< Zurück   INHALT   Weiter >

6.1.2 Heuristik

[1]

Als Heuristik werden Such- und Findestrategien bezeichnet. Sie sind für den Bereich der qualitativen Sozialforschung weniger verbreitet als hermeneutische Ansätze, aber durchaus vorhanden. Insbesondere Gerhard Kleining hat sie für den Bereich der empirischen Sozialforschung operationalisiert, methodisiert, sowie ihre methodologische Rechtfertigung vorgelegt. Einer dialogischen Sozialen Arbeit bietet sie ein bisher unzureichend vorhandenes methodologisches Fundament (vgl. Nauerth 1995). Dieses soll im Folgenden vorgestellt werden.

Heuristische Verfahren unterscheiden sich von hermeneutischen Herangehensweisen durch ihren Anspruch, nicht „deutend“, sondern „erkennend“ vorzugehen, den Subjektbezug des Deutungsvorgangs wesentlich einzuschränken und damit ein anderes Maß an Objektivität sicherstellen zu können. Insofern stellt Kleining sie hermeneutischen Verfahren auch kritisch gegenüber, statt sie als Spezialform hermeneutischer Methoden zu begründen. Dies ist aber nicht zwingend, zumal die älteren Hermeneutiken (bis Dilthey und Schleiermacher) als kritischentdeckend verstanden werden müssen, wie Kleining selbst schreibt (vgl. Kleining 1995, S. 158). Charakteristisch für eine sozialwissenschaftliche Heuristik ist das Beschreiten eines zirkulären Weges, der maximal variierte Daten in einer induktiven Vorgehensweise auf strukturelle Gemeinsamkeiten analysiert, dabei Forschungsschritte mehrmals durchläuft und aus den vorläufigen Ergebnissen die weitere Forschungsstrategie bestimmt (vgl. Witt 2001; vgl. Hackmann 2001). Als Sozialforschungsmethode entstand sie durch die Rezeption heuristischer und dialektischer Denk- und Forschungstraditionen, die beide eine lange Geschichte haben, in der heutigen Wissenschaftsdiskussion aber nur eine untergeordnete Rolle spielen. Heuristische Verfahren haben die modernen Naturwissenschaften zu ihren Entdeckungen gebracht. Sie sind zu verstehen als „Lehre von den Such- und Findeverfahren“ und reflektieren den Vorgang der Aneignung von Wissen als einen Prozess des Entdeckens (Kleining 1995, S. 353; vgl. Kleining und Witt 2000, Absätze 2–6). Spezifische Ansätze hierzu gibt es auch in der Informatik und der experimentellen Mathematik, weniger in den Sozialwissenschaften (vgl. Kleining 1995, S. 329). Dialektische Verfahren lassen sich bis auf die klassische Antike zurückverfolgen. Hegel, Bezug nehmend auf Platon, erklärt die Dialektik als absolute Methode des Erkennens der inneren Gesetzmäßigkeiten, der Selbstbewertung des Denkens und der Wirklichkeit (Hegel 1986). Marx bezieht sich auf Hegel, „dreht“ ihn allerdings um: er betont den Vorrang des Subjekts, allerdings des arbeitenden, handelnden Subjekts. In seinem Sinne beziehen sich sodann gewichtige Theoretiker diese Jahrhunderts, insbesondere der Frankfurter Schule, auf Marx und Hegel. Nur dialektisches Denken ermögliche es, so Adorno, die „doch offensichtlich widerstreitenden Momente im Charakter der Gesellschaft, ihre Unverständlichkeit, ihre Opaktheit auf der einen Seite also und auf der anderen Seite ihren schließlich doch auf Menschliches reduziblen und insofern verständlichen Charakter zusammenzubringen, indem beide Momente aus einem Gemeinsamen abgeleitet werden, nämlich aus dem Lebensprozess der Gesellschaft, der auf seinen früher Stufen ebenso Verselbstständigung, Verhärtung, sogar Herrschaft… gefordert hat, wie er gleichwohl entspringt in der gesellschaftlichen Arbeit der Gesamtgesellschaft, und insofern also wieder verstehbar… ist“ (Adorno 1993, S. 142).

Verstehensprozesse, die sich in diesem Sinne heuristisch anleiten lassen, sind Entdeckungsvorgänge, denen ein dialektisches Subjekt-Objekt-Verständnis zugrunde liegt. Das Verstehensverfahren selbst ist dialektisch, dialogisch. „Der Forscher ist Teil seines Gegenstandes und gleichzeitig von ihm getrennt, er bestimmt ihn, aber wird ebenfalls von ihm bestimmt. Aus dieser Spannung entsteht Erkenntnis“ (Kleining 1994, S. 86). Verstehen ist demnach ein Wechselspiel zwischen dem auf Verstehen zielenden Subjekt und seinem Gegenstand. Informationen werden verlangt, erhalten, aufgenommen, verarbeitet und neu verlangt, erhalten usw. Es ist, als ob ein Forscher „Fragen“ an ein Objekt richtet, dieses „antwortet“ und die Antwort führt zu neuen „Fragen“ (vgl. Kleining 1994, S. 35 f.). Die

„Antwort“ des Forschungsobjektes (bzw. das Verstehen) entsteht dabei als Leistung des Forschers, durch die Abstraktion von der Unterschiedlichkeit der Daten auf ihre Gemeinsamkeiten! Das Gemeinsame der unterschiedlichen Fakten ist ihre Struktur bzw. das Ganze, deren Teil sie sind. Die Erkenntnis der Verstehensakteure über ihren Verstehensgegenstand erweitert sich dabei unabhängig vom Ausgangspunkt, also den Vorkenntnissen in Bezug auf das Objekt, indem durch Fragen und Antworten neue Fragen auf „höherem Niveau“ entstehen, die Antworten darauf ein erneut gehobenes Frageniveau erlauben, usw. Durch diesen „spiralförmig“ verlaufenden Prozess ist jedem Forschungssubjekt eine schrittweise Annäherung an den Forschungsgegenstand erlaubt und wird ein Aufklärungsprozess in Gang gesetzt, der die, wie auch immer geprägten, Vorverständnisse des Forschers überwindet und zur Erkenntnis der Struktur führt, d. h. Beziehungen, Verhältnisse, Verbindungen, Bezüge, die als Struktur „objektiviert“ sind. Ziel der Forschung ist es dann, die scheinbar festen Objekte in Relationen aufzulösen, sie als Teil eines größeren Ganzen zu entdecken. Solche Sozialforschung ist somit als soziale Diagnostik zu verstehen. „Diagnose, nicht Beschreibung von Symptomen ist. ihr eigentliches Anliegen“, die Erkenntnis des wirklichen Lebens im falschen, das verdinglicht und bewegt ist (Kleining 1994, S. 21).

Dies bedeutet praktisch, dass diejenigen, die sich um Verstehen bemühen, in einen methodisch angeleiteten „Dialog“ mit dem Gegenstand ihrer Verstehensbemühungen treten. Sie stellen Fragen nach dem Gemeinsamen und bekommen Antworten durch methodische Gruppierungen, Anordnungen, Abstraktionsprozesse und Begriffsbildungen. Auf erweitertem Kenntnisstand dieses „sortierten“ Datenmaterials werden neue Fragen nach Gemeinsamkeiten gestellt, neue Antworten gefunden, durch die vorhandene Gruppierungen und Begriffsbildungen bestärkt wurden oder korrigiert werden müssen, usw. Auf diese Weise wird das Gemeinsame des Datenmaterials durch Abstraktion von den Unterschieden nach und nach kenntlich und damit die Struktur des Untersuchungsgegenstandes.

Kleining betont in diesem Zusammenhang die für dieses Verfahren charakteristischen Aspekte der Zirkularität, Totalität und Objektivität: Zirkularität kennzeichnet die Rückkehr zum Ausgangspunkt, von dem aus die Suche begann: dem bereits vorhandenen Wissen über den Gegenstand, das die Voraussetzung eines jeden Suchprozesses ist. Der Verstehensprozess setzt am Konkreten an, gelangt von hier aus zu einer abstrakten Formbestimmung des Gegenstandes, die alle Realitätsausprägungen des Gegenstandes in sich aufgenommen haben soll, und von dort aus wieder zum konkreten Ausgangspunkt. Diese Rückkehr ist aber kein Schritt zurück, sondern ein Schritt voran, „bei der der Ausgangspunkt wieder erreicht wird, aber nach Kenntnis aller anderen Strukturelemente“ (Kleining 1994, S. 40). Das bekannte Faktum erscheint dann wieder, aber in einem anderen Licht, nämlich im Gesamtbezug.

Totalität meint das Verhältnis der Teile zum Ganzen. In diesem Forschungsprozess werden zunächst Fragmente eines Ganzen erfasst, dann Teile, die auf das Ganze deuten, dann die Struktur des Ganzen. Die Teile geben sich schließlich „im neuen Licht“ zu erkennen, als Elemente einer Struktur des Ganzen. „Man könnte sagen, am Ende sind es die ‚richtigen' Teile, die sich aus der Struktur des Ganzen ergeben und es formen“ (Kleining 1994, S. 41).

Die Entstehung von Objektivität durch den Prozess der Forschung ist der wissenschaftstheoretisch entscheidende Vorgang. Sie entsteht emergenetisch aus Subjektivität durch den Prozess der Analyse: Das Objekt löst sich vom Forschenden und wird, unabhängig von dessen Meinung und Vorverständnis, in seinen Strukturen intersubjektiv kenntlich. Der Forschungsprozess überwindet die Subjektivität und bewahrt sie gleichzeitig auf, im Hegelschen Sinne. „Das subjektive Teil-Bild geht auf in der objektiven Struktur, ist für das Subjekt in ihm noch erkennbar, aber jetzt präsent im Gesamtzusammenhang, auf einer höheren Stufe“ (Kleining 1994,

S. 43). Der qualitativ-heuristische Objektivitätsbegriff ist sodann, im Gegensatz zum quantitativen, endgültig, wenn die Struktur eines Objektes vollständig identifiziert ist. „Er ist nur vorläufig, wenn die Struktur eines Objektes noch nicht ganz oder nicht entdeckt ist“ (Kleining 1994, S. 43).

Für die Forschungsstrategie ist es daher von großer Bedeutung, im Gegensatz zum linearen Vorgehen quantitativer Verfahren nicht auf eine bestimmte Fragestellung und einen bestimmten Ablaufplan festgelegt zu sein. Vielmehr durchläuft der Forscher verschiedene Forschungsschritte mehrmals und der jeweils nächste Schritt hängt von den Ergebnissen des vorherigen ab (vgl. Witt 2001, Absätze 11– 20).

Kleining entwickelt sodann vier Regeln, die den qualitativ-heuristischen Forschungsprozess auszeichnen. Diese beziehen sich auf jeweils einen Aspekt der Forschung und sind aufeinander bezogen. Die erste Regel bezieht sich auf das Subjekt der Forschung, also den Forscher bzw. die Forscherin. Sie besagt, dass das Vorverständnis über den Untersuchungsgegenstand als vorläufig angesehen werden soll und mit neuen, nicht kongruenten Informationen überwunden werden muss. Die Offenheit der Forschenden für Informationen über das zu untersuchende Objekt soll somit das in den Forschungsprozess eingebrachte Vorverständnis überwinden. Ausgangspunkt der Forschung ist also nicht das Wissen oder die Ansicht über den Forschungsgegenstand, das Vorurteil oder die wissenschaftliche Theorie, die dann geprüft werden. Vielmehr sollen diese als „Vor-Verständnis“ und als „VorUrteil“ aufgefasst werden, die disponibel und veränderbar sind und durch einen Verstehensprozess zum „Verständnis“ werden (vgl. Kleining 1995, S. 231 ff.). Die zweite Regel bezieht sich auf das Objekt, somit auf den Forschungsgegenstand. Der Gegenstand ist vorläufig und gilt erst nach erfolgreichem Abschluss des Findungsprozesses als bekannt. Erst im Verlauf des Forschungsvorgangs wird sich die Struktur des Gegenstandes näher zeigen. Sie ist am Anfang nicht definiert, der Gegenstand ist nicht operationalisiert, sondern entsteht erst im Verlauf des Forschungsprozesses. „Die Regel besagt also, dass man der Veränderung des Gegenstandes in der Sicht des Forschers, die durch den Forschungsprozess eintritt, folgen soll, weil dies wegführt vom Vor-Verständnis, das zu seiner Findung nicht ausreichend war“ (Kleining 1994, S. 26). Die dritte Regel bezieht sich auf das Handeln des Forschenden. Sie besagt, dass der Gegenstand von möglichst vielen Seiten forschend angegangen werden soll. Es ist die Regel von der maximalen Variation der Perspektiven. Der Gegenstand soll möglichst variiert, bezüglich seiner Struktur, untersucht, befragt, beleuchtet werden, um ihn „richtig“, d. h. nicht einseitig zur Kenntnis zu nehmen. Dies bezieht sich auf die Art der Datenerhebung, sowohl im Hinblick auf verschiedene Erhebungsinstrumente, als auch im Hinblick auf die Variationsbreite eines Erhebungsinstruments wie z. B. unterschiedliche Aspekte der Fragen (vgl. Kleining 1995, S. 236 ff.). Die vierte Regel beschreibt die Analyse der Daten auf ihre strukturellen Gemeinsamkeiten. Die Ermittlung von Beziehungen und Relationen führt zur Struktur des Gegenstandes, der untersucht wird. Sämtliche erhobenen Daten müssen daher auf ihre Gemeinsamkeit untersucht, gruppiert und angeordnet, d. h. auf ihre strukturelle Zusammengehörigkeit hin analysiert werden. Dabei ist die so genannte 100 % Forderung entscheidend, die besagt, dass alle Daten im strukturellen Zusammenhang ihren Platz haben und als Teile des Gesamtbildes verstehbar sein müssen. „0 % der Informationen dürfen der Analyse widersprechen“ (Kleining 1994, S. 33). Bei den Gemeinsamkeiten kann es sich dabei, um direkte oder symbolische Übereinstimmung handeln oder um vollständige Nicht-Übereinstimmung, Gegensatz, Widerspruch, Negation (vgl. Kleining 1995, S. 242 ff.).

Die Anwendung eines, methodologisch als Heuristik begründbaren, „dialogischen Prinzips“ auf Verstehensprozesse in der Sozialen Arbeit ist durch verschiedene Ausarbeitungen erfolgt. Vielfach wurde der Dialog in der Sozialen Arbeit verankert und prinzipiell gegen expertendominierte Verstehensvorgänge in Stellung gebracht (vgl. Kap. 3). Hier galt er als Alternative zu einem verstehenden Expertinnenhandeln und wurde in erster Linie als Handlungsanleitung und ethisches Prinzip (u. a. vgl. Kunstreich 2005) ausgearbeitet. Erst in jüngster Zeit wurde damit begonnen, ihn zu methodisieren (vgl. z. B. Kraus und Rätz-Heinisch 2009; Muth und Nauerth 2007; Nauerth 2005). Damit verbunden unterblieb auch über einen längeren Zeitraum die genauere Beschreibung des sozialpädagogischen Settings, das den Dialog als zentrales Verstehensverfahren ermöglicht. Unklar blieb zudem, welche Rahmenbedingungen eine Fallsituation erfüllen muss, damit sich die hier notwendigen Verstehensprozesse in der Form des gemeinsamen, solidarischen Dialogs unter Partnerinnen und Partner entfalten können, in der alle Perspektiven gleich gewichtig sind (vgl. Kunstreich et al. 2004, S. 37).

  • [1] Dieser Abschnitt fußt auf bereits veröffentlichen Ausführungen des Autors (vgl. Nauerth 2005).
 
< Zurück   INHALT   Weiter >