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2 Publikationen in den deutschsprachigen Datenbanken WISO und PSYNDEX

Zwischen Anfang 1990 und Ende 2013 verweist die sozialwissenschaftliche Datenbank WISO insgesamt auf ca. 4800 wissenschaftliche Publikationen (in Fachzeitschriften und Büchern; Suche am 18.02.2014) zum Suchbegriff „rechtsextrem“; in der psychologischen Datenbank PSYNDEX werden für diesen Zeitraum (Suchbefehl „rechtsextrem“, 18.02.2014) 460 themenbezogene Publikationen ausgewiesen (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1 Psychologisch und sozialwissenschaftlich relevante Publikationen zum Rechtsextremismus in den Jahren 1990 bis 2013.

Während in den Sozialwissenschaften insgesamt eine relativ stabile und hohe Publikationsrate zum Rechtsextremismus zu beobachten ist, liegt diese Rate in der Psychologie – erwartungsgemäß, disziplintypisch und verständlicherweise – auf niedrigerem Niveau und scheint überdies in den 2000er Jahren leicht rückläufig zu sein. Auffallend sind außerdem die relativ hohen Publikationsspitzen – sowohl bei PSYNDEX als auch bei WISO – in den Jahren 1993 und 1994. Weitere Spitzen zeigen sich bei WISO auch zu Beginn, in der Mitte und am Ende der 2000er Jahre. Die folgende Abbildung 2 illustriert die im Zeitraum 1990 bis 2012 vom Verfassungsschutz erfassten und berichteten rechtsextremistisch motivierten Strafund Gewalttaten (nach Verfassungsschutzbericht, 1990 – 2012).

Abbildung 2 Rechtsextremistische Strafund Gewalttaten 1991 bis 2012 (Quelle: Verfassungsschutz).

In den Jahren 1992 und 1993 verzeichnet der Verfassungsschutz einen bedeutsamen Anstieg an rechtsextremistischen Strafund Gewalttaten. Rückblickend verweist Andreas Klärner (2008, S. 26ff.) u. a. darauf hin, dass der parteiförmige Rechtsextremismus in den 1990er Jahren erheblich an Relevanz eingebüßt habe. An Stelle dessen gewannen vor allem jugendkulturelle rechtsextreme Tendenzen an Bedeutung.

„Von Ostdeutschland aus breitete sich eine Welle fremdenfeindlicher Gewalt über ganz Deutschland aus, und die Täter stammten in erster Linie aus diesen neuen Jugendkulturen“ (Klärner, 2008, S. 27).

Zu erinnern ist in diesem Zusammenhang an die z. T. pogromähnlichen Ausschreitungen gegen Unterkünfte von Flüchtlingen und Vertragsarbeitern im September 1991 in Hoyerswerda, im August 1992 in Rostock-Lichtenhagen (vgl. z. B. Richter & Schmidtbauer, 1993), sowie gegen Wohnhäuser türkischstämmiger Deutscher im Oktober 1991 in Hünxe, im November 1992 in Mölln und im Mai 1993 in Solingen. Die in der o. g. Abbildung 1 erkennbaren Publikationsspitzen in den Jahren 1993 und 1994 könnten somit u. U. eine wissenschaftliche Reaktion auf die 1992 und 1993 erfolgte Eskalation des gewalttätigen Rechtsextremismus sein.

In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre öffnete sich die NPD für Angehörige der verbotenen Neonazi-Organisationen und für Anhänger rechtsextremer Skinheadgruppen. Auch Anhänger der Neuen Rechten propagierten in dieser Zeit rechtspopulistische Losungen. Insgesamt – so Klärner (2008, S. 29) – gewann der Rechtsextremismus in den 1990er Jahren an Breite und Vielfalt. Nicht nur die demokratische Öffentlichkeit reagierte auf diese Entwicklungen (z. B. durch Massendemonstrationen und „Lichterketten“ im Übergang von 1992 zu 1993, vgl. auch Kleger, 1996). Auch für die Sozialwissenschaften und die Psychologie wurde der Rechtsextremismus zunehmend zum Gegenstand wissenschaftlicher Analysen.

Auch wenn ein Vergleich zwischen den Zeiträumen 1990 bis 2000 und 2001 bis 2012 nur bedingt möglich ist, da der Verfassungsschutz im Jahre 2001 ein neues Verfahren zur Zählung entsprechender Straftaten einführte [1], lassen sich die in der Abbildung 2 erkennbaren Schwankungen nach 2000 relativ gut erklären: Nachdem es im Jahre 2000 zu einer Folge aufsehenerregender Gewalttaten gekommen war (Ermordung von Alberto Adriano im Juni 2000, Handgranatenattentat in Düsseldorf im Juli 2000, Brandanschlag auf die Düsseldorfer Synagoge im Oktober 2000), die deutsche Zivilgesellschaft sich gegen den Rechtsextremismus zur Wehr zu setzen versuchte und Bundestag, Bundesrat und Bundesregierung einen Antrag zum Verbot der NPD beim Bundesverfassungsgericht eingereicht hatten, verringerte sich in den Jahren 2001 bis 2003 die Anzahl der registrierten rechtsextremen Strafund Gewalttaten. Im März 2003 scheiterte das NPD-Verbotsverfahren; 2004 gelang der NPD der Einzug in den sächsischen Landtag. Und seit 2004 registriert der Verfassungsschutz wieder ein rasantes Ansteigen rechtsextremistischer Strafund Gewalttaten.

Die unterschiedlichen Entwicklungen der wissenschaftlichen Publikationen zum Thema „Rechtsextremismus“ und die Entwicklung der rechtsextremistischen Strafund Gewalttaten in den Zeiträumen von 1990 bis 2000 und von 2001 bis 2013 legen es nahe, das Forschungsfeld des Rechtsextremismus im deutschsprachigen Raum für die Zeiträume 1990 bis 2000 und 2001 bis 2013 zunächst getrennt zu betrachten.

  • [1] „Die Ständige Konferenz der Innenminister und -senatoren des Bundes und der Länder (IMK) hat am 10. Mai 2001 die Einführung des neuen Definitionssystems „Politisch motivierte Kriminalität“ rückwirkend zum 1. Januar 2001 beschlossen (vgl. auch den Beitrag von Feldmann, Kopke und Schultz in diesem Band). Zentrales Erfassungskriterium des neuen Meldesystems ist die politisch motivierte Tat. Als politisch motiviert gilt eine Tat insbesondere dann, wenn die Umstände der Tat oder die Einstellung des Täters darauf schließen lassen, dass sie sich gegen eine Person aufgrund ihrer politischen Einstellung, Nationalität, Volkszugehörigkeit, Rasse, Hautfarbe, Religion, Weltanschauung, Herkunft, sexuellen Orientierung, Behinderung oder ihres äußeren Erscheinungsbildes bzw. ihres gesellschaftlichen Status richtet“ (Verfassungsschutzbericht, 2001, S. 35).
 
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