< Zurück   INHALT   Weiter >

6.3 Ergänzung statt Gegensatz

Die hier thematisierte Praxis sozialpädagogischen Verstehens kann als Forschungspraxis beschrieben werden, insofern es ihr um die professionelle Erforschung bio-psycho-sozialer Realitäten geht, auch wenn diese für das Setting sozialpädagogischer Arbeitsprozesse nicht so operationalisiert werden können, wie dies im klassischen Forschungssetting möglich ist. So bildet die Methodologie der sozialwissenschaftlichen Forschung der Entwicklung methodisch kontrollierter Verstehensverfahren für die Praxis der Sozialen Arbeit ein belastbares Fundament. Auf diesem kann die Entwicklung von Methoden und Instrumenten sozialpädagogischen Verstehens aufbauen.

Ausgehend von den Ausführungen in 6.1. und 6.2. lässt sich sagen, dass in der Sozialen Arbeit vier voneinander unterscheidbare Erkenntnisvorgänge denkbar sind, die zu Methoden verdichtet werden können und in die sich die vorhandenen Methoden sozialer Diagnostik einordnen lassen. Zum einen die induktiv vorgehende Erschließung der Realität, die ihren Weg vom Besonderen zum Allgemeinen nimmt, ihren Begriff also aus dem Besonderen heraus entwickelt, in der Form der hermeneutischen Interpretation der Realität (6.1.1) und der dialogisch-heuristischen Rekonstruktion (6.1.2). Im Gegensatz dazu gibt es Verfahren, die deduktiv-nomologisch vorgehen und die Realität auf der Basis vorhandener Kategorien klassifizieren (6.2.). Sie nehmen ihren Weg vom Allgemeinen zum Besonderen und subsumieren das Besondere unter die Kategorien des bereits entwickelten Begriffs. Dieser Zuordnungsvorgang kann aber sowohl hermeneutisch erfolgen, wie auch expertokratisch-monologisch (Tab. 6.1).

Tab. 6.1 Diagnostik I: Diagnostikart (Quelle: ©Eigene Darstellung)

Diagnostikart

heuristisch-dialogisch

hermeneutisch

klassifizierend hermeneutisch

klassifizierend monologisch

Im Folgenden soll begründet werden, dass diese verschiedenen Zugänge zur Realität sich nicht ausschließen, sondern ergänzen können, und zwar entlang der Forderung, dass sich die Methode dem Erkenntnisinteresse und dem Gegenstand anpassen müsse. Ausgehend von der Überzeugung, dass die verschiedenen Verstehensverfahren prinzipiell auch verschiedenes verstehen können, wäre zu klären, wo sie angemessenerweise einsetzbar sind.

In großen Teilen der empirischen Sozialwissenschaft hat sich inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt, dass sich qualitative und quantitative Verfahren der Forschung methodologisch nicht eindeutig unterscheiden lassen, sich aber in jedem Falle nicht dichotom zueinander verhalten, sondern ergänzen können. Ihre Überschneidungen zeigen sich beispielsweise in den induktiven Verfahren der Kategorienbildung, die in der quantitativen Forschung im Zusammenhang mit der Entwicklung von Fragebögen verbreitet ist. Andererseits werden in verschiedenen qualitativen Analyseverfahren theoretisch entwickelte Kategorien an die Daten herangetragen und somit deduktiv entwickelte Klassen als Anleitung für qualitative Datenanalyse genutzt (vgl. z. B. Uhlendorf 1997).

Das Postulat, wonach sich beide Verfahrensformen praktisch ergänzen, bezieht sich auf die innere Logik des Forschungsprozesses und die Forderung, dem Untersuchungsgegenstand durch die Anpassung des Untersuchungsverfahrens gerecht zu werden. Philipp Mayring zufolge gehe es darum, diese Verfahren differenziert

„dort einzusetzen, wo sie angemessen sind, wo sie ihre Stärken entfalten können, und damit auch nach einer Kombination qualitativer und quantitativer Strategien zu suchen. An dieses Argument schließt sich die Forderung an, dem Gegenstand und der Fragestellung ein Primat gegenüber der Methode zuzubilligen“ (Mayring 2001, Kap. 1). Übertragen auf entsprechende Fallerforschungsvorgänge in der sozialpädagogischen Alltagspraxis müsste sich am Fall selbst, bzw. dem hier relevant werdenden allgemeinen Thema die Entscheidung orientieren, welches diagnostische Verfahren dem Gegenstand angemessen ist. Jenseits der konkreten Fallsituation lassen sich nun verschiedene Kriterien aufzeigen, die hierbei grundlegende Orientierung bieten und aus den bisherigen Ausführungen ableiten lassen.

Verwiesen sei an dieser Stelle auf die Unterscheidung des Verstehensgegenstandes. Entsprechend dem erweiterten Mehr-Ebenen-Modell (Kap. 4) ist der Gegenstand von Verstehensverfahren in der Sozialen Arbeit immer der handelnde Mensch, der in diesem Modell mit seinen Motivationen und Kognitionen in den Blick gerät, diese aber in Abhängigkeit zur lebensweltlichen Realität, der Lebenslage und körperlichen Ausstattungen beschrieben werden. Gegenstand des diagnostischen Verfahrens können dementsprechend, sowohl Teilkomponenten der Makroebene sein, wie auch die unter Einfluss stehenden Komponenten der Mikroebene oder eine Gesamtschau des Falls im Zusammenhang der verschiedenen Komponenten. So ist es in der sozialarbeiterischen Praxis ggf. notwendig, die Ressourcen der Lebenslage isoliert zu untersuchen, allgemeine Ausstattungsfragen zu klären, somit Zugangswege und Zugangsrechte zu Ressourcen, sowie eine Infrastruktur, die den Zugang unterstützt. Ebenso ist es möglich und ggf. nötig, den von Adressat_innen bewohnten Kommunikationsraum zu erkunden, die Lebenswelten, in denen u. a. Werte und Normen reproduziert, Hintergrundüberzeugungen gebildet und Zugehörigkeiten vermittelt werden. Eine sozialraumorientiere Soziale Arbeit ist hierauf in besonderer Weise orientiert. Sie muss in der Lage sein, die von ihren Adressat_innen bewohnten materiellen und kommunikativen Räume grundsätzlich zu erkunden, vor dem Hintergrund des Wissens um deren Relevanz für Teilhabewünsche und Teilhabemöglichkeiten. Die Analyse körperlicher Bedürfnisse und Bedürfnisspannungen, sowie vorhandener Fähigkeiten und Fertigkeiten ist zudem ein klassischer Bereich bereits weit verbreiteter Diagnostik. Risikodiagnostik bezieht sich oftmals auf den Bereich körperlicher Bedürfnisbefriedigung und hat hier zu überprüfen, inwiefern objektive Bedürfnisspannungen (z. B. Kindeswohlgefährdung) festzustellen sind, die einer sofortigen Intervention bedürfen. Zudem sind diagnostische Kompetenzfeststellungsverfahren etabliert und weit verbreitet (z. B. Eignungstests).

Hiervon getrennt zu betrachten ist sodann eine diagnostische Praxis, die subjektive Situationsdefinitionen und mit diesen in Zusammenhang stehende Motivationen und Kognitionen im Fallzusammenhang einer Reflexion zugänglich machen will, somit ein diagnostisches Verstehen von „Lebenswelten“ im Sinne der Begriffsdefinition von Kraus bzw. Thiersch, die in das erweitere handlungstheoretische Mehr-Ebenen-Modell als „Frame“ integriert sind. Die Analyse dieser jeweils „spezifischen Selbstdeutungen und Handlungsmuster in den gesellschaftlichen und individuellen Bedingungen“ (Thiersch und Grundwald 2002, S. 129), bedarf der Zusammenschau verschiedener Ebenen, ist somit höchst anspruchsvoll und zugleich unhintergehbar für eine Soziale Arbeit, die beansprucht, sich an eben diesen Lebenswelten zu orientieren.

Diese signifikant verschiedenen Gegenstände des diagnostischen Verstehens in der Sozialen Arbeit lassen es naheliegend erscheinen, dass es zu ihrer Erschließung voneinander verschiedener methodischer Zugänge bedarf, die sich gerade auch auf der Achse zwischen Dialog und klassifizierendem Monolog abbilden (vgl. Tabelle 6.2). So ist die Analyse subjektiver Sinnkonstruktionen, die im Sinne eines Frame die Motivation und Kognition rahmen, aufgrund von deren zu vermutender

Tab. 6.2 Diagnostik II: Diagnostikarten im Verhältnis zum Diagnostikgegenstand. (Quelle:

©Eigene Darstellung)

Diagnostikart Diagnostikgegenstand

heuristischdialogisch

hermeneutisch

klassifizierend hermeneutisch

klassifizierend monologisch

Lebenswelt

Lebenslage

Körper

Frame, Motivation und Kognition

Einzigartigkeit tendenziell eher heuristisch-hermeneutisch operationalisierbar. Zugleich soll Maja Heiner zugestimmt werden, die darauf verweist: „Jeder Einzelfall hat zugleich etwas mit anderen Fällen gemeinsam… Die Besonderheit des Einzelfalles wird überhaupt erst auf der Folie des ‚Normalen', des Üblichen, Erwartbaren und Gemeinsamen als Besonderheit erkennbar“ (Heiner 2011, S. 241). Im Gegensatz dazu lässt die Analyse sozialräumlicher Realitäten, in ihren Ausprägungen Kommunikations- und Ausstattungsraum, Klassifizierungen sehr naheliegend erscheinen. So sind Milieus und Szenen, Armut und Unterversorgung durchaus generalisierbar und in Zusammenhang zu bringen mit sozialwissenschaftlichem Wissen über entsprechende Lebenswelten und Lebenslagen.

Jenseits der Notwendigkeit, diese bio-psycho-sozialen Details zu verstehen, kann aber auch „der Fall“ in einem umfassenderen Sinne in den Blick geraten und eine Zusammenschau der verschiedenen objektiven und subjektiven Teilaspekte notwendig machen. Hier muss die „person in environment“ in den Blick geraten, um die zentralen Fragen zu beantworten, was „der Fall“ ist und welcher fachliche Hilfeauftrag sich hieraus ergibt. Spätestens bei der Feststellung dieses Hilfebedarfs bedarf es einer Zusammenführung, der auf der Makroebene angesiedelten intersubjektiven Rahmenbedingungen mit den auf der Mikroebene angesiedelten Bedürfnissen, Kompetenzen und individuellen Situationsdefinitionen zu einem die verschiedenen Ebenen integrierenden Bild vom Fall, das wesentlich ist für die Entscheidung über die Ausgestaltung weitergehender Hilfen ist.

Diese komplexe Fallanalyse wird von Maja Heiner in verschiedene Phasen eingeteilt (vgl. Tab. 6.2). Diese Unterscheidung reduziert Komplexität und erscheint instruktiv für die genauere Verständigung darüber, welche fallbezogene Frage durch diagnostisches Verstehen einer Beantwortung näher geführt werden muss und welcher Erkenntnistiefe sowie Verstehensbreite es bedarf (vgl. Heiner 2011, S. 244). Heiner unterscheidet Erkenntnisinteressen voneinander und schlüsselt detaillierter auf, in welchem Zweckzusammenhang der diagnostische Verstehensvorgang steht, mit Auswirkungen auf seine Ausgestaltung. Sie differenziert

Tab. 6.3 Diagnostik III: Diagnostikarten im Verhältnis zum Diagnostikgegenstand und zur Diagnostikphase. (Quelle: ©Eigene Darstellung)

Diagnostikphase

Diagnostikart

Diagnostikgegenstand

heuristischdialogisch

hermeneutisch

klassifizierend hermeneutisch

klassifizierend monologisch

Orientierung

„Person in Environment“, unter Einbezug von Lebenswelt Lebenslage

Körper Frame Motivation und Kognition

Zuweisung

Gestaltung

Risiko

in diesem Zusammenhang Orientierungsdiagnostik und Zuweisungsdiagnostik, Gestaltungsdiagnostik und Risikodiagnostik. Orientierungsdiagnostik zielt darauf, zu Beginn der Arbeit zwischen Fachkraft und Adressatin, „das gesamte Feld zu strukturieren. Hier sind Diagnostik und Indikationsstellung noch getrennt“ (ebenda). Das Erkenntnisinteresse ist somit bezogen auf den Zusammenhang von Detail und seinem Kontext, dem Verhältnis von Teil und Ganzem, um „einen Überblick zu gewinnen“ (ebenda). Hiervon getrennt beschreibt sie eine Zuweisungsdiagnostik. Sie dient dem Zweck der Entscheidungsvorbereitung, muss daher gezielter und detaillierter Daten erheben, deren Auswertung „der Einleitung, Fortführung oder Beendigung von Hilfen dienen, also auch auf Indikatoren verweisen“ (ebenda). Mit ihrer Hilfe müssen Unterscheidungen begründbar werden. Mit Gestaltungsdiagnostik beschreibt sie sodann die Analyse der Bedürfnisse und Fähigkeiten im Vollzug der Hilfen, die punktuell und zu verschiedenen Zeitpunkten erfolgen muss (vgl. ebenda). Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie die objektiven Bedingungen der handelnden Person, sowie ihre subjektive Wirklichkeitskonstruktion miteinander verbinden können muss, zur Beantwortung der Frage, was zu tun ist. Die von Maja Heiner beschriebene vierte Kategorie der „Risikodiagnose“ stellt sodann einen Spezialfall dar. „Bei (vermuteten) aktuellen Gefährdungen, die ein rasches Reagieren erfordern, muss ohne Abklärung des gesamten Lebenskontextes zunächst die Dringlichkeit einer Intervention zur Bewertung irreversibler, dauerhafte oder schwerwiegender Schädigung eingeschätzt werden, bevor dann andere Typen von Diagnostik eingesetzt werden können“ (ebenda).

Statt die Formen der Erforschung der bio-psycho-sozialen Realität als unvereinbare Gegensätze zu denken, bedarf es somit der Notwendigkeit und der Möglichkeit, sie begründet zu ergänzen. Methodologisch begründet sich dies aus der Feststellung, dass sich alle Methoden des diagnostischen Verstehens aus Alltagstechniken ableiten, nur unterschiedlich starke Abstraktionen dieser Basistechniken sind. Methodisch begründet sich dies aus der Feststellung, dass sich die Verstehensinstrumente dem Gegenstand anpassen sollen und dem Erkenntnisinteresse angemessen sein sollen. Dementsprechend wäre die Entwicklung von Methoden zu leisten, deren Ausgestaltung sich prinzipiell am spezifischen Gegenstand rechtfertigen lassen.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >