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Reclaiming the Right to the Green City: Aktuelle urbane Grünraumbewegungen in Basel

Nicola Thomas

1 Einleitung

In diesem Artikel werden zwei Beispiele von sozialen urbanen Bewegungen der Schweizer Stadt Basel nachgezeichnet und im Kontext der lokalen Stadtentwicklungspolitik diskutiert. Beide Bewegungen waren die Folge einer geplanten Überbauung von öffentlichen Grünflächen. Im Fall des Landhofs handelte es sich um eine Grünfläche in einem dicht bebauten ehemaligen Arbeiterquartier, im Fall der Familiengärten sollten 20 Hektar von Familiengartenland (verteilt auf drei Areale) als Bauland für neue Wohn- und Parkprojekte in der Stadt Basel dienen.

Beide Projektpläne führten zu organisiertem Widerstand und resultierten in stadtweiten Projektabstimmungen mit jeweils unterschiedlichen Ergebnissen.

In diesem Artikel werden die Ursachen der Proteste, die Argumente von Projektgegnern und -gegnerinnen und Projektbefürwortern und -befürworterinnen analysiert und die Folgen nach der Abstimmung erörtert.

2 Recht-auf-Stadt Bewegungen in der unternehmerischen Stadt

Suburbanisierung und Entdichtung der Innenstädte, begleitet durch die Massenverbreitung von Automobilen[1], kennzeichnete die Stadtentwicklungspolitik der wirtschaftsstarken 1950er und 1960er Jahre (vgl. Gartman 2009). In den späten 1960er Jahren wurden erstmals Stimmen laut, welche dem mit Suburbanisierung verbundenen extensiven Land- und Ressourcenverbrauch[2] und die am Reissbrett entwickelte top-down Planung kritisierten und ein Umdenken forderten. Der Architekt Leonardo Benevolo (1971) kritisierte die bestehende Architekturpraxis für den fehlenden Einbezug der Zivilgesellschaft in die Planungsprozesse und forderte eine Öffnung der Planung und Mitwirkungsmöglichkeiten der Bevölkerung ein, William Whyte (1981) kritisierte die fehlende Sichtweise von Architekten und Architektinnen auf das, was der dänische Architekt Jan Gehl ein paar Jahre später als „life between buildings“ (Gehl 1987) bezeichnete und setzte sich für das Mitdenken von „sozialen Faktoren“ in der Stadtplanung und Architektur ein.

Eine der stärksten Kritiker der bestehenden Planungspraxis zu dieser Zeit war der französische Soziologe Henri Lefebvre, der Architektur und Planung dafür kritisierte, ein Ensemble von Konzepten entwickelt und sich angeeignet zu haben, die er beschrieb als „functionalism, formalism, and structuralism. They elaborate them not from the significations perceived and lived by those who inhabit, but from their interpretation of inhabiting“ (Lefebvre 1996: 52).

Lefebvre forderte einen neuen Umgang in der Planung ein, ermutigte Planer und Planerinnen sowie Architekten und Architektinnen dazu, neue Wege auszuprobieren und Utopien einer neuen Stadt zu entwickeln, wie verrückt und unrealisierbar sie auch sein mögen.

Neben der Forderung nach neuen methodischen und ganzheitlichen Ansätzen in der Stadtentwicklung, sprach Lefebvre aber auch deutlich radikalere Töne, indem er der Suburbanisierungspolitik eine harsche Kritik entgegensetzte und folgerte: Bürger und Bürgerinnen hätten ein Recht auf eine Stadt und urbane Lebensweise, einer „call of existent or recently developed centralities“ (ebd.: 158), das Recht auf Versammlung, auf „encouter“ und „use value“ (ebd.), aber darüber hinausgehend auch „right to freedom, to individualization in socialization, to habitat and to inhabit. The right to the oeuvre, to participation and appropriation (clearly distinct from the right to property)“ (ebd.: 174, hervorgehoben im Original).

Mit Beginn der sogenannten „New Urbanism“ Bewegung (vgl. Schrötelervon Brandt 2009) seit Anfang der 1980er Jahre kam es zu einer Trendwende in der Stadtentwicklung, die den Entwicklungsfokus vom Umland schrittweise wieder zurück in die Stadt legte: Urbane Bausubstanzen wurden modernisiert und erneuert, brachliegende Gewerbe-, Transportoder Militärflächen in neue Nutzungsformen umgewandelt, und das Potential von Städten als attractive Wohn-, Arbeits-, und Freizeitorte erkannt. Diese „Rückkehr zur Stadt“ hatte bzw. hat allerdings Verdrängungsprozesse von einkommensschwachen Bewohnern und Bewohnerinnen und Gewerbe zur Folge. Diese Entwicklungen und Folgen einer an neolibralen Grundsätzen orientiert Stadtpolitik griffen verschiedene Autoren und Autorinnnen auf (z.B. Smith 1986, Lees 2010, Mitchell 2003, Heeg/Rosol 2007, Dangschat 1999) und fordern mit Rückgriff auf Lefebvre ein

„Recht auf Stadt“ auch für jene „kapitalarme“ Gruppen in der Gesellschaft, die aus Sicht von Stadtverwaltungen kein attraktives Steuersubstrat oder Kaufkraft darstellen.

Die städtischen Verdrängungsprozesse geschehen dabei allerdings nicht im stillen Einvernehmen mit der Zivilgesellschaft, sondern haben im Gegenteil häufig Protest und Gegenbewegungen zur Folge, wodurch es zu einem Aufeinanderprallen verschiedenen Interessen und Vorstellungen von Quartier- und Stadtentwicklung kommen kann. Dazu schreiben Brenner at al. (2009: 178):

„Urban space under capitalisms is continually shaped and reshaped through a relentless clash of opposed social forces oriented, respectively, towards the exchange-value (profit-oriented) and use-value (everyday life) dimensions of urban sociospatial configurations.“

Dieser „clash“ zwischen den verschiedene Interessen, Vorstellungen und Bedürfnissen, wie Stadträume genutzt werden sollen oder dürfen, liegt im Herzen der Recht-auf-Stadt Bewegungen. Damit können im Konkreten allerdings verschiedene Forderungen verbunden sein: laut Harvey (2013) bedeute das Recht auf Stadt zum einen das Recht auf angemessenen Wohnraum und ein annehmbares Lebensumfeld. Allerdings sei das Recht auf Stadt „weit mehr als das Recht auf individuellen oder gemeinschaftlichen Zugriff auf Ressourcen, welche die Stadt verkörpert: Es ist das Recht, die Stadt nach unseren eigenen Wünschen zu verändern und neu zu erfinden“ (ebd.: 28). Um dies zu ermöglichen, folgert er (ebd.: 240), „muss die Produktion der destruktiven Formen der Urbanisierung, die eine andauernde Kapitalakkumulation ermöglichen, aufgehalten werden.“

Recht-auf-Stadt Bewegungen, deren Charakteristika im Folgenden näher beschrieben werden, können diese nicht aufhalten, aber sie bilden eine Gegenstimme und ein kritisches Moment des Hinterfragens des hegemonialen Diskurses.

  • [1] Henri Lefebvre bezeichnete das Automobil treffend als „ pilot-object in the world of commodities“ (1996: 167).
  • [2] 1971 publizierte der Club of Rome den Bericht „Grenzen des Wachstums“, welche die ökologischen Wachstumsgrenzen thematisierte und die bei anhaltender Industrieproduktion eine Zuspitzung der Rohstoffknappheit und Umweltverschmutzung prognostizierten (vgl. Weizsäcker 1990).
 
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