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Selbsthilfe im Wohnbereich – das Beispiel der Siedlungsgenossenschaft Freidorf

Matthias Möller

1 Das Freidorf – Suche nach Zugängen und Spuren

Kommen genossenschaftlich interessierte Besucher und Besucherinnen heute ins Freidorf, haben sie es schwer. Nur wenig erzählen die Gebäude von dem einzigartigen kooperativen Experiment, das hier 1919 gestartet wurde. Spuren davon finden sich in Form von Coop-Einrichtungen in der näheren Umgebung: ein Supermarkt, eine Tankstelle und ein Bildungszentrum. Auffallend sind auch die Ortsbezeichnungen. Es gibt eine Tramhaltestelle mit dem Namen Freidorf, den Coop Supermarkt Muttenz Freidorf, einen Freidorfweg, eine Pestalozzistrasse[1] und eine Bernhard-Jaeggi-Strasse[2]. Dazwischen liegt eine Siedlung, die gänzlich ohne Strassennamen auskommt. Sie ist grossflächig in Form eines Dreiecks angelegt, symmetrisch gegliedert und durch eine kleine Mauer deutlich nach aussen hin abgegrenzt. In ihrer Mitte befindet sich, an einem grossen Platz gelegen, ein repräsentativer Funktionsbau, und ein pyramidenförmiger Gedenkstein weist darauf hin, dass diese Siedlung 1919 bis 1921 vom Verband schweizerischer Konsumvereine geschaffen wurde, „im Wirrsal dieser Zeit eine Heimstätte der Nächstenliebe, des Friedens und der Freiheit.“

Ohne Vorwissen sucht man weitere Zeichen eines Siedlungsexperiments zunächst vergeblich. Damit teilt das Freidorf ein Problem mit anderen historischen Anlagen der Wohnreform, die heute in der Regel nur von ihrer baulichästhetischen Seite her betrachtet werden können. Die nicht weniger besonderen ökonomischen und sozialen Aspekte, die sie einst auszeichneten, bleiben aktuellen Betrachtungen weitgehend verborgen. Karl Renner (1870-1950), führender Sozialdemokrat im Wien der Ersten Republik, verkannte dieses Problem, als er über die Aussagekraft der Gemeindebauten des Roten Wiens schrieb: „Wenn wir zum Schweigen gezwungen wären, würden die Mauern für uns reden.“ (Novy 1979: 12) Klaus Novy (1944-1991), dem wir grundlegende Arbeiten zur Genossenschaftsbewegung, Wohnreform und Gemeinwirtschaft verdanken, widersprach dieser Hoffnung, indem er anmerkte, dass Mauern nur zu jenen sprechen könnten, die bereits wissend vor ihnen stünden.[3]

Novy stand vermutlich selbst einmal vor den Mauern des Freidorfes, das er mehrfach als besonders wichtiges Beispiel für eine vollgenossenschaftliche Organisation anführte (vgl. Novy 1982: 125, vgl. Novy 1983: 69). und als eines

„der interessantesten Genossenschaftsexperimente der Welt“ (Novy 1983: 109) bezeichnete. Ausgestattet war er mit einem enormen Wissen über historische Erfahrungen mit Selbstorganisation, Reformsozialismus von Unten und soziale Bewegungen im Wohnbereich. Der Gegensatz des Vorgefundenen zum Wissen über das längst Vergangene hatte bei ihm jedoch eine tiefe Enttäuschung zur Folge, die ihn pessimistisch auf historische „Beispiele realisierter konkreter Utopien“ blicken liess. So erschien ihm

„das ökonomisch und ästhetisch grandios angelegte Freidorf [...] [als] Ausdruck des Umschlages des Traumes von der grossen Harmonie in schlichte Spiessigkeit […]: die Miefigkeit des "Dorfes" hat jedes Bemühen um Freisetzung von unnötigen Zwängen verdrängt.“ (Novy 1982: 128)

Damit ist nun neben der baulich-ästhetischen und der weltanschaulichkonzeptionellen eine dritte Ebene angesprochen: die der alltäglichen Nutzung von Projekten der genossenschaftlichen Wohnreform und ihrem Wandel im Laufe der Zeit. Besonders darauf wird im Folgenden näher eingegangen. Die Organisation des Freidorfs ist dabei auch ein Ausdruck davon, wie genossenschaftliches Wohnen in der Zwischenkriegszeit idealtypisch gedacht und alltäglich praktiziert wurde.

Dass die Verwunderung, die Klaus Novy vor über 30 Jahren im Freidorf empfand, auch heute nachvollziehbar erscheint, mag heutige Interessierte wenig erstaunen. Die Siedlung ist nach wie vor genossenschaftlich organisiert. Dabei beschränken sich die Tätigkeiten der Siedelungsgenossenschaft Freidorf (SGF) jedoch auf den Wohnbereich. Ein weitergehender reformerischer Ansatz wird nicht mehr verfolgt und so wirkt das Freidorf heute eher als ruhige und etwas abgeschottete Siedlung denn als Beispiel für kooperative Siedlungsexperimente. Jedoch war ein Besuch des Freidorfes bereits früher mit Verwunderung verbunden. Im Jahre 1922, keine drei Jahre nach Gründung der SGF, schrieb dessen Architekt: Hannes Meyer (1889-1954), nach 1928 Nachfolger von Walter Gropius am Dessauer Bauhaus, meinte damit den schroffen Gegensatz zu damals gewohnten Stadt- und Siedlungsbildern. Deren „unruhige Vielgestaltigkeit“ sei letztlich vor allem ein Ausdruck der fragmentierten und gegenläufigen Interessen ihrer Bewohner und Bewohnerinnen und damit (für den Wissenden) ein Beleg für den krankhaften Zustand des Sozialen. Demgegenüber sei die

„Bauanlage des Freidorfes nur eine Offenbarung seines inneren Geistes und eine Verkörperung seiner genossenschaftlichen Tat: die vollgenossenschaftliche Lebensgemeinschaft von 150 Familien im bienenwabenähnlichen Zellenbau einer Siedelung.“ (ebd.: 58).

Abb. 1: Im „Äussern das einfach-ehrlich-klare Bild des Hauskörpers zum Schönheitsgesetz erhoben“ (Meyer 1922, S. 64).

Meyer entwirft hier das Freidorf in Abgrenzung zur Stadtentwicklung seiner Zeit als einen Gegenentwurf, der auf Veränderung des Bestehenden in baulicher und sozialer Hinsicht abzielt. Die aufwändige Kombination von beidem machte das Freidorf in der Zwischenkriegszeit tatsächlich zu einer „cooperative[n] Rarität Europas“ (Meyer 1925: 40), zum „Idealtyp einer Baugenossenschaft“ (Faust 1977: 672) bzw. zum damals bedeutendsten Siedlungsbau der Schweiz. (vgl. Heyer 1983: 22).

  • [1] Das Werk von Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) war ein wichtiger Bezugspunkt der schweiz. Genossenschaftsbewegung.
  • [2] Bernhard Jaeggi (1869-1944) übernahm 1909 die Präsidentschaft der Verwaltungskommission (Direktorium) des VSK und prägte bis zu seinem Tod dessen Ausrichtung. 1919 initiierte er die Gründung der Siedlungsgenossenschaft Freidorf.
  • [3] Ebd. „Verdutzt und ratlos steht der Fremde mitunter beim erstmaligen Besuch im Freidorf: Er erwartet eine romantisch-idyllische Dorfanlage, und er findet ein Gebilde, halb Kloster und Anstalt, halb Gartenstadt und Juranest.“ (Meyer 1922: 57)
 
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