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6.1 Verstehen als Rekonstruktion

Spätestens mit der Veröffentlichung des Buches „rekonstruktive Sozialpädagogik“ im Jahre 1997 von Gisela Jakob und Hans Jürgen Wensierski wird ein methodologisch forschungsbasiertes Verstehen in der Sozialen Arbeit breit diskutiert. Der Begriff setzte sich als Beschreibung eines Zusammenhangs der unterschiedlichen Verstehensbemühungen innerhalb der Sozialen Arbeit durch und ist inzwischen zu einem Label geworden, unter dem vielfältige Aktivitäten zusammengefasst werden, die qualitative Forschungsmethoden in die Soziale Arbeit einführen (Jakob und Wensierski 1987; vgl. auch Schweppe und Graßhoff 2006). Ein solches Verstehen ist prinzipiell hermeneutisch, wie auch heuristisch operationalisierbar. Beide Rekonstruktionswege sollen im Folgenden methodologisch erläutert und die sich aus ihnen ergebenden Verstehensformen hieraus abgeleitet werden. Sie werden als induktive Vorgehensweisen verstanden, im Gegensatz zur deduktivnomologischen Klassifizierung.

6.1.1 Hermeneutik

Hermeneutik wird als die Kunst des Verstehens bzw. als die Lehre der Interpretation verstanden und geht begrifflich zurück auf den antiken Gott Hermes, den Überbringer und Künder von Botschaften, der als „bewandert in der Kunst der Interpretation und Übersetzung von kryptischen Zeichen“ galt (Schützeichel 2004,

S. 44). Als Alltagshermeneutik ist sie zum einen als umfassendes, allgegenwärtiges Alltagshandeln zu verstehen. Deutend erschließen sich Menschen immerzu, die sie umgebende Welt und interpretieren sie. Sie lösen wahrgenommene Teile der Realität aus ihrem komplexen Zusammenhang, verbinden sie mit anderen Elementen, verallgemeinern, bewerten und typologisieren das Erfasste. Zugleich ist Hermeneutik aber eine der ältesten wissenschaftlichen Methoden und in einer Vielzahl von Ausprägungen erarbeitet, „so dass man besser von „Hermeneutiken“ spricht oder von einem Bündel von Verfahren, die sich durch Geschichte und Absicht sehr voneinander unterscheiden, obwohl sie alle in der einen oder anderen Weise „deuten“ oder „auslegen“ (Kleining 1995, S. 158).

Die Hermeneutik entwickelte sich mit Bezug auf Texte und das auf sie bezogene Ansinnen, ihre Bedeutungsstruktur systematisch zu entschlüsseln. Friedrich Schleiermacher und Wilhelm Dilthey gelten als zentrale Bezugsgrößen einer modernen Hermeneutik, die damit zum Fundament der Emanzipation der Geisteswissenschaften von den Naturwissenschaften wurde. Den Geisteswissenschaften, als den Wissenschaften vom Handeln der Menschen, gehe es darum, so formuliert es Dilthey, „zu verstehen“, und das meine den Vorgang, „aus Zeichen, die von außen sinnlich gegeben sind, ein Inneres (zu) erkennen“ (Dilthey 1924, S. 318). Ein solches Verstehen sei weder als Induktion noch als Deduktion konzeptionierbar, wie in den Naturwissenschaften, sondern als hermeneutischer Zirkelschluss (der aber besser spiralförmig gedacht werden sollte): als Zusammengehörigkeit von Teil und Ganzem, wie auch als Zusammengehörigkeit von Verstehen und Vorverständnis. Letzteres betont Hans-Georg Gadamer und erlangt damit eine besondere Bedeutung für die Sozialwissenschaften. Im Gegensatz zu Dilthey verweist er darauf, dass ein vollständiges, voraussetzungsloses und vorurteilsloses Verstehen von Sinnzusammenhängen nicht möglich sei. „Jeder Interpret bewegt sich auf dem Boden einer historischen Lebenswelt und ist dem Horizont eines gewissen Traditionszusammenhangs verpflichtet“ (Schützeichel 2004, S. 46).

Wesentlich für die gegenwärtige Hermeneutik ist eine Unterscheidung von elementarem und höherem Verstehen. Während elementares Verstehen sich auf einzelne Lebensäußerungen bezieht, alltäglich und nicht bewusst erfolgt und hierbei subjektiv und individuell verbleibt (subjektive Hermeneutik), so erhebt höheres Verstehen den Anspruch auf die Erfassung allgemeingültiger Zusammenhänge und ist auf die Ganzheit von Lebensäußerungen gerichtet, die miteinander in Beziehung stehen (objektive Hermeneutik). Hermeneutisch angeleitetes Verstehen bedeutet dementsprechend, das vorfindbare Detail der Lebenswirklichkeit im Lichte seines Zusammenhangs, seines Kontextes, durch einen Akt der Auslegung wahrhaft zu verstehen. Dabei ist bei in der Vergangenheit erfolgten Äußerungen, die nun in Textform vorliegen und auf die sich der Verstehensakt bezieht, ein Verstehen als grammatische und psychologische Reproduktion möglich, wie auch als nacherlebende Kongenialität. Bei in der Gegenwart sich vollziehenden kommunikativen Verstehensvorgängen, unter Beteiligung derjenigen Person, die verstanden werden soll, handelt es sich um eine gemeinsame Leistung der Vermittlung von Gegenwart und Vergangenheit.

Gadamer war der Ansicht, dass es für ein solches hermeneutisches Verstehen keine Methode oder Technik gebe, die erlernt werden könne. Vielmehr müsse hier von einem „Können“ gesprochen werden, das „besondere Feinheit des Geistes verlangt“ (Gadamer 1990, S. 312). Mührel schreibt hierzu: „Das Auslegen kommt dem Verstehen als neuer Akt nicht hinzu, sondern Verstehen ist schon immer auch Auslegen, Verstehen in dieser Einheit bezieht sich auf die Feinheit des Geistes“ (Mührel 2008, S. 85 f). Es liegen allerdings verschiedene Anleitungen hermeneutischen Handelns vor, die den Anspruch erheben, entsprechende Sozialforschung methodisch anzuleiten und damit den Standards wissenschaftlichen Arbeitens zu entsprechen. Verwiesen sei hier auf verschiedene allgemeine sozialwissenschaftliche Deutungsverfahren z. B. von Karl Bednarik, Helmut Schelsky, Heinz Bude (vgl. zusammenfassend Kleining 1995, S. 192 ff), auf Wolfgang Klafkis Arbeitsschritte der hermeneutischen Textinterpretation aus dem Bereich der Erziehungswissenschaft (Klafki 1971, S. 134 ff), insbesondere aber auf Ulrich Oevermanns Arbeiten zur Methodisierung hermeneutischen Forschens. Oevermanns zielt mit seiner „objektiven Hermeneutik“ darauf, eine allgemeine und übergreifend geltende Methodologie vorzulegen. Er schreibt, diese richte „sich statt auf den subjektiv gemeinten Sinn der „Autoren“ von Ausdrucksgestalten auf deren objektive oder latente Sinnstrukturen und trachtet diese nicht durch Nachvollzug oder Perspektivenübernahme, sondern durch explizite Verwendung jener bedeutungsgenerierenden Regeln zu entziffern, die in der ursprünglichen Situation der Generierung der Ausdrucksgestalt als Erzeugungsregeln faktisch am Werk waren. Dadurch wird diese Sinnrekonstruktion für jedermann jederzeit an den Ausdrucksgestalten, als die jegliches Auswertungsdatum unserer Wissenschaften interpretiert wird, intersubjektiv überprüfbar und entsprechend falsifizierbar – wie es sonst nirgendwo in den Erfahrungswissenschaften von der sinnstrukturierten Gegenstandswelt in dieser Radikalität und Transparenz gewährleistet ist. Zugleich gelten diese Ausdrucksgestalten im Hinblick auf ihre Ausdrucksmaterialität als Protokolle und im Hinblick auf ihre Sinnstruktur als Texte“ (Oevermann et al. 2013, S. 1). Objektive Hermeneutik steht somit nicht im Gegensatz zu fehlerbehafteter subjektiver Sichtweise, sondern beschreibt den zu untersuchenden Gegenstand bzw. das Erkenntnisinteresse. Ihre methodologische Begründung hat in den Sozialwissenschaften eine umfassende Anerkennung erfahren und eine Vielzahl an Verfahren hervorgebracht. Hermeneutische Praxis zielt zentral auf die Beantwortung der Fragen, welche Bedeutung und Zielsetzung der Urheber mit dem zu Verstehenden verband und in welchem Bedeutungszusammenhang das zu Verstehende steht. Gadamers Betonung der Zwischenstellung des hermeneutisch verstehenden Akteurs ist hierbei von großer Bedeutung. Er muss zum einen ausreichend vertraut sein mit den Äußerungen und Entäußerungen seines Verstehensgegenstandes. Zugleich ist ihm dieser äußerlich und es besteht zu diesem keine Verbindung. „Es besteht wirklich eine Polarität von Vertrautheit und Fremdheit, auf die sich die Aufgabe der Hermeneutik gründet, nur dass diese nicht mit Schleiermacher psychologisch als die Spannweite, die das Geheimnis der Individualität birgt, zu verstehen ist, sondern wahrhaft hermeneutisch, d. h. im Hinblick auf ein Gesagtes: die Sprache, mit der die Überlieferung uns anredet, die Sage, die sie uns sagt. Auch hier ist eine Spannung gegeben. Die Stellung zwischen Fremdheit und Vertrautheit, die die Überlieferung für uns hat, ist das Zwischen der historisch gemeinten, abständigen Gegenständlichkeit und der Zugehörigkeit zu einer Tradition. In diesem Zwischen ist der wahre Ort der Hermeneutik“ (Gadamer 1990, S. 300).

Habermas verweist sodann aber auf eine, seiner Meinung nach, bei Gadamer unzureichend beschriebene Grenze des Verstehens und führt zugleich eine für das hier zu erörternde Thema wichtige Unterscheidung ein. Er schreibt, der zu verstehende Objektbereich besteht aus symbolisch vorstrukturierten Gegenständen, die „Strukturen desjenigen vortheoretischen Wissens (verkörpern), mit dessen Hilfe sprach- und handlungsfähige Subjekte diese Gegenstände erzeugt haben“ (Habermas 1981, S. 159). Um zu verstehen, muss ein Akteur „der Lebenswelt, deren Bestandteile er beschreiben möchte, in gewisser Weise schon angehören. Um sie zu beschreiben muss er sie verstehen können; um sie zu verstehen muss er grundsätzlich an ihrer Erzeugung teilnehmen können; und Teilnahme setzt Zugehörigkeit voraus. Dieser Umstand verbietet dem Interpreten … diejenige Trennung von Bedeutungs- und Geltungsfragen, die dem Sinnverstehen einen unverdächtig deskriptiven Charakter sichern könnte“ (ebenda, S. 160).

Übertragen auf den sozialpädagogischen Handlungszusammenhang lässt sich sagen, dass hermeneutisches Verstehen hier der Beteiligung bedarf, der Zugehörigkeit zu einem Kommunikationszusammenhang. Sinnverstehen erfolgt nicht einfach im Modus der punktuellen Interaktion, sondern im „Modus der Erfahrung“, und diese kommunikative Erfahrung ist nur in der Rolle des Teilnehmenden möglich. Das erschwert allerdings zunächst die Begründung eines hermeneutischen Fallverstehens für die Soziale Arbeit. Denn Fachkräfte der Sozialen Arbeit sind und bleiben notwendigerweise immer distanziert, in einer Beobachterposition, die sich zum Zwecke des Verstehens in ihnen zunächst fremde Kommunikationsräume begeben. Sie werden zu Teilnehmenden, ohne Teilnehmende zu sein. Hier hilft die genauere Unterscheidung zwischen den „unmittelbar Beteiligten“ und den

„sozialwissenschaftlichen Interpreten“, so wie Habermas sie vornimmt und sie im Hinblick auf ihre Absichten mit den Begriffen Verständigung und Verstehen unterscheidet. „Die unmittelbar Beteiligten verfolgen in der kommunikativen Alltagspraxis Handlungsabsichten; die Teilnahme am kooperativen Deutungsprozess dient der Herstellung eines Konsenses, auf dessen Grundlage sie ihre Handlungspläne koordinieren und ihre jeweiligen Absichten realisieren können“ (ebenda,

S. 167). Ihre Verständigungsprozesse, so Habermas, „zielen auf einen Konsens, der auf der intersubjektiven Anerkennung von Geltungsansprüchen beruht. Diese wiederum können von den Kommunikationsteilnehmern reziprok erhoben und grundsätzlich kritisiert werden“ (ebenda, S. 196). Im Gegensatz dazu beteiligten sich die Interpreten an der Kommunikation nicht um der Verständigung willen, sondern um des Verstehens willen. Der Zweck der Beteiligung dieser Akteure ist nicht die Verständigung, sondern das Verstehen eines Verständigungsprozesses, der hier stattfindet.

Das heißt für die sozialpädagogische Fallsituation: Die zum Zwecke des Verstehens in einen Kommunikationsraum eintretenden Professionellen nehmen am Geschehen in der Regel zunächst unter Abzug ihrer Aktoreneigenschaften teil, indem sie sich als Sprechende und Hörende „ausschließlich auf den Prozess der Verständigung“ konzentrieren (ebenda, S. 167). Ihre Beteiligung dient allein dem Zweck, ein Verständnis des Handelns und der Haltung jener zu gewinnen, die sich in diesem Kommunikationsraum üblicherweise aufhalten. Sie selbst bleiben virtuell Teilnehmende. Dies ist in der Sozialen Arbeit eine grundlegende Situation. Zu Akteurinnen und Akteuren, die sich an einem Verständigungsprozess beteiligen, der auf Konsens ausgerichtet ist, werden die Fachkräfte also nicht im Moment der Fallanalyse und sozialen Diagnostik. Das Handlungssystem, in dem sie sich als konsenssuchende Akteure bewegen, liegt auf einer anderen Ebene, ist gewissermaßen ein Segment des professionellen Systems und „deckt sich. nicht mit dem beobachtbaren Handlungssystem“ (ebenda, S. 167).

Zugleich, so lässt sich zeigen, agieren sie in der Fallsituation auch hier. Dies lässt sich verdeutlichen, wenn man den Vorgang der Klärung der Frage danach,

„was der Fall ist“, von dem Vorgang der Klärung der Frage trennt, „was dem entsprechend zu tun sei“, bei Maja Heiner operationalisiert in der Unterscheidung von Orientierungs- und Zuweisungsdiagnostik (s. u.). Der erste Vorgang bezieht sich nämlich zunächst auf das Verstehen des Problemverständnisses bei ihrem Gegenüber, nicht unmittelbar auf das hiermit im Zusammenhang stehende Hilfehandeln. Es geht hier um die Perspektive des Anderen auf den Gegenstand, noch nicht um die Beurteilung dessen Güte und die Entscheidung, inwiefern diese Perspektive das nachfolgende Handeln begründen kann. Dafür müssen die Fachkräfte als teilnehmend Beobachtende in das Handlungssystem und den Kommunikationsraum der Adressatinnen und Adressaten eintreten. Hier zielen sie als Beobachtende auf Verständnis der stattfindenden Verständigung, ohne sich selbst an der Verständigung beteiligen zu müssen. Das hier entstehende Verständnis ist nicht mit Einverständnis zu identifizieren, sondern methodologisch und methodisch zu unterscheiden. Es ist möglich und notwendig, die Äußerung von Adressatinnen und Adressaten Sozialer Arbeit zu verstehen, also „zu wissen, unter welchen Bedingungen ihr Geltungsanspruch akzeptiert werden könnte“ (Habermas 1981a, S. 195). Es heißt aber nicht, diesem Geltungsanspruch zuzustimmen.

Die anschließende Frage danach, was zu tun ist, bedarf hingegen einer Verständigung, die auf Konsens ausgerichtet ist, somit Einverständnis einschließt. Hier agieren die Fachkräfte verständigungsorientiert zum Zwecke der Koordinierung weiteren Handelns, gerichtet auf Konsens, auch wenn dieser nicht immer möglich ist.

Soziale Arbeit durchläuft also, idealtypisch beschrieben, beide Phasen: die forschend-verstehensorientierte Phase, in der es um die multiperspektivische Entwicklung eines Bildes vom Fall geht, das nur vollständig ist, wenn es die Perspektive der Anderen mit einbezieht. Sodann die verständigungsorientierte Phase, als beteiligte Akteurin auf Einvernehmen mit ihrem Gegenüber zielend, bezüglich der Klärung, was nun zu tun sei. In der ersten Diagnostikphase ist der Zweck das forschende Verstehen des Verständigungsprozesses anderer, ohne auf Konsens zu zielen, in der Forschungs- und Beobachtungsperspektive. In der zweiten Phase ist der Zweck die Herstellung von Verständigung mit den Anderen, aus der Teilnehmendenperspektive.

Ein hermeneutisches Praxisverständnis ist in der Sozialen Arbeit inzwischen verbreitet. Verschiedene Methoden des Fallverstehens, der Sozialraumanalyse und Evaluation sind in hermeneutischen Verständnissen begründet und genügen dem Anspruch, einen methodisch kontrollierten Erkenntnisprozess anleiten zu können. Zugleich dient „Hermeneutik“ aber auch als Chiffre für ein Fallverstehen, das diesem Anspruch in Wahrheit nicht genügt, sich jedoch mit diesem Begriff wissenschaftlich zu etikettieren versucht und damit unter Rechtfertigungsdruck gegen Infragestellung schützt.

 
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