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2.1 Schwerpunkte der sozialwissenschaftlichen und psychologischen Publikationen zum Rechtsextremismus zwischen 1990 und 2000

Um die mögliche Vielfalt der aufzufindenden sozialwissenschaftlichen und psychologischen Publikationen nach Schwerpunkten ordnen zu können, wurden folgende Raster genutzt: Erstens wurde nach wissenschaftlichen Arbeiten mit Überblickscharakter gesucht; eine zweite Suchstrategie richtete sich auf Publikationen, in denen der Untersuchungsgegenstand „Rechtsextremismus“ und seine Definitionsmerkmale diskutiert werden; drittens wurde nach dominierenden Theoriebzw. Forschungsansätzen gefahndet, mit denen die Beschaffenheiten (Qualität und Quantität) [1], mögliche Ursachen und Folgen rechtsextremer Entwicklungen erklärt bzw. untersucht werden; viertens schließlich werden – vor dem Hintergrund des ökosystemischen Ansatzes von Uri Bronfenbrenner (1979) – die wissenschaftlichen Publikationen danach geordnet, welche Rahmenbedingungen für rechtsextreme Tendenzen jeweils im Fokus der empirischen Forschung stehen (mikro-, mesooder makrosystemische Bedingungen). [2]

Tabelle 1 liefert zunächst einen beispielhaften Überblick über die Publikationsschwerpunkte in den Datenbanken PSYNDEX und WISO für die Jahre von 1990 bis 2000. Die Erläuterungen folgen in den anschließenden Abschnitten.

Tabelle 1 Schwerpunkte der sozialwissenschaftlichen und psychologischen Publikationen zum Rechtsextremismus (1990 bis 2000).

Überblicksarbeiten

Begriffsdebatten:

„Rechtsextremismus“ – ein unscharfer Begriff

Dominierende Theorieund Forschungsansätze

Makro-soziale Rahmenbedingungen für rechtsextreme Tendenzen

Meso-soziale Bedingungen

Mikro-soziale und individuelle Bedingungen

z. B.: Dünkel

& Geng, 1999;

Frindte, 1999;

Jaschke, 1994;

Jäger, 1993; Otto & Merten, 1993; Wasmuth,

1997; Zick,

1997

Definitionsvorschläge

z. B.: Friedrich, 1992; Heitmeyer

u. a., 1992; Jaschke, 1994; Melzer & Schubarth, 1995; Pilz, 1994

Sozialisationsund Desintegrationstheorie

Heitmeyer, 1989; Heitmeyer u. a., 1992; Heitmeyer & Müller, 1995

Ost-West-Vergleiche

z. B. Frindte, Jabs & Neumann, 1992; Maaz, 1993; Oesterreich, 1993; Pollmer, Reissig & Schubarth, 1992

Sozialisationseinflüsse

z. B. Ettrich, Krause & Jahn, 1995; Hefler, Boehnke

& Butz, 1999; Hopf, Rieker, Sanden-Marcus & Schmidt, 1995

Täteranalysen Müller, 1997; Willems, Eckert, Würtz

& Steinmetz, 1993

Tabelle 1 (Fortsetzung)

Überblicksarbeiten

Begriffsdebatten:

„Rechtsextremismus“ – ein unscharfer Begriff

Dominierende Theorieund Forschungsansätze

Makro-soziale Rahmenbedingungen für rechtsextreme Tendenzen

Meso-soziale Bedingungen

Mikro-soziale und individuelle Bedingungen

Generelle Kritik am Rechtsextremis-mus-Begriff

z. B. Butterwegge, 2000; Teo, 1993

Kritik an der Desintegrationstheorie

z. B. Bommes & Scherr, 1992; Eckert

& Willems, 1996;

Götz, 1997; König,

1997, 1998; Pfahl-

Traughber, 1998;

Scherr, 1996; Schumann & Winkler, 1997; Willems u. a., 1996; Winkler, 1996

Geschlechterunterschiede

z. B. Birsl, 1994; Knapp, 1993; Niebergall, 1995; Rippl & Seipel, 1999; Rommelspacher, 1993; Stenke, 1993; UtzmannKrombholz, 1994; Volmerg, Bensch & Kirchhoff, 1995; Watts, 1996

Bewegungsforschung

z. B. Jaschke, 1993; Hellmann, 1995, 1998; Willems, 1996

Autoritarismus als individuelle Disposition für rechtsextreme Orientierungen

z. B. Funke, Frindte, Jacob & Neumann, 1999; Hopf, 1993; Oesterreich, 1993; Seipel, Rippl & Schmidt, 1995

Zusammenhänge von medialer Berichterstattung und Rechtsextremismus

z. B. Brosius & Esser, 1996; Funk & Weiß, 1995; Jäger & Link, 1993; Lüdemann, 1995; Ohlemacher, 1993, 1999; Ruhrmann, Kollbeck & Möltgen, 1996; Scharf, 1993; Willems, 1996

2.1.1 Überblicksarbeiten

Überblicke über den Stand der sozialwissenschaftlichen und psychologischen Rechtsextremismusforschung im Zeitraum von 1990 bis 2000 finden sich u. a. in Benz (1994), Deutsches Jugendinstitut (1995), Dünkel und Geng (1999), Falter, Jaschke und Winkler (1996), Frindte (1999), Heiland und Lüdemann (1996), Institut für Sozialforschung (1994), Jaschke (1994), Jäger (1993), Kowalsky und Schroeder (1994), Mecklenburg (1996), Otto und Merten (1993), Schubarth und Stöss (2000), Wahl (1993), Wasmuth (1997) und Zick (1997). Uli Jäger (1993) hebt z. B. folgende Konzeptionen hervor, die in den Sozialwissenschaften und der Psychologie zur Erklärung des Rechtsextremismus herangezogen werden: a) „Sozialpsychologische Ansätze“, die sich — folgt man dem Autor — um die zentrale Annahme einer zunehmenden Individualisierung der Jugendlichen (Beck, 1986; Heitmeyer et al., 1992; siehe ausführlicher unten) gruppieren, durch die die Jugendlichen einerseits aus den sozialen Einbettungen in traditionelle soziale Gruppen ausscheren, andererseits aber infolge einer bleibenden Sehnsucht nach Gemeinschaftu. U. ihre Zugehörigkeit zu sozialen Gemeinschaften über abstrakte Kriterien und Kategorien (wie Nation, Kultur, Rasse etc.) zu definieren suchen; wobei sie sich in diesen Definitionsversuchen auf die Definitionsangebote rechtsextremer Parteien und Institutionen zu stützen vermögen. b) „Individualpsychologische Ansätze“, die als Fortführung und Reformulierung des Ansatzes von der „authoritarian personality“ (Adorno, Frenkel-Brunswik, Levinson & Sanford, 1950) zu verstehen seien. c) „Gesellschaftskritische Ansätze“, nach denen jugendlicher Rechtsextremismus auch Ausdruck der gegenwärtigen jugendlichen Protestbewegungen sei. d) „Ökonomische Ansätze“, die davon ausgehen, dass die Verschlechterung von Existenzbedingungen durch tatsächliche oder drohende Arbeitslosigkeit und der damit verbundene Mangel an materiellen Gütern rechtsextreme Einstellungen befördern können. e) „Politische Ansätze“, in deren Mittelpunkt die Frage nach dem schwindenden Vertrauen der Jugendlichen in etablierte politische Parteien und Institutionen stehe. f) „Historische Ansätze“, in denen es u. a. um die Herausbildung obrigkeitsstaatlicher politischer Systeme in Deutschland gehe.

Auffallendes Merkmal der Überblicksarbeiten (siehe Tabelle 1) ist, dass die verschiedenen Konzeptionen meist zwar ausführlich dargestellt, mögliche Bezüge zwischen den Konzeptionen aber in der Regel nicht thematisiert bzw. hergestellt werden.

2.1.2 „Rechtsextremismus“ – ein unscharfer Begriff

[3]

Neben politikwissenschaftlichen Definitionen, in denen Rechtsextremismus als Gegensatz zum demokratischen Verfassungsstaat bestimmt wird (z. B. Backes, 1989; Kowalsky, 1993), wurden im Beobachtungszeitraum zahlreiche soziologisch-psychologische Definitionsvorschläge vorgelegt (z. B. Friedrich, 1992; Heitmeyer et al., 1992; Jaschke, 1994; Melzer & Schubarth, 1995; Pilz, 1994) und auch generelle Kritik am Rechtsextremismus-Begriff geübt (z. B. Butterwegge, 2000; Teo, 1993, 1995). Christoph Butterwegge (2000) präferiert z. B. den RassismusBegriff, der die Vorteile habe, gesellschaftliche Strukturzusammenhänge und historische Kontinuitäten seit dem Mittelalter (Kolonialismus) zu erfassen, ohne Modifikationen und Ausdifferenzierungen (biologisch bzw. kulturell begründete Spielarten des Rassismus) zu ignorieren (in diesem Sinne auch Teo, 1993). Bommes und Scherr (1992) kritisieren die „homogenisierende Rede vom Rechtsextremismus“ bei Heitmeyer und meinen damit die zu starke begriffliche Einengung auf einen jugendtypischen Rechtsextremismus, der Parteien und Organisationen außer Acht lasse.

Ulrich Druwe (1996) hat verschiedene Studien der Rechtsextremismusforschung hinsichtlich des jeweils gewählten Begriffs untersucht. In den dreizehn von ihm ausgewerteten Studien fand er elf verschiedene Bezeichnungen für das Phänomen, die wiederum mit insgesamt 42 verschiedenen Bedeutungen versehen waren, so dass von einer Rechtsextremismusforschung mit einem gemeinsamen Untersuchungsgegenstand nicht die Rede sein könne.

Versuche, Rechtsextremismus über einzelne Merkmale zu bestimmen, sind dabei nicht selten. So versteht Siller (1997, S. 13) z. B. den Rechtsextremismus als „Konglomerat von antidemokratischen, nationalistischen, rassistischen, autoritären, antisemitischen u.ä. Ideologien, Einstellungsund/oder Handlungsmustern“. An der Nützlichkeit solcher Definitionen durch Aufzählung sind sicher Zweifel angebracht, da für die Anzahl und die Beziehung zwischen den Merkmalen, mit denen Rechtsextremismus beschrieben wird, kaum hilfreiche Kriterien angegeben werden (vgl. Winkler, 2001). Es stellt sich also die Frage, welche der jeweils aufgezählten Merkmale eine Person tatsächlich besitzen muss, um als rechtsextrem zu gelten.

Schlussendlich: Rechtsextremismus als monolithisches Gebäude erscheint im Zeitraum von 1990 bis 2000 vor allem als Konstruktion (der Wissenschaftler, Politiker, der Medien, der Alltagsdiskurse; Frindte et al., 1994). Thomas Kliche (1996) fragt deshalb, „ob es wissenschaftlich nicht sinnvoller wäre, das Konzept ,des' Rechtsextremismus zugunsten dadurch überzeugender zu erfassender ,Rechtsextremismen' aufzugeben“ (Kliche, 1996, S. 70).

Zugespitzt: „Erfindet sich diese Gesellschaft also ,ihren' überaus funktionalen Rechtsextremismus gerade selbst – unter tatkräftiger Mitwirkung der sozialwissenschaftlichen Deutungsindustrie“ (Kliche, 1996 S. 77)?

2.1.3 Dominierende Theorieund Forschungsansätze

Dominanz der Desintegrationstheorie von Heitmeyer: Neben den o. g. Auseinandersetzungen über den Begriff von Rechtsextremismus dominierten in diesem Jahrzehnt vor allem Arbeiten, in denen auf der Basis der von Heitmeyer und Kolleg/innen vorgelegten Sozialisationsund Desintegrationstheorie rechtsextreme Tendenzen als Folge von individuellen Deprivationsproblemen betrachtet werden (Heitmeyer, 1989, 1993; Heitmeyer et al., 1992; Heitmeyer & Möller, 1995). Rechtsextremistische Orientierungen setzen sich nach Heitmeyer et al. (1992) aus einer Ideologie der Ungleichheit bzw. Ungleichwertigkeit und der Gewaltaffinität (bis hin zu gewalttätigem Handeln) zusammen. Beide Dimensionen werden durch Subdimensionen mit verschiedenen Facetten untergliedert und operationalisiert.

Zur theoretischen Erklärung derartiger rechtsextremer Tendenzen haben Heitmeyer und Mitarbeiter (1992) eine Desintegrationstheorie auf der Grundlage von Becks „Risikogesellschaft“ (Beck, 1986) entwickelt. Die Autoren konstatieren „ein generalisiertes Auftreten von Individualisierungsschüben, die im Kern aus der Arbeitsmarktdynamik resultieren“ (Heitmeyer et al., 1992, S. 16). Diese Individualisierungsschübe bewirken, dass „die klassischen gemeinsamen Erfahrungsund Deutungszusammenhänge intergenerationell weitergebender intermediärer Instanzen damit an Wirksamkeit einzubüßen scheinen“ (Heitmeyer et al., 1992, S. 16-17).

„Kollektive Handlungsund Durchsetzungsformen verlieren an Bedeutung. Stabile Solidaritätsbindungen werden sowohl überflüssig als auch unerreichbar“ (Heitmeyer et al., 1992, S. 19).

Als Folge werden Vereinzelungs-, Ohnmachtsund Handlungsunsicherheitserfahrungen beschrieben, die einer Orientierung an nationalen Kategorien Vorschub leisten. Dies betrifft nach Heitmeyer vor allem diejenigen, denen der Übergang zu einer autonomieorientierten Identität nicht gelingt, „weil sie nicht in ausreichendem Maße Ressourcen und Bezugspunkte der Identitätsbildung zur Verfügung haben“ (Heitmeyer et al., 1992, S. 32).

Kritik an der Desintegrationstheorie: Nach anfänglicher Euphorie und umfangreicher Rezeption gerieten in den 1990er Jahren sowohl die Heitmeyersche Rechtsextremismus-Definition als auch der von ihm und Kollegen vorgelegte Erklärungsansatz in die Kritik (z. B. Bommes & Scherr, 1992; Eckert & Willems, 1996; König, 1997, 1998; Pfahl-Traughber, 1998; Scherr, 1996; Schumann & Winkler, 1997; Winkler, 1996). Diese Kritik bezog sich auf die zu wenig differenzierende Konzeption, die der Heterogenität des Untersuchungsfeldes nicht gerecht werde.

König (1997) kritisierte das ausschließlich soziologische Verständnis des jugendlichen Rechtsextremismus, den Heitmeyer auf soziale und ökonomische Desintegrationsprozesse zurückführt, anhand eines Fallbeispiels aus der Bielefelder Rechtsextremismus-Studie. Hopf (1994) konnte dagegen anhand der Daten einer Untersuchung von Melzer, Schröder und Schubarth (1992), in der etwa 1500 westdeutsche und 1300 ostdeutsche Jugendliche im Alter zwischen 15 und 24 Jahren verglichen wurden, die Plausibilität der sogenannten Deprivationsthese, nach der kumulierende Beeinträchtigungen in der sozialen Lage der Jugendlichen eine wichtige Voraussetzung für ausländerfeindliche und rechtsextreme Einstellungen darstellen, bestätigen.

Eckert und Willems (1996) bezweifeln die Erklärungskraft des Desintegrationskonzepts. Auch die Ergebnisse von Hoffmann-Lange (1996) scheinen diese Zweifel zu bestätigen: Die Befunde bestätigen zwar, dass erlebte soziale Benachteiligung und soziale Unzufriedenheit zu erhöhter sozialer Desorientierung führen, diese wiederum aber nur geringen Einfluss auf ausländerfeindliche Einstellungen haben; im Osten noch weniger als im Westen Deutschlands (Beta = 0.19 im Westen und Beta = 0.12 im Osten) [4]. Der Einfluss von Normlosigkeit als einer anderen möglichen Folge aus einer anomietheoretischen Perspektive hat dagegen im Osten weitaus größeres Gewicht (Beta = 0.22 im Westen und Beta = 0.32 im Osten). Da die formale Schulbildung ebenfalls in die Regressionsgleichung aufgenommen wurde, diese auch ein starker Prädiktor ist (Beta = 0.31 im Westen und Beta = 0.23 im Osten), aber zudem auch ein starker Prädiktor für soziale Desorientierung, lässt sich vermuten, dass der tatsächliche Einfluss von Desintegration noch erheblich kleiner ist. Die multiple Regression klärt allerdings auch nur 26 % Varianz der abhängigen Variable ausländerfeindliche Einstellungen auf (17 % in der Westund 28 % in der Oststichprobe).

Gegen eine einfache Desintegrationsthese spricht auch ein Befund von Sturzbecher (1997), der empirisch zeigen konnte, dass die Eltern sowohl gewaltbereiter wie auch fremdenfeindlicher Jugendlicher eine bessere finanzielle Situation angeben als die von anderen Jugendlichen. Held, Horn, Leiprecht und Marvakis (1991) und Held, Horn und Marvakis (1996) kommen zu Ergebnissen, die sogar nahelegen, dass gerade diejenigen Personen höhere Fremdenfeindlichkeit äußern, die bzgl. Erwerbsarbeit nicht benachteiligt sind. Auch lässt sich in ihren Untersuchungen kein Zusammenhang zwischen Fremdenfeindlichkeit und erlebter gesellschaftlicher Bedrohung und Unzufriedenheit mit der Wohn-, Arbeitsund Freizeitsituation nachweisen. Daraus folgernd charakterisieren die Autoren Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit als „Wohlstandschauvinismus“, verbunden mit einer „Überidentifikation mit den ‚deutschen' Wirtschaftsinteressen.“

Kritisch gegenüber der Desintegrationstheorie von Heitmeyer und Mitarbeitern äußert sich auch Birgit Rommelspacher (1992, 1993, 1995). Mit dem von ihr geprägten Konzept der Dominanzkultur versucht Rommelspacher grundlegende Widersprüche, die die Dynamik moderner Gesellschaften bestimmen, zu erklären. Wesentliches Merkmal dieser Widersprüche scheint die Dialektik zwischen egalitären und demokratischen Konzepten und Bestrebungen einerseits und Dominanzansprüchen in Folge ethnischer oder sozialer Herkunft, Geschlecht, Leistungsfähigkeit oder sexueller Orientierung andererseits zu sein. Die jeweiligen Dominanzansprüche werden durch hierarchische Gesellschaftsstrukturen gefördert und reproduziert. Der Rechtsextremismus gehöre dabei zu den radikalisierten und politisierten Formen, besagten Widerspruch einseitig zugunsten zunehmender Hierarchisierung, also durch ideologisch begründete Dominanz ausgewählter sozialer Gruppierungen gegenüber anderen Gruppierungen, zu lösen. [5] Mit dieser Auffassung wendet sich Rommelspacher explizit gegen sozialwissenschaftliche Analysen, in denen ausschließlich nach intrapsychischen und/oder sozialen Konflikten bzw. ökonomischen Benachteiligungen innerhalb der Mehrheitsgesellschaft als Ursachen für Rechtsextremismus gefahndet wird. Auch Heitmeyers Arbeiten stehen somit im Fokus ihrer Kritik.

Kontrovers zur Desintegrationstheorie von Heitmeyer und Mitarbeitern scheint auch der Ansatz zu stehen, der von Norbert Götz (1997) vorgestellt und empirisch geprüft wurde. Götz kritisiert die der Desintegrationstheorie zugrundeliegende „Modernisierungsverlierer-Hypothese“ und geht von der These aus, dass Rechtsextreme nicht – wie in der Desintegrationstheorie behauptet, Verlierer, sondern Gegner der reflexiven Moderne seien (Götz, 1997, S. 397ff.). Um diese These zu explizieren, greift Götz auf den Ansatz des postmaterialistischen Wertewandels (nach Inglehart, 1977) und auf neuere Erkenntnisse der Autoritarismusforschung (Altemeyer, 1988; Oesterreich, 1993) zurück. Die empirischen Daten, mit denen Götz seinen Ansatz zu begründen sucht, stammen aus einer Studie zum Rechtsextremismus, die Richard Stöss (1993) in Berlin durchführte. Die Befunde sind nicht vollständig überzeugend, verweisen aber durchaus darauf, dass rechtsextrem orientierte Personen offenbar einerseits von den gesellschaftlichen Bedingungen einer reflexiven Moderne [6] intellektuell und emotional überfordert sind und andererseits dies durch eine „unzeitgemäße Komplexitätsreduktion und Wirklichkeitskonstruktion“ (Götz, 1997, S. 407) zu kompensieren versuchen.

2.1.4 Rahmenbedingungen für rechtsextreme Tendenzen

A Makro-soziale Bedingungen

Ost-West-Vergleiche:

Ein besonderer empirischer Fokus lag zunächst auf Ost-West-Vergleichen, um in den Folgen der politischen und wirtschaftlichen Wende in Ostdeutschland mögliche Wirkfaktoren für rechtsextreme Tendenzen ausfindig zu machen (kaum eine Studie im Zeitraum von 1990 bis 2000 verzichtete auf derartige Vergleiche; als Auswahl z. B. Aschwaden, 1995; Friedrich, 1992, 1993; Frindte, Jabs & Neumann, 1992; Maaz, 1993; Melzer, 1992; Melzer & Schubarth, 1992; Oesterreich, 1993; Pfahl-Traughber, 2000; Seidenstuecker, 1993).

Auch Pollmer, Reissig und Schubarth (1992) berichten Ost-West-Befunde über Zusammenhänge von subjektiven Befindlichkeiten, Erwartungen für die Zukunft, Wertorientierungen, politischen Orientierungen, Rechtsextremismus, Ausländerfeindlichkeit, Aggressivität und Gewaltbereitschaft. Die in diesen und ähnlichen Studien erfolgte Fokussierung auf die Untersuchung von Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Jugendkulturen dürfte ebenfalls eine Konsequenz aus dem Desintegrationsansatz von Heitmeyer sein (z. B. Frindte, 1999; Heitmeyer & Möller, 1995).

Geschlechterunterschiede [7]:

Dass ausgeprägte fremdenfeindliche Vorurteile und rechtsextreme Gewaltbereitschaft nicht nur ein Männerproblem sind, von Frauen aber fremdenfeindliche Einstellungen subtiler bzw. geschlechterrollenspezifisch geäußert werden, konnte ebenfalls in zahlreichen Untersuchungen nachgewiesen werden (z. B. Birsl, 1994; Geng, 1998; Hopf u. a., 1995; Knapp, 1993; Niebergall, 1995; Rippl, Boehnke, Hef-

ler & Hagan, 1998; Rippl & Seipel, 1999; Rommelspacher, 1993; Siller, 1994; Stenke, 1993; Utzmann-Krombholz, 1994; Volmerg, Bensch & Kirchhoff, 1995; Watts, 1996). Dieser Umstand wurde mit zuverlässiger Konstanz in allen zugänglichen empirischen Untersuchungen des Zeitraums von 1990 bis 2000 repliziert, so bei Birsl, Busche-Baumann, Bons und Kurzer (1995), Held et al. (1996), HoffmannLange (1996), Melzer und Schubarth (1995), Oesterreich (1993), Schumann und Winkler (1997), Sturzbecher, Dietrich und Kohlstruck (1994), Sturzbecher (1997). Wenn man die Befunde genauer betrachtet, so bekommt man jedoch den Eindruck, dass die Differenzen spezifischer Dimensionen gar nicht so stark ausgeprägt sind, so v. a. der Bereich Ausländerfeindlichkeit bei Schubarth und Melzer (1993) und Utzmann-Krombholz (1994). Sehr viel erheblicher dagegen sind die Unterschiede zwischen Männern und Frauen, wenn rechtsextrem motivierte Straftaten (vgl. Willems et al., 1993) oder das Wahlverhalten rechter Parteien (vgl. Falter, 1994) betrachtet werden: In diesen Fällen sind Männer viel häufiger vertreten.

Zusammenhänge von medialer Berichterstattung und Rechtsextremismus (z. B. Brosius & Esser, 1996; Funk & Weiß, 1995; Jäger & Link, 1993; Jäger, 1997; Lüdemann, 1995; Ohlemacher, 1993, 1996, 1998, 1999; Ruhrmann, Kollbeck & Möltgen, 1996; Scharf, 1993; Willems, 1996):

Bezüglich des Einflusses der medialen Berichterstattung stellt Willems (1996) im Zusammenhang mit den ausländerfeindlichen Pogromen in Deutschland Anfang der neunziger Jahre fest, dass die Welle der Gewalt ihren ersten Kulminationspunkt nach der ausführlichen medialen Berichterstattung über die Brandanschläge und die Belagerung des Asylbewerberheimes in Hoyerswerda erreichte. Auch Brosius und Esser (1996) unterstreichen die Bedeutung von spektakulären Schlüsselereignissen und weisen in einer Zeitreihenanalyse nach, dass in einer ersten Phase der ausländerfeindlichen Ausschreitungen (Hoyerswerda und Rostock) tatsächlich eine Anstiftungswirkung von der medialen Berichterstattung des Fernsehens ausging (vgl. auch Ohlemacher, 1998, S. 5). Für eine zweite Phase, die durch Taten von Einzelnen gegen schon seit langer Zeit in Westdeutschland lebende Ausländer charakterisiert war, bei denen auch Opfer ums Leben kamen und sich die Bevölkerung mittels Demonstrationen und Lichterketten zu Wort meldete, konnten dagegen keine Nachahmungseffekte gezeigt werden. Ohlemacher (1998, S. 15) macht sogar nach diesen Ereignissen einen negativen Trend in den Gewalttaten gegen Fremde aus. Stereotypisierungen in der Medienberichterstattung und die Reduzierung des Rechtsextremismus auf ein Randgruppenproblem in Verbindung mit dramatisierenden Elementen in der medialen Darstellung werden zudem häufig kritisiert (z. B. Hundseder, 1992, 1993; Jäger, 1999; Lamnek, 1990;

Ohlemacher, 1996; Scharf, 1993).

B Meso-soziale Bedingungen

Sozialisationseinflüsse:

Zusammenhänge zwischen schulischer und familiärer Sozialisation einerseits und rechtsextremen Orientierungen andererseits ließen sich empirisch relativ gut nachweisen (z. B. Ettrich, Krause & Jahn, 1995; Hefler, Boehnke & Butz, 1999; Hopf, Rieker, Sanden-Marcus & Schmidt, 1995). Nahezu alle quantitativen Untersuchungen betonen, dass ein hoher Zusammenhang dergestalt besteht, dass vorrangig Hauptschüler bzw. Personen, die über einen Hauptschulabschluss als höchsten formalen Bildungsabschluss verfügen, ausgeprägte rechtsextreme Orientierungen aufweisen (Hoffmann-Lange, 1996; Klein-Allermann u. a., 1995; Melzer & Schubarth, 1995; Schumann & Winkler, 1997; Sturzbecher, Dietrich & Kohlstruck, 1994; Sturzbecher, 1997).

Hefler und Boehnke (1995) belegen in ihrer Untersuchung die Relevanz der Variablen Schulerfolg und Schultyp zur Vorhersage von fremdenfeindlichen Einstellungen. Die Befunde zeigen, dass Schulerfolg und die damit einhergehende positivere Selbsteinschätzung und ein höheres Maß elterlicher Kontrolle dazu geeignet waren, Ressourcen sozialen Kapitals zu schaffen, die ein Hineingleiten in deviante Subkulturen und ein Ausleben unterschwellig vorhandener Traditionen von Gewalt und Rechtsextremismus verhinderten.

Noack und Wild (1999) zeigen allerdings auch, dass sich hinter dem Schultyp als „soziale Adresse“ eine ganze Menge weiterer Variablen verbergen können. Teils spiegele die besuchte Schule per Selektion die Zugehörigkeit zu sozialen Schichten und damit die Bildung sowie die finanzielle und berufliche Situation der Eltern wider; teils gehe der Schultyp mit Variationen in der zu Hause erfahrenen Erziehung einher.

Auf eine nicht unwichtige Sozialisationsinstanz, auf den Einfluss jugendlicher Cliquen und Milieus, machen die Arbeiten von Bohnsack, Loos, Schäffer, Städtler und Wild (1995), Farin und Seidel-Pielen (1993a,b), Geng (1998), Wetzels und Enzmann (1999) aufmerksam.

Bewegungsforschung:

Im Kontext der o. g. kritischen Auseinandersetzung mit der Desintegrationstheorie entwickelte sich in der ersten Hälfte der 1990er Jahre auch eine kontroverse Debatte um den Rechtsextremismus als soziale Bewegung (vgl. zum Überblick auch Schroeder, 2003, S. 113ff.). Basierend auf politikwissenschaftlichen und soziologischen Theorien sozialer Bewegungen verweist z. B. Jaschke auf das rechtsextreme Protestverhalten als „eine sich zur sozialen Bewegung formierende modernisierungskritische Reaktion auf zwei fundamentale Veränderungen der Gesellschaft – auf Ethnisierungsprozesse und auf Individualisierungsschübe“ (Jaschke, 1993, S. 105, zit. n. Schroeder, 2003, S. 114; vgl. auch Hellmann, 1998; Leggewie, 1994; Willems, 1996). Eine lesenswerte Zusammenfassung der sozialund politikwissenschaftlichen Ansätze, mit denen der Rechtsextremismus als soziale Bewegung charakterisiert werden kann, findet sich bei Rucht (1995) und Koopmans (1995). Rucht definiert soziale Bewegungen folgendermaßen:

„Soziale Bewegungen sind ein besonderer Typus von Kollektiven, nämlich auf gewisse Dauer gestellte Netzwerke von Gruppen und Organisationen, die sozialen Wandel mit Mitteln des Protests herbeiführen, verhindern oder rückgängig machen wollen. Die Gemeinsamkeit dieser Zielsetzung ist für kollektive Identität nicht hinreichend. Armeen und Friedensbewegungen mögen gleichermaßen an der Verhütung von Kriegen interessiert sein, aber sie bilden deshalb kein übergreifendes Kollektiv. Erst wer sich einer Bewegung als einem sozialen Zusammenhang, charakterisiert durch bestimmte Träger sowie bestimmte Handlungsund namentlich Protestformen, zurechnet und dies möglichst praktisch bezeugt, teilt somit die kollektive Identität der Bewegung“ (Rucht, 1995, S. 11).

In diesem Sinne lassen sich soziale Bewegungen auch als soziale Milieus (Hellmann, 1995, S. 73) oder als Deutegemeinschaften (Frindte, 1998; S. 84ff.) verstehen. Deutegemeinschaften sind jene sozialen Gemeinschaften von Menschen, die die Welt in interindividuell ähnlicher Weise beobachten, beurteilen und darüber kommunizieren. Deutegemeinschaften erzeugen normativen Druck auf jene, die sich den jeweiligen Gemeinschaften zugehörig fühlen und sich mit den Bedeutungsräumen identifizieren. Nicht Fakten, sondern dieses Zugehörigkeitsgefühl und die entsprechende Identifikation erzeugen einen normativen Zwang, Geschehnisse so zu beobachten und zu beurteilen, wie es die vermeintlichen prototypischen Mitglieder der Gemeinschaft tun oder tun könnten. Deutegemeinschaften sind in diesem Sinne Meinungsmacher, Mythenmacher, Allmachtsvertreter. Sie erheben den Anspruch, mit normativer Kraft die Welt zu interpretieren und zu verändern. In diesem Sinne versuchen Deutegemeinschaften konkurrierende Deutungen von Welt zu unterdrücken und/oder aus dem gesamtgesellschaftlichen und globalen Diskurs zu vertreiben, um an deren Stelle ihre eigenen Weltund Lebensbegründungen zu etablieren. In gewissem Sinne lassen sich Deutegemeinschaften mit dem Gruppenkonstrukt vergleichen, das in der Theorie der sozialen Identität (SIT) von Henri Tajfel, John C. Turner und anderen genutzt wird (Tajfel & Turner, 1986; weitere verwandte Ansätze sind die Self-Categorization Theory, Turner, Hogg, Oakes, Reicher & Wetherell, 1987; das Social Identity Model of Deindividuation Phenomena, Reicher, Spears & Postmes, 1995). Auf diese sozialpsychologische Betrachtung sozialer Bewegungen haben Simon (1995) und Zick und Wagner (1995) aufmerksam gemacht. Simon weist in diesem Sinne darauf hin:

„Aus sozialpsychologischer Perspektive setzt sich eine soziale Bewegung aus Personen zusammen, die sich nicht als Individuen, sondern als Vertreter einer sozialen Kategorie bzw. Gruppe verstehen, und die gemeinschaftlich einen sozialen Wandel herbeiführen wollen. Selbst-Interpretation als Gruppenmitglied (d. h. Priorisierung des kollektiven Selbst gegenüber dem individuellen Selbst) wird damit zur entscheidenden sozialpsychologischen Grundlage sozialer Bewegungen“ (Simon, 1995, S. 53).

Allerdings betont Ruud Koopmans auch die zum damaligen Zeitpunkt (1995) noch vorhandenen empirischen Defizite der Bewegungsforschung in der Analyse des Rechtsextremismus:

„Eine … Herausforderung für die Bewegungsforschung ist die Welle von Gewalt gegen Ausländer und Asylanten, die Deutschland seit ein paar Jahren überschwemmt. Zwar hat dieses Phänomen eine Reihe von sozialwissenschaftlichen Arbeiten ausgelöst, aber ich kenne keine Studie, die systematisch mit einer bewegungstheoretischen Perspektive arbeitet“ (Koopmans, 1995, S. 96).

C Mikro-soziale und individuelle Bedingungen

Täteranalysen

In ihrer vielfach zitierten Analyse fremdenfeindlicher Gewalttäter zeigen Willems et al. (1993), dass fremdenfeindliche Straftaten in neun von zehn Fällen als Gruppentat verübt werden. Dabei spielen subkulturelle Skinheadgruppen wie auch unterschiedliche Freundesund Freizeitcliquen die dominierende Rolle. Die Autoren verweisen auch darauf, dass „politische Vorstellungen, Motive und Strategien“ von geringerem Einfluss sind als „ausgeprägte fremdenfeindliche Feindbilder und Vorurteile. [...] Daneben gibt es jedoch auch jene Skins, die sich über die eigene fremdenfeindliche und rechtsorientierte Gruppe hinaus auch für rechtsextremistische Parteien und Ideologien interessieren und hier auch aktiv werden“ (Willems et al., 1993, S. 175). In diesem Zusammenhang identifizieren die Autoren fünf zentrale Motive für rechtsextreme Gewalttaten: a) Action-Motive im Sinne expressiv-hedonistischer Gewalt, b) Geltung in der Gruppe, c) fremdenfeindliche Gewalt als Resultat allgemeiner Frustration und Orientierungslosigkeit, d) Ausländerund Fremdenfeindlichkeit und e) politisch-rechtsradikale Motivation. Die im Rahmen dieser Analyse ebenfalls durchgeführte Tatverdächtigenstudie erbrachte überdies keinen Hinweis darauf, dass Diskontinuitäten formaler Familienstrukturen der Herkunftsfamilie (Eltern geschieden, getrennt lebend, wiederverheiratet, Eltern(teile) verstorben) als Einflussfaktor auf fremdenfeindliche Straftaten angesehen werden müssen. Für die Straftäter (Gerichtsaktenanalyse) beschrieben die Autoren drei Konstellationen, die gehäuft auftraten: a) intakte Familienverhältnisse ohne Auffälligkeiten, b) formal intakte, unauffällige Familien mit starken Konflikten zwischen Eltern und Jugendlichem, oft im Zusammenhang mit nicht erfüllten Leistungserwartungen der Eltern und c) „zerrüttete Familienverhältnisse“. Da keine dieser Konstellationen besonders hervorgehoben wurde, ergibt sich somit ein Abbild der verschiedenen familiären Varianten, wie sie auch in der „Normalbevölkerung“ auftreten, ohne dass die Kinder fremdenfeindliche Straftäter werden.

Dem widersprechen Heitmeyer und Möller (1995). In ihrer Analyse von Gewalttätern mit fremdenfeindlicher bzw. rechtsextremistischer Motivation sprechen sie von einem signifikanten Unterschied im Vergleich zur übrigen Bevölkerung (Heitmeyer & Möller, 1995, S. 43), und dies allein bereits für Merkmale der formalen Familienstruktur. In der vertiefenden Interviewstudie mit rechtsextremen Gewalttätern stellen sie fest, dass mehr als die Hälfte der befragten jungen Menschen (25 von 45) aus so genannten ‚broken-home'-Verhältnissen stammen (Heitmeyer

& Möller, 1995, S.125).

Autoritarismus als individuelle Disposition für rechtsextreme Orientierungen

In mehreren Untersuchungen wird bei der Erklärung rechtsextremistischer Dispositionen Jugendlicher in den 1990er Jahren auch auf ein revidiertes Autoritarismuskonzept [8] rekurriert. Man könnte fast behaupten, der „Autoritarismus“ entwickelte sich in den 1990er Jahren zu einem der beliebtesten Konzepte der Rechtsextremismusforschung; operationalisiert als Facette des Rechtsextremismus oder als unabhängige Variable zur Erklärung rechtsextremer Orientierungen. Das Revival des Autoritarismuskonzepts hängt natürlich auch mit der fälschlichen Annahme zusammen, vor allem der ostdeutsche Rechtsextremismus ließe sich durch die nachweisbaren Zusammenhänge zwischen rechtsextremen Einstellungen und autoritären Überzeugungen auf den nachhaltigen Einfluss der gesellschaftlichen Strukturen aus DDR-Zeiten zurückführen (siehe auch den Beitrag von Quent in diesem Band). Spätestens seit den fremdenfeindlichen Gewaltaktionen zu Beginn der 1990er Jahre in Deutschland ist dieses Erklärungskonzept dann auch wieder in den Blickpunkt der deutschen massenmedialen und sozialwissenschaftlichen Diskurse gerückt. Das zeitliche Zusammenfallen der Wende in der DDR mit dem Aufflammen fremdenfeindlicher Gewalt wurde vor allem in außerwissenschaftlichen Kreisen kausal interpretiert: Diesem Erklärungsmuster zufolge sei das autoritäre politische System der DDR der Nährboden für die Ausbildung autoritärer Persönlichkeiten und für rechtsextreme Tendenzen (so z. B. Maaz, 1990, 1993; Pfeiffer, 1999). Stellmacher, Petzel und Sommer (2002) haben insgesamt 19 empirische Studien ausfindig gemacht, in denen in den 1990er Jahren autoritäre Überzeugungen in Ostund Westdeutschland verglichen wurden. In 13 der 19

Persönlichkeit“ (Adorno et al., 1950). Die empirischen Replikationsversuche sind mittlerweile – ebenso wie die kritischen Auseinandersetzungen mit der Theory of Authoritarian Personality (TAP) – kaum noch zu überschauen (zusammenfassend Altemeyer, 1996; Oesterreich, 1996, 2005a; Stone, Lederer & Christie, 1993). Ein innovativer Schritt in der Autoritaritarismusforschung gelang erst in den 1980er Jahren. Die Veröffentlichung von Bob Altemeyers erstem Buch „Right-wing Authoritarianism“ (1981) gilt dabei als Zäsur und Beginn der modernen Autoritarismusforschung. Altemeyer stützt sich in seiner sparsamen theoretischen Konzeption auf lerntheoretische Erklärungen zur Entstehung von Autoritarismus (Bandura, 1979). Sein größerer Verdienst liegt aber vor allem in der einfacheren Operationalisierung autoritärer Überzeugungen: Altemeyer reduzierte auf der Basis einer Vielzahl zweifellos konkurrenzloser Experimente und Fragebogenstudien das ursprüngliche Konzept der TAP mit seinen neun Dimensionen auf drei Subdimensionen: Konventionalismus (ein hoher Grad des Festhaltens an sozialen Konventionen, die als von der Gesellschaft und den etablierten Autoritäten geteilt wahrgenommen werden), autoritäre Unterwürfigkeit (ein hohes Maß an Unterordnung unter Autoritäten, die als rechtmäßig in der Gesellschaft wahrgenommen werden) und autoritäre Aggression (gegen Personen oder Gruppen gerichtete allgemeine Aggressivität, die als von den etablierten Autoritäten sanktioniert wahrgenommen werden). Right-Wing-Authoritarianism ist nach Altemeyer eine Persönlichkeitseigenschaft bzw. eine individuelle Differenzvariable, nach der Menschen sich mehr oder weniger Autoritäten unterwerfen, gegen Außenseiter vorgehen und sich beständig konventionellen Normen anpassen (Altemeyer, 1996, S. 8).

Studien wurden Unterschiede gefunden; allerdings waren in sieben Studien nur Unterschiede bezüglich einzelner Items oder einzelner Subskalen erkennbar. Zwei weitere Studien, in denen generelle Unterschiede berichtet werden, fanden zwar signifikante, aber nur relativ geringe Differenzen. In den drei verbleibenden Studien werden zwar relativ große Unterschiede zwischen Ostund Westdeutschen berichtet (Dalbert, 1993; Schoebel, 1997; Lederer, 2000). Die Untersuchungen stützten sich aber entweder auf relativ kleine Stichproben (Dalbert, 1993) oder auf eine nur geringe Anzahl von Items (Schoebel, 1997). Und auch Gerda Lederers (2000) Befunde sind mit Vorsicht zu genießen, da die Daten mit einem Jahr Verzögerung zwischen Ost und West erhoben wurden. Stellmacher, Petzel und Sommer (2002, S. 99) konstatieren deshalb, dass eine generell unterschiedliche Autoritarismusneigung zwischen ostund westdeutschen Personen nur selten festgestellt wurde.

Unabhängig von vermeintlichen oder tatsächlichen Ost-West-Unterschieden in den autoritären Überzeugungen dürfte das Autoritarismuskonzept durchaus einen hohen Erklärungswert besitzen. Seipel et al. (1995) zeigen z. B. mittels Strukturgleichungsmodellierung (N = 200), dass Gefühle starker politischer Machtlosigkeit gepaart mit ausgeprägtem Autoritarismus die Bereitschaft erhöhen, rechtspopulistische Parteien zu wählen. Funke et al. (1999) belegen den engen Zusammenhang zwischen den Facetten einer Ideologie der Ungleichwertigkeit (im Sinne der von Heitmeyer und Kollegen vorgelegten Rechtsextremismus-Definition, s. o.) und autoritären Einstellungen. Auch Hopf (1993) kann auf der Grundlage qualitativer Interviews nachweisen, dass es deutliche Zusammenhänge zwischen autoritären Dispositionen und rechtsextremen Orientierungen zu geben scheint.

2.1.5 Zwischenfazit

Die vor mehr als zehn Jahren von Friedhelm Neidhardt in einer Sammelrezension einschlägiger wissenschaftlicher Beiträge zum Forschungsfeld Rechtsextremismus (u. a. Boehnke, Fuß & Hagan, 2002; Funke, 2002; Neumann, 2001; Neumann & Frindte, 2002; Wahl, 2002; Würtz, 2000) getroffenen Feststellungen dürften den damaligen Status des Forschungsfeldes Rechtsextremismus für den Zeitraum von 1990 bis 1999/2000 auch insgesamt gut beschreiben. In seinem Fazit stellt Neidhardt (2002) u. a. fest, a) die von Heitmeyer (1992) vorgelegte Definition von Rechtsextremismus bestimme in beachtlichen Teilen die konzeptionelle Ausrichtung des Forschungsfeldes (Neidhardt, 2002, S. 781), biete aber b) einen Ausgangspunkt, um auch nach den „individuellen Bedingungen von Rechtsextremismus“ (Neidhardt, 2002, S. 783) zu fahnden; c) trotzdem existiere im Forschungsfeld Rechtsextremismus ein „Defizit an Theorie“ und ein „narrativer Überschuss mit gelegentlichen Ansätzen zu Ad-hoc-Theoretisierungen“ (Neidhardt, 2002, S. 782); d) eine sehr große Praxisnähe vieler Beiträge fördere „die Tendenz zu subjektiven Befangenheiten, die sich leicht in eine kollektive Befangenheit methodischer und theoretischer Borniertheit“ (Neidhardt, 2002, S. 782) umsetze; e) die „auffälligste Forschungslücke“ (Neidhardt, 2002, S. 783) verbinde sich mit der Frage, „wann wird Fremdenfeindlichkeit gewalttätig – und wann werden die vorhandenen Gewaltpotenziale fremdenfeindlich?“ (Neidhardt, 2002, S. 783); f) auch hinsichtlich der sozialen Kontexte (familiäre, schulische und mediale Einflüsse), in denen Rechtsextremismus entstehe und gefördert werde, sei die Forschung unbestimmt (Neidhardt, 2002, S. 783f.); außerdem bestehe g) eine „extreme Deutschlastigkeit des Forschungsfeldes“ (Neidhardt, 2002, S. 782)12; und h) eine theoretische Fundierung des Forschungsfeldes Rechtsextremismus scheine „am ehesten in den sozialpsychologischen Beiträgen vorhanden“ (Neidhardt, 2002, S. 782).

Versucht man dennoch aus den durchaus vielfältigen empirischen Befunden ein Erklärungsmuster abzuleiten, so ließe sich wohl formulieren: Die in den meisten sozialwissenschaftlichen und psychologischen Studien zwischen 1990 und 2000 aufgezeigten Befunde lassen einen komplexen Zusammenhang zwischen rechtsextremen Tendenzen, wahrgenommener individueller und sozialer Bedrohung (z. B. in Folge von gesellschaftlichen und ökonomischen Umbrüchen und Modernisierungsprozessen), Orientierungslosigkeit, Desintegration und autoritären Überzeugungen auf der Seite der rechtsextremen Akteure und Mitläufer vermuten.

  • [1] Der Begriff Beschaffenheit wird hier in Anlehnung an Hegel benutzt: „Aber ferner gehört die Beschaffenheit zu dem, was das Etwas an sich ist“ (Hegel, 1986, S. 134).
  • [2] Eine solche Gliederung – angelehnt an Bronfenbrenner (1979) – ist im Umgang mit den verschiedenen Konzeptionen zur Erklärung des Rechtsextremismus nicht unüblich (siehe z. B. Birzer, 1996; Frindte, 1999; Grumke, 2001; Zick, 2004).
  • [3] Mit „unscharf“ ist hier zunächst, im Sinne von Frege (1998, S. 70; zit. n. Seising, 2011, S. 150) die Abwesenheit einer „vollständigen und endgültigen“ Definition gemeint. Fraglich ist allerdings, ob eine solche endgültige Definition generell möglich und im speziellen Falle des Rechtsextremismus auch nötig ist.
  • [4] Beta-Werte sind standardisierte Regressionskoeffizienten, die Werte von +1,0 bis –1,0 einnehmen können und den Zusammenhang zwischen unabhängigen und abhängigen Variablen wiedergeben.
  • [5] Ähnliche Prozesse werden auch in der Theorie der sozialen Dominanz (Sidanius & Pratto, 1999) beschrieben, auf die später noch eingegangen wird.
  • [6] Der Begriff der reflexiven Moderne ist eng mit den Arbeiten von Ulrich Beck und Anthony Giddens verknüpft, die damit den Übergang von einer ersten Moderne zu einer zweiten Moderne zu beschreiben versuchen (vgl. Beck, Giddens & Lash, 1996).
  • [7] Selbstverständlich könnten Geschlechterunterschiede als Sozialisationseinflüsse auch unter der nachfolgenden Rubrik „Meso-soziale Bedingungen“ abgehandelt werden.
  • [8] In seiner Arbeit „The Fortieth Anniversary of ‚The Authoritarian Personality'“ verweist Jos Meloen (1991) auf nachhaltige Resonanz des Konzepts der “autoritären
 
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