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5.7 Abschließende Hinweise auf vergleichbare Modellierungen

Dieses Modell hat mit seiner Unterscheidung der Mikro- und Makroebene Gemeinsamkeiten mit Dieter Röhs Modell der Trajektivität, das er von Jan Tillmann ableitet (vgl. Röh 2013, S. 87 ff.). Bei ihm werden die Makroebene als „Sphäre der Existenz“ und die Mikroebene als „Sphäre der Essenz“ einander gegenüber gestellt und ebenfalls, diesen Ebenen zugeordnete, Begriffspaare, die als Pole zu verstehen sind: „Gerechtigkeit“ auf der Makroebene ist der Gegenpol zu „Lebensführung“ auf der Mikroebene und „Probleme der Verhältnisse“ auf der Makroebene sind der Gegenpol zu „Problemen des Verhaltens“ auf der Mikroebene. Und Soziale Arbeit wird als „Fähre“ beschrieben, „die sowohl den einen Pol als auch den anderen Pol eines Begriffspaares anfahren kann, dort Menschen und Güter/ Ideen aufnimmt, um diese dann zu einem anderen Pol (Hafen) zu bringen, dort zu lassen oder gegen andere Ideen zu tauschen“, verbunden mit der Möglichkeit „unser divergierendes Denken in „Ausschluss-Kriterien“ zu verlassen und dafür eine ganzheitliche Denkweise in „Anschluss-Kriterien“ anzunehmen, die es z. B. der Sozialarbeitswissenschaft erlaubt, sich sowohl biologischer als auch psychischer, sozialer sowie politischer und soziologischer Fakten bzw. Analyse zu bedienen, um die Wirklichkeit des Augenblicks bzw. die Erscheinungsform eines sozialen Problems mal so und mal so zu betrachten“ (Röh 2009, S. 204). In diesem Modell werden somit Komponenten der Mikro- und Makroebene beschrieben, ihre Zusammengehörigkeit begründet und sodann die professionelle Soziale Arbeit als

„Fährverbindung“ in das Modell selbst integriert. Die genaue Untersuchung beider Modelle auf ihre Gemeinsamkeiten und Differenzen, kann an dieser Stelle leider nicht mehr erfolgen, wäre aber für die Zukunft lohnenswert. Dies gilt auch und insbesondere für die von Röh in seiner Arbeit „Soziale Arbeit, Gerechtigkeit und das gute Leben“ im Anschluss erfolgte Modellierung einer Handlungstheorie mit starkem Bezug auf den Capability Approach (vgl. Röh 2013; vgl. auch die Arbeiten von Leßmann, z. B. Leßmann et al. 2011; Leßmann und Babic 2012).

Die handlungstheoretische Ausrichtung des erweiterten Mehr-Ebenen-Modells an der Rationalität des handelnden Akteurs und die Fokussierung der bei seiner

„rational choice“ wirksam werdenden Einflussfaktoren unterscheidet sich zudem von einer systemischen Betrachtungsweise und jenen Denkinstrumenten, wie sie z. B. von Geiser und Staub-Bernasconi vorliegen. Deren Ansatz, „Beschreibungswissen mit Erklärungs-, Wert- und Erfahrungswissen zu einer problembezogenen Arbeitsweise verknüpfen“ zu wollen, ist hierbei von besonderer Bedeutung (Staub-Bernasconi 1994, S. 76; vgl.: Staub-Bernasconi 1994; Geiser 2004). Die

„Problemkarte“ von Staub-Bernasconi, wie auch ihre „Ressourcen- und Machtquellenkarte“ sind Systematisierungsangebote für Entdeckungsarbeit mit denen es möglich ist, der schwierigen Aufgabe gerecht zu werden, die begriffliche Integration von Fakten und theoretischem Denken zu ermöglichen, um von hier aus zu Aussagen und Aussagesystemen zu gelangen (vgl. Staub-Bernasconi 1994, S. 76 ff.). Kaspar Geisers Weiterentwicklung dieser systemischen Denkfigur (SDF) verfeinert sodann nochmals das Verfahren der Transformation von Fallinformationen in relevante Daten für die professionelle Hilfepraxis. Er beschreibt soziale Probleme als Struktur-Akteur-Struktur-Probleme, die sowohl die Beschaffenheit der sozialen Systeme und ihrer Komponenten betreffen, als auch die Prozesse zwischen den Systemen, und zu deren Erklärung die Verknüpfung der Mikro- und Mesoebene erfolgt (vgl. Geiser 2004, S. 61). Sein Modell zur Analyse des Individuums ist komplex hergeleitet und integriert die biologische Ausstattung des Individuums und dessen soziale Eigenschaften, einschließlich der Komponenten Rezeption, Handlungskompetenz und Informationsverarbeitung/Wissen (vgl. Geiser 2004,

S. 94 f.). Geiser erhebt mit seinem Analyseinstrument den Anspruch, eine mit seiner Hilfe erstellte Analyse ergebe „ein umfassendes Bild, auch über eine komplexe Lebenssituation (Geiser 2004, S. 31).

Die breite Gemeinsamkeit mit diesen Modellen zeigt sich im Hinblick auf das Bemühen, ein Systematisierungskonzept für den Vorgang des „Verstehens“ zu entwickeln, dass als Sehhilfe in unübersichtlicher Landschaft dienen soll und damit einen Verbindungsweg zwischen wissenschaftlichem Wissen und praktischen Können in der Sozialen Arbeit ausbauen und sichern kann. Das hier entfaltete erweiterte Mehr-Ebenen-Modell zeichnet sich aber dadurch aus, dass es im soziologischen Diskurs zum methodologischen Individualismus verwurzelt ist und ein Konzept für die Zusammenführung der Mikro- und Makroebene anbietet. Es kann den in der Sozialen Arbeit aus guten Gründen verbreiteten Begriff der Lebenswelt doppelt integrieren: Sowohl als einen kommunikativen Handlungsraum (Habermas) und somit als Kontext von individuellem Entscheidungshandeln. Zudem als „Frame“, der Handlungssituationen vordefiniert und auf diese Weise dem entspricht, was in der Sozialen Arbeit mit Bezug auf Thiersch in der Regel unter Lebenswelt verstanden wird. Damit ist der Verstehensgegenstand einer multiperspektivisch ausgerichteten und damit auch lebensweltorientierten Sozialen Arbeit abgebildet. Neben den objektivierbaren Handlungsbedingungen wird auch die Realität subjektiver Konstruktionsprozesse von Wirklichkeit, als Handlungsrahmen erfasst und kann als Teil des Modells konzeptionalisiert werden.

Das heißt, im hier vorgelegten eMEM wird der handelnde Mensch unter den Bedingungen seiner bio-sozialen Umwelt modelliert, um ihn als Verstehensgegenstand der Sozialen Arbeit zu „kartografieren“, unter Zusammenführung wesentlicher Theoriebausteine, die in der wissenschaftlichen Sozialen Arbeit bereits verbreitet sind. Damit liefert es den Fallverstehensakteuren in der sozialarbeiterischen Praxis „Kartenmaterial“ für die Orientierung in unübersichtlichen Landschaften und für die Vergewisserung des Ortes, von dem aus sie selbst ein einflußnehmender Teil in dieser Landschaft sind und sein wollen.

Mit dieser Modellierung des Verstehensgegenstandes sozialpädagogischer Fachkräfte ist noch keine Entscheidung über die erkenntnistheoretische Frage nach den Möglichkeiten des Verstehens getroffen und die methodische Frage unbeantwortet, wie Verstehen erfolgt. So betont Kraus den konstruktivistischen Zweifel an jeglichen Verstehensprozessen, wenn er darstellt, dass den professionellen Fachkräften der Sozialen Arbeit nur das erzählte und gelebte Leben der Menschen zugänglich sei und dies auch nur ausschnitthaft und durch „den Filter“ der jeweils „eigenen Wahrnehmungs- und Interpretationsmöglichkeiten“ (Kraus 2010a, S. 107). Darüber hinaus ist mit der abstrakten Skizzierung der Verstehenslandschaft in Modellform nicht geklärt, wie diese zu erkunden sei, und zwar professionell, und das heißt rechtfertigungsfähig im Hinblick auf die Systematik des Erkundungsprozesses und die Güte dessen, was vorgefunden wurde. Kurzum: Sind z. B. „Lebenswelten“ und

„Frames“ rekonstruierbar, also von außen „zu verstehen“ und, wenn ja, auf welchem methodisch ausweisbaren Verfahrenswege? Hierauf soll im nächsten Kapitel eingegangen werden.

 
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