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6. Der Verstehensvorgang in der Sozialen Arbeit

Soziale Arbeit zielt als Profession darauf ab, autonome Lebenspraxis zu befördern und dieser entgegenstehende bio-psycho-soziale Probleme zu bearbeiten. Hierfür gestaltet sie Erziehungs- und Bildungsarrangements, realisiert soziale Hilfeleistungen auf individueller und sozialräumlicher Ebene und bringt ihre Expertise in die politischen Strukturdiskussionen ein. Als Handlungswissenschaft generiert und verwaltet sie das dafür notwendige Grundlagenwissen und forscht an der Entwicklung valider Konzepte und Methoden. Diese für sie grundlegende Orientierung an der Autonomie ihrer Adressatinnen, nötigt sie auf wissenschaftlicher Ebene zu einer Multiperspektivität, die als Interdisziplinarität zum Ausdruck kommt. Auf professioneller Ebene zeigt sich diese Multiperspektivität sowohl in ihren professionellen Problem- und Fallanalysen (Diagnostik), wie auch in ihrem hieraus erwachsenen Hilfehandeln (Intervention). Dies meint den Einbezug sowohl verschiedener wissenschaftlicher Perspektiven (entsprechend der Struktur ihrer Wissenschaftlichkeit), wie auch den Einbezug der Perspektive ihrer Adressatinnen und Adressaten, deren Interessen und Ressourcen. Sie muss deren Realität zu verstehen in der Lage sein.

Im vorherigen 5. Kapitel wurde der vielschichtige und komplexe Raum beschrieben und soziologisch entfaltet, auf den sich sozialpädagogische Verstehensprozesse beziehen. Mit der Zusammenschau der in der Sozialen Arbeit ausgearbeiteten Begriffe Lebenswelt, Lebenslage und Körper und deren Verbindung mit der Ebene von individuellen Kognitionen und Motivationen sollte der Verstehensgegenstand fokussiert und damit zugleich deutlich werden, wie hoch der Anspruch einer Sozialen Arbeit ist, die subjekt- und lebensweltorientiert zu sein beansprucht. Ihre Verstehensprozesse zielen auf die Forderungen und Überforderungen, die konkret handelnde Menschen in ihren alltäglichen Lebensbewältigungsversuchen erfahren. Für die Entschlüsselung dieses alltäglichen Handelns und der sie leitenden Rationalität, also für die Identifikation dessen, was „der Fall“ ist und dementsprechend professionell geleistet werden sollte, bedarf es komplexer Verstehensverfahren. Eine derart zu Komplexität verpflichtete, verstehende Annäherung an individuelle Lebensbewältigungspraxen ist in der Regel nicht als einfacher Expertenmonolog konzeptionierbar, sondern nur als Fallforschungspraxis, die sich systematisch öffnet für eine Realität, die sich im Forschungsvollzug zu erkennen geben muss.

Handlungstheoretisch kann ein entsprechender Verstehensvorgang verstanden werden, als induktiver Vorgang der Rekonstruktion, ähnlich den qualitativen Verfahren empirischer Sozialforschung, oder als deduktiv nomologischer Vorgang der Klassifikation, ähnlich den quantitativen Verfahren empirischer Sozialforschung. Beide, so Gerhard Kleining, gründen im Alltagshandeln und unterscheiden sich lediglich im Grad ihrer Abstraktion vom Alltagshandeln (vgl. Kleining 1995, S. 130). Die in der empirischen Sozialforschung erfolgte Methodisierung von Verstehensvorgängen zum Zwecke der wissenschaftlichen Erforschung sozialer Realitäten und die hierbei entstandenen Methoden empirischer Sozialforschung wurzeln in Alltagstechniken des Verstehens. Menschen erschließen sich ihre bio-psycho-soziale Realität alltäglich dadurch, dass sie Fragen stellen, beobachten und ausprobieren. Diese Verfahren können als traditionelles Wissen der Menschheit verstanden werden, als in der Regel unreflektierte und unsystematisierte Verstehenstechniken. Zugleich sind sie die Basis und das Reservoir aller Forschung und Forschungsmethodik. Die Techniken der empirischen Forschung sind von diesen Urtechniken bzw. Alltagstechniken ausgegangen und haben sie abstrahiert. Im Forschungszusammenhang wurden hieraus die Befragung, die Beobachtung und das Experiment. Der in den Sozialwissenschaften sehr bedeutsame Unterschied zwischen qualitativen und quantitativen Techniken der Sozialforschung besteht lediglich im Grad der Abstraktion von diesen Alltagstechniken. Quantitative Verfahren der Sozialforschung abstrahieren im höheren Maße von den alltäglichen Verfahren, als qualitative Verfahren. Qualitative Verfahren kontrollieren die Aufnahme von Daten und deren Analyse und rekonstruieren in einem Abstraktionsprozess ein Bild von der Realität. Forschungspraktisch transformieren sie hierbei (i. d. R) die soziale Realität in die Datenform des Textes, um sie sodann durch hermeneutische oder heuristische Verfahren zu analysieren. Sie zielen auf Gemeinsamkeiten, auf Struktur und erhalten Erkenntnisse zum Sinn und zur Bewegung der sozialen Realität. Die quantitativen Verfahren abstrahieren wiederum von dieser Qualität, somit von der Textform und erfassen die Realität mit Hilfe von Indikatoren in der abstrakteren Form der Zahl. Dies ermöglicht ihnen weitergehende mathematische Operationen und Messungen. Sie gewinnen auf diese Weise eine Komplexitätsreduktion der sozialen Realität und die Fähigkeit, Differenzen sehr exakt erfassen zu können. Sie verzichten zugleich auf die Erfassung von Sinnstruktur und Bewegung

(vgl. Abb. 6.1).

Abb. 6.1 System der Methoden nach dem Abstraktionsgrad der Daten. (Quelle: Kleining 1995, S. 130)

Verstehensverfahren in der Sozialen Arbeit können grundsätzlich verstanden werden als Forschungsvorgänge. Ihre Methodisierung ist das Bemühen, in einem Abstraktionsprozess aus den Alltagstechniken des Verstehens solche Verfahren zu gewinnen, die Erkenntnisentstehungswege zu kontrollieren vermögen und damit Rechenschaftsfähigkeit ermöglichen, im Hinblick auf die Ergebnisse entsprechender Verstehensprozesse: die professionellen Bilder von der Realität.

Die vorhandenen sozialarbeiterischen Verstehensverfahren lassen sich dementsprechend diesen Ebenen zuordnen. Viele Verfahren des Verstehens in sozialpädagogischen Hilfesettings sind als vormethodische, aber bewährte Formen der Erkenntnisgewinnung zu verstehen, die sich in entsprechenden Interaktionszusammenhängen vollziehen. Sie sind Ausdruck vorhandener Sozialkompetenz von Fachkräften, Ergebnisse von Lebens- und Berufserfahrung, von Talent und Intuition, vorreflexiv und Teil der Alltagsmethoden. Sie kommen hier sowohl in „qualitativen“ und „quantitativen“ Formen vor, insofern sowohl der offene Dialog, als auch die klassifizierende Zuordnung der wahrgenommenen Realität zu den Kategorien eigener theoretischer Hintergrundüberzeugungen alltägliche Realität sind. Der Diskurs zur Methodisierung des Verstehens und die damit verbundenen Fragen nach den Möglichkeiten und Grenzen einer sozialen Diagnostik bezeichnen den Übergang, von diesen Alltagstechniken zu kontrollierbaren Methoden durch den Vorgang der Abstraktion. Der Streit über die Berechtigung entsprechender Verfahren, hiermit verbundene Vorbehalte und Kritik (siehe Kap. 4), bezieht sich dabei insbesondere auf den zweiten Abstraktionsschritt, somit die Methodisierung von Klassifizierungsvorgängen. Von Bedeutung ist an dieser Stelle, dass der Bereich „soziale Diagnostik“, verstanden als methodisch kontrolliertes Verfahren der Erkenntnisgewinnung im sozialpädagogischen Professionsalltag, bereits beim

Rekonstruktion: Diagnostik als offene Suche im Dialog.

Klassifikation: Diagnostik als Messung und Zuordnung.

Abb. 6.2 Die Achse professionellen Verstehens. (Quelle: ©Eigene Darstellung, vgl. Heiner 2005, S. 537)

Übergang von der alltäglichen Interaktion zu einem qualitativen Verstehen betreten wird. Die systematische, durch Methode auf analytischen Erkenntnisgewinn ausgerichtete, Vorgehensweise der Erschließung bio-psycho-sozialer Realitäten ist auch dann „soziale Diagnostik“, wenn sie rekonstruktiv-dialogisch agiert und damit auf Kategorienbildung und Klassifizierungsvorgänge verzichtet.

Diese qualitativen Verfahren sind zu verstehen als ein Pol auf der „Achse professionellen Verstehens“, dessen anderer Pol ein Verstehensvorgang ist, der charakterisiert ist durch den monologischen Vorgang der Klassifizierung, ein quantitatives Verfahren der Messung von Übereinstimmung und Differenz, verbunden mit der finalen Zuordnung zu vorhandenen Kategorien. Während der qualitative Pol sozialer Diagnostik sich methodologisch auf hermeneutische und heuristische Traditionen bezieht, basiert der andere, quantitative, Pol auf den methodologischen Prämissen quantitativer Forschung.

In Anlehnung an entsprechende Ausführungen von Maja Heiner lassen sich die zwei Pole der „Achse professionellen Verstehens“ somit wie in Abb. 6.2 gezeigt darstellen (vgl. Heiner 2005, S. 537). Soziale Diagnostik als offene Rekonstruktion der Realität im Modus des Dialogs, methodisierbar als Hermeneutik und Heuristik. Soziale Diagnostik als Vorgang der Klassifikation, positivistisch methodisierbar über Indikatorenbildung und monologische Messvorgänge.

Auf dieser so idealtypisch begrenzten Achse lassen sich die Verfahren sozialer Diagnostik zuordnen, mit ihrer größeren Nähe zu einem eher offenen, rekonstruktiven Vorgehen oder zu einem Vorgehen, dass die Zugehörigkeit zu vorhandenen Kategorien und Klassen überprüfen möchte. Beispiele für dialogisch-rekonstruktive Verfahren sind u. a. narrative Interviews und szenische Rekonstruktionen, für klassifizierende Verfahren die psychiatrische Diagnostik nach ICD oder Tests zu verschiedenen Kompetenzen und zur Schulreife. Je größer die methodische Distanz zum reinen rekonstruktiven Dialog ausfällt, umso stärker nehmen sowohl Standardisierung, als auch Expertinnendominanz zu, zudem die Trennung von Analyse und Intervention (vgl. ebenda, S. 537).

In die wissenschaftliche Diskussion und operative Praxis eingebracht werden sowohl Reinformen des offenen Dialogs und der geschlossenen Klassifikation, insbesondere aber Mischformen, die den Dialog mit theoretisch entwickelten Kategorien mischen oder den Zuordnungsvorgang zu Klassen in einem dialogisch hermeneutischen Sinne vollziehen wollen.

Im Folgenden sollen beide Pole auf dieser Achse methodologisch genauer entfaltet und erörtert werden, um schließlich zu begründen, dass diese nicht als unvereinbare Gegensätze verstanden werden müssen, sondern über den Begriff der Forschung gemeinsam eingefügt werden können in eine sozialpädagogische Handlungstheorie des Verstehens.

 
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