Planungsbezogene Dimension

In der planungsbezogenen Sozialen Arbeit (vgl. dazu Drilling/Oehler 2013) stellt das Thema Nachbarschaft einen wichtigen Teilbereich im Sinne einer signifikanten Kategorie in der Stadtplanung und -entwicklung dar. Fachpersonen aus der Sozialen Arbeit können mit ihrem Wissen zum Thema Nachbarschaften einen wesentlichen Beitrag für Planungsprozesse leisten. Wie kann der Aufbau von (neuen) Nachbarschaften durch Infrastruktur wie Räume, Ansprechpersonen, Gemeinwesenarbeit, Veranstaltungen, Informationen etc. unterstützt werden? Wie können bestehende Nachbarschaften mit anstehenden notwendigen baulichen Veränderungen zusammengebracht und Nachbarschaften in Planungsprozesse miteinbezogen werden? Dies ist wichtig, weil die Strategie, bestehende Nachbarschaften einfach den Kräften des Marktes zu überlassen und so teilweise über Sanierungs- und Neubauprojekte aus dem bestehenden Quartiergefüge zu verdrängen bzw. durch andere soziale Milieus zu ersetzen, sich mittelfristig als Bumerang-Effekt erweisen könnte. Denn bestehende informelle nachbarschaftliche Hilfsnetzwerke (ortsgebundenes, nahräumliches soziales Kapital) werden über Wegzüge zerstört (was volkswirtschaftlich betrachtet zu einer vermehrten Inanspruchnahme professioneller sozialer Dienste führen kann, die neue Kosten verursacht), oder weil genau das soziale Gefüge, das vor den einschneidenden und eben nicht behutsamen Veränderungen die Anziehungskraft (im Sinne von Charme und Charakter) und symbolisch-kulturelle Lebensqualität eines Quartiers ausgemacht haben, dadurch neu strukturiert wird: eine Abwertung durch Aufwertung. Es geht nicht darum, bauliche Veränderungsprozesse zu verhindern, aber darum, die städtische Idee der urbanen Vielfalt und die bestehende sowie zukünftige Nachbarschaft und deren Wert und Interessen bei der Planung grösserer Bau- und Entwicklungsprojekte expliziter mitzudenken.

Anamnestische, analytische, diagnostische und evaluative Dimension

Werden Nachbarschaften in Anamnese-, Analyse-, Diagnose, und Evaluationsprozessen (vgl. dazu Müller 2012, Riege/Schubert 2005) Sozialer Arbeit (inkl. Forschung) zum „Gegenstand“ und Perimeter, kommen andere Phänomene und Handlungsoptionen in das Blickfeld, als wenn beispielsweise ein „Quartier“ oder ein „Sozialraum“ zum Ausgangspunkt der Betrachtungen genommen wird. Während ein Quartier einen relativ grossen Radius und vielschichtigen Komplex bezeichnet, deren Wahrnehmung und Interpretation letztlich oftmals von administrativen städtischen Quartiersgrenzziehungen und -abgrenzungen beeinflusst ist und daher eher auf eine übergeordnete Koordinations- und Steuerungsebene hinzielt, verweist der Begriff Nachbarschaft auf einen konkreten Ort, an dem es eine Nachbarschaft gibt bzw. geben wird und den konkreten Menschen, welche die Nachbarschaften ausmachen. Der unterstellte gemeinsame Ortsbezug vermag auch sehr gut verschiedene Gruppen als Nachbarn zu begreifen (z.B. ältere und jüngere Menschen) die etwas miteinander zu tun haben, unabhängig davon, ob sie miteinander in einem Austausch stehen oder nicht. Nachbarinnen und Nachbarn können Menschen in unterschiedlichsten Reichweiten sein, denn wahrscheinlich hat ein Atomkraftwerk, wenn dies als Ausgangspunkt genommen wird, einen grösseren Nachbarschaftsradius als beispielsweise ein Kindergarten. Arbeitet man hingegen mit dem Begriff Sozialraum, besteht immer das Risiko, dass der Raum an sich und seine (Re-)Produktionsprozesse, Bedeutungen, Strukturen sowie quantifizierbaren Daten im Vordergrund stehen, während die Subjekte an diesem konkreten sozialen Ort mit ihrem konkreten Alltag in den Hintergrund geraten. Die Perspektive Nachbarschaft kann hier ein ausgleichendes Gegengewicht geben. Dabei geht es nicht darum, den Quartiersoder Sozialraumbegriff zu untergraben, sondern diese differenziert zu verwenden. Sinnvoll ist dies auch im Hinblick auf kollektives Handeln. Ein Sozialraum kann nicht handeln, sondern nur analysiert, beschrieben und gestaltet werden; ein Quartier kann ebenfalls nicht kollektiv handeln, auch wenn jeweils eine Gruppe von Quartiersakteuren/-akteurinnen zu einem koordinierten Handeln fähig ist und dies dann als Handlung des Quartiers wahrgenommen wird. Hingegen ist der Aktvierungsgrad einer kleinräumigen Nachbarschaft, wenn es um ein brisantes oder attraktives Thema wie z.B. Verkehrsberuhigung oder Baueinsprache geht, relativ gross, da auf die bereits in der Nachbarschaft bestehenden sozialen Beziehungen zurückgegriffen werden kann und eine gemeinsame (auch ortsbezogene) verbindende und identitätsstiftende Betroffenheit vorliegt. Diese Handlungsorientierung mag auch mit ein Grund dafür gewesen sein, dass die Pionierinnen und Pioniere der sozialräumlichen Sozialen Arbeit, die Settlementbewegung, das Konzept Nachbarschaft ins Zentrum stellten, welches die konkreten Menschen an ihrem Lebensort als Subjekte zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit machten. Gleichzeitig waren sie aber auch nicht auf die Ebene Nachbarschaft fixiert. Sie nutzten diese eher als Ausgangspunkt oder als Grundlage, um von dort aus, und vor dem Hintergrund der Lebenswelten der Nachbarschaften, auch auf anderen Ebenen wie Quartier und Stadt aktiv zu werden.

 
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