanzrahmungen, unterscheidbar in verschiedene analytische Typen (ideologischer-, normativer-, personaler Frame), sowie in verschiedene Funktionen (Selektion, Interpretation, Anreiz). Durch sie werden Situationen beeinflusst, überformt, spezifisch wahrgenommen, geordnet und strukturiert, allerdings ohne (wie bei den Situationsmodi a, b und c) festgelegt zu sein. Vielmehr beeinflussen sie die Variablen des Entscheidungsvorgangs (Motivationen und Kognitionen) indirekt und lassen Entscheidungsspielräume zu (vgl. Giese und Runde 1999, S. 24 ff.). Das heißt, der Frame selektiert hier jene Ziele, die Handelnde einer bestimmten Situation verfolgen und „vereinfacht“ die Situation. Er filtert und deutet relevante Informationen, hilft bei der Interpretation und beeinflusst die jeweiligen motivationalen und emotionalen Anreize, die sich aus der Zielvorgabe, dem Wissen, sowie den wahrgenommenen und gedeuteten Situationsbestandteilen ergeben. Der in der Sozialen Arbeit verbreitete Begriff der Lebenswelt, entwickelt in der Linie Husserl-Schütz, hat hier seinen systematischen Ort, jedoch unter der Bezeichnung Frame. Diese Frames lassen sich verstehen als jene subjektiven Wirklichkeitskonstruktionen, die Kraus mit dem Begriff Lebenswelt in ihrer Bedeutung für die Soziale Arbeit gerade wieder deutlich herausgearbeitet hat (vgl. Kraus 2013). Es wird in diesem Modell also begrifflich getrennt zwischen der subjektiven Lebenswirklichkeit (Frame) und der Lebenswelt, als dem Raum kommunikativen Handelns, innerhalb dessen sich diese Wirklichkeit als subjektive verfestigt.

 
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